Hongkong (Archivversion) Noch 216 Stunden

Vieles wird sich in Hongkong verändern, wenn die englische Kronkolonie in neun Tagen am 30. Juni der Volksrepublik China übergeben wird. Grund genug für zwei Motoradfahrer, sich jetzt noch einmal in das Gewühl der Mega-Metropole zu stürzen.

»Dennis« stinkt zum Himmel. Das armdicke Auspuffrohr des Busses speit ohne Unterlaß schwarze Rußschwaden aus seinem Inneren. Flucht nach vorne unmöglich, Hongkongs Straßenzüge sind vollgestopft mit Dennis- oder Leyland-Doppeldeckerbussen britischer Herkunft. Die wenigen verbleibenden freien Lücken in der sich mühsam voranquälenden Armada des öffentlichen Personennahverkehrs füllen Autos, von denen auffallend viele sich mit dem Stern oder der »Emily«, die Rolls Royce-Kühlerfigur, schmücken. Motorradfahrer sehen Sabine und ich kaum.Einige Passanten schützen sich mit Papiermasken gegen die Abgase. Zuerst haben wir darüber noch gelacht. Aber nach einer Stunde auf dem Motorrad sehen wir mit den dicken schwarzen Rußringen um unsere Augen aus wie Bergarbeiter nach der Schicht. Der Motor Hongkong, aus dem Kantonesischen übersetzt »duftender Hafen«, läuft Tag und Nacht mit Vollgas. Ohne Rücksicht darauf, daß die bevorstehende Rückgabe an China am 30. Juni vielleicht auch Sand ins Getriebe schütten könnte.Der Mann mit der blauen Uniform und den goldenen Rangabzeichen kommt ziemlich ungelegen. Alle Beteuerungen, man sei doch Tourist und hätte es nicht besser gewußt, prallen ungehört an den versteinerten Gesichtszügen des Beamten ab. Schließlich kassiert er 300 Hongkong-Dollar, umgerechnet etwa 60 Mark von uns – für drei Minuten Parken auf dem Gehweg. Ein teures Pflaster. Langsam wird klar, weshalb kaum Motorräder unterwegs sind: Es gibt so gut wie keine Parkplätze in dieser Mega-Stadt - auch nicht für Zweiräder. Der Officer überreicht uns eine Quittung. Ein kostspieliges Souvenir mit exotisch anmutenden Schriftzeichen. Gleichzeitig aber auch ein Symbol dafür, daß es bei der Polizei Hongkongs mit rechten Dingen zugeht. Doch nach dem Einholen des Union Jack am 30. Juni dieses Jahres wird gut die Hälfte aller britischen Polizisten ihren Ruhestand antreten. Und die chinesischen Nachfolger besitzen nicht gerade den Ruf der Unbestechlichkeit.Mit dem Vertrauen der Bürger in die Führung Pekings ist es nicht weit her. Umfragen ergaben, daß zwei von fünf Hongkongern die Stadt am liebsten gleich verlassen würden, wenn sie nur das Geld dazu hätten. Für viele ist es nur ein schwacher Trost, daß Hongkong für die nächsten 50 Jahre eine »Sonderverwaltungsregion« bleibt: Die Grenze zum Riesenreich der Mitte bleibt weiterhin verschlossen. Denn das New York Ostasiens übt auf die meisten Chinesen noch immer eine so magische Anziehungskraft aus, daß die Öffnung der Grenze eine Völkerwanderung auslösen würde. Für Peking und Hongkong eine Horrorvision.Die Zeichen stehen so, als wolle Peking den Goldesel Hongkong – der immerhin 20 Prozent des chinesischen Bruttosozialprodukts erbringt – nicht schlachten. Allerdings müßten in naher Zukunft »chinesische Werte verstärkt berücksichtigt werden,« formulierte es der neu berufene Stadtoberste Tung Che-Hwa in einer Rede. Eine Kaugummi-Phrase, die aber besonders bei der Presse die Alarmglocken läuten ließ. Die Medien der Noch-Kolonie zensieren sich bereits zunehmend selbst und übernehmen von der Parteizentrale in Peking vorgekaute Formulierungen. Das große Gemetzel auf dem Tiananmen-Platz in Peking am 4. Juni 1989 wird schon jetzt in einer der größten Zeitungen Honkongs, der South China Morning Post, nurmehr als schlichtes »Vorkommnis« bezeichnet.»Geborgte Zeit – geborgter Grund«, zitiert unser Officer einen Satz aus dem Roman »Alle Herrlichkeit auf Erden« von Han Suyin. Ein passender Leitgedanke, dem sich jeder Hongkonger bewußt ist, seitdem 1984 die endgültige Rückgabe der Kronkolonie an Peking besiegelt wurde. Und als wolle er die wissenshungrigen Motorradfahrer nun loswerden, erklärt er unaufgefordert den Weg zum Peak, dem Hausberg hoch über dem »duftenden Hafen«. Den müsse jeder Tourist einfach besuchen. Es gibt nur ein Problem: Hongkongs Straßensystem hat für den europäischen Motorradfahrer dieselbe Logik wie ein chinesisches Schriftzeichen: undurchschaubar. Einbahnstraßen reihen sich aneinander wie Dominosteine, und wenn man sich einmal verfahren hat, taucht man unweigerlich immer tiefer in das Gewirr der Gassen ein. Aufeinmal befinden wir uns in der Welt des einfachen Hongkong, weit außer Sichtweite der Glitzerfassaden der Bankenpaläste. Die Zeitreise beginnt. Unser Streifzug durch den Hinterhof Hongkongs ist wie ein Blick in die Epoche, als im Hafen noch mit Opium beladene Dschunken anlandeten und britische Kanonenboote die Souveränität der Kronkolonie sicherten.Sie zappeln um ihr Leben. In großen Plastikbottichen japsen unzählige Fische vergeblich nach Sauerstoff, Langusten verkeilen sich hoffnungslos in Eimern, und Krebse kann man aus einem Stapel als »verschnürtes Überraschungspaket« kaufen. Beim Metzger glotzt ein abgetrennter Rinderkopf leer auf den blutverschmierten Boden. Völlig zerfledderte Hühner in einem viel zu engen Verschlag glucksen vergeblich um Gnade, und Enten, platt wie Pfannkuchen, baumeln wohlfeil an den Ständen. Grausame Marktromantik.Orientalische Gerüche stehen in den Gassen, durch die wir im Schrittempo bummeln. Mal sind sie würzig interessant, mal brennend scharf und dann wieder ekelerregend beißend. Ein Ratespiel für die Nase. Für die Augen sind frische Obst und Gemüse auf den Auslagen der Marktstände zum perfekten Augenschmaus arrangiert. Von allen Seiten dringt dazu chinesische Lautmalerei an die Ohren, die vergeblich versuchen, die Sprachfetzen zu einem verständlichen Wort zu komprimieren. Ein Wechselbad für die Sinne. In riesigen Woks brutzeln Heuschrecken im Ölbad und in großen Stahltöpfen brodelt Gemüsesuppe. Ein Imbiß in den Garküchen ist für uns ein Schnellkurs in fremder Eßkultur. Die Gebrauchsanleitung bekommt man im Glücksfall von einem mitfühlenden Tischnachbarn, denn es gehört nicht allzu viel Phantasie dazu sich vorzustellen, welch klägliche Darbietung »Langnasen«, wie Europäer genannt werden, beim Auslöffeln einer Nudelsuppe mit Stäbchen abgeben.Nach einer Weile haben wir die kurvenreiche Straße gefunden, die zum Aussichtspunkt auf dem Victoria-Peak führt. Je höher sich der Weg auf den Berg schlängelt, desto schicker werden die Häuser, größer die Terrassen und besser die Luft. Hongkongs feine Gesellschaft zieht es seit jeher vor, die Stadt von oben im Auge zu behalten. Ronny Yung Fat gehört zu den oberen Zehntausend. Er residiert hinter einer hohen, aber durchaus gepflegten Steinmauer, weit weg vom Trubel der Stadt. Als Geschäftsmann sieht er der nahen Zukunft mit Zuversicht entgegen. Und nur aus »persönlichen« Erwägungen heraus habe er sich schon vor längerer Zeit einen kanadischen Paß ausstellen lassen.Oben auf dem Peak liegt uns Hongkong-Island zu Füßen. Im Westen des Anwesens von Ronny Yung Fat versinkt die Sonne als Glutball im südchinesischen Meer und taucht die Landschaft in ein faszinierendes Spiel der Farben. Im rotglühenden Abendlicht erscheinen die Schemen der vorgelagerten Inseln wie mit Weichzeichner fotografiert.Östlich des Peaks breitet sich Hongkong aus. Eine Spielwiese der Architekten, Stadtplaner, Technokraten und Betonhersteller. Doch allem Fortschrittsglauben zum Trotz, nie wird die chinesische Tradition außer Acht gelassen. Beim Bau eines neuen Gebäudes wird deshalb immer ein hochdotierter »Fung-Shui-Experte« zu Rate gezogen. »Wind und Wasser«, eine alte Tradition, die versucht, die weiblichen (Yin) und männlichen (Yang) Naturkräfte in Einklang zu bringen. Deren spirituelle Regeln bestimmen Lage und Winkel der Gebäude, manchmal sogar die Position der Büromöbel.Genau im Zentrum der Stadt erhebt sich wie ein mahnender Finger das charakteristische und höchste Gebäude Hongkongs: die Bank of China. Im Laufe der Dämmerung versinkt es mit den anderen Wolkenkratzern in rosarotem Licht. Die Metropole ist nah, man kann sie fühlen, aber die Distanz vom Peak verleiht ihr Anonymität. Die Stadt erscheint wie eine Raumstation auf einem fremden Planeten.Gegenüber von Hongkong-Island entdecken wir die Halbinsel Kowloon mit den »New Territories«. Vor genau 99 Jahren pachteten die Briten dieses Land von China, das 90 Prozent der Gesamtfläche der Kolonie ausmacht. Ohne die Neuen Territorien wäre der »duftende Hafen« niemals lebensfähig. Die Besatzung der Raumstation weiß, daß sie nur mit der Unterstützung Chinas den nötigen Sauerstoff zum Überleben erhält. Es bleibt also keine andere Wahl, als mit Volldampf in die neue Ära zu preschen.Erst aus dieser Vogelperspektive wird uns das Ausmaß der gigantischen Bauvorhaben der Metropole ersichtlich, mit denen man für die Zukunft ordentliche Fettreserven anfuttert. Ganze Buchten verschwinden unter Hunderten Tonnen von Stein und Sand. Auf dem neu aufgeschütteten Land werden Stadtviertel aus dem Boden gestampft. Auf der westlich vorgelagerten Insel Lantau steht der modernste Flughafen der Welt, Chek Lap Kok, kurz vor seiner Vollendung. Der Mega-Airport, der mit dem Tag des Abzugs der Briten seine Arbeit aufnehmen soll, war den Hongkongern die Kleinigkeit von 20 Milliarden Dollar wert. Mit nicht geringerem Aufwand wird eine sechsspurige Verbindungsautobahn von der City zum Airport durch den Häuserdschungel getrieben. Der Moloch Hongkong bekommt einen neuen Herzschrittmacher, die Verkehrsader ist der Bypass und in den Adern fließt der unerschütterte Glaube an eine Zukunft.Am nächsten morgen sind wir auf der Kowloon-Halbinsel unterwegs. Hier leben die meisten Bewohner der Kolonie - der Begriff Ameisenhaufen beschreibt ihr Leben am besten. Dennoch beherbergt dieses Stadtviertel nicht das »Big Business«, sondern eher die kleinen Geschäfte. Im Bezirk mit dem Zungenbrechernamen Tsim-Sha-Tsui tummelt sich alles und jeder auf der dreispurigen Straße. Selbst mit dem wendigen Motorrad brauchen wir für eine Strecke von 500 Metern eine Viertelstunde. Riesige Leuchtschilder beherrschen das Bild. Sie wachsen wie Unkraut über die Straße und haben sie bereits fast vollständig überwuchert. Ein Ladengeschäft reiht sich an das andere. Es gibt einfach nichts, was es hier nicht gibt. Kowloon-City, das Viertel am alten Flughafen, erscheint im Gegensatz dazu fast schon provinziell beschaulich. Unter einer Brücke hausen die ärmsten der Armen. Weit außerhalb des Aktionsradius der Touristen. Die Gebäude sind niedriger, weniger Menschen bevölkern das Viertel und in den Straßen wird tatsächlich auch mal ein Parkplatz für das Motorrad frei. Ein Bezirk, in dem die Chinesen unter sich sind.Plötzlich erfüllt ein mechanisches Pfeifen den Straßenzug. Zunächst klingt es wie eine heulende Sirene in der Ferne. Doch das Dröhnen nähert sich rasant und steigert sich blitzartig zu einem bedrohlichen Höllenlärm, als würde die Erde beben. Die Passanten nehmen seltsamerweise keine Notiz davon. Nur ein Vater hält seinem Sprößling die Ohren zu. Dann bricht es wie eine tosende Flutwelle herein. Gleichzeitig verdunkelt sich der Himmel wie in »Independence Day,« und wir wollen uns am liebsten schutzsuchend auf den Boden werfen. Eine Boeing 747 der Cathay Pacific kreischt im Landeanflug mit infernalischem Getöse nur wenige Meter über die Dächer von Kowloon-City. Das Fahrgestell ist ausgefahren und die Landeklappen voll aufgestellt. Sekunden später bringt der Pilot 350 Tonnen Jumbo-Jet auf der nahen Landebahn brutal zum Stehen. Am 30. Juni 1997 wird die königliche Jacht »Britannia« den letzten britischen Gouverneur Chris Patten an Bord nehmen und den »duftenden Hafen« Richtung England verlassen. Auf Hongkong-Island quetschen sich dann immer noch dicke Karossen durch den Verkehr, unser Officer wird falschparkende Motorräder aufschreiben, Ronny Yung Fat vielleicht schon im Flugzeug nach Kanada sitzen, und »Dennis« wird weiter zum Himmel stinken.

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