Kroatien (Archivversion)

Küstenzauber

Traumhafte Küstenstraßen und unzählige Inseltrips – Motorradfahrer finden an Kroatiens Adriaküste, aber auch im bergigen Inland ein wahrlich fantastisches Revier.

Die Zöllner am kroatischen Kontrollposten bei Socerga werfen nur einen flüchtigen Blick in meinen Pass und auf die BMW F 650 GS, nicken anerkennend und winken mich und Gerhard durch. Es ist ein warmer Septemberabend, die Landstraße kurvig, kein Verkehr. Zwei, drei Schräglagen, und schon stellt sich das während der neunstündigen Anreise abhanden gekommene Urlaubsfeeling wieder ein. Vor uns liegt ein Land mit einer 1778 Kilometer langen Adriaküste, 1185 Inseln und einem bis zu 1800 Meter hohen Gebirgszug – den Dinarischen Alpen. Wir sind gespannt.Buzet kommt in Sicht, ein mittelalterliches Nest auf der istrischen Halbinsel: Stadtmauer, Kirchtürme, ineinander verschachtelte Häuserzeilen, zusammendrängt auf einem 150 Meter hohen Hügel. Rundum erstreckt sich ein grüner Talkessel, durch den in den letzten 3000 Jahren schon unzählige Völker gezogen und bisweilen sogar geblieben sind. Kelten, Griechen, Römer, Venezianer, ja selbst die Österreicher zu Zeiten der k.u.k.-Monarchie und die Italiener unter Mussolini. Wie auch immer, momentan ist außer uns jedenfalls niemand unterwegs. Wir werfen einen Blick auf die Landkarte, schwenken nach Südwesten Richtung Adria. Eine gute Wahl. Die Straße führt in ein paar flotten Bögen durch eine enge, von Kalksteinfelsen gesäumte Schlucht. Linker Hand erscheint Motovun – ein weiteres mittelalterliches Häusergeflecht auf einem Hügel. Dann wird es dunkel. Eine gute halbe Stunde stochern die Scheinwerfer der BMW durch rabenschwarze Nacht, streifen nichts als Macchia und Zypressen, bis die Lichter einer Kleinstadt der Odyssee ein Ende setzen: Porec.Scheint so, als habe sich ganz Istrien hier an der Adriaküste versammelt. Trotz vorgerückter Stunde sind sämtliche Straßencafés proppenvoll, aus Kneipen und Discotheken dudeln die aktuellen Charts, und auf der Strandpromenade drängt sich ein buntes Völkchen in Badeschlappen, Turnschuhen und Highheels. Im Nu verlieren wir uns im Altstadtgewirr zwischen Hafen und Eufrasius-Basilika, flanieren über römisch-antike Straßen wie »Decumanus« und »Cardo Maximus«, über deren grobschlächtiges Kopfsteinpflaster im 19. Jahrhundert – die Halbinsel gehörte einst zur k.u.k.-Monarchie – schon die österreichisch-ungarische Aristokratie gestolpert ist. Aufgeweckt vom Geschrei der Möwen, klappen wir am nächsten Morgen die Holzläden des Hotelzimmers auf und schauen auf Pinien und türkisfarbenes Meer. An der Strandpromenade flicken jetzt Fischer ihre Netze, daneben platzieren sich Maler mit Farbpalette und Staffelei, Segelyachten brechen zur Morgenrunde auf. Ein letzter Cappuccino in der Gelateria Fontana, dann tuckeren wir an der Westküste entlang Richtung Süden.Die Landschaft, obwohl relativ flach, weist erstaunlich kurvige Streckenabschnitte auf. In engen und weiten Schlaufen geht es durch Olivenhaine, an Zypressen bestandenen Buchten vorbei und um den Limski-Kanal herum, der sich wie ein Fjord in die Halbinsel schneidet. Kein Beton, keine mehrstöckigen Hotelklötze weit und breit. Stattdessen: winzige Seeräubernester wie Rovinj. Der Fahrspaß stellt sich sofort ein.Gut 40 Kilometer weiter erreichen wir Pula. Kurz vor einem Platzregen retten wir uns unter die monumentalen Steinbögen der antiken römischen Arena. Die Römer haben sich nicht lumpen lassen: Mit einem Durchmesser von 130 Metern war die Arena von Pula neben dem Kolosseum in Rom eines der größten Amphitheater des Römischen Reiches. Zwei pudelnasse Knirpse üben sich gerade vor 25000 leeren Zuschauerplätzen im Gladiatorenkampf à la Russel Crowe. Das zahlende Publikum scheint auf den nächsten Auftritt von Sting zu warten, der in der zur Konzert- und Opernkulisse umfunktionierten Arena schon zwei Mal aufgetreten ist. Als der Himmel wieder so blau ist wie auf den Postkarten im Souvenirladen nebenan, machen wir einen Abstecher zum Regionalpark von Kamenjak am südlichsten Zipfel Istriens. Eine geniale Sackgasse tut sich da auf: nach drei Seiten Meer, dazwischen ein staubiges Pistenwirrwarr, das zu einsamen Felsbuchten mit vorgelagerten Inseln führt. Für Stunden verlieren wir uns im Robinson-Rausch, bis uns einfällt, dass wir ja eigentlich nach Opatija wollen.Also weiter, Kurs Nordnordost, immer an der Küste entlang. In großzügigen Serpentinen wickelt sich die Straße hinunter ins Tal der Raša und klettert wenig später an der Ostflanke des Ucka-Massivs empor. Was für eine Aussicht! Zu unserer Rechten erstreckt sich nahezu das gesamte Inselarchipel Kroatiens. Cres, Krk und hunderte weitere Eilande mit schier unaussprechlichen Namen. Bald tauchen auch die ersten Villen von Opatija auf, entstanden in jener Epoche, als die Österreicher diese Küste noch als die ihre bezeichnen durften. Zeit für einen Topfstrudel im Kvarner, dem ersten Hotel am Ort. Erschöpft von der hinter uns liegenden Kurvenhatz, versinken wir in roséfarbenen Polsterstühlen und blicken durch die aufgeklappten Flügeltüren der Terrasse auf akurat gestutzte Oleanderbüsche und Marmorputten zwischen Palmen. Im Hintergrund läuft klassische Musik, dazwischen mischt sich Zeitungsrascheln und leises Gemurmel, das an den hohen Stuckdecken widerhallt. Es gibt eine umfangreiche Torten- und Kuchenkollektion und Kellner in Livree – ganz im Wiener Kaffeehausstil.Nach dem zweiten Stück Strudel zeichnen wir mit dem Kaffeelöffel die hübsch gewundenen Bergstrecken auf der Landkarte nach, über Ucka hinauf zur kroatisch-slowenischen Grenze. Es hilft nichts: Eine letzte Runde durchs istrische Hinterland muss sein. Wenig später verschwinden Casino, Theater und Grand Hotels im Rückspiegel, und ausgedehnte Wälder sowie Kalkgebirgszüge übernehmen das Regiment. Dazwischen: Hum, mit 23 Einwohnern die kleinste Stadt der Welt, und Vodice, wo ein Grenzsoldat mutterseelenallein Wache hält. Ansonsten begegnet uns kaum ein Fahrzeug.Über Mune, wo ein Mittelstrich auf der Straße den Wiedereintritt in die Zivilisation signalisiert, gelangen wir nach Rijeka und folgen der Küstenstraße nach Senj. Erst an der Festung Nehaj fällt uns der Wind auf, der im Minutentakt an Stärke gewinnt. Die Bora. Als wir uns die Ausführungen des Reiseführers ins Gedächtnis rufen – »Fallwind, der nicht selten 150 Stunden-kilometer erreicht und ein Wohnwagen-gespann ins Meer drücken kann« –, ist es schon zu spät. Die BMW steht direkt im Windkanal und fällt wie ein Dominostein um. Das sei noch gar nichts, erklärt uns ein Passant, als die 650er nach vereintem Gehebel und Geziehe wieder in der Vertikalen steht. Letzte Woche sei ein Verkehrspolizist auf einer 1000er-BMW die Straße entlanggeflogen.Wir nehmen Kurs auf das Velebit-Gebirge. Dahinter, im Lika-Becken, so sagen die Leute, werde die Bora als harmloses Lüftchen geboren. Kaum haben wir die Küstenregion über den knapp 700 Meter hohen Vratnik-Pass verlassen, ist es mit einem Mal windstill. Eine weite Hochebene mit Wiesen, Feldern und Äckern breitet sich aus. Bauernland möchte man meinen, doch von den Bauern fehlt jede Spur. Keine Kuh, die einen von der Weide beäugt. Kein Hund, der kläffend vor die Reifen läuft. Rechts und links der Straße reiht sich ein leer stehendes Gehöft ans nächste, die Dachstühle ausgebrannt, die Fassaden mit Einschusslöchern durchsiebt.Bis 1995 tobte hier im Hinterland der kroatische Unabhängigkeitskrieg gegen das ungeliebte Regime in Belgrad. Die Frontlinie des einstigen Vielvölkerstaats verlief mitten durch die Bevölkerung, drängte sich zwischen Nachbarn, Freunde, Familien. Und weil das Resultat dieser Tragödie nicht auf Anhieb zum Anhalten motiviert, fahren wir erst mal weiter. Über die nahezu entvölkerten Ortschaften Otocac und Vrhovine zu den Plitvicer Seen. Gegen 18 Uhr sind wir praktisch die Letzten, die über das Labyrinth aus Holzstegen, -brücken und Saumpfaden durch die Seenlandschaft streifen. Unterirdische Karstflüsse treten hier wie aus dem Nichts zutage, fallen in bis zu 70 Meter hohen Kaskaden in 16 stufenartig angeordnete Becken und ziehen sich sieben Kilometer weiter in den Bauch der Erde zurück. Glasklare, smaragdgrüne Seen zwischen zerklüfteten Kalkfelsen, viel Wald drum herum: Plitvice, einst Drehort für Karl-May-Filme wie »Schatz im Silbersee«, steht seit 1979 auf der UNESCO-Liste des Weltnaturerbes – paddeln, planschen, ja selbst Füße reinhängen ist tabu. Es gibt keinen Souvenirladen, keinen Kiosk und keine Parkranger.Ein Grund mehr, länger zu bleiben als ursprünglich geplant. Erst zwei Tage später bretteren wir los in Richtung Zadar. Die Hauptroute nach Süden schlängelt sich durch dicht bewaldete Talkessel bis zum Kamm des Velebit-Massivs, fällt dann plötzlich ab und hangelt sich über felsige Steilhänge hinunter zur Küste. Kein Baum, kein Busch weit und breit. Nur nacktes, bizarr geformtes Kalkgestein. Als gelte es, auf den letzten 15 Kilometern zwei fahrfreie Tage wettzumachen, spurtet die kleine GS wie eine Große von Biegung zu Biegung die Straße hinab. In Zadar machen wir uns dann – Urlaub muss sein – erst mal auf die Suche nach einem gemütlichen Straßencafé im lebhaften Hafen.Marktfrauen schleppen Säcke mit Obst und Gemüse, Fischer schultern Kisten mit Austern und Garnelen, Schulkinder schwenken ihre Ranzen, Banker ihre Aktenkoffer. Kaum lässt der Trubel ein wenig nach, legt eine weitere Fähre an – Rush-hour auf der Adria. Die Bewohner des vorgelagerten Inselarchipels sind auf dem Weg zur Schule, ins Büro und zum täglich stattfindenden Markt, der zu den größten an der kroatischen Küste zählt. Gepackt vom Inselfieber, setzen wir nach Pašman und Ugljan über. Von der Reeling schauen wir noch lange auf das hektische Gewusel um Zadar. Kaum zu glauben, dass diese seit alters her quirlige Hafenstadt während des Unabhängigkeitskrieges drei Jahre von serbischer Artillerie eingekesselt und völlig von der Außenwelt abgeschnitten war.Tags darauf sind wir von unserem Inseltrip zurück und überqueren nördlich von Zadar bereits schon wieder eine Brücke zur nächsten Insel – Pag. Zwei Stunden später nehmen wir die Fähre nach Prizna und schrauben uns bei Karlobag an der Südflanke des Velebit-Gebirges empor. Von fast 1000 Meter Höhe blicken wir schließlich hinunter auf die Adria und verfallen nun endgültig dem Inselwahn. Wie versteinerte Walrücken breiten sich im Westen Krk, Cres und Lošinj, daneben Rab und im Osten das längliche Dugi Otok aus. Der Rest des Urlaubs wäre damit verplant.
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Kroatien (Archivversion) - INFOS

Kroatien lohnt einen Besuch: Die Küstenstraße zählt zu den schönsten der Welt, im bergigen Hinterland kann man sich für Tage in Schräglagen verlieren, und die
vorgelagerten Inseln locken zu spannenden Kurztrips.
DAnreiseDie Hauptroute durch die Alpen führt von München über Salzburg, Villach und Ljubljana nach Postojna und von dort über Nationalstraßen nach Rijeka beziehungsweise Opatija. Neben der österreichischen Autobahnvignette fallen die Gebühren für Tauernautobahn und Karawankentunnel an. Auch Slowenien erhebt Mautgebühren für die Autobahn. Eine Alternative ist die Anreise per Autozug bis nach Villach. Informationen und Buchung unter Telefon 01805/241224; im Internet unter www.dbautozug.de.DWährungDie kroatische Währung heißt Kuna. Für einen Euro erhält man etwa sieben Kuna. DÜbernachtenEntlang der kroatischen Küste finden sich zahlreiche Hotels und Campingplätze. Ein Unterkunftsverzeichnis gibt es bei der Kroatischen Zentrale für Tourismus, Rumfordstraße 7, 80469 München, Telefon 089/223344, oder in der Kaiserstraße 23, 60311 Frankfurt/Main, Telefon 069/252045. Internet-Infos liefert www.htz.hr.Folgende Hotels kann das Unterwegs-Team empfehlen: in Pula das moderne wie familiäre Hotel Scaletta, Flavijevska 26, Telefon 00385/52/541599, Internet: www.hotel-scaletta.com. Für die Übernachtung mit Frühstück zahlt man pro Person rund 34 Euro. In Crikvenica befindet sich in einem ehemaligen Kloster aus dem 14. Jahrhundert das »Hotel Kaštel«, Frankopanska 22, Telefon 00385/51/241044, Internet: www.multilink.hr/jadran-crikvenica. Pro Person kostet die Nacht inklusive Frühstück ab 17 Euro. Einen Hauch vom Glanz der k.u.k.-Zeiten verströmt das »Grand Hotel Kvarner« in Opatija, Telefon 00385/51/271233, Internet: www.travel.hr/liburnia. Hier schläft man inklusive Früstück ab 22 Euro. DSehenswertUnbedingt anschauen sollte man sich die aus Karl-May-Filmen bekannten Plitvicer Seen. Die Wassserfälle und die smaragdgrünen Seen wirken fast schon wie eine Fantasy-Landschaft. Die Nationalparkverwaltung erhebt eine einmalige Eintrittsgebühr von 60 Kuna (rund 8,60 Euro), vom 1. Juli bis 31. August sind 80 Kuna (rund 11,50 Euro) fällig. Internet-Infos unter www.np-plitvice.tel.hr. Übernachtungsmöglichkeiten gibt es unter anderem im angegliederten Hotel Jezero, Telefon 00385/53/751400.»Inselspringen« ist ein Muss! Die unzähligen, der kroatischen Küste vorgelagerten Inseln verfügen über eine perfekte Anbindung zum Festland. Krk und Pag sind durch eine Brücke mit der Küste verbunden, Cres und Lošinj, Ugljan und Pašman oder Dugi Otok werden mehrmals täglich mit der Fähre angelaufen. Und auch untereinander sind alle größeren Inseln durch Brücken oder Fähren vernetzt. Der wichtigste Fährhafen Norddalmatiens ist Zadar, weitere Verbindungen gibt es beispielsweise ab Rijeka in der Kvarner Bucht oder ab Brestova auf der istrischen Halbinsel. Auskünfte erteilt die Fährgesellschaft Jadrolinija, Telefon 00385/51/666111, Internet: www.jadrolinija.tel.hr.DLiteraturGut ausgerüstet ist man mit den Urlaubshandbüchern »Dalmatien und seine Inseln« sowie mit »Istrien und Kvarner-Bucht« aus dem Reise Know-How Verlag für jeweils 14,90 Euro. Zur Orientierung eignen sich die im gleichen Verlag erschienenen Landkarten »Istrien« und »Dalmatien« im Maßstab 1:200000, Preis jeweils 7,90 Euro. Empfehlenswert ist außerdem die Generalkarte »Istrien – Dalmatinische Küste Mitte und Süd« im Maßstab 1:200000 für 6,50 Euro.

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