Interview (Archivversion)

Sozusagen zwischen zwei Wüsten traf MOTORRAD-Redakteur Michael Schröder den Fotografen und Buchautoren Michael Martin in München.

Du pendelst gerade zwischen den Wüsten hin und her wie andere zur Arbeit. Wie viele Wüsten gibt es eigentlich? Es gibt etwa 40, und die meisten befinden sich in Asien. Aber von der Wüste Lut oder der Wüste Sind haben die wenigsten bisher gehört.Das hört sich nach einer logistischen Meisterleistung an. Was waren die größten Schwierigkeiten?Echte Knackpunkte sind Visa für Länder wie Saudi Arabien zu erhalten. Wir standen tagelang mit unserem Motorrad vor der saudischen Botschaft in Aman (Jordanien), das hat die Behörden aber wenig beeindruckt. Wir mussten die Reise im Sommer 1999 schließlich abbrechen. Jetzt im Dezember scheint es mit Saudi Arabien doch noch zu klappen. Schwierig war es auch, mit dem Motorrad nach China beziehungsweise Tibet zu gelangen. Das geht nur mit offizieller Begleitung und kostet sehr viel Geld. Mit Bakschisch braucht man den chinesischen Zöllnern nicht zu kommen. Schwierigkeiten macht uns außerdem immer wieder das Zurücklassen der Maschine in einem Land wie Indien oder Pakistan. Dort wird das Motorrad in den Pass eingetragen, um zu verhindern, dass man ohne Fahrzeug das Land verlässt. Es dauert, bis der Zoll für solche Geschichten schließlich doch sein Okay gibt. Kannst du uns einen ganz normalen Michael-Martin-Arbeitstag – beispielsweise in der Wüste Gobi – beschreiben? Aufstehen im Dunkeln, Feuer entfachen, Kaffee. So dass wir im allerersten Licht mit dem Filmen und Fotografieren loslegen können. Die Stunde vor Sonnenaufgang ist oft eine sehr gute Fotozeit. Eine Stunde nach Sonnenaufgang dann Frühstück. So kommen wir zwei, drei Stunden nach Sonnenaufgang los. Je höher nun die Sonne steht, desto zügiger sind wir unterwegs. Machen Strecke bis zum späten Nachmittag. Die Stunde vor und die halbe Stunde nach Sonnenuntergang gehört wieder den Kameras. Dann heißt es einen guten Lagerplatz suchen. Der muss sicher, romantisch, fotogen und windstill sein. Das dauert. Lohnt sich aber, denn nun haben wir endlich Feierabend. Mit Kochen, Kameras vorbereiten und Karten studieren vergeht der Abend meist ziemlch schnell, und wir schlafen dann im Freien, das Zelt bleibt verpackt. Wie sieht euer Reisegepäck aus?Unserem Gepäck merkt man an, dass Elke Filmerin ist und ich Fotograf bin: Drei schwere Leica-Gehäuse mit neun Festbrennweiten, eine Mittelformatkamera, eine professionelle Videokamera mit Zubehör, zwei schwere Stative. 100 Filme, 20 Video-Tapes. Damit ist das Motorrad eigentlich schon voll beladen! Dazu kommen noch Schlafsäcke, Isomatten, Zelt, Küche, Medikamente. Und je nach Wüste ein paar Vorräte, bis zu 20 Liter Wasser und 40 Liter Benzin. Dafür keine Ersatzteile, keine Ersatzkleidung, kein Werkzeug außer dem Bordwerkzeug und Flickzeug.Stellst du uns Deine Begleiterin vor?Elke Wallner ist die beste Reisepartnerin, die ich je hatte. Sie verliert nur selten ihren Optimismus und ihre gute Laune, kann vor allem wahnsinnig gut auf Leute zugehen, ihnen Vertrauen vermitteln, was für ihre Arbeit als Kamerafrau ja sehr wichtig ist. Elke dreht auf unseren Reisen den mehrteiligen Film »Die Wüsten der Erde«. Sie ist verdammt hart im Nehmen und dabei sehr zierlich. Mit 45 Kilogramm wiegt sie weniger als die Kameraausrüstung! Von Luft und Sand kann selbst ein Michael Martin nicht leben. Wie finanzierst du so ein gewaltiges Projekt?Mein Vortrag »Die Wüsten Afrikas« ist irgendwie ein Klassiker geworden, ich bekomme dauernd Anfragen und zeige ihn nach wie vor häufig und gerne. Dazu kommen die Einnahmen aus dem gleichnamigen Bildband. So leben wir bis heute vom letzten Projekt und finanzieren damit die Reisen für »Die Wüsten der Erde«. Im Herbst erscheint ein neues Buch von Andreas Altmann und mir. Es heißt »Unterwegs in Afrika« und wird sich hoffentlich ebenfalls gut verkaufen. Von meinen vier Hauptsponsoren Leica, BMW, Serac und Travel Overland bekomme ich neben Sachleistungen inzwischen auch finanzielle Unterstützung.Du hast die Katalog- und Pressebilder von der neuen BMW R 1150 GS Adventure in Bolivien geschossen. Diese Aufnahmen sehen ziemlich authentisch aus. Oder war alles Fotomontage? Nein, das war wirklich alles sehr authentisch. Da musste man nichts arrangieren. All die Situationen, die im Prospekt zu sehen sind, ergaben sich wie von selbst. Wir waren ein gutes Team, hatten volle Rückendeckung von BMW und eben eine Wahnsinns-Location mit ganz unterschiedlicher Szenerie und einem traumhaften Licht. Die miesen Pisten, die Kälte und dauernde Probleme kosteten uns aber viel Nerven. Es war an manchen Morgen so kalt, dass die Filme in den Kameras splitterten. Und dann aufs Motorrad und sich nichts anmerken lassen! Dieses Motorrad müsste für deine Expeditionen maßgeschneidert sein, oder?Sicher, das wäre die ideale Maschine, doch als wir 1999 das Projekt starteten, war die 1150 Adventure noch nicht absehbar. Und die Pferde mittendrin zu wechseln kommt nicht in Frage. Es sieht so aus, als hättest du mit all diesen Geschichten und Vortragsterminen einen recht vollen Kalender. Hast du eigentlich noch Zeit für ein Privatleben? Ja, das haben wir schon. Ich habe gelernt, mich ein wenig abzugrenzen, gehe abends oder am Wochenende nicht mehr ans Telefon. Heute ist das Ganze auch besser organisiert als früher. Als ich noch alles selbst gemacht habe, vom Plakatieren bis zum Postversand, war ich total im Stress. Inzwischen habe ich ein gutes Team, Mitarbeiter für das Büro, die Pressearbeit, die Vortragstechnik. Vielleicht bin ich auch im Laufe von 20 Jahren »Unterwegs sein« ein wenig relaxter geworden.Du reist erst seit einigen Jahren per Motorrad. Warst du schon immer Motorradfahrer oder hast du auch nach einem neuen thematischen Aufhänger für deine Reportagen und Diavorträge gesucht?Die erste Afrikareise hate ich mit einem Mofa unternommen. Die damit gemachten Erfahrungen ließen mich zehn Jahre am Auto festhalten. 1992 sind wir dann mit Motorrädern von Kenia nach Kapstadt gefahren. Da gab es damals schon die Überlegung, mit welchem Verkehrsmittel sich die Route am besten machen, aber auch in Bildern und Geschichten erzählen lässt. Ich lernte das Motorrad als Reisefahrzeug schnell schätzen und bin seitdem mit dem Motorrad unterwegs.Man sieht dich auf deinen Bildern meistens in Jeans und T-Shirt. Warum dieser konsequente Verzicht auf Schutzkleidung?Ich weiß, das ist leichtsinnig. Immerhin tragen wir aber inzwischen einen Rückenschutz unter der Lederjacke... Fotografieren und Filmen spielt bei unseren Reisen eine große Rolle. Da sind dann Motorradstiefel und -Klamotten wirklich hinderlich und machen den Einheimischen außerdem Angst. Ich beobachte immer wieder Motorradfahrer, die nicht zuletzt infolge der Schutzbekleidung sehr martialisch wirken und nicht einmal den Helm abnehmen, wenn sie mit Einheimischen sprechen. Bei deinem letzten Projekt, den Wüsten Afrikas, sah man dich mit Sozia und tonnenweise Gepäck auf einer BMW R 1100 GS sogar durch Sanddünen fahren. Bei vielen Betrachtern kamen Zweifel auf, ob so etwas überhaupt möglich ist. Hand aufs Herz – wie »echt« sind die Bilder? Das war alles so, wie ich es gezeigt habe. Wenn man solche Dünenpassagen als Leser oder Zuschauer sieht, sollte man sich vergegenwärtigen, dass nur ein Bruchteil der Strecken so aussieht. Was die Beladung und die Packweise betrifft, gebe ich zu, dass ich kein Ausrüstungsfreak bin und man ein Motorrad besser packen kann. Hauptsache aber, die Kameraausrüstung ist perfekt verstaut. Gab es wirklich kein »Servicefahrzeug«?Nein, das würde alles kaputt machen. Als letztes Jahr das ZDF ein Porträt über uns drehte, hatten wir zum ersten Mal zwei Begleitfahrzeuge, in denen das Filmteam unterwegs war. Das Flair der Reise war dahin, wir kamen uns vor wie Schauspieler. Ich bin froh, dass wir im Normalfall zu zweit auf einem Motorrad unterwegs sind. Gruppen beschäftigen sich halt immer sehr viel mit sich selbst. Gibt es einen Ort, wo es dir bisher am besten gefallen hat? Drei Gegenden: Tassili d« Hoggar in Algerien, Altiplano in Bolivien und am Kailash in Tibet. Du musst während deiner Reisen sehr viele Menschen kennen gelernt haben. Wen würdest du am liebsten sofort wieder treffen? Mirkamli, einen kirgisischen Nomaden am Fuß des Mustag Ata im Pamir, Mohamed Ali, einen Tubu-Führer aus Libyen, Alex, einen Straßenjungen aus Gao/Mali, Mohamed Ali, unser Führer im Jemen. Und die vielen Nomadenfamilien, bei denen wir zu Gast waren. Wen nicht? Ich könnte auf ein Wiedersehen mit manchem mauretanischen Militär oder auf den einen oder anderen nordamerikanischen Sheriff verzichten. Manche Polizisten in den USA sind erstaunlich humorlos.Deine Reisen durch die Wüsten sind sicherlich nicht ganz ohne Risiko. Gab es Momente, in denen du nicht wusstest, wie es weitergehen soll, in denen du Angst hattest? Ja, die gibt es schon, doch zum Glück selten. Ich erlebte insbesondere in der Sahara einige Zwischenfälle mit Rebellen und Banditen. Aber die Hauptgefahr geht weniger von der Wüste an sich aus, sondern meist von Menschen, nicht zuletzt vom Straßenverkehr.Wohin brichst du als nächstes auf? Morgen geht es nach Australien. Dort hat es ja auch eine ganze Reihe Wüsten. Endlich mal ein einfaches Land ohne Militärs, Visaproblemen und Tropenkrankheiten. Wann kommt deine neue Diaschau, wann kommt der nächste Bildband, wann dürfen MOTORRAD-Leser mit einer neuen Geschichte von dir rechnen? Ich schätze 2004, mal schauen, wie es weiter läuft. Bevor aber Film, Buch und Vortrag nicht perfekt sind, werde ich nichts veröffentlichen. Was kommt nach den Wüsten den Erde? Das Projekt ist so umfangreich, dass ich mir wirklich noch keine Gedanken mache, was danach kommt. Reisen und Fotografieren werde ich sicher weiter leidenschaftlich gerne. Vielen Dank für das Gespräch.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote