Kommentar (Archivversion) Von der Lust an der Karte

Mancher braucht Karten nur, um von A nach B zu kommen. Andere sind stolz, ihren Weg ohne Karte zu finden. Mir geht es nicht ums Finden - mir geht es ums Suchen. Für mich beginnt jede Tour am Kartentisch. Der Weg ist nicht die kürzeste Verbindung zum Ziel, der Weg ist das Ziel. Diesen Weg zu suchen, immer wieder neu sich das Ziel zu definieren - darin liegt der Reiz. So lange in der Karte zu versinken, bis die Landschaft vor dem geistigen Auge plastische Formen annimmt, ist die schönste Vorfreude aufs Fahren. Oder Reisen mit dem Finger, der Kurztrip im Kopf. Einfach die pure Lust an der Karte. Es ist aber auch die Lust an der Perfektion. Wissen, wo es langgeht, um nichts zu verpassen. Ich will das Gefühl haben, den optimalen Weg zu fahren, will immer wissen, wo ich bin. Schrecklich die Vorstellung, eine langweilige Piste entlang zu rollen, während parallel die ultimative Kurvenstrecke lauert - ohne daß ich es weiß. Auch während der Fahrt muß ich die Karte immer im Blick haben. Es könnte ja genau jetzt ein kleiner Weg rechts reingehen, einer, der mir die bekannte Landschaft von einer völlig neuen Seite offenbart. Meine Karte muß mir zeigen, ob und wie dieser kleine Weg befahrbar ist, wo er herauskommt. Werden Strecken einfach weggelassen, ist es Bevormundung statt Information. Lieber drehe ich unterwegs alle halbe Stunde die Karte um. Bei der Gelegenheit kann ich auch checken, ob die grobe Richtung überhaupt noch stimmt...

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote