H.O.G.-Treffen in St. Tropez (Archivversion) La Boum – die Fete

Über 10000 Harley-Fahrer aus der ganzen Welt kamen im Mai in den Golf von St. Tropez und feierten die elfte europäische Rallye der Harley Owners Group.

Madame ist empört. Hat sich ihren kleinen Hund unter den Arm geklemmt, um ein bisschen am Hafen entlangzustöckeln. Dort aber, wo sie sonst ihren Champagner goutiert, laufen jetzt überall diese bärtigen Wesen herum. Rocker! Sie haben keine Frisur, sondern lange Haare, tragen keine feinen Stoffe, sondern ranzige Lederklamotten. Sie pflegen keine Konversation, sondern grölen sich an. Unter Schmuck verstehen sie Tätowierungen, und einen infernalisch lauten Krach nennen sie »Musik«. Madame ist empört.Tatsächlich sehen manche der Gestalten, die bei der H.O.G.-Rallye im Golf von St. Tropez zusammen gekommen sind, nicht eben aus wie Chorknaben. Allerdings dürfte ein Großteil von ihnen weit weniger gefährlich sein als der Hund von Madame. Denn die vermeintlichen Outlaws verpassen ihren Mitmenschen mittlerweile eher Jackett-Kronen als eine aufs Maul. Die anderen, für die Easy Rider noch mehr bedeutet als ein cineastisches Souvenir, üben sich vielleicht nicht so erfolgreich im Geld verdienen, sehr wohl aber in Toleranz. So verstehen sich alle ganz prima, auch wenn keiner den anderen versteht.Nicht weniger bunt als die Gesellschaft ist das Programm des viertägigen Spektakels. Auf einem riesigen Campingplatz direkt am Meer finden Stunt- und Fashion-Shows statt, der Nachwuchs wird mittags in einem Kindergarten betreut, während die Eltern auf einer geführten Ausfahrt durch die Umgebung unterwegs sind. In Grimaud gibt´s samstags kleine Pokale für große Mühen: Die schönsten Umbauten werden prämiert.Abends Strandfest, Feuerwerk und Musik. Die Rolling Stones. Nur eine Coverband, aber wen kümmert’s? Der Sänger hampelt über die Bühne, als hätte er keine Knochen im Leib, fuchtelt mit dem Mikro und schreit dem Publikum einen Hit nach dem anderen entgegen. Wer bei Jumping Jack nicht den Flash kriegt, ist selbst schuld. Man tanzt in Turnschuhen, Badelatschen oder Boots im Sand, ein paar Schotten kriegen auch unter ihren Quilts keine Hühnerhaut, und zwei Holländer bringen ihrer Aufblaspuppe Rock’n Roll bei. Angerempelt, Bier verschüttet, macht nichts. »Tschuldigung. Sorry. Pardon. Ich besorg’ ein Neues.« 0,4 Liter, 20 Francs, im Plastikbecher. Prost. Cheers. Santée. Im Festzelt nebenan Disco. Anderer Sound, gleiches Bild. Und? Nichts und. Um zwei spielt der DJ Lionel Richie und knipst das Licht an. Die schweren Jungs tappen brav zu ihren Camps, wo Freundin oder Angetraute schon den Schlafanzug raus gelegt haben. Psst, der Kleine schläft schon.Das Wetter spielt hervorragend mit. Es bleibt allerdings das Geheimnis der Sonne, ob sie mit oder über die Gestalten lacht, die sich ihr bei der H.O.G.-Rallye präsentieren. Gleich wie, sie strahlt um die Wette mit verspiegelten Sonnenbrillen, verchromtem Stahl und vielen freien Oberkörpern, auf denen sie sich bereits gestern verewigt hat. Mit einem Rot, das selbst Matisse nicht besser hinbekommen hätte. Einer der Roten hat noch nicht genug. Er kramt Gummipantoletten aus dem Koffer seiner E-Glide, klemmt sein Handy zwischen Badehose und Bauch und verschwindet zum Strand. Das ursprüngliche Vorhaben – ein Bier trinken – wird schnell verworfen und durch ein anderes ersetzt: am Strand ein Bier trinken.Am Hafen tummeln sich schon viele Biker-Brüder. Alle suchen einen Stellplatz für das polierte Herzallerliebste. Endlich: im Hintergrund eine Yacht, nach vorne ein voll besetztes Café. 50000 Mark dürfen sich lässig auf den Seitenständer lehnen. Als es ans Absteigen geht, verzieht der Reiter das Gesicht. Die Lederhose spannt so. Sie muss aber sein. Genau wie der Kopfschutz, der diesem Zweck möglichst wenig nahe zu kommen hat, und ein Gang, der aussieht wie wund geritten. So schlurfen die Helden in den Knien leicht federnd durch das Gewimmel von Flammenemblemen, Indianeraccessoires, Fahnen und Kuscheltieren. Mit Vorliebe am hinteren Kotflügel befestigt, werden Bärchen, Schweinchen und Häschen aus buntem Plüsch durch die Landschaft vibriert. Tausende Lederwesten verbreiten – immer noch – die Aphorismen derer, die die Welt aus einem 45-Grad-Winkel betrachten: Live to ride, ride to live. Born to be wild. Loud pipes save lifes. Aber sie gefährden politische Karrieren. Als der Bürgermeister von St. Tropez nämlich nach langem Hin und Her die H.O.G.-Rallye genehmigt hatte, blieben ihm bei der anstehenden Wahl gerade mal 48 Stimmen Vorsprung vor seinem Konkurrenten – Lärmschutz war Wahlkampfthema. Eine Harley aber macht ja gar keinen Lärm. Sie hat »Sound.« Der erreicht nicht selten dreistellige Phonstärke und damit auch die letzten Winkel der Umgebung. Das ergreifendste Konzert gibt es zu vorgerückter Stunde in der »Avenue du 11 Novembre«. Angeregt vom halbgaren Steak beim großen Barbecue hat sich eine Horde versammelt, die skandiert, als gelte es politische Häftlinge in Kirgisien freizupressen. In Wahrheit geht es jedoch um Burnouts und um etwas, was sie »les nichons« nennen. Les nichons sind Titten, nicht etwa Brüste, nein, Titten. Die Damen aber erweisen sich als solche und halten sich bedeckt. Während die Herrschaften am Gas unter dem Gejohle der Umstehenden Motorsubstanz und Reifengummi verorgeln. Man versteht sein eigenes Wort nicht mehr, es raucht und stinkt. Alle amüsieren sich prächtig.Zwei Italienern gefällt das so gut, dass sie gar nicht mehr aufhören möchten. Sie stehen später am Strand und machen Burnouts. A capella. Der mit dem größeren Hubraum schreit ständig määäääääääää. Der andere knallt Fehlzündungen dazwischen: boum, boum, boum. Weil zu einem richtigen Burnout auch Qualm gehört (und Titten), zieht der mit den Fehlzündungen irgendwann sein T-Shirt hoch und steckt sein Brusthaar in Brand. Es qualmt ordentlich, und auch die Titten sind beachtlich.Erst als an der Biertankstelle die Läden hoch geklappt werden, haben die beiden genug. Kein Sprit mehr, der Sound lässt schwer nach, und auch der Qualm wird weniger. Pavarotti ist heiser, sein Kumpel kahl auf der Brust. Aber das gibt sich wieder. Und bei der nächsten H.O.G.-Rallye im italienischen Jesolo kommt das Gebrüll bestimmt aus einem noch größeren Hubraum, die Haare sind wieder und die Titten weiter gewachsen. Määääääääää, boum, boum, boum.

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