Hochrhein (Archivversion) Rh-ein Fall für Zwei

Stefan und Joseph geh`n auf Tour. Joseph ist zwölf, und Stefan ist sein Dad. Aber nur manchmal, an langen Wochenenden, wie jetzt zwischen Basel und Bodensee, sind sie ein Team.

Ganz schön aufgeregt bin ich, obwohl es nicht die erste Motorradtour ist, auf die mich Stefan mitnimmt. Wohl aber die erste größere. Gemeinsam wollen wir den Hochrhein zwischen Basel und dem Bodensee erkunden. Früh morgens holt mich Stefan mit seiner Guzzi bei meiner Muttter in Freiburg ab, und wir fahren auf der Landstraße nach Basel.Stefan fährt Motorrad, seit ich ihn kenne, also seit zwölf Jahren. Beim Fahren versuche ich an seinem breiten Lederrücken vorbeizupeilen, wie schnell wir denn unterwegs sind. Naja, mit ungefährt achtzig Sachen. Nicht gerade der Brüller. Aber Stefan hat wohl Angst, ich falle hinten runter. Dabei sitzt man auf der fetten California wie auf einem Sofa. Total weich, und ´runterfallen tut bei der Schneckerei ja nun echt niemand. Wenn bloß die ausgeborgte Motorradhose nicht so jucken würde.Anfangs versuche ich, mich an Stefans Lederjacke festzuhalten, aber die ist ganz schön rutschig. Und um seinen Bauch komme ich immer noch nicht rum. Irgendwann muß ich loslassen, weil ein Handschuh verrutscht. Dabei merke ich dann, daß es an den Koffergriffen eigentlich viel besser geht. Als wir in Schliengen eine kurze Pause einlegen, ziehe ich eine Jeans unter die Motorradhose. Damit ist das Problem mit der Kratzerei gelöst. Aber dafür kribbelt jetzt die ebenfalls geliehene Motorradjacke am Hals. Gott sei Dank hat Stefan noch ein Halstuch dabei, das er mir unter den Kragen stopft. Irgendwie macht das Ganze noch nicht so richtig Spaß, denn es gießt wie aus Eimern. Stefan meint, das wäre eben beim Motorradfahren manchmal so und scheint ziemlich froh, daß die geliehenen Klamotten alle wasserdicht sind. In Basel kommt endlich die Sonne raus, und wir müssen erst einmal Geld wechseln, das hatten wir an der Grenze vergessen. Also schauen wir nach dem nächsten Bankomat, um ein paar Franken abzuheben. Aber der Geldautomat spuckte nur das Kreditkärtchen wieder aus, keine Scheine. Es klappte erst beim übernächsten Automaten. (Die Bemerkungen, die mein Papa über die Schweizer und ihre Banken losgelassen hat, darf ich nicht aufschreiben.)Die Guzzi parken wir am Rheinufer und latschen ewig weit durch die Altstadt. Wofür hat Stefan eigentlich das Motorrad? Er meint, dann würde man von der Stadt nichts mitkriegen und zeigt mir das Münster und das Rathaus, das die Basler rot und golden angestrichen haben. Wahnsinnig interessant! Endlich steuern wir auf eine Kneipe namens »Château lapin« an, was soviel heißt wie: »Hasenburg«. Papa ist es ausnahmsweise nicht nach Bier, und wir setzen uns ein paar Schritte weiter ins Café »Zum Roten Engel«, mehr so ein alternativer Laden. Aber der Früchtequark, den sie haben, schmeckt lecker. Wir bummeln zum Rhein zurück und setzen mit der Fähre »Leu« von Großbasel nach Kleinbasel über. Klingt witzig.Stefan meint immer, die Schweizer wären so langsam, wobei er das Wort »langsam« ganz komisch gedehnt ausspricht. Tatsächlich aber habe ich in Basel schon mal ein Rennen gesehen, und zwar – ob ihr es glaubt oder nicht – auf Gondeln mitten im Rhein. Die Gondel sehen zwar nicht so aus wie die in Venedig, sondern sind mehr so lange, flache Kähne. Aber die Aufgaben waren echt kniffelig. Die Typen im Boot müssen mit langen Stangen den Hochrhein flußaufwärts staken. Mit einem Ruder, das sie während der Fahrt umstecken, geht es um einen Brückenpfeiler herum. Danach flußabwärts durch einen mit Bojen abgesteckten Slalom mitten im Strom, und schließlich wenden sie, um sich wieder flußaufwärts zu stemmen Richtung Start und Ziel.Unser nächstes Ziel ist die alte Römerstadt »Augusta Raurica«. Stefan meint, das müsse ich unbedingt gesehen haben. Wir fahren auf der Schweizer Rheinseite nach Kaiseraugst zu den Ausgrabungen. Doch aus der Besichtigung wird nichts, weil ... Ja, richtig, es fängt wieder an zu regnen, und zwar heftig und eine Stunde lang! Wir stellen uns unter, und Stefan erzählt mir von den Römer am Oberrhein: Damals, so vor 200 Jahren, war der Rhein die Grenze zwischen den zivilisierten Römern und den germanischen Barbaren. Hier am Hochrhein hatten die Römer um 44 vor Christus eine große Stadt gegründet. Das Theater bot Platz für 8000 Personen und war damit das größte nördlich der Alpen. Selbst durch die graue Regenwand sehen die Ruinen ganz schön riesig aus. Vielleicht wollten die Germanen auch mal ins Theater, jedenfalls kamen sie und machten die Stadt zu Kleinholz. So ist es bis heute geblieben. Zumindest sieht es genau so aus. Als es endlich aufhört zu regnen, fahren wir weiter nach Rheinfelden. Jetzt, ohne diese eklige Nässe, ist es total klasse hinten auf der Guzzi. Stefan gibt auch endlich ein bißchen mehr Stoff und wir überholen sogar ein anderes Motorrad. Cool! Doch gleich darauf hat mein Vater es wieder mit irgendwelchen römischen Ruinen. Hier sind sie nun echt langweilig. Ich finde das Wasserkraftwerk in Rheinfelden viel spannender. Es muß kurz nach der Römerzeit erbaut worden sein, so alt sieht es aus. Stefan fährt ein Stück in den Schwarzwald, der hier Hotzenwald heißt, und es geht gleich ordentlich die Berge hinauf. Die Straße verläuft hier in richtig engen Kurven. Zuerst ist es ein komisches Gefühl, als das Motorrad so schräg liegt, und ich habe ein bißchen Angst und klammere mich an den Koffergriffen ganz fest. Nach ´ner Weile kapiere ich, daß man schräg genauso locker sitzen kann wie auf gerader Strecke. Ich muß nur an Stefan vorbei auf die Straße gucken, um zu sehen, wann eine Kurve kommt, und ob sie nach rechts führt oder nach links. Dann macht es total Spaß, und ich kriege ein richtig kribbeliges Gefühl. Beim Bremsen bergab muß ich mich ordenlich an den Koffern festhalten, um nicht auf Stefans Rücken zu rutschen. Beim Beschleuningen drücke ich mich einfach an die Gepäckrolle hinter mir. Bald geht es ganz automatisch. Es riecht toll nach Wald und ist viel kühler als unten am Rhein. Stefan ist langsam generv, weil wir kein Zimmer finden. »Entweder es gibt keins oder es ist belegt«, brummt er, als er zum dritten Mal angehalten und gefragt hat. Ich finde das gar nicht so schlimm, denn dann können wir ja vielleicht zelten. Daddy hat zwar nicht so richtig Bock drauf, glaube ich, aber die Campingsachen haben wir extra noch eingepackt. Als wir eine tolle Bergwiese entdecken, fragt Stefan schließlich einen Bauern, ob wir unser Zelt für eine Nacht dort aufbauen dürfen. Super, der Typ hat nix dagegen. Wir laden gleich ab, schütten die ganzen Stangen, Seile und Zeltplanen auf die Wiese und probieren aus, wie alles zusammengehört. Ein Iglu-Zelt, klasse. Während Stefan später eine Suppe auf einem kleinen Kocher wärmt und langsam wieder gute Laune kriegt, rolle ich Iso-Matten und Schlafsäcke im Zelt aus und verstaue unseren ganzen Kram. Total gemütlich ist es da drin. Probeweise krieche ich schon mal in meinen Schlafsack. Als wir den Topf leergelöffelt haben, bin ich so müde, daß ich gerade noch eine warme Jogginghose überziehen kann und sofort einpenne. Nachts wache ich von einem komischen Geräusch auf, es raschelt in der Nähe, aber Stefan liegt ja direkt neben mir.Am nächsten Morgen ist die Wiese und das Zelt klitschnaß von Tau und Morgennebel. Stefan fährt ins nächste Dort und kauft Baguette, Käse und Tomaten zum Frühstück ein. Da wir kein richtiges Geschirr dabei haben, säbelt er alles mit seinem Taschenmesser zurecht, und wir frühstücken auf dem Motorradsattel. Dann fahren runter ins Tal nach Bad Säckingen. Stefan zeigt mir die überdachte Holzbrücke, die Trompetenschmiede und das Haus von einem Dichter namens Joseph Viktor von Scheffel. Die überdachte Brücke führt direkt über den Rhein in die Schweiz, aber man kann nicht mit dem Motorrad rüber fahren. Nicht etwa, weil die Zöllner uns nicht ließen, sondern weil die Brücke für den Straßenverkehr zu alt ist. Sie wurde vor gut 400 Jahren gebaut und darf nur noch von Fußgängern und Fahrradfahrern benutzt werden. In dem Haus, wo dieser Victor Scheffel wohnte, ist heute ein Museum, in dem lauter schrille Masken ausgestellt sind. Vielleicht für Fastnacht, die hier unten ganz wild gefeiert wird, wie Papa mal erzählt hat.Wir fahren weiter nach Laufenburg. Komischerweise gibt es ein deutsches und ein schweizerisches Laugenburg. Wir waren jedenfalls in beiden. In Waldshut, das liegt nun wieder in Deutschland und direkt hinter einem Schweizer Atommeiler, habe ich Hunger und wir halten bei einer Pizzeria an. Ich glaube, hier gibt es die beste Pizza der Welt. Na gut, Stefan meint, die zweitbeste. Dann wollen wir nach Kaiserstuhl, wozu wieder der Rhein überquert werden muß. Die meisten Rheinbrücken werden entweder von Zollbeamten oder vom Heiligen Nepomuk bewacht, manchmal auch von beiden. Eigentlich heißt er Johannes von Nepomuk und gilt als Brückenheiliger, weil er als Märtyrer von einer Brücke in den Fluß gestoßen wurde und ertrank. (Manchmal wundere ich mich, wo Papa all diese Geschichten herhat.) Jedenfalls befindet sich ein Statue des Nepomuks auch in dem schönen alten Stadtturm von Kaiserstuhl, den man umsonst besichtigen kann. Innen steht außerdem eine Holzsäule aus dem 11. Jahrhundert, die durch den ganzen Turm reicht. Vom Erdgeschoß, wo der Haupteingang ist, bis zur Spitze. Im 3. Stockwerk kann man ganz toll auf den Rhein und das Dorf runtergucken, und ganz oben, in der Turmspitze, dreht sich ein Laufrad, wie in einem Hamsterkäfig, aber so groß, daß Menschen ´reinpassen.Damit wurden bei Belagerungen Waffen und Essen hinaufgezogen, wie der Turmwärter erzählt.Von Kaiserstuhl tuckern wir nach Rheinau, wo ebenfalls eine überdachte Brücke den Fluß überquert. Diesmal können wir drüber fahren, und gelangen so zurück nach Deutschland. Manchmal weiß ich gar nicht mehr, ob wir nun gerade in der Schweiz sind oder in Deutschland. Nur Stefan sagt ab und zu, daß wir uns da oder dort befinden. Ist der Rhein Grenze, stehen immer ein paar Zollbeamte an den Brücken. Gelegentlich steht auch nur ein Schild da: »Achtung hier Schweiz« oder: »Hier wieder Deutschland« oder so. Dann schauen wir uns in Schaffhausen den Rheinfall an. Es ist der größte Wasserfall, den ich je echt vor meinen Augen gesehen habe, also nicht in der Glotze oder auf einem Bild. Seit 15 000 Jahren stürzt sich der Rhein hier auf einer Breite von 150 Metern in die Tiefe. Genaugenommen 23 Meter weit, wie an einer Tafel steht. Mitten im Wasserfall ragen zwei steile Felsen auf, zu denen man per Fähre übersetzen und hinaufklettern kann. Spitze! Stefan will aber nicht, sagt, es wäre zu umständlich. Dafür kraxeln wir beim Schloß Laufen durch einen Höhlengang runter zum Fuß des Wasserfalls. Wir stehen direkt vor dem tosenden Strom und lassen uns das Wasser ins Gesicht spritzen.Direkt am Ufer entdecken wir einen kleinen Zeltplatz, der eigentlich nur für Bootsfahrer gedacht ist. Doch der Platzwart läßt uns trotzdem drauf. Wir machen sogar ein Lagerfeuer und kochen Erbsensuppe. Prima schwimmen könne man hier, erzählen die anderen Gäste. Zwar habe der Rhein ordentlich Strömung, aber er sei ziemlich flach und man könne fast überall stehen. Im August werden in verschiedenen Orten sogar richtige Wettschwimmen über mehrere Kilometer ausgetragen. Stefan und ich wollen es am nächsten Morgen auch probieren. Als wir dann aber auf das trübe Wasser mit seinen Schaumwirbeln blicken, sieht es so lausig kalt aus, daß wir es dann doch lieber sein lassen.Leider ist schon Sonntag und Stefan meint, wir müßten uns allmählich auf den Heimweg machen. Schade. Nachdem wir aufgeladen haben, geht es in Richtung Schwarzwald. Jetzt, wo ich schon ein erfahrener Tourenfahrer bin, hat mir Stefan versprochen, auch mal ein bißchen Gas zu geben. (Endlich!)

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote