Kenia–Kapstadt (Archivversion) Der Weg zum Kap

Sechseinhalb Wochen mussten genügen, um von Kenia bis an die Südspitze des Schwarzen Kontinents zu fahren. Diese fast schon klassische Strecke bietet vor allem eines – Afrika pur.

An Schlaf ist während unserer ersten Nacht in Nairobi kaum zu denken – Claus, Freundin Irmgard und mich halten drei Fragen wach: Sind die beiden BMW inzwischen eingetroffen? Haben sie den Flug unversehrt überstanden? Und wie schnell bekom-
men wir die Motorräder durch den Zoll? Knapp sieben Wochen haben wir Zeit,
um von hier bis nach Kapstadt zu fahren. Nicht viel für die rund 14000 Kilometer,
die wir dazwischen zurücklegen wollen. Jeder Tag zählt.
Doch scheint Afrika stets für eine Überraschung gut zu sein – der Weg durch den Zoll erweist sich als erstaunlich unkompliziert. Bereits am frühen Nachmittag sitzen wir auf den GS, verlassen die Metropole, orientieren uns in Richtung Norden und passieren noch vor Einbruch der Dunkelheit den im August leider meist wolkenverhangenen Mount Kenia.
Am nächsten Tag stellen wir uns der ersten
großen Herausforderung: die Strecke von Maralal zum Turkanasee, vom Erlebniswert allerhöchste Güte, aber fahrerisch recht diffizil. 270 Kilometer ausschließlich durch Sand oder über kernige Trialpassagen. Und weil der See abseits unserer eigentlichen Route liegt, bedeutet das, das Ganze wieder zurück. Der Respekt vor dieser Strecke weicht allerdings tatsächlich schnell den überwältigenden Eindrücken. Nach dem überraschend steilen Samburu-Pass arbeiten wir uns durch Urwald, der bald darauf in eine Steinwüste übergeht. Über eine Stunde lang mühen wir uns
dort nahezu ausschließlich im ersten Gang, erreichen nach einer Nacht in der Steppe erst tags darauf den salzigen
See, der Heimat für über 20000 Krokodile ist und an dessen Ufer die Samburu und
Turkana leben. Kinder freuen sich über den unerwarteten Besuch, führen uns an der Hand durch eines der nahen Strohhüttendörfer, während ein paar junge
Krieger uns mit ernster Mine beobachten. Afrika ohne Wenn und Aber.
Zurück auf der Hauptstrecke, peilen wir
das Nachbarland Uganda an, engagieren für den Grenzübertritt einen der vielen wartenden Schlepper, der sämtliche Formalitäten ruck, zuck erledigt. Auf einer
breiten Piste rollen wir westwärts – und sind praktisch die einzigen motorisierten Fahrzeuge. Lediglich Fahrradfahrer auf
in Indien produzierten Stahleseln begleiten uns unablässig. Bleibt nur noch zu erwähnen, dass deren wilder Fahrstil sehr stark
an den von Betrunkenen erinnert.
Wir erreichen den Murchison Falls-Nationalpark, entdecken auf einer Piste im Schutzgebiet frischen Elefanten-Dung.
Da wir im dichten Busch praktisch keine Sicht haben und das Grollen der Motoren sämtliche Warnungen der Tierwelt übertönt, tasten wir uns nur langsam vorwärts.
Plötzlich kreuzt eine Giraffe, und gleich darauf entdecken wir eine Herde Elefanten auf einer Lichtung am Rand der Strecke. Wir halten sofort an, wagen kaum noch
zu atmen. Ein Ehrfurcht gebietender
Anblick, wie sich die Tiere gemächlich in
Bewegung setzen und zwischen den
Bäumen verschwinden.
Schließlich stehen wir am Ufer des Weißen Nils, setzen mit einer Fähre auf die gegenüberliegende Seite über, gelangen nach weiteren 30 Kilometer zum Nilfall, wo wir in Hörweite der tosenden Gischt unser Nachtlager aufschlagen. Zur Krönung
des Tages genehmigen wir uns ein kurzes
Bad in einer von Felsen geschützten Bucht, können von unserem Logenplatz sogar
einige Flusspferde beobachten. Afrika
wie in unseren schönsten Träumen.
In Tansania angelangt, verladen wir die beiden BMW in Bukoba auf einen völlig überladenen Bananenfrachter, der uns über den Victoriasee nach Mwanza bringt. Zu schade, wir müssen dort endgültig von unserem Traum, den Serengeti-Nationalpark auf den Motorrädern zu durchqueren, Abschied nehmen. Mit Ausnahme von Uganda sind in Afrika Motorradabstecher in die Schutzgebiete aus Sicherheitsgründen streng untersagt. Das bedeutet
einen etwa 750 Kilometer weiten Umweg auf einer extrem schlechten Piste. Wir kommen nur mühsam voran, leiden unter dem Staub, der von den zahlreichen Lkw aufgewirbelt wird – Überholen gleicht
fast schon einem todesmutigen Manöver. Mehrere Plattfüße und Ölverlust am
hinteren Federbein meiner HPN-BMW
vermögen unsere Laune auch nicht unbedingt zu bessern. Und dann verhüllt sich auch noch der Kilimandscharo in dichten Regenwolken – unsere Stimmung ist auf dem Tiefpunkt.
Jetzt hilft nur eine Radikalkur, um auf andere Gedanken zu kommen: Wir geben mächtig Gas, spulen an einem Tag die
fast 900 Kilometer weite Strecke bis nach Tanga am Indischen Ozean ab. Und tatsächlich: Der fantastische Anblick hebt
unsere Stimmung mit einem Schlag. Wir preschen weitere 50 Kilometer am Strand entlang – ein Genuss, der mich für einen kurzen Moment mein malades Feder-
bein vergessen lässt. Wieder auf festen Wegen, springt das Hinterteil meiner BMW wie Flip, der Grashüpfer. Ich werde mich damit arrangieren müssen.
Über Morogoro und Mbeya gelangen
wir nach Malawi, wo unsere Route bis
in die Hauptstaft Lilongwe größtenteils
am Malawisee entlangführt. Etwa auf der
Hälfte dieser wunderschönen Etappe
gönnen wir uns in Dwangwa einen Tag Pause und spendieren den BMW eine größere Inspektion. Unsere Arbeiten
werden von Theo, einem Fischer, sehr
genau beobachtet. Am nächsten Tag lade ich ihn zu einer Spazierfahrt am Strand
ein – woraufhin er bis zum Abend wie ein König durchs Dorf stolziert.
Einige Tage später passieren wir die
Grenze nach Sambia. Wir entscheiden uns zu einem Besuch im wildreichen South
Luangwa-Nationalpark, doch der 130 Kilometer weite Weg dorthin entpuppt sich als äußerst üble Wellblechpiste. Wieder einmal machen wir kaum Kilometer –
mein lädiertes Federbein vereitelt jeden Versuch, auf so einem Weg Gas zu
geben. Ich mache mir Sorgen, ob mein Motorrad bis Kapstadt durchhält, die im Schutzgebiet aber sofort vergessen sind. Während eines so genannten »Night-Drive«, einer nächtlichen Jeepsafari,
können wir Krokodile, Elefanten, Zebras, Wasserbüffel, Nilpferde und sonstiges Wild, das seine schattigen Plätze in
der untergehenden Sonne verlässt, aus nächster Nähe beobachten. Später entdecken wir zwei Löwen, die ein Nilpferd gerissen haben und sich im Schutz der Dämmerung in aller Ruhe über ihre Beute hermachen. Ein ebenso grausamer wie faszinierender Anblick.
Spät in der Nacht vernehmen Claus
und ich das heisere Hecheln einer Raubkatze ganz nah bei unseren Zelten, und etwa eine Stunde später werden wir
von schweren Schritten geweckt – ein
Nilpferd hat das Camp durchquert,
wie wir am nächsten Morgen anhand
der Spuren erfahren.
Da unser Zeitplan keine längeren Pausen gestattet, müssen wir den beeindruckenden Ort schon wieder verlassen und
steuern auf dem Weg zu den imposanten Viktoriafällen Sambias Hauptstadt Lusaka an. Dort ist unsere Unterkunft mangels
Alternative wie so oft in den Städten
äußerst bescheiden: eine Art Zelle mit
Gitterbett und dünner Schaumstoff-
matratze, in der sich bereits allerhand
Ungeziefer eingenistet hat, und völlig
unbenutzbare Toiletten.
Am Ende des nächsten Fahrtags kommt
es fast zur Katastrophe: Der Vorderreifen der BMW von Claus und Irmgard platzt bei Tempo 110, sie stürzen, schlagen hart auf den Asphalt auf. Doch die beiden
haben viel Glück, bis auf ein paar Schürfwunden und Prellungen ist nichts passiert. An eine Weiterfahrt ist dennoch nicht zu denken: Das Motorgehäuse ist undicht – um die havarierte BMW hat sich bereits eine kleine Öllache gebildet.
Hilfe erhalten wir von einem Lastwagenfahrer, der Claus, Irmgard und das Motorrad in den nächsten Ort bringt, wo wir
in einer einfachen Werkstatt dank einer gehörigen Portion Flüssigmetall dem
angeschlagenen Boxer wieder auf die
Räder helfen. Puh, geschafft, die Reise kann weitergehen.
Endlich gelangen wir an den Zambesi-Fluss, der bei Livingstone die Grenze
zwischen Sambia und Simbabwe markiert. Dann kennt unsere Begeisterung keine Grenzen mehr – wir stehen vor den gewaltigen Victoria Falls. Unter lautem Getöse stürzen sich die Wassermassen etwa 60 Meter tief in eine enge Schlucht. »Donner, der raucht«, nennen die hier lebenden
Kololo dieses Spektakel – wir verstehen, warum: Die Gischt weht bis über den Rand des Canyons. Es fällt schwer, sich von
diesem Schauspiel loszureißen.
Aber wir müssen weiter, wenn wir Kapstadt pünktlich erreichen wollen. Obwohl für Motorräder verboten, rauschen wir durch den Ausläufer des an Elefanten reichen Chobe-Nationalparks im äußersten Norden von Botswana, gelangen in den Caprivi-Zipfel, ein konfliktreiches Gebiet, das zu Namibia gehört. Dort müssen wir uns zum eigenen Schutz eine Weile einem Militärtross anschließen. Wieder allein unterwegs, fliegen wir auf den schnurgeraden Straßen Namibias förmlich an
Rundu und Grootfontein vorbei, machen erst in Swakopmund den Hahn zu – wo das Pech ein weiteres Mal zuschlägt: Es regnet unaufhörlich, jemand klaut meinen Schlafsack vom Motorrad, und zu guter Letzt verderbe ich mir noch den Magen. Claus und Irmgard verordenen mir einen Tag Pause sowie eine Diät: Tee, Bananen und Zwieback.
Mein Zustand bessert sich rasch, ebenso das Wetter. Wir nehmen Kurs auf den
Namib Naukluft-Nationalpark. Die letzten sechs Kilometer bis zu den fantastischen Sossusvlei-Dünen führen über eine Sandpiste. Eigentlich kein Problem, wegen
des defekten Stoßdämpfers findet das Hinterrad meiner GS jedoch kaum
Traktion auf diesem Grund. Schließlich geht mir der Hobel auch noch aus – und der E-Starter verweigert aus unerfindlichen Gründen urplötzlich seinen Dienst. Trotz aller Anstrengungen gelingt es
keinem von uns, den Boxer per Kickstarter zum Leben zu erwecken. Jetzt hilft nur
anschieben. Zum Glück haben sich inzwischen weitere Besucher versammelt; zu viert gelingt das Kunststück, die GS
im Sand wieder zum Laufen zu überreden. Schweißgebadet kehren wir für heute um.
Neuer Tag, zweiter Versuch. Während Claus und Irmgard auf ihrer GS vorausfahren, sitze ich, zugegebenermaßen etwas missmutig, als Beifahrer in einem Geländewagen. Aber den Blick in den »Dead Vlei«, einen gewaltigen Dünenkrater, in dessen Mitte schwarze, verdorrte Bäume stehen, kann ich mir nicht entgehen lassen. Dieser Ort ist wahrhaftig ein Traum.
Weiter in Richtung Süden. Ich lasse meine BMW bei kürzeren Pausen einfach laufen. Nach längeren Stopps bleibt keine andere Wahl, als dass ich meine Fuhre mit Spanngurten hinter die GS von Claus
hänge und mich so lange ziehen lasse,
bis der Boxer anspringt.
Lüderitz und der Fish River Canyon
sind unsere letzten Stationen in Namibia,
dann reisen wir nach Südafrika ein.
Mit gemischten Gefühlen, da seit Tagen
ein heftiges Unwetter über der Region
am Kap tobt. Dennoch – von einem
Abstecher zum Cape Agulhas, dem südlichsten Punkt Afrikas, kann uns nichts
und niemand abhalten.
Wind und grausiges Wetter nehmen mit jedem Kilometer zu, irgendwann begegnen uns kaum noch Fahrzeuge, und wir benötigen die ganze Breite der Straße
für unseren vom Wind verursachten Schlingerkurs. Am Kap haben die gewaltigen, bis zu zehn Meter hohen Brecher längst die Hafenanlagen überflutet und zwei Frachtschiffe auf die Klippen gedrückt.
Wir kehren um, peilen endgültig unsere letzte Station an, erreichen Kapstadt
genau einen Tag, bevor wir die beiden BMW bei der Spedition für den Rücktrans-
port aufgeben müssen. Maßarbeit.
Zwei leidige Mietroller müssen nun herhalten, um nach knapp 14000 Kilometern in neun Ländern das symbolische Ziel dieser Reise anzusteuern, das Kap der Guten Hoffnung. Ein verdammt gutes Gefühl, an diesem Ende der Welt angelangt zu sein.

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