Klösterreich (Archivversion) Ora et motora

Klösterreich – das ist ein werbewirksamer Zusammenschluss von zwanzig Klöstern im Osten Österreichs, die sich öffnen, um (Motorrad-)Touristen am Mönchsleben teilhaben zu lassen. Ein spannendes Experiment, zumal die Straßen zwischen den Klausen höchste irdische Freuden bereiten.

Sven Hofmann könnte glatt als fescher Ski- oder Tennislehrer durchgehen: 31 Jahre jung, sportliche Figur, gestyltes Haar, offenes Lachen. Im Poloshirt sitzt er am Empfang von Stift Göttweig und weist mir mein Quartier für die nächsten Tage zu. Zimmer 18. Schmales Bett, Kruzifix, Muttergottes, die Bibel. Überirdische Stille im Raum. Kein TV für den MotoGP heute im nahen Brünn. Dafür ein grandioser Blick auf den Innenhof der barocken Klosteranlage, die in all ihrer Pracht hoch über der Donau thront. Allein dieser phänomenalen Lage wegen wird Göttweig gerne mit dem italienischen Montecassino verglichen, wo Benedikt von Nursia vor knapp 1500 Jahren den Benediktinerorden und dessen Regel „ora et labora“ ins Leben rief.

„Bete und arbeite“ also. Ein Lebensprinzip, das zum monastischen Erfolgsrezept wurde, gewiss nicht zuletzt, weil es maßvollen Genuss durchaus toleriert. So dürfte es ganz im Sinne Benedikts sein, dass auf unserer Tour durch Klösterreich der zutiefst irdische Spaß am Motorradfahren nicht zu kurz kommen soll. Mit von der Partie ist Markus, Eingeborener aus Tirol, der mir im Zweifelsfall die Feinheiten österreicher Lebensart erläutern und mit seiner KTM Super Duke Feuer geben kann.

Echt schwer, morgens von Göttweig loszukommen, was aber – um solchen Verdacht gleich auszuräumen – nichts mit irgendwelchen Missionierungsversuchen der Belegschaft zu tun hat, sondern mit der Frühstücksterrasse: himmlische Fernsicht bis zur Wachau und dem knapp 1000 Meter hohen Jauerling. „Noch ’n Kaffee bitte.“ Dann in Serpentinen den Berg runter, die Benediktsäule an der Mündung zur Bundesstraße gegrüßt und hinein ins hügelige Rebenmeer rund um Kleinwien.

Omnipräsent über allem das Stift, dem eines der ältesten Weingüter Österreichs gehört. Sanft schnurrt der 1200er-Boxer unter mir. Doch schnellt er, wenn’s drauf ankommt, wie die Zunge eines Chamäleons, schlagartig auf die Beute zu: verputzt leckere Kurvenkombinationen im Handumdrehen. Der Tank ist randvoll, darauf die Landkarte mit einem fein gesponnenen Netz verschlungener Sträßchen. So schmeckt der Sommer.

Durch den Dunkelsteiner Wald kurven wir zur Pfarr- und Wallfahrtskirche Maria Langegg. Im Klosterstüberl, an dessen dunklen Holztischen Markus schon vor 40 Jahren mit der Oma Wiener Schnitzel schmauste, serviert Anita, die ziemlich problemlos auch Lara Croft doubeln könnte. Doch kein Gedanke an solch teuflisches Spiel. Anita mag ihren Job, schätzt die Wallfahrtsgruppen und den frühen Feierabend – so gegen 19 Uhr.

Nur ein paar Gasstöße von Lara Crofts Wirkungsort entfernt liegt in einem engen Tal die ehemalige Kartause Aggsbach. Ein winziges Museum mit karger Mönchszelle erinnert an das extreme Leben der Kartäuser, die in absoluter Stille und Einsamkeit den Weg zu Gott suchen. Wir suchen ihn weiterhin auf der Landkarte – aus dem Dunkel des Waldes heraus ins Glitzern und Gleißen an der Donau.

Und dann: mannomann, was für ein Palast! Stift Melk. Musterbeispiel österreichischen Barocks. Jährlich eine halbe Million Besucher können nicht irren, lassen die Besichtigung aber aus einer gewissen Distanz vielleicht am besten gelingen. So parken wir auf dem Hauptplatz unterhalb des Klosters. Nicht unbemerkt von Kiosk-Betreiberin Christine Golias, die als Gold-Wing- und Transalp-Fahrerin ein besonderes Auge für Fremde auf Motorrädern hat. Und offensichtlich auch eins fürs Übersinnliche. „Als nämlich dieser Platz im August 2002 komplett von der Donau überflutet war, leuchteten die Lampen unter Wasser weiter – wie ein Wunder.“ Ganz pragmatisch erklärt uns die Dame später den besten Weg Richtung Sankt Leonhard.

Freier Auslauf für die Bikes. Sonnenblumenfelder im milden Nachmittagslicht, verschlafene Ortschaften wie Kirnberg und Kirchberg. Dazwischen herrliche Kurvenkombinationen, kühn geschwungene Serpentinen, manche von einem gekreuzigten Heiland bewacht. Ewig könnte das so gehen, doch langsam knurrt der Magen. Um rechtzeitig vor Küchenschluss zurück in Göttweig zu sein, nehmen wir den schnellsten Weg über St. Pölten. An der Bundesstraße Filialen von Spar, Penny und Möbelfix. Hinter einer transparenten Lärmschutzwand das Augustiner-Chorherrenstift Herzogenburg. Unwillkürlich tauchen aus der Tiefe katholischer Sozialisation Erinnerungsfetzen an eine Geschichte aus dem Evangelium auf (Matthäus 21; 12-17), wo ein zorniger Jesus Händler und Käufer aus dem Jerusalemer Tempel vertreibt, da sie eine Räuberhöhle daraus gemacht hatten. Die größte Strafvollzugsanstalt Österreichs, ein ehemaliges Redemptoristinnen-Kloster, steht im Kremser Stadtteil Stein. Einmal im Monat kommt Frater Richard aus Göttweig vorbei. Der 65-Jährige hat ein offenes Ohr für Sünder, vielleicht wegen der eigenen bewegten Vergangenheit: NSU, BMW, Vespa; Maschinenbau-Studium, Technik-Lehrer; drei Kinder aus zwei Ehen; erst im Anschluss an seine erste Scheidung die Taufe – „nach Jahren der Finsternis war es, als hätte sich der Himmel über mir geöffnet“. 2002 tritt Richard schließlich ins Kloster ein, übernimmt die Rolle des Kontaktmönchs, heißt: die Betreuung der Gäste. Ein weiterer Grund, von der Frühstücksterrasse so schnell nicht loszukommen.

Sechster Gang, 3000 Touren – Markus ist völlig entrückt, passt die Landschaft zwischen Senftenberg, Ottensteiner Stausee und Gars doch haargenau zum Buch Genesis, seiner Lektüre während der Nacht, als ein arger Blasius die Fenster hat scheppern und an Schlaf kaum denken lassen. Die Täler von Krems und Kamp also als direkte Ableger der Schöpfungsgeschichte. Nun – warum nicht? Mal offen und sonnenerwärmt, mal schattenverzaubert und zwischendurch einladend, die Nadel des Drehzahlmessers richtig tanzen zu lassen.

Bei Obergrünbach verblüfft ein Wegkreuz, das aussieht, als sei es von Playmobil, andere wirken wie ausgeschnitten, sind mit nur aufgemalten Christusbildern geschmückt. Indizien dafür, dass das strukturschwache Waldviertel eine der ärmsten Regionen Österreichs ist; der Quadratmeter Bauland kostet hier zehn Euro, in Tirol dagegen das Dreißigfache. „Erlöse uns vom Bösen“, steht unweit von Sankt Leonhard am Straßenrand. Dahinter Ackerland, wegen der Erbfolge in schmale Streifen geschnitten. So klein, dass die Erträge in früheren Tagen oft nicht zum Überleben reichten. Genau hier griffen die Orden. Wer zu wenig hatte oder erbte, konnte sich durch den Eintritt ins Kloster wenigstens von seinen finanziellen Sorgen befreien.

Gars zeigt sich bis in den hintersten Winkel als pulsierendes, lebensfrohes Städtchen. Den Kulminationspunkt irdischer Sinnesfreuden markiert jedoch die durchgehend geöffnete Bar Jaqueline an der Straße nach Altenburg. Eine recht einschlägige Fassadenmalerei signalisiert, dass bei Jaqueline eher selten gebetet wird. Ähnlich farbenfroh indessen die Deckengemälde von Paul Troger in der Stiftskirche Altenburg. „Alles so schön bunt hier, mit einem ausgeprägten Stich ins Güldene“, würde Nina Hagen vermutlich tönen – und wäre von den schaurig-schön dekorierten Gebeinen des Bonifatius gewiss nicht minder entzückt. Weitere Highlights des Benediktinerstifts sind der „Garten der Religionen“, die Fresken im „Ballsaal des Todes“, die bibliophilen Kostbarkeiten im „Tempel der Weisheit“ und das „schöpfungsverantwortlich“ aus eigener Bio-Produktion stammende Angebot der Klosterkuchl.

Via Mödring geht’s auf der „Horner Rennstrecke“ genannten B 4 zum Kloster Pernegg. „Kommen Sie auch zu den Energietagen?“ fragt die adrette Dame am Empfang. Das ehemalige Frauenkloster hat seine wirtschaftliche Nische als Seminar- und Gesundheitszentrum gefunden, wo beispielsweise unter dem Motto „Entdeckung der Stille“ gewalkt oder gefastet wird. Zur Zerstreuung gibt’s ein Stummfilmkino. Nach einem kleinen Exkurs zum Thema „Eiweißablagerungen in den Kapillargefäßen“ erklärt uns der sogenannte Fastenleiter, dass Pernegg „genau das richtige Maß an spiritueller Atmosphäre“ für jene biete, „denen ein richtiges Kloster zu viel ist“. Passend dazu eine schlichte Kirche ohne barocken Ballast.

Einen Vertreter des modernen Ablasshandels lernen wir anderntags an der B 38 kennen. „Eine durchgezogene Sperrlinie kostet in Österreich 35 Euro“, belehrt uns der unerbittliche Herr Inspektor – wie hier jeder heißt, der ein Kapperl und zwei Streifen trägt. Wir hatten kurz zuvor einen Lkw überholt, quasi im Dienste des Herrn, um endlich einmal pünktlich zu sein. Und zwar zur Mittagshore im Zisterzienserstift Zwettl. Dessen Kirche ist allerdings – wie ein Anschlag informiert – „bedauerlicherweise wegen brutaler Diebstähle gesperrt“. Tja, da hatte er also doch recht, der Herr Inspektor. Die Welt ist primär schlecht! Gleichwohl gibt es auch Erfreuliches, und damit ist jetzt nicht der delikate Spinatstrudel in der Stiftstaverne gemeint. Nein: Zwettl bekommt Nachwuchs, feiert die sogenannte Einkleidung eines neuen Mitglieds.

Gästepater Leo, der auch einen Fremdenlegionär geben könnte, nimmt sich Zeit für unsere Fragen und landet mit „Latein war das Englisch des Mittelalters“ und „Chorgebete sind die Seelenachse unseres Tages“ ein paar Volltreffer. Beim inquisitorischen „lesen Sie mal vor, was Sie da geschrieben haben“, wird’s allerdings Zeit zum Abflug. Hinaus in die Kargheit des Waldviertels mit seinen pastellfarbenen Häusern. Ein paar Mal kräftig am Gasgriff gedreht, den Körper durchlüften lassen, bevor es um 18 Uhr zur Vesper im Prämonstratenser-Stift Geras geht. „Ehre sei Dir... und in Ewigkeit Amen.“ Okay, diese rituellen Formeln sind noch gut zu verstehen, den Rest muss man auswendig wissen, um folgen zu können. Aber das ist bei Pop-Songs ja nicht anders. Und vielleicht auch völlig egal.

19.32 Uhr, noch immer Geras. „Muss ich das ganze Geschirr anziehen?“ fragt er-frischend schnoddrig Abt Michael, soeben im Skoda Octavia vorgefahren. Wenig später steht uns der bärtige Mann Gottes im weißen Ornat mit goldenem Kreuz um den Hals kurzweilig Rede, Antwort und Modell. „Als Kloster an der Grenze zu Tschechien sind wir Brückenbauer, auch zu anderen Kulturen.“ Was die angeschlossene Akademie, wo über 100 internationale Künstler unterrichten, eindrucksvoll bestätigt. Das breit gefächerte Angebot reicht vom experimentellen Aktzeichnen bis zum Stahlbildhauerkurs. Abt Michael fuhr auch mal Motorrad, eine Transalp. „Die war so schön violett, wie die Soutane des Bischofs.“ Zum Abschied die verblüffende Frage: „Lebt Kevin Schwantz eigentlich noch? Was ein fürchterlicher Name.“ Und welch schönes Stichwort für ein Zitat des ob seines wilden Fahrstils heiß geliebten Motorradweltmeisters aus Texas (still alive): „Wenn du Gott siehst, dann musst du bremsen.“

Auf zur letzten Runde, über jede Menge verwinkeltes Straßenwerk in den Wienerwald. Ziel: Stift Heiligenkreuz. An der Strecke: zwei kultverdächtige Motorradtreffs. Via Wilhelmsburg und Sankt Veit geht’s nach Rainfeld, dort rechts ab Richtung Kleinzell. Wie ein rasend schnell durch die Finger gleitender Rosenkranz zieht das graue Asphaltband unter uns weg. Zwischen hellem Bach und dunklem Tann gehört alle Konzentration der Ideallinie. Ist fliegen wirklich schöner? Dann der Cut, so etwa auf Höhe von Hölle: Tempo 70 auf 11,7 Kilometern! Eine harte Prüfung. Die süße Erlösung wartet am Alpengasthof „Kalte Kuchl“ in Form prächtiger Kuchen und Topfenstrudel. An schönen Wochenenden platzt die Kuchl vor lauter Mopedfahrern schier aus den Nähten, während sich die Wallfahrer im nahen Mariazell ballen.

In Adamstal spielt die Eva von heute nicht mit Äpfeln, sondern puttet in paradiesischer Abgeschiedenheit auf einem 18-Loch-Champion-Course. Und auf der Klammhöhe hat der Alpenrepublik schrägstes Motorradmagazin das „Reitwagen Café“ eingerichtet, ein Refugium für die im Wienerwald wildernden Herbrenner. Den richtigen Umgang mit rund 500 PS lehrt die Wiener Fahrschule Rainer, wahlweise im Lamborghini Gallardo Spyder oder Ferrari F 430 Spider. Während Blondie auf einem Parkplatz das Zurückstoßen übt, lugt hinter ihr zwischen den Bäumen Stift Heiligenkreuz hervor. Ein gut besuchter Jahrmarkt der Heiligkeiten, dessen Mönche sogar die Hitparaden stürmten. Mit ihrer CD „Chants – Music for Paradise“ schafften es die Meister des gregorianischen Chorals auf Platz 1 der US-Classic-Charts. „It’s a very special boygroup, groupies are welcome to the monks at five oclock in the morning“, scherzt eine Reiseleiterin aus Australien.

Als die Mönche – in ihren schwarz-weißen Ordensgewändern unwillkürlich an die deutsche Nationalelf erinnernd – ihre Plätze im kunstvoll geschnitzten Chorgestühl einnehmen, bannt die mystische Atmosphäre jedoch selbst die lästerlichste Seele. Andächtige Stille erfüllt den Raum, bis sich hypnotisierender, lateinischer Männergesang erhebt. Streng und schlicht wirkt sie, die romanische Abteikirche Heiligenkreuz, keine barocken Graffiti zieren die Wände aus blankem Stein. Die HP2 unter den Gotteshäusern, könnte man sagen – und würde mit diesem Vergleich im lebensnahen Klösterreich garantiert nicht anecken. In diesem Sinne: ora et motora!

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