Interview mit Nadia Leveque (Archivversion)

Nadia Leveque gehört
zum nationalen Komitee der FFMC (Fédération française
des motards en colère,
übersetzt etwa: französische Vereinigung der zornigen Motorradfahrer) in Montreuil, im Osten von Paris.

Madame Leveque, gibt es eine kurze Formel, mit der Sie die Funktion der FFMC beschreiben können?
Wir sind die Anwälte der Motorradfahrer, seit 25 Jahren.
Ist die FFMC ein Vierteljahrhundert nach ihrer Gründung noch genauso aktiv wie früher?
Mindestens genauso, denn es gibt jede Menge zu tun. Wir haben
25000 Mitglieder in ganz Frankreich, von denen immerhin 6000 Beiträge zahlen – übrigens unsere einzige Einkommensquelle. Wenn wir all jene dazu zählen, die auch die Publikationen unseres Verlags lesen wie »Moto Magazine«, »Starter« sowie unsere Bücher, dann liegt die Zahl der Sympathisanten noch viel höher.
Warum schließen sich französische Motorradfahrer überhaupt der FFMC an?
Vor allem, weil die FFMC niemandem gehört außer den Motorradfahrern selbst, wir sind niemandem verpflichtet. Außerdem bietet eine organisierte Interessenvertretung natürlich Vorteile, etwa unsere Rechtshilfe, zu der 60 Anwälte gehören, die für uns zu günstigeren
Tarifen arbeiten. Vergessen sollte man
darüber hinaus nicht, dass die FFMC
eine bestimmte Lebensphilosophie verkörpert, bei der die Solidarität an erster Stelle steht. Dazu gehört zum Beispiel auch eine Struktur, die sich um verunglückte Motorradfahrer kümmert.
Tat sich die FFMC aus politischen Gründen mit Jean-Pierre Raffarins* konservativer Regierung in Frankreich schwer?
Das kann man so nicht sagen.
Die Hersteller, die jeweilige Regierung und fast alle Mitarbeiter der Motorradbranche in Frankreich haben uns oft
als »Linke« regelrecht verteufelt. Dabei gibt es innerhalb der FFMC Leute fast
jeder politischen Couleur, aber eben mit
einem gemeinsamen Ziel, sich nicht für die Interessen einer bestimmten Gruppe vereinnahmen, sich nicht instrumentalisieren zu lassen.
Die Regierung Raffarin setzte gegenüber den Motorradfahrern auf Verbote und Bußgelder und wollte die Sicherheit auf den Straßen dadurch erhöhen, dass sie eine Lichtpflicht am Tag auch für Autofahrer festschrieb. Raffarin fuhr einfach nur einen Kurs harter Sanktionen, um die hohen Unfallzahlen zu drücken. Über eine effizientere Fahrschulausbildung, ein verbessertes Straßennetz, eine Senkung der Steuern auf Helme oder den Bau von Rennstrecken, wie wir das
fordern – darüber wurde und wird nicht mal diskutiert!
Wir arbeiten auf vielen Gebieten mit Regierungsstellen zusammen und werden das auch weiterhin tun. Wir treffen uns mit den Herstellern und machen Vorschläge, wie man Abgas- und Geräuschentwicklung von Motorrädern reduzieren könnte. Um es noch einmal zu sagen: Wir verstehen uns als Anwälte der Motorradfahrer und möchten auch so behandelt werden.
Und was ist mit der Zusammenarbeit auf europäischer Ebene?
Klar arbeiten wir mit der FEMA, der europäischen Motorradfahrer-Vereinigung, zusammen. Es wäre ja schön, wenn es eines Tages auch ein vereinigtes Europa der Motorradfahrer gäbe – aber dahin ist der Weg noch weit.

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