Kanada (Archivversion) Polarbären

Sie haben die Leichtigkeit von Hundeschlitten und die Power von Big Bikes, sie sind Enduro und Renncart in einem, und sie schenken Winterfreuden pur: Snowmobile. Annette Johann erlebte damit in Kanada unterwegs.

Es regnet tatsächlich. In fiesen fetten Tropfen, vermischt mit Resten tauender Schneeflocken, die oberhalb von 1000 Höhenmetern noch wirbeln scheinen, aber hier unten zwischen Montreal und Ottawa bereits nicht mehr. Als der kanadische Pilot beim Landeanflug den Wetterbericht durchgab, überlegte ich, wie es eigentlich um meine Englischkenntnisse bestellt ist. Fünf Grad plus im Februar - es muß sich um ein Mißverständnis von ungefähr 30 Grad handeln. Doch es ist keins. Zumindest kein sprachliches. Im unserem Basisquartier ein Autostunde nördlich von Montreal tappen wir durch Lachen abtauenden Schnees und hasten unter Wasservorhängen tropfender Dächer hindurch. Zwei Snowmobile und ein nasser Husky werben auf den schmutzigweisen Resten winterlicher Pracht vergeblich um Animation. Jahrhundertwinter in Kanada - verblüffend ähnlich dem Wetter in deutschen Breitengraden um diese Jahreszeit. Dennoch - dem Farmhaus mit prasselnden Kaminfeuer und ausgestopften Bären nimmt er kaum den Charme. Vor den Fenstern breitet sich einer der ungezählten Seen Quebecs aus, am Steg liegen zugeschneite Boote kieloben, und ein Wasserflugzeug ruht auf seinen breiten Alukufen. Im Sommer bringt Pierre, ein hagerer, wortkarger Frankokanadier bringt damit Jäger und Angler in die unwegsame Wildnis hoch oben im Norden des Landes. Jetzt im Winter führt er Snowmobil-Reisende wie uns über die Trails des Südens. Typische Berufe in einem Land, in dem xxxx weniger Menschen als in Deutschland nehmen, dessen Fläche aber das x-fache beträgt - seit der Auflösung der UDSSR ist Kanada das größte Land der Erde - und von dem große Teile mehr als die Hälfte des Jahres unter Schnee und Eis verborgen sind. Nur eben jetzt gerade Süd-Quebec nicht. Pierre zieht sorgenvoll die Stirn in Falten und telefoniert mit dem Pistendienst. Noch seien die Trails befahrbar, heißt es, zwei Meter Schnee tauen nicht von heute auf morgen weg. In einem Land, wo im Winter die weiße Pracht jede normale Fortbewegung lähmt, sind die motorbetrieben Nachfahren der Hundeschlitten ein alltägliches Verkehrsmittel. So sind spezielle Trails in den Wäldern angelegt, es gibt Parkplätze vor den Kneipen und dem Drugstore, und Extraspuren an den wichtigen Straßen. Wir wollen eine einwöchige Tour mit den Schneefahrzeugen unternehmen. Pierre staffiert uns mit Helmen, Fäustlingen, Filzstiefel und ultrawarmen Thermo-Anzügen aus und unterweist uns im Umgang mit den kleinen Raupentieren. Gestartet werden sie wie ein Bootsmotor per Seilzugkabel, Gas gibt man per Daumendruck am rechten Lenkerende, gebremst wird links und gekuppelt und geschaltet überhaupt nicht. Eine Fliehkraftkupplung und ein Treibriemen regeln nach dem Vespa-Prinzip die Kraftübertragung der großvolumigen Zweitaktmotoren auf die massige Kunststoffkette im Heck. Die schnellsten der Minipanzer verfügen locker über 140 PS und Beschleunigungswerte wie ein offenes Big-Bike. Mein kobaldblauer 50-PS Polaris »Indy« erinnert dagegen eher an ein alterndes Mittelklasse-Motorrad. Was aber mehr als genug ist, wie ich bald schon merke. Gewaltige blaue Qualwolken und den Sound einer Kettensäge verbreitend, nimmt der 500er nach ein paar Zügen an der Schnur die Arbeit auf. Rauf auf die weiche Sofabank, Füße in die kleinen Heizungsschächte (!) vorn am Trittbrett und Daumen auf den beheizten Gasknopf rechts. Überraschend weich nimmt der Zweitakter Gas an und beschleunigt dank der Fliehkraftkupplung sanft und übergangslos. Nichts von dem giftigen Gekläffe und dem brutalen Leistungseinsatz großer Zweitaktmotorräder. Zunächst schlingert das Ding noch etwas haltlos auf der eisglatten Fläche vor der Tankstelle dahin, dann krallen sich die Führungstege der Lenkkufen in den weichen Schnee der Waldwege, und die Panzerkette schiebt kraftvoll an. Vorsichtig pöttere ich hinter den anderen her. Der Pistendienst scheint optimistischer Natur gewesen zu sein, als er Pierre sein »Ski und Rodel gut« durchgegeben hat. Durch das seit Tagen anhaltende Tauwetter herrschen chaotische Verhältnisse auf den Wegen. Immer wieder tosen Schmelzwasserbäche darüber oder stoßen Steine durch die schmelzende Schneedecke. Naß und mißmutig dirigiere ich den blauen Indy über die holprigen Wege, ahnend, welche Freude diese agilen Gefährte unter artgemässen Bedingungen wohl machen könnten. Jede Schneewächte wird genutzt, um die heißen Triebwerke zu kühlen. Wie Schlittenhunde sind sie auf beißende Kälte abgestimmt. Pierre vermeidet den Blick auf die sensiblen Aluführungsschienen an den Kufen. Er weiß auch so, daß seine Fahrzeuge gerade in wenigen Stunden so verschleißen wie sonst nicht in Monaten. Ausdruckslos klemmt er eine Zigarette zwischen seine schmalen Lippen, die blauen Augen starr nach vorn gerichtet. Wir haben keine Wahl.Am nächsten Morgen ist es endlich wieder kalt. Eisig steht die Luft vor den Lippen, Rauhreif überzieht Bäume und Sträucher. Da noch keine frische Schneedecke über dem angefrorenen Boden liegt, ist das Fahren noch immer schwierig, Lenkung und Stoßdämpfung fehlt der weiche Untergrund. Vorsichtig holpern wir durch die Wälder im Norden Mont Lauriers. Kurz vor dem Gipfel des Mt. Diablo umgibt uns plötzlich eine Märchenlandschaft aus funkelnden Schnee- und Eiskristallen. Schlagartig beißt die Kälte in das nur von einer Faserpelzhaube geschützte Gesicht. Oben gibt es ein kleines Lokal. Schneewittchengleich ist es nach dem Tauwetter komplett von einem gläsernen Eispanzer umgeben. Doch es scheint warmes Licht hinter den Fenstern und aus einem kleinen Lautsprecher über der Tür tönt leise Musik. »I`m back in 10 minutes« informiert ein abgegriffenes Pappschild an der verschlossenen Eingangstür. Der Laden werde 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr von einem einzigen Typen geführt, erklärt Pierre gelassen, und irgendwann müsse der ja auch mal was besorgen. Wir warten, doch es kommt niemand. Ein altes Flugzeugwrack liegt unterhalb der Kneipe zwischen den Tannen. Vor einer halben Ewigkeit sei es hier in dichtem Nebel zerschellt und alle 15 Insassen dabei umgekommen, erinnert sich Pierre. Das Ganze beginnt ein wenig an Stephen Kings »Shining«-Hotel zu erinnern. Mit Stotterbremse tasten wir uns vorsichtig die steile Gipfelabfahrt wieder hinab. Die auf die Treibriemenrolle wirkende Scheibenbremse will behutsam bedient werden.An den zugefrorenen Windigo-Falls finden wir endlich ein offenes Lokal. Die einsame Zapfsäule gegenüber dem neuenglischen Holzhaus kennzeichnet den typischen Snowmobil-Treff. Heute sind wir die einzigen Gäste. Die ältere Wirtin legt das Strickzeug weg und setzt Kaffeewasser auf. Hamburger und Hot Dogs stehen auf der Steisekarte, Donuts und Motorenöl einträchtig im Regal hinter der Theke.Wir vergessen völlig die Zeit. Als wir aufbrechen, ist die Sonne schon weg, und wir haben noch ein ganzes Stück Strecke bis zu unserem nächsten Quartier in Cockanagog. Dafür herrschen hier oben endlich normale Pistenverhältnisse. Zügig geht es über die schmalen Waldwege in Richtung Nordwesten, der Scheinwerfer bohrt sich zitternd in die einbrechende Dunkelheit. Bloß den Anschluß nicht verlieren, das Rücklicht des Vorausfahrenden wird zum magischen Auge. Im Fluge geht es durch die Kurven, wie im Gespann mit Körpereinsatz den Indy dirigierend, im Schuß durch tiefe Senken und mit Druck auf der anderen Seite wieder hinan, kurz Gas weg vor der Kuppe, langsam drüber, gucken wie die Strecke verläuft - verdammt, die anderen sind weg - und mit einem Gasstoß wieder davon, ratternd über Waschbretter, federnd durch Kuhlen. Geradezu akrobatisch schnellen die Lenkkufen auch aus den extremsten Verrenkungen immer wieder in Fahrtrichtung. Es ist eher ein Rennen statt eine Reise, der kraftvolle Zweitakter brüllt überlaut in die Nacht, giert nach Stoff und vereitelt jede beschauliche Sekunde, doch das Tempogefühl entschädigt für alles. Mich zumindest. Schneefall setzt ein, und die ansausenden Flocken nehmen sekundenlang jede Orientierung. Abblenden, Visier hoch, noch eine wackelige Linkskurve, und ich habe die anderen wieder. Aufatmend gehe ich vom Gas. Die zugefrorene Fläche des weiten, hell schimmernden Lac Bascatong öffnet sich vor uns. Die Silhouetten kleiner Holzhäuser mit warm erleuchteten Fenstern und verschneite Boote schimmern im Mondlicht. Cockanagog, wir sind da. Die bellenden Triebwerke verröcheln, und wir stapfen durch den knarrenden Schnee zu der Kneipe der kleinen Siedlung. Ein paar Snowmobile parken vor der Tür, drinnen schmücken Felle und Trophäen-Fotos die Wände. Eine alte Lady ist stolz mit Pfeil und Bogen neben einem toten Bären abgebildet. Nur schüchtern treten das halbe Dutzend Männer und Frauen mit uns in Kontakt. Quebec sei französischsprachig, und sie könnten daher kaum Englisch, eröffnet uns schließlich eine der Frauen. »Die Fremden lachen dann immer über unsere Fehler«, erklären sie verlegen grinsend. Wir versichern, daß wir nicht lachen würden. Sie mögen dieses Leben hier, erzählen sie impulsiv, wo im Sommer die Jäger und Angler kämen und im Winter die Snowmobile, weit weg von der hektischen Zivilisation. Er habe mal in Quebec gelebt, erinnert sich Gilles. Keine zehn Pferde brächten ihn die Stadt zurück. Dann trinkt er aus, stülpt eine Biberfellmütze über und stapft raus zu seinem Snowmobil. Einem 750er Yamaha-Zweitakt-V 4 mit rund 140 PS. Noch kilometerweit schallt das heißere Röhren durch den Wald. Rennstreckenklänge, die niemanden zu stören scheinen.Wir müssen über den Lac Bascatong. Vorsichtig dreht Pierre ein paar Runden, um zu prüfen, wieweit das vergangene Tauwetter die Eisdecke schon angefressen hat. Mit genügend Abstand zwischen den Fahrzeugen sei es okay, meint er, als er zurückkommt. Vorsichtig gleiten wir auf die zum Teil spiegelglatte Fläche, und unter hellem Singen nehmen die Ketten und Kufen Fahrt auf. Mir ist etwas unbehaglich. Doch die Routen über die zugefrorenen Seen sind normaler Bestandteil des kanadischen Winterverkehrs und sogar mit Stöcken markiert. Aufgeworfene Stellen zeigen die fast meterdicke Stärke der Eisdecke. Wie bei einem Räderfahrzeug muß auf Eis die Traktion behutsam kontrolliert werden. Etwas zuviel Druck am Gasknopf, und die Fuhre dreht sich wie ein Brummkreisel. Kommt dabei ein festgefrorener Eisbrocken in die Quere, liegen Roß und Reiter blitzartig auf der Nase. Wir kommen entsprechend langsam voran. Pierre entscheidet daher, das Dorf Parent am nördlichen Ende der Tour nicht anzufahren. Zu viele solcher spiegelglatt überfrorener Eisflächen müßten dazu überquert werden, was unter diesen Umständen zu zeitraubend und zu gefährlich wäre. Ein kleiner Flugzeughangar kommt am Ufer in Sicht. Die davor parkende, orangefarbene Beaver »Turbo-Otter« mit breiten Wasserkufen und langen Eiszapfen an den Tragflächen scheint noch aus der Goldgräberzeit zu stammen. Eine kleine Piper nebendran hat ebenfalls schon bessere Tage gesehen. Wir sind in Ste-Anne-du-Lac, so quasi dem letzten Nest vor der Wildnis, wo Flugzeuge ebenso zur Mobilität gehören wie die alten Four-Wheel-Pickups und die Schneefräse an der Tankstelle im Ort. Wie rostige Gileras an italienischen Hauswänden, stehen hier verwitterte Indies herum, unklar, ob sie jemals jemand wieder zum Leben erweckt. Im Drugstore stapeln sich Angelschnüre neben Kinderspielzeug und Nylonstrümpfe neben dicken Fäustlingen. Ein Haus weiter gibt es Lebensmittel, Zeitungen und ein Mini-Postamt. Kanada ist anders. Anders wie die einstige Kolonialmacht Europa mit ihrer Schwerblütigkeit, aber auch anders wie das leichtlebigere US-Amerika. In einem Land, wo harter Kampf mit einer erbarmungslos zupackenden Natur zum Alltag gehört, wo ganze Bevölkerungsteile in arktischen Klimazonen leben, kommt ein belangloses »nice to meet to you« nicht mehr ganz so leicht über die Lippen. Auch wenn Kontakte ein unschätzbares Überlebensmittel in langen Wintern sind. So trifft sich in Jeff´s »Club Baskatong« am Wochenende die ganze Snowmobilriege der Region. Die Wände bis zur Unkenntlichkeit mit Flitter und Ski-Doo-Plakaten beklebt, Billardtische und Plastik-Stühle dicht an dicht, E-Gitarren und Trommeln verheißungsvoll auf der großen Bühne, kocht das Ding auch unbelebt schon vor Stimmung. Für praktische Probleme hat Jeff Zündkerzen und Kontaktspray bereitliegen. Aus der Kneipe neben unserem Hotel tönt noch Musik, und bunte Neonreklame blinkt über dem Schnee. Zur Animation von ein paar Billardspielerinnen und biertrinkenden Mitzwanzigern rackert sich ein Alleinunterhalter an einem offenbar multifunktionalen Keybord ab und hangelt sich mit kehliger Stimme abenteuerlich durch die Charts, von Michael Jackons über die Stones bis zu Frank Sinatra. Seine Gattin ergänzt das Repertoire gelegentlich mit freizügigen Tina Turner- und Madonna-Interpretationen - unsere Snowmobil-Crew wagt das erste Tänzchen. Irgendwann ist Sperrstunde. Wie auf einer guten Fete wird noch mal Kaffee gekocht und den kurz reinguckenden Cops freundlich zugewunken. Mit alkoholischem Mut und brüchigem Englisch werden uns die ersten Fragen gestellt. Über unser Leben, über Europa und über das wiedervereinigte Deutschland, das sie so gerne kennelernen würden. Die Nacht scheint 24 Stunden zu haben. Als ich mit brennenden Augen am nächsten Morgen aus dem Fenster gucke, hat strahlendweißer Schnee alles in dichte Watte gepackt. Die Temperaturen sind wieder auf dem Weg hinab in winterliche Tiefen, das kanadische Jahrhundertereignis ist zu Ende. In wenigen Stunden geht meine Maschine. .

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote