Irland (Archivversion) WETTER-FEST

Sprunghafte Wetterwechsel sind in Irland an der Tagesordung. Leider, sagen die einen. Gut, sagen die anderen, denn gerade die oft stürmischen Elemente sorgen für die Stimmungen, die den besonderen Reiz des Landes ausmachen.

Regen. Aber nicht irgend ein Regen, sondern irischer, der etwas Besonderes ist. Er hat etwas sanftes, er weicht Wege auf und wäscht mitgebrachte Gedanken ab, er sorgt für rutschige Straßen und volle Pups, er treibt Schafherden zu riesigen Wollknäueln zusammen und liefert das Wasser für den besten Whiskey überhaupt, er dämpft jedes Geräusch und verschleiert den Blick, und er läßt einen Motorradfahrer die Frage stellen, was er hier eigentlich macht. Fast jeder hatte mich gewarnt. Nach Irland? Mit dem Motorrad? Dorthin, wo die lästige Regenkombi zur ständigen Begleiterin wird? Die ersten Stunden auf der Insel bestätigen diese Prognose.Doch auf einmal lichtet sich das Grau, und die Silhouette des Rock of Cashel steht in hellem Licht vor mir. Die Kirchenruine, auf einem hohen Hügel am Nordrand des Ortes thronend, zählt wegen ihrer exponierten Lage zu den beeindruckendsten Ruinen des Landes. Hier wurden Könige gekrönt und Kirchengeschichte geschrieben. Mir genügt ein kurzer Blick, dann lenke ich die Honda hinunter nach Süden. Erst an den Galty Mountains vorbei, dann über einen Paß, der den Blick weit über das Land fallen läßt, quer durch die Knockmealdown Mountains nach Midleton, wo sich alles um Whiskey dreht und im Museum der Jameson Distillery der größte Kupferbrennkessel der Welt steht. Über 60000 Liter faßt er.Der irische Whiskey soll feiner im Geschmack sein als der schottische, erfahre ich vor Ort. Das läge daran, daß das Malz rauchfrei getrocknet und die vergorene Würze gleich dreimal destilliert wird. Irlandreisende sollten so etwas wissen, denn wer irischen Whiskey lobt, der lobt Irland. Und wer Irland lobt, der findet schnell Freunde. Vermutlich ist der gute Geschmack der Grund, weshalb die Hälfte der irischen Whiskeyproduktion im Land selbst verbraucht wird. Vielleicht hatte sogar die Titanic einige Flaschen Jameson an Bord, als sie mitten im Atlantik auf ewige Tauchstation ging. Ihr letzter Ablegehafen auf dem Weg ins Verderben lag jedenfalls nur zehn Kilometer von hier entfernt im Hafen von Cobh.Am River Lee entlang rausche ich in Richtung Südwestküste. Kurve an Kurve. Die Africa Twin legt sich von links nach rechts und von rechts nach links. Das Land wird herber, und auf halbem Weg um die Beara-Halbinsel steigt der Healy-Paß quer über die Berge. Abrupt ändert sich das Landschaftsbild. Bereits nach wenigen Höhenmetern ist die üppige, überschwengliche Vegetation hochalpiner Flora gewichen. Nach einem Meer von Farnen überziehen nur noch bunte Flechten wie abstrakte Muster den Fels und die umliegenden Berghänge. Auf dem weiteren Weg hinaus an die westlichste Spitze Bearas, wo eine Seilbahn zu einer vorgelagerten Insel führt, erstrecken sich wieder die Weideflächen der Schaffarmen mit ihren kilometerlangen Hecken und Steinmauern. Sattes Grün, wohin man schaut. Enzige Farbtupfer sind die bunt bemalten Häuser entlang der Küstenstraße im Norden der Halbinsel und in der kleinen Ortschaft Eyeries. Dort allerdings glänzt nur eine Dorfhälfte in leuchtenden Tönen, während der andere Teil einen eher tristen Eindruck macht. Der Besitzer eines Antiquitätenladens weiß den Grund. Vor den Dreharbeiten für eine englische Fernsehserie wurden diese Häuser extra neu gestrichen - in Grau. Ein gut bezahltes Zubrot für die Bewohner in dieser Ecke Irlands, in der es nicht gerade leicht ist, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.Vorbei an Kenmare folge ich dem Ring of Kerry, wie die panoramareiche Küstenstraße um die Iverag-Halbinsel genannt wird. Dieser Region wird das mildeste Klima Irlands zugeschrieben. Trotz des Nebels, der alles umfängt, ist es angenehm warm. Der Golfstrom spült ununterbrochen warmes Wasser in die irische See, so daß die Temperaturen selbst im Winter kaum unter den Gefrierpunkt fallen. Diese Mischung aus Wärme und Feuchtigkeit schafft geradezu tropische Verhältnisse. Die Straße ist von grünen Blättertunnels überwuchert, Baumstämme sind mit dickem Moos gepolstert, und an den Steinmauern ranken üppige Kletterpflanzen. Einige Kilometer hinter Kenmare wachsen sogar Palmen am Straßenrand. Es herrscht eine eigenartige Stimmung, bis sich der Nebel nach einer Weile für ein paar Minuten verzieht. Die unglaublich grünen Wiesen grenzen an das dunkle Blau der See, und weit draußen kann ich die steilen, 200 Meter hohen Felsen der Klosterinsel Great Skellig ausmachen, auf dem Eremiten-Mönche bereits vor 1300 Jahren über 600 Stufen in den Fels schlugen, ein paar einfache Steinhütten und eine dem Erzengel Michael geweihte Kirche errichteten. Noch bis ins 12. Jahrhundert wurde diese winzige Insel von zahlreichen Pilgern aufgesucht.Im Inneren der Iveragh-Halbinsel werden die Straßen eng, fast schon einspurig. Kaum jemand ist unterwegs, dafür - oder gerade deswegen - grüßen sich Entgegenkommende hier um so herzlicher. An den oft winzigen Farmhäusern wird deutlich, daß in Irland nicht jeder vom wirtschaftlichen Aufschwung der letzten Jahre seinen Teil angekriegt hat. Doch diese Gegend begeistert. Es geht kurz durch dichte Wälder, was in Irland eine Ausnahme ist, dann breitet sich hinter dem Ballaghisheen-Paß erneut eine weite, baumlose Ebene aus. Ein Tal voll feuchter, sumpfiger Torflandschaft, von spärlichen Graswuchs in unzähligen Farbnuancen überzogen.Nur ein paar Schafe, die von ihren Besitzern mit bunten Farbtupfern gekennzeichnet wurden, ziehen über den sumpfigen Grund. Es ist zu schön, um einfach weiterzufahren. Etwas oberhalb des Caragh-Sees suche ich mir einen Platz fürs Zelt. In dieser abgeschiedenen Gegend stört sich niemand an einem wilden Camper.Der nächste Tag gehört der Dingle-Peninsula, die nördlichste der großen Halbinseln, die noch einen Tick grüner erscheint als die Gegend, durch die ich gestern gefahren bin, und die sämtliche Klischeevorstellungen von Irland scheinbar zu übertreffen versucht. Bis zur Ortschaft Dingle, in deren Bucht seit zwölf Jahren ein handzahmer Delphin lebt, rausche ich über weitgeschwungene Kurven Der 953 Meter hohe Brandon Mountain, der zweithöchste Berg Irlands dominiert den Blick, bis der Weg durch eine herbe und zerklüftete Landschaft aus Fels und Stein führt, in der nur ab und zu ein Haus oder eine Wiese auszumachen sind. Doch dieser Landstrich war schon früh besiedelt. Bereits vor über 1000 Jahren errichteten Mönche und Bauern aus flachen, aufgeschichteten Steinplatten kuppelförmige Hütten, die an umgestülpte Bienenkörbe erinnern. An einigen Hängen sind heute noch die Überreste dieser sogenannten »Beehive-Huts« zu sehen. Schließlich parke ich die Honda am Slea Head. Der aufgewühlte Atlantik brandet gegen dunkle Klippen, und weit draußen leuchten die roten Sandsteinfelsen der westlichsten Inseln Irlands, den Blasket Islands.Wieder unterwegs, rausche ich über den Connor-Paß, die einzige Verbindungsstraße zwischen der Süd- und der Nordküste der Dingle-Peninsula. Die Strecke steigt sanft an. Nichts Atemberaubendes wie in den Alpen, aber von der Paßhöhe ein Blick über eine Urlandschaft. Zwischen den schroffen Felsen zahllose kleine Seen und etwas weiter erstrecken sich unheimlich wirkende Torflandschaften. Allerdings ist das Ganze wie Farbfernsehen mit schlechtem Empfang. Für Minuten ist das Bild klar bis hinunter zur Meeresküste, um innerhalb von Sekunden griesig hinter Nebelschleiern zu verschwinden. Bis der Empfang ganz ausbleibt. Im Schrittempo manövriere ich die Honda vom Paß hinunter. Nur ein paar Kilometer weiter begleitet mich auf dem Weg in Richtung Doolin wieder strahlender Sonnenschein.Kurz vor dem kleinen Ort zeigt sich Irlands Küste von ihrer spektakulärsten Seite. Zweihundert Meter tief stürzen die Klippen von Moher ins Meer, schwarze Steilwände über eine Breite von sechs Kilometern. Und dieses Mal habe ich Glück. Nach einer Stunde Wartezeit im dichten Nebel schiebt der Wind die Suppe einfach beiseite, und es gibt Fernsehempfang vom Feinsten.Vom Finsten ist auch die Live-Musik im O´Conners in Doolin. Ein Ort, bei dem Anfang und Ende nicht genau auszumachen sind, es der Pub, der zugleich der Dorfladen ist, gilt laut Reiseführer als erste Adresse für irische Folkmusik. Abend für Abend versammeln sich die Bewohner des Dorfes und der umliegenden Höfe in den gemütlichen Räumen, und immer ist jemand mit Fidel und Pfeife zugange. Als ich dort ankomme, wird gerade der Takt von drei jungen Damen und einem alten Iren angegeben. Die Stimmung im Pub wird von Minute zu Minute ausgelasserer, und das liegt neben der Musik wohl auch am dunklen Guinnes, das Pint um Pint über die Theke gerreicht wird. »Guinnes is good for you« steht auf einer Leuchtreklame, die über dem Thresen hängt, und alle Anwesenden scheinen von dieser Botschaft überzeugt zu sein. Bis der Wirt lautstark die Polizeistunde verkündet.Direkt hinter Doolin beginnt der Burren, die vermutlich unwirtlichste Region des Landes. Auf dem Weg nach Galway fahre ich durch eine zerfurchte, weißgraue Karstlandschaft, von Wind und Wetter gezeichnet und nahezu vegetationslos. Nur in den geschützten Felsspalten, den »grikes«, die quer über die Hochebene verlaufen, wachsen Gräser, Farne und sogar Orchideen. Erst unten in der Galway-Bucht zeigt sich Irland wieder von seiner grünen Seite. Innerhalb weniger Minuten verschwindet die Sonne wieder hinter dunklen Regenwolken, und ich flüchte in den nächsten Pub. Urgemütlich ist es im »Quay«. Der Raum ist dem Innendeck eines alten Schiffes nachempfunden und voller Antiquitäten aus der Seefahrt. Fast schon ein Museum, in dem es auch etwas zu trinken gibt. Und das Wetter vor der Tür ist ein Grund, gleich damit anzufangen.Auf dem Weg hinauf nach Connemara halte ich in Maam Cross, einem Ort, der nur aus einer Tankstelle und einem Restaurant besteht. Am Straßenrand parken unzählige Autos mit großen Hängern, und ich erfahre vom Tankwart, daß heute hinter seinem Gebäude eine Viehauktion stattfände. Von überall her seien die Bauern gekommen, um mit Rindern und Schafen zu handeln. Der Reihe nach werden die Viecher vorgeführt und begutachtet, werden das Fell und die Zähne geprüft, bis schließlich der Auktionator den Handel eröffnet. Der Mann spricht so schnell, daß ich kaum ein Wort verstehe. Immer wieder wiederholt er das letzte Angebot, um den Preis in die Höhe zu treiben. Irgendwann fällt der Hammer, wechseln Geldscheine die Besitzer, werden Kaufverträge mit einem Handschlag besiegelt. Mit grinsenden Mienen verfolgen die Anwesenden die Prozedur. Gesichter, die aus irischen Urgestein gemeißelt scheinen. Kantige, wettergegerbte Charakterköpfe, in denen die Geschichten zu lesen sind, die nur ein rauhes Leben schreibt.Hinter Leanane, daß in den Connemara-Bergen liegt, erstreckt sich eine endlose Torflandschaft. Dieser Teil Irlands gehört zu den ärmsten Regionen des Landes, und die Torfsoden, die ab und zu neben der Straße zum Trocknen liegen, dienen im Winter noch immer als Brennmaterial für die Öfen. Armut und Arbeitslosigkeit hatten bereits im 17. Jahrhundert diesen Landstrich nahezu völlig entvölkert. Eine Zeit, in der die große Hungersnot Tausende hinwegraffte und viele Iren aufgrund der auswegslosen Lage in andere Länder auswanderten. Auf kleinen Straßen fahre ich langsam in Richtung Sligo. Einfache Häuser, kleine Bergkuppen, wild wuchernde Wiesen mit leuchtenden Blumen. Nach der rauhen Küste wirkt das Land der Grafschaft Sligo wie die Ruhe nach dem Sturm.Kurz vor dem Seengebiet des Upper Lough Erne reise ich nach Nordirland ein. Am Übergang, der bis vor kurzer Zeit wie eine Grenze gesichert und vom britischen Militär kontrolliert wurde, erinnert nichts mehr an die schmerzhaften Konflikte, die jahrzhente für traurige Schlagzeilen sorgten. Ortsnamen wie Londonderry, Omagh oder Belfast lassen in mir Bilder von ausgebrannten Bussen, von Straßenschlachten und Terroranschlägen wachwerden, welche im Zuge der momentanen Verhandlungen hoffentlich endgültig der Vergangenheit angehören. Die Fahrt durch die einsamen Sperrin Mountains und weiter entlang der atemberaubenden Küstenstrecke im Nordosten an den »Glens of Antrim« läßt ohnehin alles vergessen. Eng und kurvig führen die Wege durch eine grüne Hügellandschaft zu den über 40000 Orgelpfeifen ähnlichen Basaltsäulen des Giants Causeway, zu den kilometerlangen Sandstränden der White Bay oder nach Bushmills, wo sich die älteste Whiskey-Brennerei der Welt befindet, die bereits seit 1608 im Geschäft ist. Schließlich die Strecke, die hinter Ballycastle zum Torr Head abzweigt. Der Weg zum Kap ist noch einen Tick schmaler und Achterbahn ähnlicher und wie zum Motorradfahren geschaffen. Hier niste ich mich in einem Privatzimmer mit Blick auf das Meer ein und fahre auf einem schmalen Feldweg noch ein Stück entlang der sonnenbeschienenen Küste und lasse die friedliche Stimmung auf mich wirken. Ob Nordirland jemals Frieden finden wird? Ich wünsche seinen Bewohnern nichts mehr als das.

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