Kanal-Inseln (Archivversion) Insel-Glück

Früh am Morgen in St. Helier. Jerseys Haupt- und Hafenstadt wirkt noch verschlafen, die breiten Straßen, an denen prächtige und farbenfrohe viktorianische Häuser stehen, sind menschenleer. Südlich vor der Stadt, auf einem rötlich schimmernden Felsen und von Wasser umgeben, schimmert die weitläufige Festungsanlage Elizabeth Castle im schwachen Schein der Morgensonne. Große, laut schreiende Möven gleiten über das weite Hafenbecken, stürzen sich blitzartig ins Meer, schnappen gierig nach den Resten, die von heimkehrenden Fischern über Bord geworfen werden. Ein lauer Wind treibt die salzige Seeluft durch die Gassen. Eine versöhnliche Stimmung nach meinem Frust von gestern abend.Erst die Sache mit dem Mietmotorrad. Anstelle einer MuZ Skorpion, neu und gelb, bekomme ich eine 125er Honda, uralt und rostig. Meine Schuld - ich hätte eben vorher reservieren sollen. Doch dann der Polizist, der offensichtlich keine Motorradfahrer mag. Penibel kontrollierte der Uniformierte alles, was sich in meinen Taschen befand. Reine Routine, versicherte er mir. »Have a nice day.« Kurz darauf die gnadenlosen Türsteher der Restaurants am weiten Strand in der St. Brelades Bay. »We serve no singles«, Einzelpersonen werden hier nicht bedient. Ich staunte nicht schlecht. Drei Restaurants blieben mir als Alleinreisender verschlossen, das vierte hatte geschlossen. Na prima.Aber wie gesagt, das war gestern. Inzwischen spazieren die ersten Urlauber über die breite Hafenpromenade von St. Helier, und vor mir auf dem Teller dampft ein englisches Frühstück: Rührei, Schinken und Speck und ein riesengroßer Pott Kaffee, dazu reicht der Kellner die letzte Ausgabe der Jersey Evening Post. »Die glücklichsten Menschen der Welt!« steht in großen Buchstaben auf der ersten Seite, und laut dem folgendenen Artikel halten sich dafür nach einer Umfrage eines englischen Meinungsforschungs-Instituts die Bewohner der Kanal-Inseln. Sie schwören »auf das ruhige Leben auf den fast schon mediterran anmutenen Inseln im Schatten Englands und Frankreichs«, steht da, zahlen keine Mehrwertsteuer und seien stolz auf ihre Unabhängigkeit, denn die englische Regierung darf sich nur in außenpolitische Angelegenheiten einmischen - auf den Inseln herrschen eigene Gesetze, es gibt eine eigene Währung, und hartnäckig wehren die Insulaner sich gegen die Aufnahme in die Europäische Gemeinschaft und gegen Fremde. Wer hier leben möchte, muß neben einem gut gefüllten Bankkonto einen tadellosen Leumund vorweisen und sich einer strengen Befragungsprozedur unterwerfen. Nun denn, ich lege die Zeitung weg und steige auf die kleine Honda, um das Wundereiland zu erkunden.Vierspurig führt die Straße entlang der Südküste von Jersey. Französische Orts- und Straßennamen, herausgeputzte englische Landhäuser, gepflegte Gärten, in denen Palmen, riesengroße Farne und knallbunte Blumen wachsen. Die üppige Mischung verwirrt, doch der warme Golfstrom garantiert ein fast schon mediterranes Klima - auf den Breitengraden von Mitteleuropa. Vom Meer im Augenblick allerdings kaum etwas zu sehen. Der Strand der St. Aubin´s Bay ist bei Ebbe so breit, daß er jahrelang als Start- und Landebahn für Flugzeuge diente. Heute bringen grobstollig bereifte Landrover Badegäste und Surfer während der wasserlosen Stunden zu den weit entfernten Wellen.Hinter St. Aubin wird es plötzlich eng. Fast einspurig zieht sich die Straße durch ein kleines Waldstück, führt dann in scharfen Kehren auf einen Hügel und wieder runter in die nächste Bucht, die St. Brelade´s Bay. Einen Kilometer weiter habe ich schon den westlichsten Zipfel der Insel erreicht, die gerade einmal acht mal 16 Kilometer mißt. Schroffe, messerscharfe Klippen ragen bei Ebbe am Corbiere Point aus dem Schlick, ein schmaler Weg führt durch das Riff zu einem 30 Meter hohen Felsen, auf dem ein schneeweißer Leuchtturm klebt. Doch für einen Gang dorthin ist es zu spät. In vielen kleinen Kanälen fließt das Wasser bereits wieder landeinwärts, Minuten später schwappen die ersten Wellen über den Pfad, kurz darauf ist der Leuchtturm vom Land abgeschnitten. Nicht viel länger, und die ersten schäumenden Wellen klatschen gegen den hohen Felsen, dann ist von den meisten Klippen nur noch die Spitze zu sehen. Auf diesen Moment haben die Surfer am fünf Kilometer langen Strand der St. Queen´s Bay gewartet. Nur ein paar Meter trennen jetzt die Küstenstraße noch vom Wasser. Sofort bläht der stürmische Westwind die unzähligen bunten Segel auf, die rasend schnell in Richtung Horizont verschwinden.Mit Vollgas rausche ich auf der fast kerzengeraden Strecke entlang der St. Queen´s Bay in Richtung Norden. Tempo 75, mehr gibt der klapprige alte Einzylinder nicht her. Zu wenig für eine 125er, aber eigentlich immer noch zu viel für die Straßen der Kanal-Inseln, auf denen ein generelles Tempolimit herrscht: 40 Meilen oder 65 Stundenkilometer. An der ersten Steigung ist dann ohnehin Schluß mit dem Geschwindigkeitsrausch, mehr als 65 Sachen packt die Möhre jetzt sowieso nicht mehr. Hinter L´Etacq zieht sich die Straße bis direkt an den Rand der über 90 Meter hohen Steilküste im Norden der Insel. Senkrecht stürzen die glatten Wände ins schäumende Meer, unten donnert die Brandung, das Geräusch hallt um ein Vielfaches verstärkt durch die engen Schluchten und Klippen. Ab und zu kantige, zum Teil bizarr geformte Felsvorsprünge, auf denen Tausende von Möven nisten.Ein paar hundert Meter entfernt sind die Überreste eines alten Geschützturms aus dem Zweiten Weltkrieg erkennbar. Deutsche Truppen hatten die Kanal-Inseln vier Jahre lang besetzt und mit irrwitzigem Eifer zu einer gigantischen Festung ausgebaut, um gegen eine englische Invasion gewappnet zu sein. Dazu wurden die Bewohner der Inseln zwangsweise zu Arbeitsdiensten herangezogen. Jersey und Guernsey galten bald als die bestbefestigten Gebiete Westeuropas, zeitweise waren hier über 42000 Soldaten stationiert. So stößt man immer wieder an strategisch wichtigen Punkten entlang der Küste auf die Überreste von zahlreichen Bunkern und Geschützstellungen. Wobei der übertriebene Eifer mehr einen symbolischen als strategischen Wert hatte: Mit Jersey und Guernsey hatten die Deutschen zumindest einen - wenn auch nur kleinen - Teil Englands besetzt.Schmale Straßen, gesäumt von niedrigen Mauern aus dicken Steinen, ziehen sich südlich von St. John durch das Zentrum der Insel. Vorbei an knallgelben Rapsfeldern und Ginsterbüschen, bis undurchdringliches Laub den Weg zurück zur Südküste durch das Waterworks Valey überschattet. Nur ab und zu blinzelt die Sonne durch das satte Grün auf den engen, kurvigen Asphalt.Bald gelange ich wieder an die Küste, doch diesmal im Osten der kleinen Insel. Traumhaft das Stück zwischen Gouray und Rozel, Kurve an Kurve, rechts unter mir steile Klippen, dann wieder einsame und verträumte Buchten, in denen schneeweiße Segelyachten ankern. Schließlich die steile Abfahrt hinunter in die Rozel Bay. Phantastisch der Blick auf das türkis schimmernde Wasser. Schließlich ducken sich am Ende der Straße die weiß, grün, blau oder gelb gestrichenen Holzhäuser von Rozel unter einer bewaldeten Anhöhe in die enge Bucht und um das kleine Hafenbecken. Gelassen sitzen ein paar Fischer vor ihren Booten, bieten fangfrische Austern und riesengroße Hummer an. Zwei winzige Restaurants, drei Souvenirläden, mehr bietet die kurze Promenade nicht.Um so mehr dagegen St. Peter Port. Die engen Straßen in der Hauptstadt der Nachbarinsel Guernesey beben förmlich. Frisierte Bikes, aufgemotzte Autos und Karts lassen ihre Motoren warmlaufen, dann geht es jeweils einzeln an den Start, nach genau 760 Metern und knapp 35 Sekunden für den Schnellsten ist der Spuk schon wieder vorbei. Fünf mal im Jahr veranstalten die beiden lokalen Auto- und Motorrad-Clubs den Guernsey Hill Climb, ein Bergrennen, das bereits seit den fünfziger Jahren auf der engen und kurvigen Le Val des Terres-Hauptstraße, die direkt am Hafen beginnt, ausgetragen wird. Es herrscht Volksfeststimmung. Die ganze Stadt, so scheint es, ist auf den Beinen, viele sitzen mit Picknickkorb, Bierkisten und Grill unter schattigen Bäumen irgendwo am Rand der Strecke, klatschen begeistert, wenn die Fahrer mit spektakulären Drifts förmlich über den Asphalt fliegen. Am nächsten morgen ist schon wieder völlige Ruhe in der verträumten Stadt eingekehrt. Enge Gassen und steile Treppen führen auf und ab durch die bunten Reihen viktorianscher Häuser rund um den kleinen Hafen und an den Hängen, die steil aus dem Meer emporwachsen. Fast wie ein Ausflug in die Vergangenheit, so perfekt und gepflegt wirkt die Kulisse. Doch hinter den alten Mauern der historischen Gebäude herrscht die Moderne. Banken und Firmen aus aller Welt residieren in diesem Steuerparadies, dessen Abgabesatz seit 1940 nicht mehr erhöht wurde. Schon während der ersten Kilometer fällt auf, daß Guernsey ganz anders ist als das benachbarte Jersey. Ruhiger und verträumter. Und bunter. Gegen die Farben in den großen Gärten der alten englischen Landhäuser hat sogar die üppige Vegetaiton Jerseys keine Chance mehr, so überwältigend ist die Blütenpracht. Yuccapalmen stehen vor bunten Häusern, die schmalen Straßen sind von Rhododendronbüschen gesäumt, deren Blüten einen betäubenden Duft verströmen. Die alte Miet-Suzuki mit dem qualmenden Zweitakt-Motor, die ich auf dieser Insel bekommen habe, paßt überhaupt nicht in diesen überdimensionalen botanischen Garten, indem ein einfaches Gemüse allen hier wachsenden Südfrüchten inzwischen den Rang abgelaufen hat: die Tomate. Prall und rund hängen die Früchte tausendfach in den Gewächshäusern, endlose grüne Reben mit dicken roten Bällen. Die Liebe zu dieser Frucht gipfelt keineswegs in der Herstellung von Ketchup, sondern in der Produktion von Tomatenwein. Fein säuberlich stehen Dutzende von Flaschen der letzten Jahrgänge im Guernseyer Tomaten-Zentrum zum Verkauf. Vollmundig, jedoch gewöhnungsbedürftig.Vorbei an den breiten Sandstränden der Westküste, dann plötzlich die steilen Klippen im Süden der Insel, die nur halb so groß wie Jersey ist. Aber eindrucksvoller. Unter mir kleine Buchten mit winzigen Stränden, weißer Sand oder feiner Kiesel zwischen gezackten Felsen, eine Handvoll sündhaft teure Segelyachten im türkisfarbenen Meer, rundherum dichtes tropisches Grün. Mittelmeerstimmung in der Moulin Huet Bay. Eigentlich kein Wunder, daß die Guernseyianer es potentiellen Immigranten noch schwerer machen, als es ihre Nachbarn aus Jersey ohnehin schon tun. Für sie, so wirkt es, ist ihre Insel eine der letzten Oasen inmitten einer unruhigen Welt. Störende Einflüsse von außen sind unerwünscht. Eigentlich auch die Touristen, ginge es nach der Meinung vieler älterer Inselbewohner. Der Taxifahrer, der mich später zum Hafen fährt, bringt es philosophisch auf den Punkt: »Diese Insel ist eine private Welt, vielleicht sogar der sichtbare Überrest des versunkenen Atlantis.« Kein Wunder, daß sich die Insulaner für die glücklichsten Menscher der Welt halten.

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