Iran (Archivversion) Orient-Express

Neugierig auf ein Land, über das sie nur wenig wußten, reisten zwei Endurofahrer durch den Iran - und entdeckten ein überaus lohnendes Reiseziel.

Ein riesiger Truck schert vor uns auf der Gegenspur zum Überholen aus. Er grüßt uns noch nett mit der Lichthupe. Das Faustrecht siegt, und wir müssen in letzter Sekunde dicht hintereinander mit viel Tempo hinaus auf das Schotterbankett. Eine Handbreit wäre vielleicht noch Platz gewesen. Dann der Wagen, der am Straßenrand hält - und plötzlich ohne jede Ankündigung direkt vor uns wendet. Oder der Kerl, der in aller Seelenruhe mitten auf der Straße an seinem mit Steinen aufgebockten Fahrzeug einen Reifen wechselt, was im dichten Verkehr zu waghalsigen Überholmanövern führt. Die Regeln auf iranischen Straßen sind gewöhnungsbedürftig, es gilt das Recht des Stärkeren. Peter und ich sind uns nicht sicher, ob die zahlreichen Autowracks am Straßenrand vom Kräftemessen oder von Altersschwäche der Fahrzeuge zeugen. In Zukunft wollen wir mit Allahs Hilfe die Klügeren sein und gerne nachgeben. Vorfahrt zu haben ist hierzulande eine trügerische Sicherheit.Von München aus haben wir Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien und die Türkei durchquert und erreichten hinter Gürbulak auf der Fernverkehrsstraße den Grenzort Bazargan. Auf türkischer Seite ging es noch sehr familiär zu. Ein kleiner Junge servierte uns und den Zollbeamten Tee. Die Formalitäten waren rasch erledigt, das ließ uns hoffen, noch bei Tageslicht in den Iran einreisen zu können. Aber auf iranischer Grenzseite gestaltete sich die Prozedur entschieden schwieriger. Die Verständigung machte bereitete Schwierigkeiten, und just in dem Moment, in dem wir glaubten, alles erledigt zu haben, wurden wir zum nächsten Beamten geschickt. Schließlich landeten wir bei einem ranghohen Offizier - und staunten nicht schlecht, auf eine Frau in einer solchen Position zu stoßen. Erst viel später sollten wir erfahren, daß es durchaus nicht außergewöhnlich ist, in einem für arabische Verhältnisse typischen Männerberuf auf das andere Geschlecht zu treffen: Über eine Millionen Menschen verloren im grausamen Krieg zwischen Iran und Irak ihr Leben, und Frauen, die im Krieg die als Soldaten abwesenden Männer ersetzten und ihre Fähigkeiten unter Beweis gestellt hatten, durften später trotz der konservativen Regierung diese Berufe weiter ausüben.Nachdem die Beamtin den letzten Paßeintrag vorgenommen hatte, ließen wir erleichtert den Grenzübergang hinter uns und befinden wir uns nun einem Land, über das wir beinahe nichts wissen - was wir nicht nur bei den Verkehrsregel spüren, sondern auch bei unserem ersten Tankstopp. Im Umgang mit der Währung, dem Rial, noch reichlich unerfahren, zeigt zu unserem Unbehagen die Zapfsäule nur Liter an, die Preisangabe fehlt. Wir lassen unsere Tanks füllen, zweimal 18 Liter. Wieviel es denn kostet, fragt Peter. Mit dem Finger malt der Tankwart 2000 auf die staubige Glasscheibe, umgerechnet 1,20 Mark - also drei Pfennig pro Liter. Wie es scheint, sind wir durch den Umtausch von 150 Mark reiche Leute geworden, denn auch Lebensmittel sind extrem billig. Für umgerechnet eine Mark bekommen wir Tomaten, Äpfel, mehrere Fladen Brot und zwei Dosen Thunfisch. Für unsere Verhältnisse das reinste Schlaraffenland.Tabriz ist die erste große Stadt, die wir im Iran ansteuern. Fast eine Millionen Menschen leben hier. Der Verkehr übersteigt unsere Vorstellung von Chaos. Wir müssen all unser Können aufbieten, um die Motorräder durch die verstopften Straßen hindurch zu manövrieren und verlieren die im Großstadtdschungel die Orientierung. Vom Strom der vielen Fahrzeuge mitgerissen, lassen wir uns in Richtung Südosten treiben. Wir vermuten, daß die Mehrheit der Verkehrsteilnehmer nach Teheran will. Tatsächlich taucht irgendwann das erste Hinweisschild auf: Miyane, 170 km. Die Richtung stimmt. Nach und nach verschwindet Tabriz im Rückspiegel. Die Reizarmut der Landschaft ringsum ist Balsam für unsere strapazierten Nerven. In der untergehenden Sonne erscheinen die baumlosen Hügelketten besonders anmutig.In aller Frühe brechen wir am nächsten Morgen wieder auf. Es ist klirrend kalt, von der Sonne noch keine Spur. Von Teheran trennen uns noch 400 Kilometer, und die letzten 100 Kilometer legen wir auf einer gut ausgebauten Autobahn zurück. Kurz vor der Hauptstadt engagieren wir einen Taxifahrer, der uns durch die Stadt lotsen soll. Wir müssen zur Deutschen Botschaft, um nachgeschickte Dokumente in Empfang zu nehmen. Dem Taxi folgend, erscheint uns der Verkehr gar nicht schlimm. Obwohl Tür an Tür gefahren wird, herrscht eine fast schon entspannte Stimmung, entpuppt sich das scheinbare Verkehrschaos als äußerste dizipliniertes Fahrverhalten auf engsten Raum. Niemand besteht auf sein Vorfahrtsrecht - und niemand regt sich auf, als wir in entgegengesetzter Richtung durch eine Einbahnstraße fahren. Die Deutsche Botschaft allerdings empfängt uns mit verschlossenen Türen. Heute ist Freitag, und das entspricht unserem Sonntag.Am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg zur Post, um Briefe aufzugeben. Im Gedränge herrscht großes Interesse an den merkwürdig gekleideten Fremden. Nach ein paar Minuten werden wir sogar in den rückseitigen Innenhof des Postamtes gebeten und zum Essen eingeladen. Ein Laufbursche wird geschickt, und kurz darauf stehen warmes Fladenbrot und verschiedene Schüsseln auf dem provisorischen Tisch. Wir werden aufgefordert, es unseren Gastgebern nachzutun und das Brot in eine rote, würzig riechende Chilli-Soße zu tunken. Die gespannten Gesichter verziehen sich zu einem Lächeln - aber weil wir trotz des höllisch scharfen Gerichts keine Miene verziehen, verläuft dieser kulinarische Test zu unseren Gunsten. Als wir das Postamt verlassen, sind wir zwar weiterhin Ungläubige, aber eben ungläubige Freunde.Auf dem Rückweg zu unserer Unterkunft passieren wir einen kleinen, farbenfrohen Bazar. Bananen, Granatäpfel, Melonen, Birnen, Äpfel, Trauben, Kiwis, Datteln und Feigen werden fein säuberlich gestapelt und nach Farben sortiert präsentiert. Dann unzählige Stände mit frischem Fisch und Schalentieren. Es scheint an nichts zu fehlen. Zufällig lernen wir den Gemischtwarenhändler Reza kennen. Bei ihm gibt es einfach alles: Nutella, Persil, Maggi-Suppen, Prinzenrollen und Haribo aus Deutschland; kaltgepreßtes Olivenöl, Barilla-Nudeln und Lavazza aus Italien; Evian und Camenbert aus Frankreich; Liptontee und Rosinengebäck aus England. Befreundete Flugzeugkapitäne würden ihn mit den begehrten Waren versorgen, erklärt uns Reza und lädt uns spontan für den Abend zum Essen ein.Pünktlich zum vereinbarten Zeitpunkt treffen wir uns im Restaurant, welches für uns von außen als solches nicht erkennbar ist. Reza und sein Bekannter Ramin sind sehr interessiert an unserem Alltagsleben in Deutschland. Sie wollen Einzelheiten über unseren Staat wissen, ob wir an Allah glauben und vieles mehr. Wir erfahren später in leisen und vorsichtig gewählten Worten, daß entgegen unserer ersten positiven Eindrücke vieles sehr im argen läge. Die wirtschaftliche Situation sei sehr schlecht und die Inflation hoch. Demokratie und Freiheit? Nicht im Iran. Aus dem Grund stünde ein Großteil der Bevölkerung längst nicht mehr hinter ihrer Regierung, aber eine Opposition könne sich unter einer alles beherrschenden Diktatur durch die Geistlichen, Polizei, Geheimdienst und konservative Revolutionswächter nicht bilden. Dann schweigt Reza eine Weile. Er hat uns schon viel zu viel davon erzählt, was Fremde eigentlich nicht hören sollen.Unverichteter Dinge verlassen wir am nächsten Tag die Deutsche Botschaft. Die Dokumente sind noch immer nicht angekommen. Aber wir wollen nicht mehr warten und verlassen Teheran in Richtung Qom. Gegen Abend erblicken wir von einer Anhöhe aus die nach Maschad zweitgrößte Pilgerstätte im Iran. Die Stadt ist seit Generationen ein Zentrum führender religiöser Persönlichkeiten, und auch Ayatollah Khomeini lehrte hier an der theologischen Hochschule. Im Glanz der untergehenden Sonne staunen wir von unserem erhöhten Aussichtspunkt über das goldene Grabmal der Fatima-e Masumeh, der Schwester des Propheten Mohammed, das alle anderen Gebäude weit überragt. Peter kann sich von dem prächtigen Anblick kaum losreißen, aber weil unsere Transit-Visa nur einen zweiwöchigen Aufenthalt im Iran gestatten, müssen wir unsere geplanten Tagesetappen einhalten.Ausgerechnet in der Dunkelheit gibt mein Scheinwerferlicht den Geist auf. Bis zum nächsten Ort sind es noch viele Kilometer. Wir biegen in einen Feldweg ein, um uns auf einem Feld einen ruhigen Schlafplatz zu suchen. Aber kaum, daß wir in den Schlafsäcken liegen, hören wir Stimmen ganz in der Nähe. Schließlich flackert ein Lagerfeuer, und im Schein mehrerer Lampen entdecken wir eine Gruppe von Landarbeitern, die über unsere Anwesenheit genauso überrascht sind wir über ihre. Mit Knüppeln und Schaufeln bewaffnet machen sie sich in unsere Richtung auf - wir haben anscheinend den Hausfrieden gestört. Die Situation ist angespannt, aber nach einer gestenreichen Diskussion herrscht bald wieder Ruhe. Es scheint für sie eine Ehre zu sein, daß deutsche Gäste auf ihren Feldern übernachten wollen.Nach kurzer Fahrt erreichen wir die Stadt Yazd, die in einer der heißesten Regionen des Iran liegt. Da die Temperaturen im Sommer häufig über 40 Grad liegen, haben sich die Einwohner etwas Besonderes einfallen lassen. Es sind die weithin sichtbaren Windtürme aus Lehm, die oben zu allen vier Seiten schmale, längliche Öffnungen aufweisen. Durch diese werden selbst die kleinsten Luftströmungen eingefangen und in die darunterliegenden Wohnräume geleitet - eine gut funktionierende Vorrichtung, die selbst bei größter Hitze für angenehme Temperaturen in den Häusern sorgt.Der weitere Weg führt uns nach Kerman. Als wir dort halten, sind wir sofort von einer riesigen Menschenmenge umgeben, die laut auf uns einredet. Während Peter bei den Motorrädern bleibt, renne ich mit unzähligen Begleitern im Schlepptau durch ein paar Geschäfte, um Lebensmittel zu besorgen. Möglichst schnell wollen wir dem Lärm und der Hektik entfliehen und fahren weiter. Die Straße führt durch eine herbe Berglandschaft und überquert schließlich einen Paß in eine Höhe von über 2000 Metern. Wir frieren erbärmlich, als wir uns neben der Piste einen Platz zum Schlafen suchen. Zum ersten mal während dieser Reise fällt das Thermometer unter null Grad.Während der ersten Kilometer am nächsten Morgen tragen wir dicke Winterhandschuhe und Sturmhauben. Es dauert, bis die wärmende Sonne sich gegen die eisige Kälte durchsetzen kann und wir endlich die Oase Bam erreichen. Großzügige Orangen- und Dattelpalmgärten säumen die Wege durch die Siedlung, in deren Nähe auf einer Anhöhe die mittelalterliche Lehmfestung Arg-é Bam liegt, die bereits im 11. Jahrhundert erbaut wurde und heute noch nahezu unverändert erhalten ist. Gewaltige braune Mauern, dahinter eine Unzahl an Gassen und Gängen, die durch eine Geisterstadt führen. Nach einer Überlieferung liegt ein Fluch über dieser Festung. Die einstigen Bewohner flohen bereits vor Jahrhunderten, und Eroberer wie Neusiedler machten der Verwünschung wegen ebenfalls einen weiten Bogen um diese Stadt, so daß das alte Gemäuer weder zerstört noch neu aufgebaut wurde.Unsere letzte Etappe führt uns durch trostloses Wüstengebiet. Kilometer um Kilometer fahren wir im Nichts. Kein anderes Fahrzeug weit und breit. Nur ab und zu passieren wir besetzte Wachtürme, werden von den gelangweilten Soldaten immer wieder streng kontrolliert. Wir - und besonders unsere Motorräder - sind eine willkommene Abwechslung in ihrem eintönigen Dienst.Überhaupt scheinen sich Touristen nur sehr selten in diesen Teil des Landes zu verirren. Das spüren wir auch in Zahedan, wo wir uns nochmals mit Lebensmitteln eindecken wollen, bevor wir die Grenze nach Pakistan überschreiten. Überraschte und staunende Gesichter und freundlich winkende Kinder, als wir die Motorräder abstellen. In der Bäckerei wird uns sogar das Fladenbrot geschenkt, und ein Mopedfahrer wirft uns im Vorbeifahren einen frischen Granatapfel zu.Vollgetankt und die restlichen Rials für Kekse ausgegeben, machen wir uns auf die letzten Kilometer im Iran, einem Land das für die meisten nur aus einer Transitstrecke zwischen der Türkei und Pakistan zu bestehen scheint, die in möglichst kurzer Zeit zu bewältigen ist. Gerne hätten wir unsere Visa noch einmal verlängert, doch dafür ist es jetzt zu spät. Im Umgang mit den Militärs inzwischen geübt, passieren wir problemlos die letzten Kontrolposten.

Artikel teilen

Aktuelle Gebrauchtangebote