Interview Doris Wiedemann (Archivversion) 20000 km bis Wladiwostok

Die Extremreisende Doris Wiedemann kennt kein Zögern. Nach ihrer abenteuerlichen Afrikadurchquerung (MOTORRAD 3/2000) kämpfte sie sich nun mit ihrer BMW quer durch ganz Russland. 20 000 Kilometer hin und 20 000 zurück. Und wieder fuhr sie allein, trotzte Korruption, endlosen Pisten und dem einbrechenden sibirischen Winter. Mut oder bodenloser Leichsinn? MOTORRAD hat sie in ihrer bayrischen Heimat besucht und gefragt, was so faszinierend an dieser Art Adrenalin-Kick ist.

? Doris, warum gerade Russland? Es gilt nicht gerade als unproblematisches Reiseland.! Erstens, weil man endlich dorthin reisen kann. Und zweitens, weil man es jetzt tun muss. Kaum ein Land verändert sich so rasend schnell wie Russland. Schon in fünf Jahren kann alles wieder ganz anders sein. Außerdem hatte ich von einem alten Freund eine Einladung auf einen Kaffee in Korea. Und das war der direkteste Weg. Fährt man übers Baltikum, braucht man bloß ein Visum. ? Kein Mensch fährt wegen einer Tasse Kaffee 20 000 Kilometer. Schon bei deiner Afrikadurchquerung bis hinab nach Kapstadt hast du kaum ein Land ausgelassen. Was geben dir solche Marathon-Touren?! Das Gefühl, alles gesehen und erlebt zu haben. Ich wollte einfach ganz Russland - oder eben ganz Afrika - kennen lernen. Würde ich nur bis Moskau oder Mogadischu fahren, hätte ich das Gefühl, gerade mal ein Teil entdeckt zu haben. Es ist spannend zu merken, wie sich Menschen, Landschaft und damit auch die Lebensbedingungen verändern. Ich möchte bis ans Ende vordringen. ? Sieht man mehr, nur weil man weit fährt?! Wenn man sich genügend Zeit nimmt, schon. Ich war von Ende Mai bis Ende Oktober unterwegs - Abstecher nach Japan und Korea eingeschlossen - und habe etwa 40 000 Kilometer zurückgelegt. Wovon ich die 20 000 Kilometer Rückweg in rund drei Wochen (?) runtergespult habe. ? Da musst du am Schluss ja täglich über 1000 Kilometer gefahren sein?! Ja, das war auch nicht mehr witzig. Ich hatte mich in der Zeit verkalkuliert und war bereits Anfang Oktober in den einbrechenden sibirischen Winter geraten. Auf den verschneiten Straßen und mit beginnenden Erfrierungen in den Fingerspitzen bekam ich’s dann doch mit der Angst. Und da bin ich dann einfach nur noch gefahren und gefahren. Eine andere Wahl hatte ich nicht mehr. ? Und die BMW? Wie packte die das alles? Mit inzwischen rund 120 000 Kilometern drauf.! Ach, ich glaube, die weiß auch, wann sie sich zusammenreißen muss. Nein, die fuhr wirklich tapfer und ohne große Eskapaden. Viele Defekte kann ich außerdem selbst beheben. Allenfalls bei einem Getriebeschaden müsste ich vermutlich im Uralwerk anfragen. Aber das wäre sicher kein Problem (lacht).? Du unternimmst diese Reisen immer allein. Kann dich da nicht schon ein Sturz oder ein banales technisches Problem in wirklich heikle Situationen bringen?! Klar, die Gefahr besteht. Meiner Erfahrung nach findet man jedoch, sofern man nicht auf völlig entlegenen Pisten unterwegs ist, immer und überall auf der Welt hilfsbereite Menschen. Routenwahl und bedachtsame Fahrweise sind allerdings wichtige Voraussetzungen. So hatte ich einmal die BMW auf der Suche nach einem Platz zum Zelten abseits der Hauptpiste im Dunkeln völlig überflüssig in einem Schlammloch versenkt. Das war so eine Situation, wo aus eigener Kraft nichts mehr ging. Da hörte ich ein Pferdefuhrwerk und rannte los, um mich irgendwie bemerkbar zu machen. Und tatsächlich, der Russe hat erst die BMW rausgezogen und mich dann bei seiner Familie total nett untergebracht. ? Auch auf die Gefahr hin, wie unsere Mütter zu klingen: So was könnte ja auch ganz anders ausgehen. Und für eine Frau ist die Situation immer noch ein bisschen anders als für einen Mann.! Ja, könnte es. Tat es aber nie. Ich hatte in Afrika wie in Russland nur ganz selten das Gefühl, dass von Männern Gefahr im Verzuge war. Der Respekt, den die in der Regel vor so einer Leistung haben, schafft eine schützende Distanz. Und wenn sie keinen Respekt haben, finden sie dich so bescheuert, dass sie sich gar nicht mit dir abgeben. Aber das ist selten. Wenn tatsächlich einer mal Annäherungsversuche machte, halfen bisher immer noch ein paar bayrische Flüche, um die Sache zu klären. ? Was rätst du Frauen mit ähnlichen Reiseambitionen?! Dasselbe tun und lassen wie zu Hause auch. Also angetrunkene Typen meiden, nicht nachts in unwegsamem Gelände herumirren oder neben der Straße campieren. Aber letzteres gilt ebenso für Männer.? Hast du Russland so gefährlich, korrupt und Wodka-verseucht empfunden, wie allgemein behauptet wird? So dass man ohne Pistole im Tankrucksack besser gar nicht reist?! Klar, die Korruption gibt es, den Wodka und die Mafia auch. Was für Russland ziemlich schlecht ist. Der Reisende muss aber dadurch nicht zwangsläufig Probleme kriegen. Ich hatte keine Waffe und bin sicher, mehr als einmal von Mafiosis zum Essen und zum Trinken eingeladen oder herumchauffiert worden zu sein, ohne es gefährlich empfunden zu haben. Okay, nervtötend können die ständigen Kontrollen der Polizeiposten auf den größeren Routen sein. Aber darauf muss man sich einlassen, es als Teil der Reise akzeptieren, als Kontaktaufnahme. Wer sich dagegen auflehnt, wird wahnsinnig. Zudem ist es mit einem freundlichen Schwätzchen oft schon getan. Geld wollten sie nur drei mal. Immer wegen zu schnellen Fahrens. Und immer hat es gestimmt. ? Hast du gezahlt?! Meist habe ich mit theatralischen Getue herumgemacht, als ob die alte BMW niemals so schnell fahren könne. Die meisten dachten sowieso immer, es sei eine Ural und so zog das manchmal. Also – die Grunderfahrung war durchgängig gut. Nach der Erfahrung mit dem Schlammloch habe ich später häufig neben den Polizeistationen gezeltet, um nicht im Dunkeln herumsuchen zu müssen. Nicht schön, aber sicher. ? Die Crux des Alleinreisens?! Ja. Das war wirklich der Hauptnachteil, dass unterwegs doch etliche solcher Sicherheitsreserven eingebaut werden mussten. ? Warum fährst du allein?! Weil keiner so blöd ist wie ich ist, solche Sachen zu machen. Jedenfalls sagte ich das unterwegs meist, wenn die unvermeidliche Frage kommt, warum kein Ehemann dabei ist? Fragt eigentlich jeder. ? Was stimmt nun? ! Es ist natürlich was dran. Partner für solche Touren zu finden, ist schwierig. Man muss wirklich verdammt gut miteinander können, um sich auf eine so lange und schwierige Reise einzulassen. Zuerst muss jemand mal so viele Zeit haben. Dann sollte das Risikoempfinden zusammenpassen, die Fahrerfahrung, die menschliche Einstellung, die Entbehrungsbereitsschaft - um nur mal ein paar Punkte zu nennen. Stimmt’s da nicht, ist es alleine leichter. ? Was machst du, um das Risiko dennoch möglichst niedrig zu halten?! Nicht groß dran denken! Außerdem defensiv fahren, dass die BMW und ich möglichst unversehrt bleiben. Denn das ist das Hauptkapital. Dann mit so leichtem Gepäck wie möglich reisen, um die Maschine in schwierigen Situationen beherrschen zu können. Aufheben, im Sand oder Schlamm fahren. Obwohl ich da echt schlecht bin. ? Hast Du vorher trainiert?! Ja, als ich sie kaufte, habe ich ein paar Enduro-Lehrgänge gemacht, um mit dem Eimer nach meiner vorherigen XT 500 vertraut zu werden. Und dann bringen die Reisen logischerweise viel Erfahrung. In Afrika musste ich übelste Schlamm- oder Sandpisten bewältigen. Russland war da einfacher. ? Wie hast du die Route ausgesucht? ! Bis zum Ural hatte ich ein paar Einladungen von Motorradfahrern, die ich durchs Internet kennen gelernt und daran die Route ausgerichtet habe. Dahinter führt im Grunde nur noch eine Hauptpiste nach Osten. Da läuft die Transsibirische Eisenbahn entlang und da wohnen die Menschen. ? Wie hast du dich mit denen verständigt?! Ich habe vor der Reise das kyrillische Alphabet gelernt, um wenigstens die Wegweiser lesen und einfache Sätze sprechen und verstehen zu können. Denn es war meine größte Angst, dass es wegen der Sprachbarriere einsam werden könnte. ?Und wurde es das? ! Nein, überhaupt nicht. Für die Anfangskontakte im Internet half die Übersetzungsmaschine und später mein völlig zerlesenes Wörterbuch, dass mir mit den Russen höchst vergnügliche Momente einbrachte. Auf die entsprechenden Begriffe deutend, reichten wir es immer hin und her. Zum Beispiel in einem Feuerwehrauto auf einem Güterwagen der transsibischen Eisenbahn. Die BMW war unter freiem Himmel verzurrt und ich hockte drei Tage (?) bei den Feuerwehrleuten im Führerhaus. Denn es gab keinen Waggon für die Personen und ich konnte sonst nirgends hin. Aber wir hatten eine prächtige Zeit. In größeren Orten hatte ich immer irgendwelche Zettel dabei, die mir Freunde geschrieben hatten und die ich bei der Quartiersuche vorzeigen solle. Keine Ahnung, was da drauf stand. Vielleicht »Junge Frau aus Deutschland sucht Bett für eine Nacht«, oder so was. Weiß der Himmel ...., (lacht) aber es hat funktioniert.?Was war der wichtigste Moment der Reise? ! Vielleicht die Menschen in Wolgograd, früher Stalingrad. Ich hatte Angst davor, in diese Stadt zu kommen, in der 1943 so furchtbar gekämpft worden war. xxx Deutsche und 1,2 Millionen Russen starben dabei. So viel, wie heute dort leben. Jede Familie dort hat Verluste gelitten. Dennoch wurde ich freundlich aufgenommen, bekam das Kriegsmuseum gezeigt und von ihren Großvätern erzählt, die Stalin zum Kämpfen gezwungen hatte. Die tiefe Gastfreundschaft ausgerechnet in dieser Stadt bedeutet mir heute am meisten.

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