Jamaika (Archivversion) Manchmal heißt er auch Moses

Sie tauchen überall auf, wo mit Touristen kleine Deals zu machen sind, nur in den Reiseprospekten nicht. Sie nennen sich Marley – manchmal auch Moses, verkaufen Besen, Bootstouren und manchmal auch Sex. Bericht einer Reise an die Grenzen der Geduld.

Praise the Lord!” Wird gemacht – sobald dieser ranzige Kupplungszug endlich sitzt. Rändelschraube raus, Rändelschraube rein, Ausrückhebel vor oder zurück: nichts, es funktioniert nichts. »Jesus loves you!” Die Missionsgruppe auf der Verkehrsinsel schmettert nachdrücklicher über den Platz. Menschenmassen drängen durchs organisierte Chaos. Busse, Mopeds, Holzkarren, Taxen. Aus dem Supermarkt quillt ohrenbetäubender Reggae, von megaphonbewehrten Autodächern Wahlkampfgeplärre, dazwischen ein paar gebrüllte »baaananas, oranges« und »ciiiiigarettes«.
Zu lang. Der Zug ist zu lang. Auch wenn der Verkäufer behauptete, er passe. Zum dritten Mal kommt jetzt die Regenschirmhändlerin vorbei, inspiziert die Reparatur.
»Ihr braucht einen Schirm!« Was? Sie schmückt ihr Gesicht mit einem strahlenden Lachen, deutet zuversichtlich in den tiefschwarzen Himmel. Verdammt. Notfalls die Hülle kürzen, hat er gesagt. Klar – per Taschenmesser so einfach wie einen Baum fällen. »Praaaise the Lord«, das Bekehrungskommando gibt jetzt alles, wenigstens noch eine Seele vor dem Regen retten. Cool bleiben, Gummitülle aufschneiden, dann die Metallummantelung abschälen. Die ersten Tropfen klatschen. Passanten hasten unter Vordächer und Eingänge... Vielleicht mit dem Leatherman? »We shall over-co-oh-ome.” Vergnügt stimmt die Schirmdame in den aufbrandenden Gesang ein. Jetzt gibt’s Kundschaft.
Freitagnachmittag in Mandeville, höchstgelegene Stadt Jamaikas, 600 Meter über null, 47000 Einwohner und
wir mit zwei geliehenen Yamaha DT 175 mitten auf dem Marktplatz gestrandet. Zack, Kupplungszug gerissen. Eine echte Abwechslung für die Einheimischen. »Whiteys« auf kleinen, klapprigen Zweitaktmotorrädern kommen hier nicht alle Tage vorbei.
14 Tage Jamaika. Urlaub unter Palmen. Sonne, Strand, ein paar nette Streifzüge über die Insel. Das war der Plan. Herrlich. Und inzwischen so absurd wie eine Verabredung zum Fünf-Uhr-Tee auf dem Häckselplatz. Wir stehen
kurz vor der Überdosis dieses wahnwitzigen karibischen Mikrokosmos. Erlebten im Touristenpfuhl Negril Sodom und Gomorra, in Treasure Beach die Neuauflage der
Sintflut und beim Geldwechsel in Montego Bay eine unchristliche Abzocke. Cruising zwischen Dope-Wolken, millionenschweren All-inclusive-Ressorts und notdürftig zusammengehaltenen Holzbaracken. In einem Land,
von der Reisebranche ungeniert als »Urlaubsperle des westindischen Ozeans« gefeiert, während blanke Armut,
Drogenhandel und Korruption das Leben der Bevölkerung bestimmen. Ein Land, das so gut wie keine Wegweiser kennt, in dem wir die einzigen Individual-Touristen zu sein scheinen, wo eine Übernachtung zwischen 30 und 3000 US-Dollar einschlagen kann – und ein Sturzregen statt
angekündigter 48 Stunden eine Woche lang.
»You need a bikeshop, definetly!” Die Schirmhändlerin kommt zum Wesentlichen. »Geht zu Bikey, unten in der Villa Road.« Wie sie das sagt, klingt eher nach Befehl denn Empfehlung, doch ihre strenge Tonart saugen die Jamaikaner vermutlich schon mit der Muttermilch auf. Selbst süßeste Schulkinder tragen sie auf den Lippen, zusammen mit einem bemerkenswerten Selbstbewusstsein.
Bikey ist nicht allein. Fünf muskelbepackte Typen hängen im Halbdunkel der Wellblechgarage über ihren halb zerlegten Schlitten. Ein paar brennende Abfalltonnen noch, und es wäre die Bronx. Regen peitscht in die Halle. Es gibt keinen Strom, kaum Werkzeug. Gesprochen wird kein einziges Wort. Bikey schraubt, die anderen schauen
zu. Als er fertig ist, lässt der Meister den kleinen Motor
erbarmungslos aufheulen und kassiert nicht minder erbarmungslos ab. Jeder Versuch, ihn herunterzuhandeln, verpufft. Er wisse, dass wir die Kohle hätten, und eines Tages würden wir auch verstehen.
Zum Weiterfahren ist es zu spät, und das Guest House am Stadtrand wirkt freundlich. Nur der alternative Stundentarif hätte stutzig machen müssen. Als wir schalten, hat die Puffmutter das Geld bereits eingesackt. Völlig verständnislos rückt sie die Hälfte wieder raus, als wir »room number 7« nicht beziehen wollen. Ein französisches Bett, drüber eine Glühbirne, das war’s. Betont pflegeleicht. Mit zittrigen Lichtkegeln vorn, hinten quasi beleuchtungsfrei eiern wir bei strömendem Regen zurück in die City – J.B., den brummigen Motorradvermieter aus Negril verfluchend, der meinte, Rücklichter seien Kinderkram. Jetzt hilft wirklich nur noch Geld. Es ist unsere krisensicherste Kreditkarte, die über den Tresen des Mandeville Hotel wandert. 135 US-Dollar für eine »one bedroom suite«. Feierlich
drehen wir den Schlüssel um, die Duschhähne auf und die Außenwelt ab. Endlich allein, endlich Stille, endlich keine Probleme mehr. »Some day you will understand.« Bikeys Botschaft scheint aus den Federkissen der riesigen Betten zu flüstern.
Im TV Bilder von Premierministerin Portia Simpson-Miller bei den Flutopfern an der Nordküste, wo das anhaltende Unwetter den größten Schaden angerichtet hat. Häuser, Plantagen, Vieh, sogar Menschen fielen den Wassermassen und Erdrutschen zum Opfer. Gerade gestern, als wir bei Treasure Beach mit aufsteigender Panik und minütlich steigendem Pegel kämpften. In Sturzbächen schoss das Wasser von den Hängen, verwandelte Straßen in reißende Flüsse, Schlamm und Geröll vor sich herschiebend. Bis zu den Zündkerzen tauchten die Zweitakter zwischendurch ab. Als uns irgendwann zwei junge Frauen aus den Fluten fischten, hatten wir komplett die Orientierung verloren.
Ein klarer Fall für das Mayday, lachten sie. Die erste Pension am Ortseingang.
Mandeville erwacht gegen fünf. Früh starten die Arbeiterbusse zu den Bauxit- und Kaffeefabriken. Sonne! Zum ersten Mal nach sechs Tagen. Unter strahlend blauem Himmel ziehen zwei blaue Motorräder zwei blaue Rauchfahnen Richtung Kingston. Ein minutiöser Plan soll verhindern, in die üblen Ecken der Hauptstadt zu geraten, die nicht nur durch Bob Marley zu Ruhm gelangte, sondern auch durch die dritthöchste Mordrate der Welt. Washington Boulevard, Constant Spring, Hope Road, es klappt! Alle Straßennamen auswendig gelernt, nähern wir uns hoch konzentriert dem Skyline Drive, doch der Ausstieg bleibt unauffindbar. Wieder hilft nur fragen. »Seid ihr Christen?« fragt eine alte Frau zurück. Was kommt jetzt? Sie hebt die Hände und setzt zu einer umfangreichen Segnung an, auf dass der Herr uns den richtigen Weg weisen möge und eine sichere Bleibe für die Nacht. Den entscheidenden Tipp liefert allerdings der Kassierer einer Texaco-Tankstelle. Sein Arbeitsplatz, voll verglast und vergittert, nur durch
einen Geldschlitz mit der Außenwelt verbunden. Tribut an die wuchernde Beschaffungskriminalität für teures, im Land hängen gebliebenes Crack.
Hinter Kingston beginnen die Blue Mountains, in über 2000 Meter hohen Bergen gipfelnd. Steile Kehren führen hoch in den Regenwald. Eine heruntergekommene Bar
am Straßenrand, davor ein paar bedenklich zugedröhnte Männer. Ivor’s Guest House habe schon seit Monaten zu, sagen sie. Und die Maya Lodge? »Open!” Vage Gesten, da runter, »and than«, die Hand windet sich undefinierbar, »this way«. Klare Angaben über rechts und links werden stets vermieden. Da runter? Skeptisch stehen wir vor einer steilen, in Auflösung befindlichen Schotterabfahrt. Maya Lodge? »Yes, yes!” Strahlen. Na gut. Mit angehaltenem Atem geht’s stotternd abwärts. Gottlob gute Reifen.
Nach knapp zwei Kilometern endet die Fahrt vor einer Holzbaracke mit vergittertem Grocery Store. Die Lodge liegt links oben – und ist seit zwei Jahren verlassen, wie die Ladenbesitzerin erklärt. Der Besitzer habe in Neuseeland was anderes aufgezogen. Jamaika sei eben ein schnelllebiges Land. Übernachten könne man nur in Kingston. Frustriert starren wir in den gerade wieder einsetzenden Regen. Zurück über Los. Zurück nach Kingston. Zurück über diesen miesen, abgewrackten Weg. »Sandhurst Hotel, East Kings House Road«, ruft sie uns noch nach. Langsam saugen sich die Klamotten mit Wasser voll.
Sandhurst klang leider nur nach heißer Badewanne und Bridge. Ein ehemals elegantes Herrenhaus in Kingston Uptown, wo im Foyer jetzt Eimer die Regenflut auffangen und eine schwergewichtige Concierge die triefenden Gäste. Egal, Hauptsache, die Betten stehen trocken.
Mit Gospelsongs auf den Lippen und laut aufgedrehtem Transistorradio im Putzwagen begrüßt die Zimmerfrau den jungen Morgen. Es ist Sonntag, Tag des Herrn. Im TV endlose Predigten, auf den Straßen swingende Kirchgänger, aus unzähligen Gotteshäusern bewegende Chormusik, von emphatischen Vorsängern dirigiert. Glaube wie aus dem Bilderbuch. Ansteckend, mitreißend, versöhnlich. Zweiter Anlauf in die Berge. Über World’s End und Mavis Bank zum 2256 Meter hohen Blue Mountain Peak. Doch die Idee geht nicht auf, da die Straße ab Mavis Bank nicht mehr passierbar und die einzige Übernachtungsempfehlung Pine Grove Lodge seit vier Jahren ein Kinderheim ist. Von da an hängen wir alle Pläne an den Nagel, um uns dem freien Spiel der Kräfte zu überlassen.
Und von da an läuft’s. Auf der B 1, einem kleinen Pass Richtung Norden. Enges, steiles, wundervolles Kurvenreich. Die 17-PS-Möhrchen rackern wie wild und schaffen uns mittenrein in den schönsten Dschungel, den man sich vorstellen kann. Meterhohe Farne, Lianen bis zum Boden, Urwaldriesen, über und über mit Parasitenpflanzen bedeckt. Palmen, Bougainvillea, Tulpenbäume, Orchideen und riesige Frauenmäntel an gurgelnden Bächen. Dazwischen Autowracks und verrottende Häuser, modernd mit der unbändigen Natur vereint.
Rutschig, schlaglöchrig, kaum mehr autobreit gewinnt die Straße an Höhe. 1100, 1200 Meter – es wird kälter. Nebelschwaden legen sich über die bewaldeten Hänge.
In Newcastle unvermittelt eine Schranke. Eine Kaserne, exerzierende Soldaten. Ähm, sorry, war wohl doch der
falsche Weg. »No, no«, unterbricht der Schlagbaumbeauftragte unsere Wendeaktion, die B 1 führt tatsächlich durch den Hof der Jamaican Defense Forces. Kurz dahinter das Gap Café. Kolibris umschwirren die Nektarspender auf
der Aussichtsterrasse, Musik weht von den Hütten anderer Bergflanken herüber, und als die Wolken aufsteigen, enthüllen sie tief unten die aufflackernden Lichter von Kingston, malerisch in eine Doppelbucht gebettet. Zum ersten Mal ist es nur schön. Nebenwirkungsfrei.
30 Kilometer vor der Küste ist die Straße plötzlich weg. Auf etwa 20 Meter Länge in die Tiefe gerissen. Ein Bergrutsch vor drei Jahren, erzählt ein junger, zorniger Kaffeebauer. Es gäbe eine Umleitung, aber die führe durch seine Plantage. Was 500 Jamaika-Dollar Wegezoll koste. Da
ihn die Regierung hängen lasse, müsse er halt sehen, wie er zu Geld komme. So, so. Wir bieten 300 und graben uns mühsam über einen aufgeweichten Lehmhügel. Erfahren, dass noch zwei weitere Abrutschstellen folgen. Ob die Queen das weiß? Genau hier, sagt man, werde jener sündteure Blue Mountain Coffee angebaut, den sie im fernen England so gerne zum Frühstück genieße. Letzte Freuden des Commonwealth. Trotz der seit 1962 währenden Unabhängigkeit Jamaikas ist Königin Elisabeth II. bis heute Staatsoberhaupt des Landes.
An der Küste werden die Straßen mit Baggern frei
geräumt. Port Maria und Annotto Bay hat das Unwetter schwer erwischt. Port Antonio, weiter östlich, blieb gottlob verschont. Port Antonio – Karibik in Stadtform. Fantasievoll, leicht morbide, laut, schön. Lässige Kolonialbauten bergen Whole Sale und Hardware Shops, die Arkaden
der alten Markthalle sind grün-lila gestrichen, gegenüber Fassaden in Orange und Gelb. Farben handhabt man in Jamaika ebenso hemmungslos wie Musik. Im Stau, ohne den offenbar keine Stadt der Insel auskommt, drängeln wir zum Hafen, wo Bananen- und Kokosnussfrachter ankern. Vor der Landspitze leuchten die Palmenhaine von Navy Island, einst Privatbesitz des Filmstars Errol Flynn. Die Reichen und Schönen dieser Welt lieben Port Antonio bis heute, lassen gepflegte Herrenhäuser mit Meeresblick errichten und blenden die Realität des langsam vermüllenden Landes aus.
20 Kilometer hinter der Stadt zeigt Jamaika dann jenes Gesicht, das von Reiseführern wie Veranstaltern so gerne vermittelt wird und: das man gerne nimmt. Langer, weißer, naturbelassener Strand unter gebogenen Kokospalmen. Ein paar Bars, ein paar Holzhütten: Long Bay. Hier bleiben wir. Graben die Zehen in weichen Sand, köpfen in grüne Karibikwogen und Urwald-Lagunen. Erst als die »hustler« genannten fliegenden Händler schon morgens um acht vor unserer Hütte warten, packen wir zusammen. »Hey Mam, my name is Marley, Mam. I wanna talk to you. I wanna sell you something.” Sie wollen dies und das, ein Schwätzchen, eine Zigarette, Schmuck, etwas Dope verkaufen – oder gerne auch ein Abenteuer für die Nacht. In Jamaika ist man nicht wählerisch. Vor allem nicht in den Touristik-Revieren, wo speziell Amerikanerinnen freudig Boys mit Haut und Haaren buchen.
Hier werden Luxusvillen für 15000 US-Dollar pro Tag vermietet, Traumschiffserien und Hollywoodstreifen à la Blaue Lagune gedreht. Und Marley will einfach fünf Dollar für seinen Besen. Moses drei für eine kleine Schnitzerei. Notfalls auch zwei. »What do you pay, Mam?” Ihre einzige Chance, ein winziges Stück von diesem gigantischen
Kuchen zu ergattern.
Entlang der Nordküste treten wir den Rückzug an.
A 3 und A 1 eine einzige Großbaustelle. »Projekt Northern Highway, financed by the European Union.« Nun – die Landschaft hat ohnehin jeden Charme verloren, der Urwald musste Zuckerrohr- und Bauxitabbau weichen. Eine weitere Übernachtung in Montego Bay. »Das Juwel unter den Touristenzentren«, sagt der ADAC, und wir wissen nicht, was er damit meint. Am Flughafen vorbei geht’s in die Kent Avenue, wo die Hotelbunker mit ihren eingemauerten Stränden residieren. Einzig erschwinglich: das Buccaneer Beach am »toten Ende« der Straße. Schreiend rot-gelb angemalt und schon ein bisschen abgetakelt, aber: »ocean view!« Vor dem Buccaneer die Dead End Bar, dahinter die Landebahn. Noch liegt sie ruhig. Ein beschaulicher Freitagnachmittag, drei Familien am zehn Quadratmeter großen Public Beach, dem einzigen Gratis-Strand der Stadt.
Zwei Stunden später ist alles anders. Chartermaschinen im Minutentakt, Autos im Stoßverkehr cruisend,
hämmernde Bässe bis ins Zwerchfell und Dope-Wolken bis in den dritten Stock. Freitagnacht, Party am Dead End. Mädchen auf der Kaimauer groovend, Surfer übers reglose Wasser flitzend, Lachen, Schreien und eine kollabierende Alarmanlage, die zum hundertsten Mal aufheult.
Wir trinken das letzte Red-Stripe-Bier. Ferien auf Jamaika – was bleibt, sind Gefühle. Auch heitere.

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