In München steht ein Hofbräuhaus... (Archivversion) In München steht ein Hofbräuhaus

Dahin in Deutschland zu fahren, wo es Touristen aus aller Herren Länder in der Regel hinzieht, muß nicht sein, dachte Kai Schmid. Bis er sich in Neuschwanstein und Rothenburg eines Besseren belehren ließ.

Nichts gegen Neuschwanstein. Solange die Touristen, vor allem die aus Japan und Amerika, sich da busweise hinkarren lassen, bieten sich überall woanders Freiräume, in denen ich mich eben wohler fühle. Okay, auch ich lasse mitunter kein Klischee aus, verhalte mich nicht anders als der klassische Tourist. In den USA, ich gesteh’s, habe ich mich vor der Golden Gate Bridge ablichten lassen, postkartenreif. Und in Hongkong konnte ich es mir nicht nehmen lassen, wie jedermann über die klassische Perspektive über das Eiland vom Victoria-Peak zu staunen. Wenn ich schon mal da bin, denke ich mir dann. Aber nur zu reisen, um ruckzuck einen Höhepunkt nach dem anderen abzufeiern - unvorstellbar. Als Motorradfahrer gelten für mich eben andere Maßstäbe.Obwohl ich in München wohne, habe ich bislang einen Bogen nicht nur um des Bayernkönigs Märchenschloß gemacht. Im Hofbräuhaus war’s mir immer zu voll, gleiches gilt fürs Oktoberfest oder die viel gepriesene Altstadt von Rothenburg. Zugegeben, es gab Momente, da störten mich diese weißen Flecken auf meiner Motorradtouren-Karte. Wie unlängst während einer Tour durch den Süden Frankreichs, als ich mit ein paar anderen Motorradlern ins Gespräch kam. Die hatten eine Reise durch Deutschland gemacht, schwärmten von der Lorelei - und von Neuschwanstein. Daß ich diese Sehenswürdigkeiten nicht kannte, wollten mir die Biker beim gemeinsamen abendlichen Menü einfach nicht abkaufen. Die hielten mich für einen Banausen. Neuschwanstein läuft mir ja nicht fort, da kann ich immer noch hin, hielt ich ihnen entgegen.Wochen später. Jetzt oder nie wollen Sabine und ich uns die Rosinen aus dem Deutschlandkuchen picken, die für die Gäste aus dem Ausland zweifelsfrei seit Jahrzehnten unverändert die Höhepunkte im Süden unseres Landes darstellen. Ein schnelles Frühstück, dann schwingen wir auf der BMW die grauen Asphaltbänder entlang, die sich zwischen den sanftgrünen Hügeln des Allgäus winden. Aber nicht auf den abgefahrenen Wegen, wo sich die Busse stauen. Nein, wir lassen uns Zeit, geben immer dem Sträßchen den Vorzug, das die meisten Kurven verspricht, suchen die Ruhe vor dem Sturm und genießen den Anblick wiederkäuender Rindviecher vor rustikalen Bauernhöfen.Bis schließlich Neuschwanstein vor uns auftaucht. Das Schloß sieht genau so kitschig aus, wie wir es von unzähligen Abbildungen her kennen: Steht keck auf einem Gebirgsvorspung und läßt die spitzen Türme wie Nadeln in den blauen Himmel ragen. In der zarten Herbstlandschaft wirkt die verspielte Architektur des Palastes fast surreal. Wie im Märchen. Im echten Stil der alten Ritterburgen wollte der Bayernkönig Ludwig II. Neuschwanstein bauen lassen. Schrieb er zumindest an seinen Freund Richard Wagner. Dessen Opern waren ihm sowieso lieber als die ganze Regiererei. Was von ihm blieb, ist neben vielen Legenden vor allem diese, ich geb«s zu, grandiose Kulisse. In einem großen Vergnügungspark zu Florida haben sie den zu Stein gewordenen Traum des melancholischen Fürsten nachgebaut. »It’s definitly like Disney World«, begeistert sich denn auch ein Bermudabeshorteter direkt neben mir. Im breitesten Südstaatendialekt. Ich beschließe, ihn aufzuklären, verklickere, daß er hier das Original vor sich sieht und die Disney-Leute lediglich abgekupfert haben. Der Mann versteht die Welt nicht mehr.Auf der Marienbrücke oberhalb des Schlosses klicken die Pockets. Kaum zu fassen, wie viele Menschen sich gleichzeitig auf dem Steg hoch über der Pöllatschlucht drängeln, um schnell ein Foto zu schießen. Viermal werden Sabine und ich um Knipsdienste gebeten. Damit wirklich alle aus der Reisegruppe mit aufs Bild kommen. Ein Bayer in Tracht bietet sich als passendes Requisit an, um den Schnappschuß noch mehr »human touch« zu verleihen. Kein Wunder, daß viele Amis der Meinung sind, Deutsche liefen mit Vorliebe in Lederhosen rum. Andererseits, wer weiß, vielleicht würde ich vor dem Kaiserpalast in Tokio auch einen stilechten Einheimischen mit vor die Linse nehmen.Trotz des Riesentrubels - mehr als eine Million Touristen werden jährlich durch das Schloß geschleust - begeistert uns der Blick aus dieser Perspektive. Stundenlang könnten wir hier stehen und den Märchenpalast betrachten. Wäre da nicht dieses logistische Problem: Alle fünf Minuten schwappt eine neue Touristenwelle über die Hängebrücke, um alsdann, schön ordentlich in vier Sprachgruppen unterteilt, zur Besichtigung zu schreiten. Das geschieht im halbstündigen Takt. Während wir warten, komme ich mit einem Japaner ins Gespräch, einem ergrauten Coumputerfachmann aus Nagasaki. »Fantastic, wonderful« sei das alles. Ja, er verbringe seinen kompletten Jahresurlaub in Europa. 14 Tage. Eine solche Reise sei schon immer sein Wunsch gewesen. Den er sich jetzt, mit 55, endlich erfülle. Paris hat er bereits gesehen, vor zwei Tagen, gestern Heidelberg, morgen steht Venedig auf dem Programm, und dann gehe es, wenn er sich recht entsinne, nach Madrid. Die Hektik, mit der japanische Touristengruppen ein Ziel nach dem andern abhaken, wirkt auf uns befremdlich. Andererseits ist’s verständlich, daß sie in der wenigen Zeit, die ihnen bleibt, einfach möglichst viel sehen wollen, wenn sie schon einmal in Europa sind. Den Amis geht’s in der Beziehung übrigens kaum besser. Von sechs Wochen Urlaub im Jahr träumen die nur.Woher wir denn kämen, interessiert sich der Japaner. Aus München, o prima, da findet jetzt doch das Oktoberfest statt. Hätte er auch gern besucht! Klappt aber nicht, in spätestens einer Stunde muß er wieder im Bus sein. »Noch ein ganz schönes Stück über die Alpen bis nach Venedig.«Als der Japaner, wie ich am Titelbild erkenne, eine Heine-Ausgabe aus der Jackentasche holt und noch ein, zwei Gedichte liest, bis er endlich ins Schloßinnere darf, schauen Sabine und ich uns lange an. Reden müssen wir jetzt nicht. Wir haben auch so verstanden - und uns ein Vorurteil abgeschminkt: daß überall dort, wo Touristen in Scharen auftreten, der Massengeschmack gnadenlos triumphieren muß. Nicht nur vor Neuschwanstein, auch vor den Uffizien in Florenz und dem Louvre in Paris drängen sich die Menschen.Da dürften die Besucher des Oktoberfests doch von ganz anderem Schlag sein. Und dennoch hätte der nette Japaner viel dafür gegeben, einmal live den größten Rummel der Republik zu erleben. Er kann nicht, wir wollten’s nicht. Bis jetzt. Also auf dem kürzesten Weg zurück. Von der Wies’n kannte ich bislang nur ein Gedicht des als Flachreimers berüchtigten Humoristen Eugen Roth:Wo ungeheure Blechmusikenden Lärm durch Rauch und Bierdunst schicken,und wo die Menge brausend schwillt,vom Bier zum Teil schon ganz erfüllt,teils erst vom Wunsch erfüllt zu werden,doch durchweg selig schon auf Erden.Es laufen Kellnerinnen emsigdurch alle Reih’n, so wild und bremsig,die Menge ohne Unterlaßsich heiser schreit nach einer Maß. Zwölf Krüge an den Brüsten säugend,wirkt solche Wunschmaid überzeugend.Der Augenschein lehrt: Wie recht der Dichter doch hatte, dies Werk scheint wahrlich zeitlos zu sein. Im Bierzelt quatscht uns gleich ein Hamburger von der Seite an. »Kennst ihr eigentlich die drei dünnsten Bücher der Welt?« Wir schütteln den Kopf. »Das englische Kochbuch, die italienischen Heldensagen, die Anthologie deutschen Humors.« Der Bursche lacht sich über seinen eigenen Witz schier kaputt, worauf sich ein Bayer solidarisch erweist und mitgrölt. Später erfahren wir von ihm, daß er nicht weiß, was Anthologie bedeutet, aber eine richtige Sauerei dahinter vermutet. Zwei Meter weiter bierbanklinkswärts grinsen vier Amis, die ebenfalls kein Wort verstehen, höflich mit, prosten uns zu. Nicht nur weil die Festkapelle gerade den Dauerbrenner »Ein Prosit der Gemütlichkeit« verbläst. Daß dann Trinken Ritual ist, haben sie längst kapiert. So entsteht Völkerfreundschaft. Zu meinem Erstaunen sehe ich die Amerikaner an einer gebratenen Haxe herumsäbeln. Obwohl ein US-Reiseführer über Deutschland die Touristen inständig vor leichtfertigem Bestellen in deutschen Lokalitäten warnt. Es könnte ja sein, daß einem so schreckliche Dinge wie Blutwurst oder Hirn vorgesetzt werden. Weswegen man besser daran tue, sich bei aus der Heimat bekannten Hamburger-Ketten zu verköstigen. Nach der ersten Maß gefällt es Sabine und mir immer besser im - in jeder Beziehung - proppenvollen Spatenbräu-Zelt. Hätten wir nie und nimmer für möglich gehalten. Dann passiert das Unvorstellbare: Sabine und ich beschließen, morgen eine weitere Bildungslücke zu schließen und nach Rothenburg zu fahren. Was die Amis riesig freut. Sie waren schon da.Es wird nach dem langen Abend etwas später, bis wir die Isarmetropole Richtung Nordosten verlassen. Die frische Luft tut gut. Der Ausblick nach der Enge im Festzelt auch. Längst hat der Herbst die Bäume in ein buntes Kaleidoskop von Farben verwandelt. Immer noch hängt Nebel über den abgeernteten Feldern außerhalb der Stadt, und die Sonne versucht, ihre Strahlen durch den Dunst hindurchzuschicken. Ein besonderer Reiz liegt über dem Land. Eigentlich schade, das Bustouristen hinter den getönten Scheiben nur einen Teil dieser Eindrücke wahrnehmen können.Bei Donauwörth stoßen wir auf die Romantische Straße, die über Crailsheim und Rothenburg bis nach Würzburg führt. Hier sind wir richtig, das sehen wir auf den ersten Blick: Ortsbeschilderung sogar auf Japanisch. »Expect a camara clicking family from Cedarville, Illinois on every corner of Rottenbörg«, hatte uns einer der Amerikaner aus dem Bierzelt noch auf den Weg gegeben. Soll heißen: Hier triffst du garantiert jeden Deutschland-reisenden Amerikaner.Im mittelalterlichen, an manchen Stellen freilich arg überrestaurierten Stadtkern angekommen, verstehen wir sofort, warum: Als Kolumbus Amerika entdeckte, dürfte es hier so ähnlich ausgesehen haben wie heute, von den vielen Souvenirläden mal abgesehen. Das Städtchen macht sich auf einer strategisch günstigen Erhebung inmitten der fränkischen Hügellandschaft breit, und seine massigen Stadtmauern vermitteln eher den Eindruck einer mächtigen Burg, denn einer gemütlichen Stadt, die täglich von Tausenden von Gästen besucht wird. »Ich bin kein Tourist, ich wohne hier« steht auf einem Aufkleber, mit dem Einheimische trotzig nicht nur ihr Auto zieren. Wir schlendern lange durch die mittelalterliche Altstadt, erfreuen uns an herausgeputztem Fachwerk und lassen uns dann auf den Stufen des Rathauses nieder. Von den Wänden der Häuser schallen die Wortfetzen vielsprachiger Fremdenführer wieder, die immer zahlreicher ihre Gruppen über den Marktplatz leiten. Amerikaner erkennen wir an Shorts, Baseballmütze und Sandalen. Stimmt freilich nicht immer, aber die Trefferquote ist hoch. Der Italiener als solcher spaziert in auffallend schicken Klamotten, es könnte, wirft Sabine ein, aber auch der türkische Yuppie von nebenan sein. Asiaten und sauerländische Kegelklubs treten dagegen nur in eiligen Gruppen auf. Erste hetzen zum Bus, letztere zur Kneipe.Schließlich bekommen wir sogar noch den kulturellen Höhepunkt geboten, der für jeden Gast ein absolutes Muß zu sein scheint, ginge es nach der Drängelei auf dem Platz. Zwei mechanische Puppen im Giebel der Ratsherrentrinkstube prosten sich zu. Eine Schlüsselszene aus der Geschichte Rothenburgs: Am 31. Oktober 1631 soff der legendäre Altbürgermeister Nusch fünf Liter Frankenwein auf einen Sitz weg und rettete damit die Stadt vor der Zerstörung durch Kaiserliche Truppen. Einmal mehr schauen Sabine ich uns an. »Ich würde vorschlagen, daß wir unsere Reise fortsetzen und einen weiteren schwarzen Fleck von unserer Tourenliste entfernen.« Denn in München steht ein Hofbräuhaus.

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