Italien (Archivversion) Land der Motoren

Im Bologneser Apennin werden faszinierende Motorräder gebaut, gibt es herrliche Kurven und einmal im Jahr sogar ein historisches Bergrennen. Kein Wunder, daß MOTORRAD-Korrespondentin Eva Breutel ausgerechnet ihren Wohnsitz hat.

Na klar geht das”, sagt Bruno Nigelli, Präsident des Bologneser Motorradclubs Ruggeri. »Wenn Motorradfahrer aus Deutschland kommen, dann freuen wir uns, wenn sie bei uns mitfahren.” Bei uns – das ist das Bergrennen Vergato-Cereglio, das der MC Ruggeri jedes Jahr im Sommer für klassische Straßen- und Rennmotorräder ausrichtet. Die historische Bergrennstrecke liegt rund 30 Kilometer südlich von Bologna, dem Hauptquartier von Ducati, Malaguti, Italjet, Minarelli, Franco Morini, Malossi und Paioli, um nur einige zu nennen. Doch trotz dieser Fülle von Zweiradschmieden, die der Gegend den Namen »Land der Motoren” eintrug, finden bislang nur wenige Motorrad-Touristen aus Deutschland hierher in die Region Emilia-Romagna.Dabei lohnt die bergige Landschaft südlich von Bologna und Modena sowohl einen Abstecher auf der Durchreise wie auch einen längeren Aufenthalt. Wer vom Brenner kommt, findet hier im Apennin die ersten nennenswerten Kurven nach der todlangweiligen Po-Ebene. Bergrennen vom Schlage Vergato-Cereglio erhöhen den Reiz der Reise noch, sind sie doch in Deutschland ausgesprochene Mangelware.Die Vorbereitungen für das Rennen beginnen an einem heißen Samstag im Juni auf dem Hauptplatz von Vergato, einem Städtchen mit rund 10 000 Einwohnern. Als erstes stellen die Leute vom MC Ruggeri einen großen Sonnenschirm, dazu ein paar Stühle und ein Tisch mit Wein, Mortadella, Parmesan und Brot auf. Essen ist wichtig.Währenddessen hüllt sich der Platz allmählich in eine blaugraue Abgaswolke, denn die klassischen Straßen- und Rennmotorräder bis Baujahr 1968 werden für die technische Abnahme vorbereitet. Die Zweitaktmotoren kreischen, die Viertakter lassen ein sonores Blubbern hören. Arvedo Cotti, mit 81 Jahren ältester gemeldeter Teilnehmer, braucht die Schubkraft seiner Freunde, um seinen Beiwagen-Renner in Schwung zu bringen. Er basiert auf einer 500er-Gilera, den Motor baute Cotti komplett um, und auch am Rahmen gibt es augenfällige Änderungen wie etwa das hinter dem Rad montierte Federbein. Die Gilera Cotiar ist Cottis ganzer Stolz und birgt für ihn wehmütig-schöne Erinnerungen an seine verstorbene Frau: »Sie war meine Beifahrerin auf der Cotiar, mutig wie sonst niemand.”Schweren Herzens hat der rüstige Cotti sich einen neuen Beifahrer gesucht, seinen Freund Paolo Simoni. Der pilotiert außerdem seine wunderschön restaurierte französische Beiwagenmaschine Marke Griffon, Baujahr 1914, das älteste Motorrad im Feld. Doch sie ist beileibe nicht sein einziges Zweirad: Bürstenfabrikant Simoni besitzt in Bologna eine Sammlung von über 100 klassischen Fahrrädern.Mit diesem Sammeltrieb steht er nicht alleine da. Clubpräsident Bruno Nigelli nennt sage und schreibe 140 Motorräder sein eigen, alle aus Bologneser Produktion: »Hier gab es zwischen1920 und heute 85 verschiedene Motorradmarken.” Der Rennmorgen beginnt trübe mit feucht-dampfigem Sommernebel. Rund 60 Starter finden sich allmählich ein. Die acht Kilometer lange Strecke von Vergato nach Cereglio, die immerhin 430 Höhenmeter überwindet, haben die örtlichen Carabinieri schon früh am Morgen für den normalen Verkehr gesperrt. Clubmitglieder mit Funksprechgeräten und gelben Flaggen sichern die Strecke.Ab 10 Uhr geht’s im 60-Sekunden-Rhythmus los. Die Bekleidung der Klassik-Piloten reicht von der Turnschuhe/T-Shirt-Kombination über moderne Rennkombis bis hin zum stilgerechten Outfit des Orthopädie-Professors Paolo Prosperi, der seine BMW R 62, Baujahr 1928, im Look der 20er Jahre mit Dreiviertelhosen, Hut und Hosenträgern ausführt. Im Eifer des Gefechts starten manche Teilnehmer zu früh, die Startnummer 87 taucht gleich zweimal auf: einmal auf dem Scheinwerfer des BMW R50/2-Gespanns von Giovanni Salmi, einmal auf der Guzzi 500 GTV des Zahnarzts Fiorini. »Das macht nichts”, meint Präsident Nigelli gutmütig, »wir fahren ja nur zum Vergnügen, es geht um nichts.”Von wegen. Trotz meist fortgeschrittenen Alters von Mann und Maschine legen sich die Fahrer tief in die weiten Kurven und setzen in den engen Spitzkehren auf, daß den Zuschauern angst und bange wird. Doch kurz vor dem Zielstrich bremsen die Piloten plötzlich bis zum Stillstand ab, verharren minutenlang in andächtiger Stille. Des Rätsels Lösung: Bei diesem Bergrennen kommt es auf die Gleichmäßigkeit an, 16 Minuten sollen die Fahrer für die acht Kilometer brauchen, wer schneller ist, bekommt Strafpunkte. Das aber bedeutet einen Schnitt von gerade mal 30 km/h, für die meisten entschieden zu langsam. Und so stellt jeder neben der offiziellen auch seine persönliche Bestzeit auf – entscheidend für die Benzingespräche beim gemeinsamen Mittagessen. Serviert vom örtlichen Fremdenverkehrsverein auf dem Sportplatz von Cereglio. Zur pasta mit ragù, gegrillter Schweinswurst und perlendem Rotwein – in Maßen natürlich – lassen sich die Fahrer und ihre Fans, meist Verwandte und Freunde, gemeinsam nieder, und bald geht es zu wie auf einer Feier im Familienkreis. Auch die Siegerehrung am Nachmittag bringt Freude auf. Denn dank der zahlreiche Baujahr- und Hubraumklassen wird fast jeder Starter mit einem Pokal geehrt. Am Morgen danach beginnen Fotograf Klaus und ich mit der Erkundung der Gegend. Ich kenne sie natürlich recht gut, schließlich wohne ich seit vier Jahren hier, Klaus hingegen ließ die Emilia bislang links liegen. Was soll es hier schon geben, was die berühmtere Toskana nicht bietet? Zur standesgemäßen Fortbewegung im Dunstkreis des Ducati-Werks ist eine 900er Monster gerade recht. Zwar mit ihrer Mono-Sitzbank nicht gerade das, was man sich in Deutschland unter einem Tourer vorstellt, denn außer der Kreditkarte hat an Gepäck nichts Platz, doch als Kurvenflitzer für den Bologneser Apennin buchstäblich wie gemacht. Nun, sie wurde auf diesen Straßen entwickelt.Der erste Tag führt uns auf einem Rundkurs von rund 250 Kilometern über die Grenzen der Emilia hinaus. Von unserer Basis in Cereglio aus fahren wir die nun wieder freigegebene Rennstrecke hinunter nach Vergato, folgen der N 64 rund 20 Kilometer weit Richtung Bologna bis Sasso Marconi und schlängeln uns dort auf einer Nebenstraße nach Osten, bis wir auf die N 65 treffen, die Krönung des Bologneser Motorradfahrerlebens. Exakt 48,5 Kilometer sind es auf dieser Straße vom Zentrum Bolognas bis hinauf zum Passo della Raticosa, der bereits in der Toskana liegt. Wochenends drängeln sich hier Motorradfahrer und Radarkontrolleure gleichermaßen. Doch heute, an einem stinknormalen Montag, lassen sich weder Biker noch Gesetzeshüter blicken, und wir haben die kurvenreiche, gut ausgebaute Landstraße fast ganz für uns. Auf dem riesigen Parkplatz vor der Bar auf der Paßhöhe, wo man am Sonntag kaum einen Stellplatz findet, treffen wir heute nur Luca aus Bologna mit seiner 900 SS. Auf der Instrumententafel der Ducati hat Luca eine Armbanduhr mit Sekundenzeiger befestigt – ohne Zeitkontrolle geht auf dem Raticosa nichts.Den herrlichen Ausblick Richtung Norden nach Bologna vergällt uns ein kalter Wind; im Süden, wohin wir wollen, dräuen Regenwolken. Unser Vorhaben erntet bei Luca verständnislose Blicke: Weiter als bis zum Raticosa fährt er nie, die Hausstrecke der Bologneser Freizeit-Rennfahrer endet definitiv hier. Schließlich kann man nirgends so gut wie hier Testfahrer der verschiedenen Motorradwerke, allen voran Ducati, beobachten. An diesem Montag ist allerdings bloß ein 50er Italjet-Roller unterwegs.Klaus und ich fahren dennoch weiter nach Süden und zweigen hinter dem waldigen Passo della Futa ab Richtung Castiglione dei Pepoli zurück in die Emilia. Über die hochgelegenen Stauseen Brasimone und Suviana erreichen wir unser nächstes Ziel, den Hochapennin rund um den 2165 Meter hohen Monte Cimone, ein bekanntes Skigebiet, wo auch der Bologneser Alberto Tomba seine ersten Gleitversuche machte – recht erfolgreich, wie man heute weiß. Auf Straßen zweiter und dritter Ordnung umrunden wir den schneebedeckten Berg und nähern uns von Sestola aus dem Gipfel. Nach einigen Kilometern geht die Straße in Schotter über; Klaus kommt auf seiner Africa Twin gut voran, aber auch die Monster schlägt sich trotz der üppigen Straßenreifen überraschend wacker, erweist sich als vergnügliche Gefährtin in allen Straßenlagen. Am Lago della Ninfa, dem See der Nymphe, geben wir uns geschlagen: Die Temperaturen sinken rapide, und allmählich weicht das Tageslicht. Wir kehren um, nehmen die N 12 Richtung Modena und schlagen uns hinter Pavullo quer durch die Berge zurück nach Cereglio. Der nächste Tag gehört der näheren Umgebung. Auf dem Weg nach Vergato machen wir einen Abstecher zu den Wasserfällen von Labante – sehr pittoresk und typisch für die Gegend, denn im Bologneser Apennin wimmelt es von Trinkwasserquellen, überall entlang der Straßen sprudelnden Brunnen. Über Riola di Vergato nähern wir uns dem Montòvolo, der aus der Ferne wie ein erloschener Vulkan wirkt, sich von nahem aber als zweigeteilt entpuppt: vorn erhebt sich der 940 Meter hohe Montòvolo mit seinem flachen Plateau, hinter ihm die Spitze des höheren Monte Vigese. Wir bleiben bei unserer bewährten Taktik und umrunden die beiden Spitzen zunächst, zum Teil auf unasphaltierten Sträßchen. Mit Ausblick auf die Hänge des Apennin rollen wir an verlassenen und langsam verfallenden Gehöften vorbei und kommen auf engen Sträßchen schließlich nach Campolo auf halber Höhe des Montòvolo. Bewundernd wird die Ducati zur Kenntnis genommen - auch in der Provinz sind die Leute stolz auf die Motorräder aus Bologna. In der »Osteria dell’ Anna” gönnen wir uns einen Teller Pasta mit den seltenen Trüffelpilzen, eine Spezialität der Region. Doch Klaus verzieht angewidert das Gesicht – erst mit einer üppigen Portion Lasagne macht Anna ihn wieder glücklich.Die Rückfahrt bietet überraschende Einblicke: Zunächst das Borgo di Scola, ein komplett erhaltenes Dörfchen aus dem 14. Jahrhundert. Oreste Pisi, dessen Großmutter eines der Häuser 1860 kaufte, empfängt uns freundlich und erzählt uns die Geschichte des Dörfchens, dessen festungsähnliche Anlagen im Mittelalter den hiesigen Raubrittern als Schlupfwinkel diente. Eher in die Kategorie Kitsch fällt dagegen die Rocchetta Mattei, die sich auf dem Weg nach Riola plötzlich vor uns erhebt. Das mit Türmchen und Giebeln überladenen wahnwitzige Schloß ließ 1850 ein reicher Quacksalber erbauen. Heute steht es leer und wirkt wie eine Kulisse für einen Gruselfilm.Um Klaus nach dem mißglückten Trüffelabenteuer mit der hiesigen Küche zu versöhnen, schleppe ich ihn in die Käserei nach Santa Lucia, zu der man auf dem Weg von Cereglio nach Zocca hinter dem Passo Sella della Croce rechts abzweigt. Säuberlich in Regalen gestapelt, reift hier der berühmteste Käse Italiens, der Parmesan. Seine Herstellung unterliegt strengen Vorschriften, nur bestimmte Käsereien westlich des Flusses Reno dürfen ihn herstellen; Bologna liegt schon jenseits der magischen Grenze.Besänftigt ersteht Klaus ein großes Stück des schmackhaften Hartkäses und beschließt endgültig, daß ihn die Gegend nicht zum letzten Mal gesehen hat. In Zocca erreichen wir die Provinz Modena, zum alten Erzfeind Bolognas. Jahrhundertelang lieferten sich die beiden Nachbarstädte erbitterte Fehden, bis nach der Gründung Italiens schließlich das reichere Bologna die Oberhand behielt und zur Hauptstadt der Region Emilia-Romagna wurde - was die Modenesen heute noch wurmt. Richtung Vignola locken die Sträßchen des Naturparks Rocca Malatina zu einem letzten Abstecher. Unter bis zu 80 Meter hohen beeindruckenden Felsnadeln und -überhängen kreuzen wir durch den Park, großteils wiederum auf unbefestigten Straßen. An der Autobahnauffahrt Modena-Sud heißt es dann Abschiednehmen. Klaus fährt zurück nach Deutschland, ich dagegen nach Varese zu Cagiva-Chef Castiglioni, der mir am gleichen Abend seine Pläne enthüllen wird, Cagivas neuem 750er Big Bike den legendären Markennamen MV Agusta zu geben. Im Land der Motoren wird das Öl nicht kalt.

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