Kenia (Archivversion) Zwischen Wüste und Schnee

Tropischer Regenwald, tierreiche Savannen, der ewige Schnee auf dem Mount Kenya, die nahezu menschenleeren Wüsten im Norden des Landes - Kenia per Enduro heißt Afrika erleben.

Die ersten Sonnenstrahlen streifen die Schneekappe des Kilimandscharo, die wie eine leuchtende Krone über den sanft geschwungenen, dunklen Hängen zu schweben scheint. Hier und dort glimmen die ersten Feuer der Kaffeebauern, deren Rauchfahnen senkrecht in den Himmel steigen. In der Ferne breiten sich die tierreichen Savannen der Amboseli- und Tsavo-Nationalparks aus. In vollen Zügen genießen Katja und ich die grandiose Aussicht an diesem Morgen, genießen die Ruhe, nachdem wir soeben bei Marangu, dem 2000 Meter hochgelegenen Ausgangspunkt für Kilimandscharo-Touren, die Grenze von Tanzania nach Kenia passiert haben.Im Bummeltempo rollen wir auf unserer schwerbepackten BMW vorbei an unzähligen Bananenstauden, die überall an den Hängen rund um den Kilimandscharo gedeihen. Doch je tiefer wir kommen, desto mehr weicht die üppige, fast schon tropisch anmutende Pflanzenwelt einer vergleichsweise kargen Savannenvegetation. Wir parken die BMW unter einer Schirmakazie und studieren die Karte. Der Osteingang des Amboseli-Nationalparks ist nur wenige Kilometer entfernt. Zum ersten Mal seit Kapstadt wünschen wir uns ein Auto herbei, denn Nationalparks sind wie überall auf dem schwarzen Kontinent aus Sicherheitsgründen verbotenes Terrain für Motorradfahrer. Doch in Afrika ist anscheinend nichts unmöglich. Die Ranger am Parkeingang sind sichtlich beeindruckt von unserer Maschine. Ich drehe mit dem Beamten auf dem Sozius einige Runden, dann steht sein Urteil fest: »This is not a bike, this is like a car« - und zum ersten Mal seit 30 Jahren rollt ein Motorrad durch den Amboseli.Schon nach wenigen Kilometern entdecken wir eine riesige Elefantenherde. Vorsichtig nähern wir uns den mächtigen Tieren bis auf 100 Meter, stellen den Motor ab und wagen uns kaum zu bewegen. Ein Bulle fixiert uns kurz, dann ist er anscheinend von unserer Harmlosigkeit überzeugt. Auch die anderen Tiere der Herde lassen sich von uns nicht aus der Ruhe bringen. Ebenso gelassen stolziert auf einmal eine Giraffe vorbei und macht sich in unmittelbarer Nähe zu unserem Logenplatz an einer kargen Baumkrone zu schaffen.Nairobi, Kenias Hauptstadt, die wir bei der Weiterfahrt zwangsläufig passieren mußten, liegt bereits hinter uns. Uns lockt das Rift Valley, die wohl längste Narbe in der Erdkruste. Über 6000 Kilometer erstreckt sich diese Grabensystem, von Jordanien am Roten Meer bis nach Mosambik. Doch nirgendwo verläuft dieser gewaltige Riß spektakulärer, nirgendwo sind die Grabenwände steiler als in Kenia. Die Straße führt schließlich direkt am Abbruch des Rift Valleys entlang und tief zum Naivasha-See hinunter, einem der vielen Seen, die sich am Grund des Grabens gebildet haben.Doch schon der nächste See, der Nakuru-See, ist durch die langanhaltene Dürre fast komplett ausgetrocknet. Die sonst hier lebenden, riesigen Flamingo-Populationen sind längst zum Bogoria-See weitergezogen, dessen hoher Sodagehalt im Wasser ein idealer Nährboden für die blaugrünen Algen ist, von dem sich diese wunderschönen Vögel ernähren. Millionenfach stehen sie oft am Ufer - wie heute: rosa, nichts als rosa, soweit unser Blick reicht. Als wir uns dem See nähern, kommt Bewegung in die Menge, abertausend Flügel fangen an zu schlagen, gleich einer leuchtenden Wolke schweben Flamingos in alle Richtungen davon. Ein einzigartiges Schauspiel, daß besonders früh am Morgen noch an Intensität gewinnt: aus heißen Quellen in Ufernähe steigen unaufhörlich Dampfschwaden auf, welche die Farben der Morgendämmerung annehmen. Immer wieder verschwinden Flamingos in den rot-, orange und gelb schimmernden Rauchsäulen, durchstreifen wie Geschöpfe aus einer anderen Welt den tiefblauen Himmel.In einer langgezogenen Nordschleife umfahren wir den Baringo-See und erreichen Nomadengebiet. Pokot-Frauen mit prächtigen Halsketten und bunt geschmückte Samburu-Krieger stehen immer wieder am Straßenrand und mustern uns neugierig. Auch wir sind neugierig - auf unser nächstes Ziel. Bevor es weiter in den wüstenhaften Norden geht, wollen wir Kenia sozusagen von oben betrachten, vom ewig verschneiten, über 5000 Meter hohen Gipfel des Mount Kenya.Vorbei an den 75 Meter hohen Thomson-Fällen, den höchsten Wasserfällen des Landes, geht´s auf einer guten Piste immer in Richtung des Mount Kenya, dessen gewaltiger Kegel das weite Land dominiert. Hinter Naro Moru schlängelt sich der Weg zu einer meterologsichen Station auf 3048 Meter Höhe, wo wir das Motorrad gut bewacht während der nächsten Tage abstellen können.Noch vor Sonnenaufgang brechen wir auf. Bereits nach wenigen Höhenmetern verschwinden wir in der Wunderwelt der afroalpinen Hochgebirgsvegetation. Moose hängen zentnerschwer von haushohem Heidekraut herab, Blumen mutieren zu riesigen Gewächsen und werden viele Meter hoch. Auf knapp vietausend Metern wird das Bild vollends surreal: Schnee legt sich in dicken Flocken auf die Riesenblumen.Mit schweren Beinen erreichen wir am Abend die Tileki-Hütte. Die sauerstoff arme Höhenluft macht uns neben der ungewohnten Bergsteigerei zusätzlich zu schaffen. Aber uns bleiben nur wenige Stunden Schlaf in dem einfachen Matratzenlager. Schon um vier Uhr brechen wir mit Taschenlampen in den Händen wieder auf, um den Lenana, den mit knapp 5000 Meter dritthöchsten - und einfachsten - Gipfel des Mount Kenya zu besteigen. Der abnehmende Mond wirft ein fahles Licht auf den nahen Lewis-Gletscher, dessen Eismassen vielmehr an die Antarktis errinnern als an Afrika.Kurz vor Sonnenaufgang erreichen wir den verschneiten Gipfelgrat. Jetzt noch eine Stunde. Jeder Schritt wird zur Qual, mein Puls rast, alle paar Minuten müssen wir halten, um nach Luft zu schnappen. Dann endlich stehen wir ganz oben, auf 4985 Metern und können nur schwer begreifen, was wir sehen. Über 300 Kilometer weit im Süden glitzert die Schneekappe des Kilimandscharo, im Norden dehnt sich die keniaische Wüste aus, braunes weites Land bis zum Horizont, unserem nächsten Ziel.Der Mount Kenya dominiert immer noch den Südhorizont, als wir in Archers Post einrollen. Nicht nur der Name erinnert an den Wilden Westen. Die bunten Dukas, kleine, chaotisch sortierte Krämerläden, wirken mit ihren Vordächern wie die Kulissen für Bonanza. Aber anstelle von Cowboys lehnen Samburu-Nomaden an den Türpfosten, ihre dünnen, hochgewachsenen Körper in die typisch leuchtend roten Tücher geschlungen, den Speer fest im Griff. Von ihnen erfahren wir jedoch, daß es auf der Piste, die von hier aus weiter in den Norden führt, in den letzten Wochen zahlreiche Überfälle gab. Wir entschließen uns daher, nach Westen auszuweichen und die sicherere Route über Maralal zum Turkana-See zu nehmen. Aber in Maralal dann die nächste Hiobsbotschaft: auf der zirka 250 Kilometer langen Strecke bis Loiyangalani am Turkana-See seien schwerbewaffnete Turkana in das von Samburo-Nomaden bewohnte Gebiet eingedrungen und hätten den Samburu nicht nur das Vieh geraubt und sie aus ihren Dörfern vertrieben, sondern in den letzten Monaten auch zahlreiche Lastwagen überfallen.Wir haben Glück und können am nächsten Tag gemeinsam mit einem italienischen Missionar nach Norden fahren. In seinem Land Rover sitzen aus Sicherheitsgründen zwei Soldaten mit Gewehren. Uns ist trotzdem nicht ganz wohl. Auch, weil der Missionar sich in den vielen Jahren im Busch eine äußerst zügige Fahrweise angewöhnt hat und wir Mühe haben, seiner Staubfahne zu folgen.Die Dörfer der Samburu sind tatsächlich verlassen, von Turkana-Banditen aber zum Glück keine Spur. Nach acht Stunden Dauerfahrt durch immer trostloser wirkende Vulkanwüste stoppt der Land Rover, die Soldaten steigen aus, legen die Gewehre zur Seite und zünden sich Zigaretten an. Wir haben es geschafft, vor uns liegt inmitten von dunkler Lava der tiefgrüne Turkana-See. Der Rest der Strecke nach Loiyangalani gilt als sicher.Doch die Piste besteht ab hier nur noch aus großen, scharfkantigen Lavabrocken. Mehrmals kann ich die Maschine nicht mehr halten, und wir knallen auf den harten Untergrund. Zwei Stunden brauchen wir für die 20 Kilometer weite Strecke bis Loiyangalani. Die Temperatur liegt auch am späten Nachmittag noch bei über 40 Grad im Schatten - doch Schatten gibt es hier nirgendwo.Loiyangalinai besteht nur aus wenigen Hütten, einer Mission - und einer der vielleicht schönsten Lodges Kenias. Das Personal begrüßt uns überschwenglich. Die schwierige Sicherheitslage hat Gäste hier selten werden lassen. Zahlreiche Fotos an der Bar erinnern an Zeiten, in denen Sportfischer aus aller Welt an den Turkana-See kamen, um Nilbarsche in Weltrekordgröße an Land zu ziehen.Die weitere Strecke nach North Horr führt durch eine menschenleere Wüstenlandschaft. Schwerbeladen mit Wasser und Benzin verlassen wir die Nomadensiedlung. Wir genießen es zunächst, wieder allein fahren zu können, zumal es auf der relativ guten Piste in Richtung Norden verhältnismäßig schnell vorwärts geht. Doch dann knickt die Piste nach Osten ab, verläßt das Seeufer und klettert den Steilhang des Rift Valleys hinauf. Abermals bringen uns dicke Lavabrocken zum Stürzen. Wir quälen uns über das grobe Lavagestein, das nach zwei Stunden plötzlich in tiefe Sandfelder übergeht. Immer wieder gräbt sich der schwere Boxer tief in den losen Untergrund ein, immer wieder absteigen, abladen, das Motorrad aufstellen, wieder aufladen, ein paar Meter weiter fahren - bis zum nächsten Sturz. Unser Schnitt sinkt rapide, ebenso unsere anfangs noch gute Laune. Wir kommen kaum noch voran. Mehrmals gabeln sich die nur mühsam zu erkennenden Spuren. Auf unsere Karten ist hier kaum noch Verlaß, und wir entscheiden uns instinktiv.Nach vielen Stunden tauchen im Nordosten sanft geschwungene Dünen auf. Minuten später erkennen wir die igluartigen Hütten der Boran, die einen Ring um die Oase North Horr bilden. Kein Mensch ist vor der Oase zu sehen, und selbst die sonst so hochmütig dreinblickenden Kamele stecken die Köpfe zusammen.Die Ortseinfahrt nach North Horr ist derart versandet, daß wir gleich dreimal stecken bleiben. Inzwischen haben uns die Bewohner entdeckt, und johlende Kinder begleiten uns durch die breiten Straßen zur Missionsstation. Die deutschen Missionare wissen, was es heißt, die Wüste zu durchqueren. Sofort bekommen wir Wasser, etwas zu essen und einen ruhigen Platz für unser Zelt.Die Salzebenen der Chalbi-Wüste trennen uns vom nächsten Etappenziel, den Vulkanbergen von Marsabit-Mountain. Wir verlassen North Horr wegen der Hitze bereits wieder vor Sonnenaufgang . Eine kaum zu erkennende Spur führt schnurgerade durch die Salzwüste. Jedes Gefühl für Geschwindigkeit geht hier verloren, wir sausen mit Tempo 100 nach Osten. Am schnurgeraden Horizont taucht schemenartig ein gewaltiges Vulkanmassiv auf: Marsabit-Mountain. Es vergeht noch einmal ein Stunde, dann erklimmen wir die steilen Hänge des Berges. Mit jedem Höhenmeter nimmt die Vegetation zu. Wir geraten plötzlich in dichten Nebel, dann beginnt es zu regnen. Völlig durchnäßt fahren wir bis zum Tor des Marasabit-Nationalparks. Auch hier billigt man unserem Motorrad den Status eines Autos zu und läßt uns passieren. Die Situation ist grotesk: Eine Stunde zuvor noch in der heißen Chalbi-Wüste, kämpfen wir uns nun im strömenden Regen durch dichten Bergnebelwald. Das Wasser schießt in Sturzbächen die steile Piste herunter, einmal verschwindet ein Elefant im Unterholz. Dann taucht in einem riesigen Vulkankrater ein kreisrunder See auf, an dessen Ufer eine Lodge errichtet wurde. Zimmer und Terrasse mit Aussicht - das muß jetzt einfach sein. Und wie für uns arrangiert, lichtet sich auf einmal der Nebel über dem See, und wir entdecken erst einen, dann acht Elefanten, die gemächlich am Ufer entlangspazieren und schließlich bis direkt vor unsere Terrasse kommen, fast so, als wollten sie uns begrüßen. Es fällt schwer, daran zu denken, morgen die Insel der Seligen, wie der Marsabit-Mountain auch genannt wird, wieder zu verlassen, um weiter durch Kenias Norden in Richtung Äthiopien weiterzufahren. Gedanken, die wir schnell verdrängen, weil wir an einem der schönsten Orte Afrikas angelangt sind.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote