Kanada (Archivversion) Weit im Westen....


....wo die Sonne versinkt, ist es besser, viel besser als man denkt.« Die etwas abgewandelte Strophe aus Herbert Grönemeyers Kultsong »Bochum” ist die ideale Begleitung für eine spannende Endurotour im Westen Kanadas, von Vancouver bis hinauf zum Arktischen Ozean.

Der Himmel fällt uns auf den Kopf. Deutsche Meteorologen würden jetzt von ergiebigem Regen sprechen. Die kanadischen Wetterfrösche sind präziser und rücksichtsloser, drohen unumwunden mit »torrential downpour” – sindflutartigem Regen. Paff, das sitzt. Da erschrickt der Biker schon vor der Gewalt der Worte. Dabei ist ein solches Klima an der Westküste von Vancouver Island ein nicht gerade seltenes Phänomen. Ein Ranger im Carmanah Valley erzählt Birgit und mir vom letzten Winter: »Der war wirklich etwas feucht, es schüttete 90 Tage ohne Pause.” Die Kanadier tragen es mit Fassung, bezeichnen den Regen als »liquid sunshine«. Und ohne die vier bis fünf Liter flüssigen Sonnenschein gäbe es auch diesen einzigartigen Regenwald nicht. Den größten Teil davon hat die profitgeile Holzindustrie zwar längst gefällt, aber selbst das, was noch übrig ist, hat mit europäschen Vorstellungen von Wald nichts zu tun. Der Urwald des Westens ist eine ganz und gar unglaubliche Inszenierung der Natur, ein grünes Tohuwabohu, aus dem Bäume mit monumentalen Ausmaßen in den grauen Himmel entschwinden, fast 100 Meter hohe Sitka-Fichten oder sechs Meter dicke Zedern, die vermutlich schon existierten, als sich die Römer noch mit den Galliern prügelten.Inzwischen hat sich der Wolkenbruch zum Nieselregen gewandelt, der uns bis zur Nordspitze von Vancouver Island, nach Port Hardy, begleitet. Gut nur, dass die groben Enduroreifen aquaplaningfest sind. Wir entern die Fähre, die uns durch die berühmte »Inside Passage« weiter nordwärts bringt. Der graue Himmel hängt zum Greifen nahe, lässt dieses Gewirr von Inseln und Wasserarmen, das sich bis hinauf nach Alaska zieht, noch ruhiger wirken. Ab und zu tuckert ein Fischerboot vorbei, der heisere Ruf eines Weißkopf-Seeadlers ist zu hören, oder ein Buckelwal streckt seinen breiten Rücken aus dem bleiern schimmernden Wasser. Der Pazifische Ozean macht seinem Namen alle Ehre.Am nächsten Morgen ist alles anders. Nicht die Spur einer Wolke ist zu sehen, als wir die kleine Siedlung Bella Coola erreichen. Hier beginnt der Freedom Highway. Gemütlich bollern die Einzylinder durch ein enges Tal, bis die kaum befahrene Straße ihre Asphaltdecke gegen Schotter tauscht. In spaßigen Kehren schrauben wir uns die 1524 Meter zum Heckman Pass hinauf. Bewaldete Bergrücken buckeln sich bis zum Horizont, wo verschneite 3000er ihre Gipfel in den tiefblauen Himmel bohren. Viel zu schnell bleibt die Dramatik der Coast Mountains zurück, die Straße verläuft sich in der Weite des Fraser Plateaus. Erstmals begreifen wir ein wenig von der Größe Kanadas, ändert sich doch auf den nächsten 1300 Kilometern entlang des Cariboo und Yellowhead Highway kaum etwas. Wald, Wiesen und Weizenfelder, ein paar gesichtslose Städte wie Williams Lake oder Prince George, vereinzelte Tankstellen mit Motels und Fast-Food Läden. Wir sind in Harley-Country. Spannend wird es erst wieder, als wir die ungleichen Zwillingsorte Stewart und Hyder erreichen. Stewart ist eine gepflegte Hafenstadt, Hyder hingegen, direkt hinter der Grenze, bezeichnet sich selbst als die »freundlichste Geisterstadt Alaskas”. Uralte Autowracks rosten zwischen den mehr oder weniger baufälligen Holzhäusern vor sich hin. Die Wände des schäbigen Saloons sind flächendeckend mit Dollarnoten tapeziert. Eine Sitte aus Goldrausch-Tagen. Bevor die Digger auf ihre Claims zogen, nagelten sie einen Dollar an die Wand. So war zumindest sicher, dass sie, selbst wenn sie bankrott aus ihrer Mine zurück kamen, noch einen Whisky bezahlen konnten. Hyder versprüht den typisch alaskanischen Charme, eine Mischung aus Goldgräbermentalität und american way of life. Die eigentliche Attraktion jedoch sind die Bären, die sich jeden Sommer zum Lachsfang am Fish Creek versammeln. Vor zehn Jahren, als wir zum ersten Mal hier waren, galt dieser Ort noch als Geheimtipp. Meistens fischten mehr Schwarzbären im Fluss, als Menschen zuschauten. Aber der Geheimtipp ging den Weg aller Geheimtipps, er wurde allgemein bekannt. Die Folgen sehen wir heute, wo vier Ranger versuchen, die Bären vor den Menschen zu schützen. Francis, einer der Wildhüter, zählt die Zwei- und Vierbeiner. Die Bilanz bis Mittag ist erschreckend – 350 zu 1.Da starten wir lieber unsere Eintöpfe und folgen der staubigen Piste hoch in die Berge, wo wir geradewegs in die Eiszeit geraten. Zwischen den wolkenverhangenen Bergen schiebt sich der gewaltige, bläulich schimmernde Salmon-Gletscher ins Tal. Kalter Nebel wabert von der eisigen Zunge herüber. Ein paar verfallene Holzhäuser verlieren sich in den grünen Wiesen, zeugen davon, dass auch hier irgendwann nach Gold gebuddelt wurde. Aber so ganz allein sind wir nicht. Kaum legt sich der Wind, haben die Moskitos bestes Flugwetter, wittern fette Beute. Uns bleibt nur die Flucht ins Zelt. Die ganze Nacht sirren die Blutsauger zwischen Innen- und Außenzelt, warten schon gierig, dass wir endlich aufstehen. Wir schätzen die stachelige Armee auf locker 200 Exemplare. Uns bleibt nur eine Chance: sie mit einem blitzartigen Ausbruch überraschen, einpacken, Helm auf und los geht’s. Noch nie waren wir so schnell auf der Straße.Bloß weg hier, runter zum Fjord und weiter zum Cassiar Highway. Die Landschaft wird nun spannender. Verschneite Berge begrenzen den Horizont, davor dichte dunkle Wälder und ein paar Wiesen mit kunterbunten Blumen. Ein Regenschauer zieht einen dichten Vorhang durchs Tal, aber dazwischen wandern einzelne Sonnenstrahlen wie leuchtende Finger über die Weite. Spät erreichen wir den Kinaskin Lake. Rasch steht das Zelt am Seeufer, das Lagerfeuer prasselt und in der Pfanne bruzzeln Pfannkuchen mit selbst gepflückten Blaubeeren. Zwei Eichhörnchen beobachten uns von einem sicheren Ast, meckern laut vor sich hin und hoffen auf ihren Teil an dem leckeren Abendessen. Genau so hatten wir uns das kanadische Outdoor-Leben vorgestellt. Grenzenlose Einsamkeit, und wir mittendrin. Selbst um Mitternacht ist es noch nicht dunkel. Wir sind im Norden. Endlich. Die Ruhe entlang des Cassiar begleitet uns zwei weitere Tage, bis wir den legendären Alaska Highway erreichen, der längst zu einer breiten und langweiligen Schnellstraße ausgebaut wurde. Da hilft nur zügig weiterfahren, bis wir in Whitehorse, der Hauptstadt des Yukon Territory, einlaufen. Höchste Zeit, die Motorräder durchzusehen, das Öl zu wechseln und auf dem Zeltplatz andere Biker zu treffen. Wie Günter aus Bremen, der schon seit zehn Tagen auf ein Ersatzgetriebe für seine BMW wartet. Oder der Holländer Hans, seit zwei Jahren auf Weltreise. Oder das japanische Pärchen mit perfekt umgebauten Honda XL 250, das nach vier Jahren on the road gerade auf dem Weg nach Hause ist. Die Abende werden lang am Ufer des Yukon River, das Lagerfeuer vertreibt die Moskitos und Geschichten aus aller Welt machen die Runde. Aber nach ein paar Tagen juckt die Gashand, die Canol Road lockt.Wie eine Achterbahn kurvt der schmale Weg durch die Mackenzie Mountains. Zweiter und dritter Gang, mehr geht nicht, ist aber auch nicht nötig. Im winzigen Nest Ross River tanken wir randvoll, es muss für 500 Kilometer reichen. Die Berge werden höher, der Verkehr tendiert gegen Null. Keine 20 Meter vor mir gallopiert ein sichtlich irritierter Grizzly über die Piste. Am Straßenrand, oft schon dicht überwuchert, entdecken wir uralte Autowracks, die die Amis beim Bau der Piste vor 56 Jahren zurückgelassen haben. Erstaunlich, wie gut die Oldtimer noch immer aussehen. Landschaft und Piste machen euphorisch, so könnte ich wochenlang weiterfahren. Wie eine Wand türmt sich vor uns die Itsi Range auf, gewaltige vergletscherte Berge. Unten im Tal schäumt der South MacMillan River ungestüm und wild, eine grob gezimmerte Holzbrücke führt ans andere Ufer. Unbarmherzige Schlaglochserien strapazieren die Stoßdämpfer und die braun-rot-grünen Berge die Sehnerven. Kanada wie aus dem Bilderbuch. Viel zu schnell erreichen wir den MacMillan Pass, Grenze zu den Northwest Territories und Ende der befahrbaren Canol Road. Ab hier verfällt die Piste seit Jahrzehnten. Wie zum Beweis verschwindet die Spur in einem Fluss, die alte Brücke ist eingestürzt. Also umkehren. Mit dem letzten Tropfen Benzin erreichen wir Ross River. Dort stoßen wir auf den Campbell Highway, dem wir westwärts folgen. Der Verkehr nimmt drastisch zu, drei Autos pro Stunde. Die breite Piste führt hügelauf, hügelab durch die immer gleichen Wälder bis uns der Anblick des Yukon River schlagartig aus der Lethargie reißt. Der mächtige Strom weckt eine Flut von Assoziationen: Goldrausch, Jack London, Ruf des Nordens, Abenteuer und Freiheit. Und all diese Schlagworte konzentrieren sich auf ein Ziel, Dawson City, das Epizentrum des größten Goldrausches der Geschichte. Vor 103 Jahren explodierte die winzige Siedlung am Zusammenfluss von Klondike und Yukon fast über Nacht zur Boomtown. 30 000 folgten dem Lockruf des Golds. Doch die meisten erreichten Dawson zu spät. Längst waren alle Claims verteilt. So blieben nur noch Hilfsjobs übrig. Viele zogen gleich weiter, denn längst munkelte man von sensationellen Goldfunden an der Beringsee in Alaska.Dawson ist inzwischen zum National Monument erklärt worden. Die alten Holzhäuser werden restauriert, die Straßen bleiben geschottert und im Diamond Tooth Gertie´s schwingen die Can Can-Tänzerinnen noch immer ihre Beine über die Bühne. Die Atmosphäre des Goldrausches ist noch nicht verflogen. Aber uns lockt weniger das Gold – unsere Versuchung ist die nördlichste Straße Kanadas, der Dempster Highway. Für die einen mit ihren 750 One-way-Kilometern die längste Sackgasse der Welt, für die anderen die ultimative Piste in die Subarktis.Ein weißes Blechschild stimmt uns auf die neue Dimension ein: nächste Tankstelle 370 km. Mit langen Staubfahnen brettern wir das Schotterband nach Norden. Erst beim Anstieg zum North Fork Pass drehen wir die Gasgriffe wieder zurück. Die Vegetation verändert sich, längst hat der Birkenwald der Tundra Platz gemacht, die nun als sanfter grüner Teppich die Täler auskleidet. Zwischen den kaum mehr kniehohen Büschen wandert eine Elchkuh in die Berge. Doch plötzlich ist es vorbei mit der Ruhe, das Bollern eines Einzylinders grollt durchs Tal. Ein deutscher Biker. Klar, dass auch er nach Inuvik will, wobei die Inuit-Stadt am Ende des Dempster nicht - wie bei Birgit und mir - das Ziel, sondern der Anfang seiner Reise sein soll. Tilos Trip führt etwas weiter nach Süden, ans andere Ende der Panamericana: nach Feuerland.Aber anstatt durch die Anden, kurven wir jetzt zu dritt durch die Ogilvie Mountains und stauben dann hoch zum Eagle Plains Plateau, eine lange Reihe sanfter Buckel. Die Piste lässt nicht einen aus, verhilft zum Fern-Seh-Erlebnis mit grandiosen 360 Grad-Aussichten. Über die Richardson Mountains, längst nördlich des Polarkreises, fließen - einer gigantischen Welle gleich - weiche weiße Wolken. Die Piste zielt mitten hinein in die feuchte Pampe, wir haben keine Chance, ihr auszuweichen. Nieselregen setzt ein, beschert uns eine unberechenbare Rutschbahn. Im zweiten Gang schleichen wir voran, ständig die Visiere wischend und doch nur ahnend wohin wir schlingern. Saukalt ist es zudem. Gedanken an heißen Kaffee schleichen sich ein. Noch 85 Kilometer bis Fort McPherson, dem einzigen Ort entlang des Dempster. Visier wischen, Kilometer zählen, ein Kaffee wäre wirklich nicht schlecht. Endlich pellt sich der Peel River aus dem Nebel. Und davor, mitten im Schlamm und doch wie eine Fata Morgana, »Winnie´s Cantina welcomes you«.Abgefüllt mit Kaffee und Kuchen schlingern wir weiter nach Norden, erreichen den gewaltigen MacKenzie River, einen der größten Ströme Amerikas. Durch fast knietiefe Spurrillen balancieren wir die Enduros auf die Fähre. Nördlich vom MacKenzie verliert sich der Dempster in der Endlosigkeit der Ebene. Krüppelige Kiefern, kaum fünf Meter hoch und doch 200 Jahre alt, wachsen krumm und schief auf dem Dauerfrostboden, der nur an manchen Stellen ein wenig auftaut. Die Kanadier nennen das ”Drunken forest”. Die Welt ist zweidimensional und farblos geworden. Die längste Gerade misst 31 Kilometer. Es regnet ununterbrochen. Ein klappriger Pick-up kommt entgegen, der Fahrer reckt seinen erhobenen Daumen aus dem Fenster, grüßt die Helden die Piste. Aber auch Helden frieren und werden nass. Tapfer sein ist manchmal ganz schön schwer.Viel später rollen wir völlig verschlammt in Inuvik, dem »Ort der Menschen” ein. Aber die Euphorie, am Ende Kanadas angekommen zu sein, stellt sich noch nicht ein. Vorerst fokussieren sich alle Sinne auf eine heiße Dusche. Je heißer, desto besser. Erst danach wird gefeiert. Also ab zum Liquor Store. Wir staunen nicht schlecht, in den Regalen Rotwein aus Chile neben Piesporter Goldtröpfchen und Oppenheimer Krötenbrunnen zu entdecken. Wobei unsere kleine Fete eigentlich zu früh beginnt, denn noch fehlt der finale Schritt zum Arktischen Ozean. Also buchen wir einen Buschflieger, der uns zur Inuitsiedlung Tuktoyaktuk bringt. Von hier geht´s dann wirklich nicht mehr weiter, es sind nur noch 2000 Kilometer bis zum Nordpol. Schade, dass unsere Enduros nicht schwimmen können.

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