Isle of Man (Archivversion) Der heilige Gral

König Artus stammt von der Isle of Man? Wird seit neuestem behauptet. Artus und seine Ritterbande waren nur auf eines scharf: den heiligen Gral. Er soll himmlisches Glück
verleihen. Nur der Reine kann ihn finden. Ob da 60 blitzsaubere Rennkilometer reichen?

Mike und der GralNorbert – unser Redaktionslexikon – hatte mich gewarnt. »Schreib bloß nichts über Mythen, das will keiner lesen.« »Isle of Man?« Testchef Ralf ist ganz außer sich. »Gar nichts sollte man darüber machen. Bei der Tourist Trophy fährt der Tod mit, das ist Wahnsinn pur.« Ich gebe zu, ich war schwer am Grübeln, als mir Mike N. über den Weg lief. Nun sollte man wissen, dass Mike in Kombination mit Motorrädern schon so ziemlich alles widerfahren ist. »Mike, warst du schon einmal auf der Isle of Man?« »Ja, aber ich fahr’ nicht mehr hin« »Wieso?« »1993 die TT, das kann man nicht mehr toppen.« Ich kombiniere: Entweder bunkert Mike diesen Gral in seiner Garage und all die jährlich zigtausend Besucher und Rennfahrer suchen um-sonst – oder es gibt da noch etwas anderes. Ich muss hin. Auf jeden Fall.Die InselGehören Sie zu den Wiederholungstätern, die jedes Jahr ihren Inseltrip in die Irische See unternehmen? Gratulation, aber auch Sie dürfen gerne weiter lesen. Sind Sie aber einer dieser Zauderer, die eigentlich ja schon mal ganz gerne und überhaupt zur TT möchten, so gilt es, zwei Dinge zu beachten. Erstens, was sie niemals sagen sollten: »Ja, ja, ich weiß, was da abgeht, ich habe vor Jahren in der Glotze so eine Reportage gesehen...« Zweitens, was sie nunmehr wissen sollten: Jetzt können Sie gar nichts falsch machen. Gut, wenn Sie Douglas ansprechen, die Hauptstadt der Insel mit ihren 25000 Einwohnern: Ansichtssache, ob man das Bushy’s-Zelt samt lärmenden Gästen und Rahmenprogramm für legendär oder unvermeidlich hält. Falls nein, nur ein paar Schritte weiter findet sich leicht ein ordentlicher Pub nebst musikalischer Untermalung. Hier gibt’s alles – Trubel und Gelassenheit. Man muss nur wissen, was man will. Sagt das Kalenderblatt »rennfrei«, prima, ab und über die Insel düsen. Wenn Sie durch Ortschaften wie Port Erin, Castletown, Laxey oder Peel fahren, sollten alte Gemäuer, ruhige Buchten, geschwungene Landstraßen, Klippen, Schluchten, Berge, allerlei Getier, blökendes zumal, freundliche Inselbewohner, Hecken, Friedhöfe, Schiffe, Leuchttürme, Bahnlinien und Pubs den Weg säumen. Wenn nicht, sind Sie auf der falschen Insel.Die Rennstrecke17 Minuten und 47 Sekunden. Ja, und? Das Ganze für 60,7 Kilometer. Hmm. Komplett auf öffentlichen, kurz vor Training oder Rennen gesperrten Landstraßen. Über Berge und durch Ortschaften. Durchschnittsgeschwindigkeit über 200 Kilometer in der Stunde. Und mit Abschnitten, die so langsam sind, dass die Fahrer mit schleifender Kupplung im ersten Gang am Lenkeinschlag um die Ecke eiern. Rührt sich bei Ihnen immer noch nichts? Halt, stopp, probieren wir es anders. Stellen Sie sich einen Fahrsimulator vor. Sie steigen auf dieses mitwackelnde Motorradmodell, ihre Kumpels schauen zu. Die Fahrt beginnt bei Start und Ziel in Douglas. So eine gemachte Tausender marschiert furchtbar. Der Film läuft an, sie befinden sich mitten in der Ortschaft. Gas! Schnell durchschalten, sechster Gang, Vollgas. Wenn das Video wackeln sollte – geht in Ordnung, Bodenwellen. Ein leichter Linksknick, wenn Sie voll draufbleiben, hebt das Motorrad in leichter Schräglage über beide Räder ab. Ninian’s junction. Ab jetzt völliger Tunnelblick, Bordsteine rechts und links, immer noch Ortschaft, steil abfallende Straße, Wohngebiet. Wenn Sie noch erkennen können, wohin es geht, haben sie in der Senke von Bray Hill knapp 270 Sachen auf der Uhr. Brutale Kompression, weiter! Was ist das? Nur Himmel auf der Leinwand? Achtung! Landung! Game over bei Ago’s Leap.»Slippery Sam«Es gibt eine Menge Garagen und Hinterhofwerkstätten in Douglas – Basislager der großen Teams für ihren fast dreiwöchigen Aufenthalt auf der Insel. Gut versteckt und ohne Publikum. Anfang der siebziger Jahre hatte die englische Marke Triumph ihren letzten erfolgreichen Auftritt in einer solchen Unterkunft. Mit einem Werksmotorrad. Fahrer wie Mick Grant prügelten den »Slippery Sam« getauften, luft-gekühlten 750-cm3-Dreizylinder um den Mountain Circuit und gewannen 1974 in der Production TT, einer von insgesamt neun Rennkategorien – derzeit. Die Garagen sind geblieben, aber es mussten fast dreißig Jahre ins Land gehen, bis Triumph mit einer 600er- Daytona zur Junior TT zurückkehrte. Jack Valentine, Engländer und Teamchef des ValMoto Teams, steht am Tag vor dem Rennen in seiner Werkstatt. Die Anspannung ist ihm anzumerken. »Ich fühle mich eher wie der Nationaltrainer eines Fußballteams.« Jack trägt die Verantwortung für den Werkseinsatz von Triumph in der britischen Supersport Meisterschaft und für die Rückkehr zur TT. Es wird geklotzt bei Triumph. Jede Menge piekfeines Material, Werkzeug und Zubehör. Drei echte TT-Helden sind als Fahrer genannt: John McGuinness, Jim Moodie und Bruce Anstey, jeder mit mindestens einem Sieg auf dem Inselkonto. Teambesprechung: Wie läuft der Tankstopp ab? Wann Helm-, wann Visierwechsel?« Was zeigen die drei Signalgeberteams wo am Kurs den Piloten? Ohne ein Wort zu wechseln, trainieren sie die einzelnen Abläufe. »Was ist denn dran am Gerücht von den ominösen 90 Prozent, mit denen sich die Fahrer bei der TT angeblich begnügen?« frage ich Jack. »Bullshit«, kommt’s subito zurück. »Die Siegfahrer geben immer 100 Prozent, gerade an den schnellen und fiesen Stellen.«Vier Runden stehen an diesem Mittwoch auf dem Programm. Im Zehn-Sekunden-Abstand werden die Zweirad-Cracks auf ihr Einzelzeitfahren geschickt. Während des Rennens und vor allem während des Tankstopps herrscht fast schon gespenstische Stille, alles wirkt wie in Zeitlupe. Dramatik erzeugen die Kommentatoren von Radio TT. Triumph gelingt der Coup: Bruce Anstey, der Neuseeländer, dessen Mutter von der Isle of Man stammt, gewinnt mit 11 Sekunden Vorsprung vor Ian Lougher und Adrian Archibald.Die FahrerLaut Statistik kommt bei den Bergsteigern von jener illustren Klientel, die einen Achttausender bezwingen möchte, jeder Vierte nicht mehr zurück. Von einer Wiedergeburt sprechen sie, wenn sie unten sind. Irgendwie sind die Racer auf der Man wie diese Bergsteiger. Das Unheil passierte am Donnerstag in der Trainingswoche. David Jefferies, charismatische Lichtgestalt und Rundenrekordhalter der Tourist Trophy, verlor bei einem Vollgas-Horrorcrash im Streckenabschnitt Crosby sein Leben. Gerade noch bremsen vor der Unfallstelle konnte Davids bester Freund John McGuinness. Der meinte später: »David muss auf Öl gekommen sein, er hatte keine Chance, die Szenerie erinnerte mich an einen Kriegsschauplatz, alles zerfetzt, ich war völlig geschockt und ging.« Jim Moodie, ebenfalls auf einer schnellen Runde unterwegs, konnte nicht mehr stoppen, donnerte in die Unfallstelle. Und voll in ein Telefonkabel, dessen Masten Jefferies’ Maschine gefällt hatte. Das Kabel strangulierte Moodie, riss aber wegen der hohen Geschwindigkeit, und der Schotte überlebte wie durch ein Wunder.Ruhig, mit viel Respekt und Würde ehren sie bei der TT die Toten. Die Eltern von David Jefferies wünschten sich ausdrücklich, dass die TT weiterläuft und verfolgten die Rennen via Internet. Viele weinten, Jim Moodie flog kurz nach Hause und kippte sich einen hinter die Binde. Was übrigens die meisten taten. John McGuinness sprach lang mit den Eltern von Jefferies, schließlich war David nicht nur sein Freund, sondern gleichzeitig Patenonkel seines Sohnes. Am nächsten Morgen donnerte McGuinness Vollgas an der Unfallstelle vorbei. »Das Einzige, was hilft. David hätte es genauso gemacht.« Die Beerdigung von David Jefferies fand an einem Freitag, den 13. statt. »Wenn David das gehört hätte«, meinten seine Eltern, »er hätte sich schlapp gelacht.« Manchmal ist er eben pechschwarz, der britische Humor.

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