Interview "Besser öfter mal Pause machen"

Dr. Hanno Schier (58), Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie in Stuttgart, behandelt in seiner Praxis viele aktive Motorradfahrer und ist selbst gerne mit einer großen BMW GS auf längeren Strecken unterwegs.

Foto: Sdun, Daams Archiv
Was passiert beim häufigen Motorradfahren mit dem Körper aus medizinischer Sicht?
Abhängig von der Sitzposition und Fahrweise kann es zu Haltungsschäden kommen. Bei Supersportler-Fahrern sind häufig Rücken und Knie, bei Chopperpiloten Schultern und Ellenbogen, bei Enduristen Knie und Ellenbogen betroffen. Naked Bikes belasten durch den Druck des Fahrtwindes verstärkt Nackenmuskulatur und Halswirbelsäule. Zudem kommt es durch die erforderliche er-höhte Aufmerksamkeit und den Stress im Straßenverkehr unter anderem zur Ausschüttung von Adrenalin. Diese vermehrte Hormonausschüttung belastet den Kreislauf.

Was sind die beim Motorradfahren am stärksten belasteten Knochen, Sehnen, Bänder und Muskeln?
Handgelenke, Schultern, Lendenwirbelsäule, Halswirbelsäule und Knie sind abhängig von Sitzposition und Fahrpraxis stark belastet. Die Sehnen und Muskeln der Rückenstrecker, der Halswirbelsäule, der Ober-schenkel und Arme sind dabei vorwiegend betroffen. Je nach Lenkerstellung werden Handgelenke und damit Unterarme ebenfalls verstärkt beansprucht.

Gibt es Erkenntnisse, ob Haltungsschäden oder starker Verschleiß auf häufiges oder lebenslanges Motorradfahren zurückgeführt werden können?
Über die Entstehung von motorradtypischen Haltungsschäden oder Verschleiß bei Vielfahrern sind mir keine medizinischen Untersuchungen bekannt.

Sollte man bei Bandscheibenproblemen nicht mehr fahren?
Die meisten als "Bandscheibenprobleme" bezeich-neten Rückenprobleme sind muskulärer Art und lassen sich durch entsprechendes Haltungs- bzw. Muskeltraining verbessern. Die bei wirklichen Bandscheibenvorfällen auftretenden Beschwerden sind so stark, dass sich das Motorradfahren von selbst verbietet. Voraussetzung bei Rückenbeschwerden ist eine vernünftige medizinische Untersuchung und Diagnostik, um Risiken abschätzen zu können.

Was sind die häufigsten Fehler von Motorradfahrern beim Umgang mit ihrem Körper?
Vor allem jüngere Fahrer vertrauen auf den Trainingszustand ihres Körpers und kommen leicht in eine Überbelastung, ohne es zu bemerken. Bei älteren Fahrern ist vor allem die Sitz- und Fahrposition ein wichtiges Kriterium, ob und wie stark der Körper beim Fahren belastet wird.

Was empfehlen Sie Motorradfahrern an Prophylaxe oder Training, um körperliche Beschwerden zu vermeiden?
Allgemeine Fitness ist für alle Motorradfahrer eine sinnvolle Voraussetzung. Nicht zu vergessen ist auch ein gewisses Maß an Ausdauertraining, zum Beispiel Fahrradfahren, Joggen, Schwimmen.

Was empfehlen Sie Motorradfahrern an Entspannungsübungen während der Tour?
Das Einplanen von Pausen ist vor allem bei inhomogenen Gruppen mit unterschiedlicher Fahrpraxis ein Muss. Die Ungeübteren fahren oft an der Grenze ihrer Belastbarkeit, um den besseren Fahrern nicht zur Last zu fallen. Rauch- und Tankpausen sind nicht geeignet, dieser Überlastung entgegenzuwirken. Leider ist es wohl uncool, in der Kombi Lockerungsübungen oder Gymnastik zu machen. Ich habe noch nie beobachtet, dass sich Fahrer wirklich sinnvoll lockern und dehnen.
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