Kreta (Archivversion) Auf göttlichen Pisten

Wer sich auf die atemberaubenden Pisten der südlichsten Insel Europas wagt, fühlt sich aufgrund der Hitze und Karheit fast schon wie in Afrika. Und stößt auf die fast 4000 Jahre alte Kultur der Minoer.

Kultur ist, wenn man trotzdem hingeht. Auch wenn es so glühend heiß ist wie heute und kühlender Fahrtwind richtig gut tun würde. Aber Knossos ist kretische Kultur, weltberühmt und liegt unmittelbar am Rand der Hauptstadt Heraklion, meinem Ankunftshafen angesiedelt. Na ja, vielleicht ist es gar nicht schlecht, erst mal mit der Geschichte des Landes anzufangen. Der Engländer Arthur Evans hatte diese fast 4000 Jahre alte zentrale Machstätte der Kreter Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts entdeckt und als Reste des berühmtesten minoischen Palasts idendifiziert. Zwischen Ruinen, riesigen, tönernen Vorratsbehältern und alten Wandgmälden mache ich einen kleinen Spaziergang in die Antike.Zurück im Kreta von heute finde ich gleich eine geniale Kurvenstraße hinauf in die Berge. Der Teer hat zwar längst jeden Grip verloren, aber ich schwinge trotzdem genüßlich durch die Weinberge und Olivenhaine Nordkretas. Thrapsano taucht auf, das kretische Töpferzentrum. Neben kunstvoll geformten Figuren türmen sich hier ähnlich riesige Steinvasen wie in Knossos. Tonkrüge scheinen über Jahrtausende en vogue. Einst als Vorratsbehälter, heute als neuzeitlicher Blumentopf. Hinter Kastelli wandelt sich die Landschaft in raues Bergland. Die Straße steigt an und geht hinter Kastamonitsa in eine staubige Schotterpiste über, die schließlich zur Auffahrt in die Lasithi-Hochebene führt. Dann beginnt die Pass-Straße. Kurve um Kurve klettert sie grobschottrig den Hang hoch, bis sich nach einem Felsdurchgang die von Bergen umrahmte Lasithi-Hochebene überraschend vor mir ausbreitet - weit und platt wie ein Pfannkuchen. Ihre Geologie ist vergleichbar mit einem riesigen erdgefüllten Steintopf, an dessen Grund sich das Wasser sammelt und ideale Voraussetzungen für fruchtbares Ackerland bietet. Einst drehten sich hier tausende mit Stofftüchern bespannte Windmühlenräder, um das Wasser an die Oberfläche zu pumpen. Heute stehen meist nur noch die angerosteten Metallgerippe in den Feldern. Ihre Aufgabe haben Dieselpumpen übernommen, deren Motoren monoton die Luft zerstampfen. Am Rande des Hochplateaus, wo sich die bis zu 2000 Meter hohen, zackigen Berggipfel wie eine Krone vor dem blauen Himmel abzeichnen, liegen ein paar kleine Dörfer, auf deren Feldern Getreide, Kartoffeln und Gemüse wächst. Die Ernte wird meist noch in Handarbeit verrichtet, das Korn mit einem schmalen Motorbalkenmäher abgemäht, die Ähren später gebündelt und in einer gemeinsamen Dreschmaschine ausgedroschen. Kindheitsbilder für mich. Ein Bauer pflügt seine Kartoffeln mit einem Eselgespann aus der Erde, während Frau und Tochter sie dahinter in Körben zusammenlesen. Eine mühsame Arbeit, jetzt am frühen Nachmittag, wenn die Sonne mit über dreißig Grad heruntersengt. Traktoren und Esel führen hier noch ein einträchtiges Nebeneinander und lassen so ein Idyll erscheinen, das Touristen anzieht. In Agios Georgios machen sich die ersten Auswirkungen bemerkbar. In einigen Läden hängen billige Teppiche, ein alter Webstuhl steht vor dem Eingang drapiert, und jedem vorbeifahrenden Touristen wird freundlich zugewunken. Sogar der weißbärtige Pope hat sich als Blickfang unter die Teppichwand gesetzt. Ich verlasse die Lasithi-Hochebene in Richtung Osten. Die Honda rollt weiter durch raues Bergland, an dessen Steinen sich nur karges, vertrocknetes Gebüsch klammert. Ein paar winzige Dörfer säumen den Straßenrand. Orte, die zwar alles andere als einen Schönheitspreis gewinnen können, aber mit ihren Kafenions, vor denen die Griechen mit ihren winzigen Stühlen direkt auf der Straße sitzen, bereits echt griechische Atmosphäre vermitteln. Bei Neapoli öffnet sich ein längliches Tal. Wie ein grün gemusterter Teppich ist es von den Kronen tausender Olivenbäume überzogen. Olivenöl ist einer der wichtigsten Wirtschaftszweige Kretas. Über dreißig Millionen Bäume soll es auf der Insel geben, Ertragsgrundlage für hunderttausend Tonnen Öl jährlich. Exportiert wird davon jedoch so gut wie nichts, es dient ausschließlich dem kretischen Bedarf. Als ich nördlich von Agios Nikolaos wieder auf das Meer stoße, scheinen mit einem Schlag Jahrzehnte zu vergehen. Der Unterschied zwischen der weltentrückten Hochebene und den Touristenburgen entlang der Küste ist extrem. Hotels, Appartements, Restaurants und Läden haben sich breit gemacht, um den vermeintlichen Touristenbedarf zu decken. Gegenüber liegt rotglühend im letzten Abendlicht eine Insel, die noch karger aussieht als das von der Sommerhitze ausgetrocknete Kreta: Spinalonga - bis Mitte des vorigen Jahrhunderts Verbannungsort für Leprakranke. Östlich von Agios Nikólaos wird die Küstenlandschaft immer herber und unzugänglicher. Sie entwickelt eine ungestüme Wildheit, als wolle sie sich jede touristische Vereinnahmung vom Leib halten. Offensichtlich mit Erfolg. Nur ein paar staubige Pisten ziehen sich hindurch. Angelegt von Bauern, die keine Mühen scheuen, an diesen unwirtlichen Hängen etwas anzupflanzen. Lediglich die Küstenstraße pendelt hoch oben am Berghang entlang und geizt nicht mit grandiosen Ausblicken. Ganz am nordöstlichen Ende wird Kreta bei Vai seinem Privileg als südlichste Insel Europas gerecht. Dort zieht sich von einem Gebirgseinschnitt ein wunderschöner Palmenhain bis zum Strand. Als gegen Abend die Strandbesucher abziehen, rolle ich den Schlafsack unter den Palmen aus, genieße einen tollen Nachthimmel und Unmengen an Sternschnuppen. Das Meeresrauschen wiegt mich irgendwann in den Schlaf. Am nächsten Morgen fahre ich im Hinterland der nur dünn besiedelten Ostküste Richtung Süden. In Kato Zakros hört die Teerstraße auf, und zwei winzige Hotels und einige Tavernen teilen sich eine wunderschöne Bucht. Kostas, der Wirt der kleinen Unterkunft, erklärt mir, dass eine wichtige archäologische Fundstelle hier vor einigen Jahren zu einem Bauverbot geführt habe und so die Bucht vor jeder Hotelverschandelung bewahrt hat. Von Kato Zakros geht es nur noch mit geländetauglichen Fahrzeugen weiter. Ich schlage Westkurs ein und suche mir bei Adravatsi eine Piste quer über die Berge. Was dort mit einer unscheinbaren Ausschilderung zum nächsten Ort beginnt, entpuppt sich als handfeste Rüttelstrecke, auf der nur ein paar Olivenbauern in ihren hochbeinigen Pick-ups unterwegs sind. Wieder einmal liegen auf dieser Insel die unterschiedlichsten Welten auf engstem Raum nebeneinander. Eben noch Getreidefelder und Olivenhaine – jetzt Hochgebirgs-Atmosphäre. Ein von niedrigem Dornengestrüpp überzogenes Meer aus Steinen, aus dem einzelne Felsformationen wie graugelbe Rieseneier emporwachsen, breitet sich um mich herum aus. Immer weiter schraubt sich der Schotterpass den Berg hinauf. Die Reifen wirbeln rötlichen Sand auf, der sich wie ein matter Schleier auf die Landschaft legt. Tief unter mir liegt das Dorf Zakros, drum herum die bewässerten Felder wie ein zum Picknick ausgebreiteter grüner Teppich. Der Effekt der Bewässerungsanlagen, die auf ganz Kreta sprudeln. Ansonsten nur versengtes Land.Ab Karidi wird die Piste besser und schlängelt sich als passabler Feldweg hinunter nach Chandras. Ich nähere mich dem südlichsten Punkt Griechenlands und mit Ierapetra der südlichsten und heißesten Stadt unseres Kontinents. Sie macht ihrem Attribut alle Ehre und präsentiert Temperaturen wie in einem Backofen. Das Thermometer liegt locker über der 40-Grad-Marke, der Fahrtwind hat längst jede Kühlwirkung aufgegeben.Die Strecke entlang der Küste hat nichts mit dem Kreta aus der Touristenwerbung zu tun. Der schmale Streifen zwischen Meer und Bergen ist mit einer chaotischen Anhäufung halbfertiger Betonbauten und Gewächshäusern gepflastert, in denen der größte Teil der hiesigen Bevölkerung sein Brot verdient. Die Region Ierapetra liegt an der schmalsten Stelle Kretas. Bis zur Nordküste bei Istro sind es gerade mal 17 Kilometer. Ich verdrücke mich über Anatoli wieder hinauf in die Berge nach Males. Eine herrliche Strecke voller Kurven und Ausblicke, doch die Luft scheint hier noch heißer über die Haut zu streichen als unten am Meer. In einem Kafenion wird mir bestätigt, dass die Hitze in manchen der keilförmigen Bergeinschnitten ohne Windzufuhr noch größer sei als anderswo. Griechische Gelassenheit scheint keine Grenzen zu kennen. In Ano Viannos gibt es direkt an der Hauptstraße eine Engstelle, wo unter einer alten Platane einige Holzstühle an der Straße stehen. Wenn es knapp wird, regeln zwei Polizisten den Verkehr drum herum, doch die Stühle bleiben stehen. Ano Viannos ist ein lebendiges altes Dorf. Vom gestiegenen Verkehrsaufkommen der letzten Jahre vielleicht etwas überrollt und vom Tourismus bereits entdeckt, scheint es sich der Veränderung zäh zu widersetzen und in seinem liebenswerten Chaos weiterzuleben. Was nicht mehr gebraucht wird, bleibt einfach an seinem letzten Standort liegen. Alles wirkt verstaubt und leicht verkommen, doch es kümmert offenbar niemanden, die Männer sitzen lieber im Schatten eines Kafenions und warten kühlere Zeiten ab. Gelegentlich gesellt sich der bärtige Pope im Arbeitskittel dazu, diskutiert eine Runde mit und verschwindet dann wieder in einer der weiß getünchten Gassen. Alte Frauen schleppen ihr Einkaufsgut in Plastiktüten durch die Hitze vorbei, und der Verkehr scheint mehr der Unterhaltung zu dienen, denn als störend empfunden zu werden. Hinter Ano Viannos verlasse ich die Hauptstraße nordwärts und fahre an der Kante des Dikti-Gebirges entlang bis Arkalochori und dann wieder hinunter Richtung Südwesten. Kurz vor Charakas erreiche ich die Mesara-Ebene, in der die Flüsse aus den Bergen zusammenlaufen und für fruchtbares Land sorgen. In der Nähe von Matala zeigen die Ruinen von Festos, dass diese Umstände von den Menschen schon vor Jahrtausenden genutzt wurden. Erneut treibt mich die schier unerträgliche Hitze in die Berge zurück, und über Agía Varvara fahre ich weiter nach Westen. Aber es wird nur noch heißer. Vor Gergeri hat die Hitze am Straßenrand allerdings andere Gründe. Hier wird Kalk gebrannt. In gemauerten Schächten wird das ganz in der Nähe aus den Bergen gebrochene Gestein tagelang auf Holzkohle zu Kalkpulver gebrannt. Von hier kommt der Stoff, der mit den weißen griechischen Häusern erst die berühmten Inseln des Lichts entstehen ließ. Wenige Kilometer weiter, in Ano Zaros, hängt ein einfaches, mit Musikinstrumenten bemaltes Schild an einem Haus. Neugierig geworden, schaue ich durchs Fenster, als sich auch schon die Tür öffnet und ein älterer Grieche im Arbeitsgewand herausblickt. Er spricht deutsch, und so lerne ich Stefanakis Antonios kennen, einen weltberühmten Hersteller griechischer Saiteninstrumente. Ich erinnere mich, vor meiner Abfahrt von ihm gelesen zu haben, und bin verblüfft, in welch einfachen Verhältnissen er arbeitet. Ein kleiner Raum mit zwei Werkbänken, über denen die Wand mit Stemmeisen, Werkzeugen und Instrumenten voll gehängt ist. Dazwischen die Poster seiner Kunden, bekannte griechische Musiker allesamt. Er kenne sie alle persönlich, wie er erzählt, denn wer ein Instrument wolle, müsse schon vorbeikommen. Er verkaufe nur an die Musiker selbst. Vor Chora Sfakon zweige ich ins Inland ab, um auf die andere Seite der Insel zu gelangen. In weiten Kurven nimmt die Straße den Anstieg und zwängt sich oben in eine schmale Schlucht. Eine fruchtbare Hochebene voller Getreidefelder taucht auf, bevor es auf der anderen Seite der Berge langsam abwärts geht. Als ich wenig später wieder mal im Schatten einer Platane vor einem Kafenion Schutz vor der Hitze suche, hält ein mit Kunststoffbehältern beladener Pickup an. Der Fahrer ruft mir etwas zu, aber ich verstehe kein Wort. Mein Tischnachbar lacht plötzlich los und ruft etwas zurück. Der Pick-up verschwindet, und der Mann erklärt, dass mir gerade selbst gebrannter Raki angeboten worden sei. Sehr billig sei er gewesen, fünf bis sechshundert Drachmen pro Liter. Allerdings hätte ich einen 40-Liter-Kanister nehmen müssen. Na ja, wenn´s sonst nichts ist.In weitem Bogen geht es um das Naturschutzgebiet der Samaria-Schlucht in den kretischen Westen. Das grüne Kreta beginnt. Fette Laubwälder und Sträucher flankieren die Täler, in denen es kein gerades Stück Straße gibt. Kurven ohne Ende und nur ein paar armeselige, kleine Orte. Ziegen dösen im kargen Schatten, und erst unten in Paleochora beginnt wieder das Leben. Paleochora hat zwar massenhafte Zimmer-Vermietungs-Schilder, aber den richtig großen Touristik-Durchbruch nie erlebt. Vielleicht sind die Straßen einfach zu eng und kurvig, um die Bustouristen hierher zu karren. Vor 20 Jahren hatten Hippies den Ort für sich entdeckt. Ein paar hängen noch rum und teilen sich die Kafenions mit vereinzelten Rucksacktouristen. Ein Stück vor dem Ort zweigt eine Straße zur Westküste ab. Kurz hinter Voutas überquert sie den einzigen Fluss, in dem ich auf ganz Kreta noch Wasser entdecke. Bald ist der Asphalt zu Ende, und eine Schotterstraße führt weiter in die Berge. Ein paar Häuser in vollkommener Abgeschiedenheit, deren schwarze Kamine vermuten lassen, dass hier noch Brot gebacken wird. Klar, den Bäcker um die Ecke gibt es in dieser Einsamkeit nicht. Die Strecke wird noch mal grob und holprig, bevor sie in weiten, sandigen Serpentinen hinab zur flach auslaufenden Westküste fällt. Ein einsamer Winkel, wie ich feststelle. Die einzige Piste nach Süden endet im Nichts von Felsbrocken und Gestein. Selbst zum Strand, der ein paar hundert Meter weiter türkisgrün leuchtet, kann ich keinen Weg entdecken. Bleibt nur der Norden. Die Piste schlängelt sich vom Meer weg hinauf in die Berghänge und windet sich dort einsam an den Gebirgsfalten entlang. Winzige Dörfer liegen versteckt in den Bergeinschnitten, manchmal geheimnisvoll unter Blätterdächern verborgen. Viele wirken verlassen. Von was sollte man hier auch leben. Immer weiter rückt das Meer in die Ferne. Noch einmal bäumt sich die Bergwelt zu ungestümer Wildheit auf, bevor ich bei Kissamou Kastelli an Kretas Touristenküste stoße. Ich bin wieder in der Zivilisation.

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