Ibiza-Bike-Week (Archivversion) Nachtfieber

Jeden Sommer geht auf Ibiza ein exklusives Motorradtreffen über die Bühne. Und das auf einer Insel, wo die Exzentrik der Besserverdiener ohnehin schon zum guten Ton gehört.

Um es gleich vorwegzunehmen - hier geht es nicht um ein Motorradtreffen mit Hunderttausenden von Menschen wie bei den legendären USA-Events in Sturgis oder Daytona. Auf Ibiza treffen sich seit sechs Jahren rund 1000 sonnenhungrige Harley-Fahrer aus halb Europa und feiern eine Patry ganz eigener Art. Die Kosten sind mit rund 1500 Mark für Personenflug und Motorradverschiffung deutlich niedriger als beim Trip zu den USA-Treffen, die Urlaubgefühle wärmer, und die Stimmung ist lockerer - schwärmen zumindest die Befürworter. Auch wenn sich Ibiza diesmal nicht an die übliche Abmachung von ungetrübtem Sonnenschein hielt und pünktlich zu Beginn der sechsten Harley-Bike-Week die Regenschleusen öffnete. Ziemlich umpassend für hochglanzpolierte Custom-Bikes, ziemlich unpassend auch für den ibizenkischen Straßenbelag. Bietet er trocken schon fast keinen Gripp, hat er im nassen Zustand die Haftfähigkeit einer Schleuderplatte. Ein schwieriges Entrée für eine Versammlung solch zweirädriger Kostbarkeiten, wie sie hier aus Spanien, Österreich, den Niederlanden, Deutschland und der Schweiz angeschifft worden sind. Nachdem die ersten Prachtstücke bereits bei der Ausfahrt aus dem Hafen am Boden liegen, legt sich die Tempoeuphorie, die Burn outs qualmen auch mit halbem Gas. Die anderen biegen einfach den Lenker wieder gerade, putzen den Chrom blank, und die Bike-Week kann beginnen. Auch wenn eine geographisch bedingte Zeitverschiebung auf Ibiza entfällt, gehen die Uhren auf der vergnügungsbetonten Mittelmeer-Insel dennoch anders - rund vier Stunden versetzt zur regulären Ortszeit. Ein normaler Tag beginnt etwa gegen Zwölf, das Mittagessen wird - wenn überhaupt - am frühen Abend eingenommen, und an ein Abendprogramm ist frühestens ab 22 Uhr zu denken. Die harten Disco-Rhythmen branden gar erst weit nach Mitternacht auf. Während der Bike Week, die auf einen speziellen Austragungsort verzichtet und deren Teilnehmer sich locker in den Hotels und Appartments in und um Ibiza-Stadt verteilen, ist das nicht anders. Wer wirklich vor zwölf Uhr aus dem Bett findet, hat leere, kleine Straßen und ungestörte Cruising-Meilen zur Verfügung, lernt alte spanische Dörfer, wilde Steilküsten und sanfte, weiße Sandbuchten kennen. Wer sich dem typischen Rhythmus anpaßt - und das sind die meisten -, parkt sein Motorrad gegen Mittag am Hafen vor einer Kulisse aus weißen Yachten und der alles überragenden alten Stadtfestung, zwängt sich in die proppenvollen Früstückscafés Inn und Sydney und läßt sich von bepiercten Damen den ersten café con leche des Tages servieren. Spätestens jetzt wird klar, daß hier nicht Sturgis oder Daytona ist, sondern Südeuropa.Dann drängt es selbst die letzten Langschläfer auf die Piste. Eine kleine Erkundungstour ist angesagt, Sonne, Sand und Meer tanken. Während sich die Hardcore-Fraktion gleich in den nächst erreichbaren Sand fallen läßt, tendieren die Softrocker eher zu abgelegenen Stränden mit edlen Clubs in der Nachbarschaft. Man ist schließlich auch bei der Bike Week nicht irgendwer, genießt Pina Colada und die Stars und Sternchen am Nachbartisch, ist für ein paar Stunden mit dabei, beim champagnerfeuchten Geldadel Europas. Trotz Harley. Oder gerade wegen. Schließlich ist die ja auch nicht gerade billig und man hier damit die Attraktion. Runde 40000 Mark stecken durchschnittlich in jedem der Edelteile auf der Bike-Week, in Einzelfällen auch locker das Doppelte. Da die abendliche Flanierstunde nicht verpaßt werden darf, geht es über kleine Straßen durch den Süden der Insel zurück in die Hauptstadt. Das Café Montesol ist nun der ideale Anlaufpunkt für die Biker. Unmittelbar an der Haupt-Cruisingroute gelegen, bietet es für abendliches Kaffeetrinken und Spannen ab 18 Uhr perfekte Bedingungen. Die Bikerklamotten können ruhig anbleiben, sie passen durchaus ins Bild. Auf Ibiza sind grelles Outfit und schrille Auftritte erwünscht und Lederkleidung immer noch besser als wohlerzogene Biederkeit. Die Altstadt samt der vom Café Montesol bis zum Hafenende verlaufenden Promenade bildet einen einzigen Boulevard der Eitelkeiten, der Prominenz und deren Nachahmer, der Freaks und Intellektuellen, der Hippies und Gays. Sehen und gesehen werden ist die Devise, schön sein, jung sein, flippig und sexy und - natürlich - möglichst ausgefallen. Grummelnd drehen die großen V2 im ersten aufflammenden Neonlicht eine Cruising-Runde nach der anderen, sammeln sich in Pulks an den Ampeln, parken in dichten Reihen vor den Cafés. Der perfekte Platz für ein Treffen von Showbikes.Drei Stadtteile sind es, in denen sich das wilde Leben der Metropole ausbreitet: Dalt Vila, Sa Penya und La Marina. Dalt Vila umfaßt die Oberstadt mit der hoch auf dem Berg thronenden Kathedrale und der mittelalterlichen Festung. Sa Penya ist das ehemalige Fischerviertel und direkt an der Hafenmole gelegen. La Marina schließlich ist das Neustadtviertel westlich der Kirche San Salvador in Richtung Passeig de Vara de Rey, wo die Mehrzahl der 25000 Einwohner der Stadt lebt. Am lebendigsten ist Ibizastadt allerdings noch immer dort, wo sich einst die ersten Inselbewohner angesiedelten: am Hafen in Sa Penya. Die Gassen, die sich oberhalb davon den Hügel hinaufziehen, haben dagegen ihre besten Zeiten schon hinter sich. Immer mehr Boutiquen und Bars machen dort dicht, da der Einzugsbereich der Touristenströme an ihnen vorbeifließt. Zusammen mit den Bikern schieben diese sich lieber durch die lebhaften Gassen rund um die Calle Mayor, wo eine exklusive Boutique an die andere stößt. Das Kleiderangebot ist riesig, die Besitzer wechslen wie die Modetrends. Was in diesem Jahr der Renner ist, ist im nächsten vielleicht ein völliger Flop. Wer hier mal aufs falsche Top oder Dessous gesetzt hat, kann dicht machen. In diesem Jahr ist »La Cantonada« die Nummer eins in der Umsatzliste - mit Kollektionen ganz aus Spitze. Nicht gerade das bevorzugte Laden der Bike Week-Teilnehmer, die eher das umfangreiche Angebot an Lederwaren zu schätzen wissen. Wenn die Boutiquen schließen, entfaltet die Insel ihre nächste Anziehungskraft - ihr Nachtleben. Was wäre Ibiza ohne seine Flaniermeilen, ohne seine Discos, Bars und Kneipen. Der derzeit letzte Schrei liegt jenseits des Hafenbeckens, in Botafoch. In exklusivem Ambiente haben sich dort teuere und elegante Diskotheken angesiedelt und bieten schicke In-Treffs für die Prominenz. Wer die Upper class dort nicht erleben kann, darf wenigstens ihre Yachten und Powerboats auf der Marina betrachten. Eine Lösung, mit der sich viele Biker bescheiden, da nicht jedem die vier bis fünf Hunderter so locker sitzen, die nach Angaben von Betroffenen ein echt gelebter 24-Stunden-Tag in der Vergnügungs-Metropole problemlos verschlingt. Wer es sich leisten kann, der tuts, reiht sein Motorrad ein in die Parklines vor den Discos, in die Harley-Phalanx aus Bastlerkunst und Eitelkeit, in die Orgie aus Chrom und Airbrush. Die Türsteher der Discos haben sie schützend im Visier, ein extra eingeschiffter Trupp Festlandspolizisten übernimmt die Aufsichtspflicht, wenn die trunkenen Nachtschwärmer gegen Morgen per pedes in ihre Hotels wanken. Eine Tour steht auf dem Veranstaltungsprogramm, Rundfahrt über die Insel lautet das Ereignis verheißungsvoll. Die gesamten 1000 Teilnehmer der Bike Week scheinen es dann zu sein, die sich am genannten Treffpunkt einfinden. Um schließlich unter Polizeigeleit in einem riesigen Konvoi in den 15 Kilometer entfernten Ort St. Antoni zu tuckern und nach einer kurzen Rast wieder zurück in die Hauptstadt. Enttäuschung und Empörung machen sich breit, das kann ja wohl nicht alles gewesen sein. War es aber doch. Wer sich eine Entschädigung im Nachtprogramm der Discothek Space erhofft, wird abermals enttäuscht. Hier soll die alternde Rockband »The Sweet« mit ihren Hits aus den Siebzigern noch einmal Adrenalin ins Bikerblut schießen - doch vergebens, die Vibrations ihrer Zeit verfangen bei der Harley-Fraktion nicht mehr so recht. Die Disco bleibt halbleer, die Stimmung dümpelt vor sich hin. Aber Ibiza wäre nicht Ibiza, wenn eine Nacht noch vor dem Morgengrauen aufgegeben würde. Man zieht einfach ein paar Häuser weiter, läßt sich von der nächsten Party einfangen und mitreißen, taucht ab ins Powern der Bässe. Denn auf Ibiza bestimmen auch 1000 Harleys während einer Woche im August nicht die Tonlage, sondern die entspringt wie immer der inseleigenen Mischung aus Mittelmeer, Glitzerwelt und völligem losgelöst Sein. Vermutlich das Beste, was einer Bike Week passieren kann.

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