Honda CBR 125: Extremtour Hamburg-Nordkap (Archivversion)

Nicht klug, ausgerechnet während der Harley Days mit drei 125ern durch Hamburg zu cruisen, während allerorts auf Hochglanz polierte Showbikes publikumswirksam über die Boulevards knattern. Ein Typ mit dicker Fat Boy und dickem Bierbauch blickt verächtlich zur Suzuki Intruder 125 mit deren Plastik-Seitenkoffern und der überaus peinlichen Tourenscheibe rüber.
An der Ampel kurbelt ein Lieferwagenfahrer die Scheibe runter und grient: »Hey Jungs, die Motorräder sind viel zu klein für euch, kommt kacke rüber!« Danke für den Tipp, schon bekannt.
Auf der Honda CBR 125 sitzt der Fahrer eingeengt zwischen 100-Liter-Gepäcksystem und Tankrucksack – sieht aus wie ein Berggorilla beim Mofaklau. Die MZ 125 SM wirkt eigentlich sehr erwachsen, aber mit drei Riesenpackrollen ähnelt die Supermoto eher einem Pizzataxi. Coolness-Faktor: unter null. Kein Wunder, dass auch in Dänemark und Norwegen entgegenkommende
Motorradfahrer nur zaghaft den Gruß erwidern.
Bei einem Tankstopp schlendert ein Typ mit Stiernacken auf die Mopeds zu. Schwede. Format Türsteher bei den Hell’s Angels. Zeigt auf die Trude und fragt unerwartet: »Nice bike, how many ccm?« Er soll raten. »It is a Marauder, 800«, tippt er. Als er die
richtige Antwort hört, reißt er die zugekniffenen Augen auf. Ob
die Cagiva dort ebenfalls eine 125er sei, will er wissen, als er
auf die Honda zeigt. Offenbar geht der in Skandinavien so be-
liebte Selbstgebrannte stark auf die Sehnerven. Als der Schwede schließlich aufgeklärt wird, dass die kleinen Honda, MZ und
Suzuki auf dem langen Weg zum nördlichen Ende Europas sind,
schüttelt er ungläubig den Kopf, reckt dann aber anerkennend den Daumen nach oben.
Ein neugieriger BMW-Fahrer erkundigt sich, ob diese Dinger da tatsächlich 125er wären. »Damit zum Nordkap? Ihr seid ja
verrückt«, erklärt er sichtlich beeindruckt, erinnert sich jedoch im gleichen Atemzug an eine viele Jahre zurückliegende Tour mit Zweitakt-MZ von Plauen nach Istanbul. War toll, allerdings auch sauanstrengend und schmerzhaft. Deshalb jetzt lieber GS mit Schaffell, sei auch angenehmer für seinen 13-jährigen Sohn, der als Sozius die langen Tagesetappen mit Gameboy überbrücke. Wer ist hier eigentlich verrückt?
Außerdem ist es gar nicht so abwegig, mit 125ern zum Nordkap zu fahren. Die Kleinen laden zum leichtfüßigen Boogie ein, egal, auf welchem Parkett. Straße nass, Straße holprig, was soll’s. Auf Breitreifen mit zu viel Dampf im Kessel wäre das ein arm-
seliger Eiertanz. Hahn auf, trotz massenhaft Radarkontrollen, denn nie ist man zu schnell, um in die Fallen hineinzutappen –
legaler Geschwindigkeitsrausch. Kurzum, diese Motorräder sind alles andere als kapriziöse Zicken, mit denen man sich so eine Tour schnell verderben könnte. Okay, die MZ verlangt schon nach
rund 3000 Kilometern nach einer neuen Kette, die schmalfüßige Honda nur wenig später nach neuem Schuhwerk, und die Suzuki
braucht morgens manchmal etwas Anschub, um ihre zwölf Pferde zu wecken. Kleine Probleme, lösbare Probleme.
Mit jedem Kilometer gen Norden entpuppen sich die Achtel-
liter-Zwerge mehr und mehr als verlässliche und anspruchs-
lose Partnerinnen: brauchen nur drei Liter auf hundert Kilometer, verzeihen, wenn mal die Kupplungshand ausrutscht. Es geht
weiter, immer weiter. Hinter dem Polarkreis steht eine Harley am Straßenrand, das Bordwerkzeug ausgebreitet. Der Fahrer wirkt irgendwie unglücklich. Doch die Maschine sieht echt klasse aus, muss man zugeben.

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