Kreta (Archivversion) Wo die Götter wohnen

Wen es auf die größte griechische Insel verschlägt, der hat viele Möglichkeiten: Sonne und Meer erleben, Kultur tanken oder Schotter geniessen. Auf ungezählten Pisten.

Über den Ambelos-Paß oben an der Lassithi-Hochebene heult wie eh und je der Wind. Und seit eh und je scheinen dort auch die uralten Windmühlen zu stehen. Die Gebäude kauern sich dem Sturm trotzend an den Fels, und die von Sonne und Wind ausgemergelten Holzräder ragen bizzar in den blauen Himmel. Auf Kreta, der 4000jährigen Wiege der europäischen Hochkultur, scheinen die Hinterlassenschaften der Menschen, ihre Häuser, Tempel, Statuen und Paläste, zeitlos zu sein. Walter und ich stellen die Motorräder im Windschatten der alten Gemäuer ab. In einer offenen Tür sitzt ein alter Mann, seine Haut runzelig wie die Steine um ihn herum. Er winkt mich heran, reicht mir eine vertrocknete Pflanze und bedeutet mir, daran zu riechen. Salbei ist es, der würzige Durft des Südens, den er für ein kleines Entgelt an die Touristen verkauft. Dazu hat er noch eine Sammlung alter, vergilbter Postkarten aufgebaut, auf die er mit stummer Geste verweist. Seine Sprache verstehen die Touristen hier oben ja ohnehin nicht. Walter, der mir auf einer kleinen Enduro die Insel zeigt, lebt seit einem Jahr auf Kreta und spricht ihn auf griechisch an. Plötzlich kommt Leben in die Augen des Alten. Mit heiserer Stimme antwortet er auf Walters Fragen, räuspert sich, scheint sich erst daran gewöhnen zu müssen, wieder mit Menschen zu sprechen.Zacharias, so heißt er, kennt sein Alter nicht genau. 70 oder 80 Jahre werden es wohl sein. Aber was ist schon die Zeit. Als Kind wurde er von seinen Eltern hier herauf geschickt, um Korn mahlen zu lassen. Er wohnt in einem kleinen Dorf, fünf Kilometer entfernt. Seine Kinder haben die Insel verlassen, leben auf dem Festland, in Sparta und Athen. Seit seine Frau gestorben ist , sei die Windmühle sein zweites zu Hause geworden, erzählt er. Er mag das Leben hier oben, zwischen den Windrädern und dem unablässigen Heulen des Windes. Wir bleiben vermutlich noch lange in seinem Blickfeld, als wir mit unseren Motorrädern in die weite Hochebene von Lassithi hinausrollen. Hunderte von Windmühlen hat es hier einmal gegeben, ganze Flächen sich drehender, weißer Segel zwischen braunen Feldern und grünen Bäumen. Heute sind nur noch wenige übriggeblieben. Doch den Wind gibt es noch immer. Es ist der Meltemi, der bei Surfern und Seglern bekannte Nordwind, der in den Sommermonaten über die Insel hinwegfegt. Mit seinen bis zu acht Windstärken schlägt er uns in jähen Böen entgegen, als wir auf dem kleinen, gewundenen Sträßchen von der Hochebene nach Nordosten zur Küste hinunterfahren. Nicht der Kurvenradius, sondern der Meltemi bestimmt oft genug unsere Schräglage, die leichten Enduros müssen mit fester Hand auf der Straße gehalten werden. Von unserem Basisquartier in Irakleion machen wir uns am nächsten Tag in die Gegenrichtung auf, in das unzugängliche Gebirge auf der Westhälfte der Insel. Die verwinkelten Gebirge und Schluchten waren einst begehrtes Rückzugsgebiet von Partisanen. Über Jahrtausende lastete es wie ein Fluch auf Kreta, an einer strategisch wichtigen Position zu liegen und entsprechend im Ränkespiel der Groß- und Seemächte hin- und hergezerrt zu werden. Egal ob römische, arabische, venezianische oder türkische Besatzung - die Kreter zogen sich in ihre unwegsamen Berge zurück und leisteten erbitterten Widerstand. Das letzte Mal 1941, als deutsche Truppen im zweiten Weltkrieg die Insel besetzten. Ganz in grausamer Besatzertradition metzelten auch die Deutschen gnadenlos ganze Dörfer nieder, die Partisanen Unterschlupf gewährt hatten. Wer heute durch die farbige und duftende kretische Landschaft fährt, vermag sich kaum mehr zu vorzustellen, daß in der Jahrtausende alten Geschichte fast jeder Stein hier schon mit Blut bespritzt wurde. Das Kloster Preveli, das wir am Ende der Straße zwischen den beiden großen Gebirgsstöcken der Insel, dem Psiloritis-Gebirge und den Levka Ori, erreichen, macht da keine Ausnahme. Immer wieder haben die Mönche den Partisanen im Kampf gegen die Türken Unterschlupf gewährt und dafür bitter bezahlen müssen. Mehrmals wurde das Kloster niedergebrannt und verwüstet. Heute sind viele der Gebäude noch gut erhalten, von wildem Wein überrankt und idyllisch von Zypressen und Ölbäumen umgeben. Wir lassen die Motorräder an der Straße stehen und geniessen den stillen Ort. Unten am Bach singt ein Zaunkönig sein Lied, ein Falke ruft hoch oben am Himmel, und die Luft ist erfüllt vom Konzert der Zikaden. Es ist die Musik dieser Landschaft, zeitlos, wie die Insel selbst. Sie paßt zur Hitze, dem flimmernden Licht und zu dem Duft von Thymian und Salbei. Der berühmte Palast von Knossós an der Nordküste mag zwar Jahrtausende mehr Geschichte repräsentieren als dieses kleine, fast vergessene Kloster. Aber es erreicht mich tiefer, als die in ihren Besuchermassen erstickende Antike.Wir fahren weiter in Richtung Westen. Das gewundene Sträßchen zwischen Sellia und Chóra Sfakíon ist purer Fahrspaß, auch wenn der glatte, in der Sonne spiegelnde Asphalt in den Kurven mitunter deftige Rutscher auslöst. Und die Fallwind-Böen des aus den Bergen herabfegenden Meltemi tun ein übriges, auf den leichten Maschinen keinen Geschwindigkeitsrausch aufkommen zu lassen. Frango Kastello taucht auf, ein venezianisches Kastell aus dem 14. Jahrhundert,, einladend und geradezu karibisch von türkisgrünem Meer umfangen. Doch in und um die Mauern aus groben Steinquadern haben sich Tragödien abgespielt, die wenig zu den Badefreuden der heutigen Besucher passen. So sagt man, die Geister von fast 400 von den Türken 1828 niedergemetzelten Kretern würden alljährlich im Mai in der Morgendämmerung erscheinen und klagend an den Bruchsteinwänden entlangwandeln.Wenige Kilometer hinter dem schaurigen Kastell erreichen wir Chóra Sfakíon, einen der wenigen größeren Orte hier an der Südküste. Dennoch ist es nur eine Handvoll weißer Häuser, die sich um ein kleines Hafenbecken im Schutz einer Bucht zusammenschart. In der Hafentaverne dödeln Bouzouki-Rhythmen aus dem Radio und es gibt griechischen Salat, Souvlaki und Kalamares. Draußen auf der Mole halten die Fischer ihr Schwätzchen. Morgen ist ein anderer Tag, und man wird sehen, ob sich ein guter Fang machen läßt. Sorgen und übertriebener Geschäftssinn scheinen nicht angesagt auf Kreta. Über eine nicht endenwollende Serie von Haarnadelkurven schrauben wir uns westlich wieder hoch hinauf ins Gebirge. Dort lernen wir Georgios kennen, einen Schafhirten, der mit seiner Herde unterwegs ist. Georgios Lebensinhalt scheint einfach – ohne interessante Herausforderungen würde man in Deutschland sagen. Aber deutsche Vorstellungen von beruflicher Verwirklichung verlieren jede Bedeutung, als ich Georgios von seinem Leben berichten höre, das sich nur um seine vierbeinigen Schützlinge dreht. Und wenn er dann am Abend dasäße bei etwas Käse und einem Gläschen Wein, dann sei er einfach nur zufrieden, lacht er.Er nennt uns noch seine Adresse, denn er hätte gerne das Bild, das ich von ihm mache. Aber als wir ihn bitten, sie aufzuschreiben, wird er verlegen. Mehr als seine Initialen bringt er nicht auf das Papier; dann muß Walter ihm helfen. Lesen und schreiben muß ein Hirte im Gebirge nicht können. Da ist es schon wichtiger, mit dem kretischen Hirtenstab ein Schaf oder eine Ziege blitzschnell von den Beinen reißen und einfangen zu können. Und das, lächelt Georgios verschmitzt, könne er noch so schnell wie in seiner Jugend.Wir fahren noch ein paar Kilometer weiter über das verlassene Dorf Arádena ans Ende der Straße nach Agios Ioánnis. Die Brücke über die Arádena-Schlucht, die sich 30 Meter weit über den Abgrund spannt, markiert ein letztes atemberaubendes Ereignis, bevor die Strecke endgültig aufhört. Wer früher nach Agios Ioannis wollte, mußte auf einem steilen Saumpfad in stundenlangem Weg die Schlucht durchqueren. Ein ausgewanderter und in Übersee reich gewordene Grieche machte einst diese Brücke den Menschen in seiner Heimat zum Geschenk. Als ich über die lockeren Holzbohlen der schwindelerregenden Konstruktion fahre, bricht sich das Echo ratternd weit unten im Abgrund. In der Tiefe liegt der Kadaver einer abgestürzten Ziege. Mir wird etwas mulmig. Offenbar ist es hier selbst für die geübten Klettertiere eine Nummer zu gefährlich. In Agios Ioannis endet die Straße, die über 2000 Meter hohen Lefka Ori-Berge versperren die Weiterfahrt entlang der Südküste. ab hier führen nur noch ein paar Ziegenpfade hinab ans Meer, befahrbare Wege gibt es nicht. Die Levka Ori, die »Weißen Berge«, wie die hellen, kahlen Kalkrücken heißen, die noch weit ins Frühjahr hinein eine Schneekappe tragen, gehören den Hirten, die auf kleinen Saumpfaden mit ihren Ziegen und Schafen die karge Einöde durchziehen. Außer ein paar hartgesottenen Wanderern interessieren sich kaum Touristen dafür. Einen Tag und viele kurvige Kilometer später stehen wir auf der anderen Seite des Gebirgsmassivs in 1680 Meter Höhe an der Kallergi-Hütte. Tief unter uns liegt zwischen mächtigen Kalkrücken der Wanderweg zur berühmten Samariá-Schlucht, dem Grand Canyon Kretas gewissermassen. Scharen von Reisenden pilgern täglich dorthin, um sich von den grandiosen Schauspiel der bis zu 500 Meter hohen und senkrecht aufsteigenden Felsklamm umfangen zu lassen. Von der Kallergi-Hütte starten wir über die Omalós-Hochebene zur letzten Etappe unserer Inseldurchquerung. Auf einsamen Pisten durch lila blühenden wilden Thymian winden wir uns durch die stillen Berge. In den kleinen Dörfern tauchen selten Touristen oder Motorräder auf, Walter gibt Auskünfte auf interessierte Fragen über unser Woher und Wohin. Sein Bemühen um die Landessprache öffnet die Herzen der Menschen und die Raki-Flaschen gleichermassen. Denn es ist eine selbstverständliche Geste kretischer Gastfreundschaft, dem Fremden einen Schluck des oft noch selbst gekelterten Treberschnapes anzubieten.Die Westküste ist fast erreicht, da offenbart sich hinter einer Kurve urplötzlich ein Stück Südsee. In einer Farbenpalette von Blau bis Türkis schimmernd, liegt tief unter uns der Strand von Elafonisi. Ich kann keinen Meter mehr weiterfahren, will nur noch schauen, dieses geradezu kitschig schöne Bild in mich aufsaugen. Als Erinnerung für kalte Herbsttage daheim, einspeichern für spätere Träumereien von Sonne, Sand und Meer. Als ich wieder bei Sinnen bin, rollen wir hinab, parken die Motorräder am Strand und lassen uns selig in die Wellen fallen.»Mit viel Knoblauch, Ziegenkäse und reichlich Olivenöl wird man zwar dick, aber auch alt,« gibt lachend Sofia das Geheimnis für ihre Jugendlichkeit preis. Tatsächlich sieht man ihr die 87 Lebensjahre mitnichten an, wenn sie mit ihrer Freundin Irini so im Schatten dasitzt und häkelt. Wir sind gerade durch das kleine Dorf Stavrós auf der Akrotíri-Halbinsel gefahren und erkunden zu Fuß die Winkel zwischen den blumengeschmückten weißen Häusern. Natürlich kann Walter es nicht lassen, den Leuten ein kleines Schwätzchen anzuhängen, denn das gehört zu Griechenland wie Zeus und Zaziki. Und tatsächlich erobert er im Sturm die Herzen der beiden Damen. Sie erzählen uns ihr halbes Leben, und sogar die Geranien im Garten müssen wir noch anschauen. Stavrós ist nicht irgendein kretisches Dorf, schließlich wurden hier verschiedene Szenen des Films »Alexis Zorbas« gedeht. Und den hätte Walter besser nicht erwähnt. Denn jetzt kommen Sofia und Irini erst so richtig in Fahrt, haben die beiden doch als Statistinnen im Film mitgespielt. Daß dieses Ereignis auch Jahrzehnte später nochmals mit einem unvermeidlichen Schluck Raki begossen werden muß, ist eine kretische Selbstverständlichkeit. Und wer weiß, vielleicht liegt es ja auch am Raki, daß die Menschen hier so alt werden und ein so beneidenswertes Lebensgefühl haben.

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