Italien (Archivversion) Cavalleria veneziana

Zum Karneval nach Venedig? Klingt gut. Aber im Winter per Bike über die Alpen? Klingt verrückt. Bei gutem Wetter allerdings ein Heidenspaß - auch wenn der Karneval nicht mehr das ist, was er einmal war.

Angeblich hat ein Stoff namens Serotonin Schuld. Am Winterende, wenn trotz Kälte alle Vernunft über den Schneehaufen geworfen wird. Botenstoffe seien das, Neurotransmitter, oder so. Egal, die Formel lautet wohl: Je mehr Sonne, desto mehr Serotonin, und je mehr Serotonin, desto mehr gute Laune. Ja, daran muß es gelegen haben, daß mich unter der hemmungslosen Flut zweistündiger Sonnenbestrahlung die Botschaft ereilte, ich möge meine Koffer packen und - Februar hin, Februar her - losfahren. Drei Stunden später rollt die Africa Twin Richtung Süden, nach Venedig. Zum Karneval. Ob Motorräder auch etwas von Serotonin wissen?Die Sonne, so der Wetterbericht, soll uns bis in die Lagunenstadt begleiten, uns es fängt schon prima an. Ausnahmsweise nämlich macht sogar die Fahrt über die alte Brennerstraße richtig Spaß. Weil - anders als im Sommer - kaum jemand unterwegs ist. Richtig idyllisch, und selbst ein österreichischer Polizist, der sich samt Radarpistole hinter einer alten Holzhütte verschanzt, kann meinen Frieden nicht stören. Er kontrolliert nur die Gegenfahrbahn. Bald schon wird mein Vertrauen in das Alpenklima bestätigt. Hinter Sterzing ist es so mild, daß mein ursprünglicher Plan, auf dem schnellsten Weg nach Süden zu fahren, im wahrsten Sinne des Wortes dahinschmilzt.Ein Blick in die Karte, und ich schwenke ab ins Pustertal, finde prompt den schmalen Abzweig bei Ehrenburg. Gerade breit genug für das Motorrad und die Koffer, schleicht das Sträßchen an abgelegenen Almen vorbei, hinauf nach Montana. Ein verbogenes Straßenschild weist zu meinem nächsten Zielort, doch bald wird klar, daß es alles andere als richtungsweisend ist: Immer schmaler zirkelt der Weg am Hang entlang, und nur die phantastische Aussicht verhindert, daß ich umdrehe. Bis nach einigen Kilometern keine andere Wahl bleibt. Der feine Kies, der unter den Reifen knirscht, ist von Schnee und Eis durchsetzt, die Stollen finden keinen Halt mehr. Ich muß zurück, runter zur Talsohle, brav auf der Hauptstrecke ins enge Gadertal hinaufklettern.Dort sind an den Felswänden zahlreiche kleine Wasserläufe zu kunstvollen, eisigen Gebilden erstarrt. Filigrane Spitzen, in denen jeder Sonnenstrahl blinkt, der sich einen Weg durch das dichte Dach der hohen Fichten bahnen konnte.Erst in Abtei Badia weitet sich das Tal, und der Blick fällt plötzlich auf die grauen Felswände der Sella-Gruppe. Unverkennbar. Majestätisch. Eben das Herz der Dolomiten. Drumherum windet sich das kurvige Band von Grödner-, Sella- und Pordoi-Joch. Traumstrecken für Motorradler, zumindest im Sommer. Täler und Berge liegen unter einer dicken Schneedecke, die Straße ist gerade noch befahrbar. Das grelle Licht der Sonne gleißt über die Gletscher an der mächtigen Marmolada und die Orgelpfeifen-ähnlichen Felsenspitzen der Sella-Türme. Motorradler treffe ich hier oben keine, dafür massenweise Skifahrer. Vom Motorrad aus ein ungewohnter Anblick, wenn direkt neben der Straße die Lifte surren oder die Leute zu Tale schießen. Aber eigentlich bin wohl ich hier der Exot, mitten im Februar. Wohl deswegen habe ich sofort sämtliche Sympathien auf meiner Seite, werde freundlich gegrüßt und von einem modisch gekleideten Ski-Pärchen spontan zum Tee eingeladen - Biker scheinen im Winter einen großen Bonus zu genießen.Wahrscheinlich mutet meine Expedition abenteuerlich an, und tatsächlich hat es die Fahrerei über die hohen Pässe in sich: Allenthalben kleine Rinsale, die in den schattigen Passagen zu Eis gefroren sind und stellenweise dichte Schneedecken. Jetzt bloß nicht in die Bremse langen. Trotz aller Vorsicht erwischt es mich in einer Kurve, urplötzlich rutscht bei Schrittempo das Vorderrad weg, und die Honda landet unsanft auf der Seite. Koffer und Lenker verhindern zwar größeren Schaden an den sündhaft teuren Verkleidungsteilen, aber der Schreck, der fährt mir gehörig in meine kalten Knochen.Hinter dem Pordoi-Joch geht’s dann endültig runter in wärmere Regionen. Auf dem vereisten Felsmassiv des Monte Civetta schimmert das erste rötliche Abendlicht, nur wenige Minuten später scheint der Berg zu glühen. In den schattigen Tälern herrscht dagegen zu dieser Jahreszeit bereits nachmittags längst dunkle Nacht - und dazu ist es bitter kalt. Trotz Griffheizung kühlen meine Fingerspitzen in den dicken Winterhandschuhen so weit aus, daß Kuppeln und Bremsen zu einer äußerst schmerzhaften Angelegenheit wird. Zu allem Überfluß sind alle Zimmer besetzt. Erst in Rocca Piétore finde ich ein freies Bett - und eine warme Dusche.Colle Santa Lucia und der Staulanza-Paß. Nocheinmal entführen mich unzählige Kurven und Serpentienen in zerklüftete, schneebedeckte Bergmassive. Oberhalb der 1000 Meter-Marke regiert tiefster Winter. Aber kaum, daß die letzten Kurven hinter mir liegen, beginnt bereits der Frühling. Mit jedem Kilometer wird das breite Tal der Torrente Maé wärmer und grüner. An einigen Ästen schimmern bereits die ersten Palmkätzchen, der laue Fahrtwind verscheucht langsam die letzten trüben Wintergedanken.Nach einen Tunnel, der hoch über dem Abgrund durch die glatte Felswand der Vajont-Schlucht bei Longarone getrieben wurde, windet sich die Straße in weiten Schwüngen weiter hinab bis zum Stausee von Bárcis, wo eine einspurige Hängebrücke die Westseite des Sees überquert. Grün schimmerndes Wasser, umgeben von braunen Hängen. Ein weltfremdes Szenario. Ich umkreise den ganzen See und entdecke am südwestlichen Ufer einen schmalen Weg, der zwischen den noch kahlen Bäumen verschwindet. Interessant genug, um ein weiteres Mal die Routenplanung zu ändern. Unzählige Steine und kleine Felsbrocken, vom Frost aus dem Berg gesprengt, fordern Zielgenauigkeit. Kilometerweit kommt mir kein einziges Fahrzeug entgegen. Nur ein Traktor steht auf einmal quer auf der Straße. Er räumt die Reste einer abgerutschten Straßenbefestigung zur Seite. Der Fahrer ist überrascht, als er mich kommen sieht, und lotst mich wild gestikulierend zwischen Traktorreifen und Felswand hindurch. Als sei die Honda breit wie ein Lastwagen. An einer Kehre, die ständig im Schatten liegt, glänzen Eis und Schnee. Mit beiden Beinen auf dem Boden bietet die rutschige Oberfläche gerade noch genügend Halt, um den weiteren Anstieg zu bewältigen. Ein verlassener Skiort taucht auf. Verschlossene Häuser und Geschäfte, stillgelegte Liftanlagen. Eine unheimliche Stimmung am südlichen Ende der Dolomiten, die hier über 1000 Meter steil abfallen und den Blick freigeben auf die platte Ebene, die sich von hier bis zum Mittelmeer erstreckt.Ein letztes kurviges Stück bringt mich hinunter nach Aviano, dann ist Kurvenabstinenz angesagt. Wenige Stunden später sogar Zweiradabstinenz. Ich bin am Ziel. Venedig. Eine Stadt ohne jeden Verkehr. Wenigstens nicht im üblichen Sinn. Dafür verrät schon der erste Blick von einer der vielen Brücken, wie es zum Begriff Wasserstraße kommen konnte. Lasten, Personen, einfach alles wird hier mit Kähnen bewegt.Für die letzten Meter reichen dann Fußwege. Und die sind voll. Rappelvoll. Karneval. Hochzeit in Venedig. Es herrscht ein irrsinniges Gedränge. Besucher aus aller Welt quetschen sich durch die engen Gassen, die, um ein größeres Chaos in dem Labyrinth unzähliger Brücken und Kanäle zu verhindern, zwischen Markusplatz und Rialtobrücke bis Aschermittwoch kurzerhand in Einbahnwege verwandelt werden. Ich lasse mich mittreiben, Schulter an Schulter in einer vielsprachigen Schlange ohne Ende und Anfang: Über hunderttausend Touristen strömen während des letzten Faschingswochenendes täglich in die Stadt, um einen Blick auf die phantastischen Kostüme zu erhaschen, deren Träger sich wie weltfremde Wesen bewegen und zur Schau stellen. Fabelwesen mit drei Köpfen, knallbunte Figuren, Motive aus der Commedia dell` arte, der volkstümlichen Komödie, goldene Sonnengesichter, barock herausgeputzte Damen. Schwarze Kuttenträger mit riesigen Schnäbeln im Gesicht und Totenschädeln in den Händen - ill dottorre, der mittelalterliche Pestarzt, der sich in dieser Kostümierung vor der tödlichen Krankheit zu schützen versuchte. Wie Geister huschen die »Maschera«, die Masken, umher, posieren geduldig für unzählige Fotografen, bis sie irgendwann wieder in einen düsteren Winkel entschwinden. Wandelnde Kunstwerke, bis zur Perfektion arrangiert, starre Masken voller Ausdruck und Ästhetik, mehr Traum als Wirklichkeit.Doch ein paar Stunden in diesem Gewühl reichen, um zu verstehen, warum inzwischen nicht wenige Bewohner der Stadt bereits die Abschaffung des Karnevals fordern. Erst Ende der 70er Jahre von schlauen Geschäftsleuten wieder ins Leben gerufen, um in den Wintermonaten die Besucherzahlen anzukurbeln, wächst er den Leuten so langsam über den Kopf. Außerdem hat er mit dem traditionellen Fest der Verkleidungen, dessen Ursprung im 13. Jahrhundert liegt, kaum noch etwas gemein. Damals, im sittenstrengen Italien, verwandelte das Kostüm seine Träger in anonyme Gestalten. Für Wächter von Kirche und Regierung nicht mehr faßbar. Prima Idee, finde ich, überlege kurz, ob ich mich vom Motorradler in einen Prinzen oder Mohren verzaubern soll, um in einer klassenlosen Frohsinnsgesellschaft aufzugehen. Dann entdecke ich, daß nur die wenigsten wirklich feiern. Die meisten gaffen.Erst spät in der Nacht ebbt die Menschenflut ab. Die alternde Stadt, einst Mittelpunkt des Welthandels, gönnt sich ein paar Stunden Ruhe. Auch ich muß ausruhen, hocke mich auf ein Brückengeländer. Drüben, auf dem Canale Grande, spiegeln sich die Lichter der Straßenlaternen im unruigen Wasser. Dunkelheit und Stille erzeugen eine einzigartige Wirkung, das Zeitgefühl schwindet. Jetzt, gestern, Neuzeit, Mittelalter? Wie ein Schatten gleitet eine Gondel vorbei, steuert ihren Liegeplatz an. Eine Stadt mit zwei Gesichtern, nicht nur im Karneval.Ich werde noch ganz melancholisch davon. Aber morgen scheint bestimmt die Sonne.

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