Kroatien (Archivversion) Ruhe nach dem Sturm

Gekämpft wird in Kroatien schon seit über zwei Jahren nicht mehr. Seit dem lockt das einstige Ferienparadies wieder Touristen an die Strände der Adria. Urlaub oder Risiko?

Nur wenige Stunden war ich unterwegs, gerade einmal 600 Kilometer sind es von meiner Haustür im Bayerischen bis zur Grenze Istriens, dem nordwestlichsten Zipfel von Kroatien. Mit einem Mal wird mir klar, wie nah der grausame Bürgerkrieg war, der das ehemalige Jugoslawien auseinanderriß, der aus kroatischen, bosnischen und serbischen Nachbarn verbitterte Feinde werden ließ. Zwar fanden in Istrien keine Kämpfe statt, doch schon während der ersten Kilometer spüre ich die Veränderungen: Seitdem die Touristen fernblieben, sind die Straßen auch im Sommer nahezu menschenleer, ist es in den einstigen Hochburgen des Massentourismus auffällig ruhig geworden.Langsam fahre ich die Küstenstraße entlang in Richtung Süden. Steinige Böden erstrecken sich links von mir, nur ab und an ein paar Äcker, dazwischen wenige Weinreben. Was nicht mühsam kultiviert wurde, ist von dichtem Gestrüpp überzogen. Von Landwirtschaft leben nur die wenigsten. Rechts von mir das eigentliche Kapital des Landes: die felsige Küste und Strände, an die sanft die Wellen der tiefblauen Adria schlagen. Ein paar Kilometer weiter führt die Straße dann entlang am Limski Kanal. Wie ein norwegischer Fjord schneidet er südlich von Vrsar eine neun Kilometer lange Schneise ins Land. Zwischen den bis zu einhundertfünfzig Meter hohen Hängen hat sich eine eigene Klimazone gebildet, die den ganzen Berg mit kräftigem Grün überzieht - und im Fjord-Wasser soll es angeblich die besten Muscheln und Austern Kroatiens geben.Hinter Pula, der ältesten Stadt der Adria, wird der östliche Küstenabschnitt Istriens noch unwirtlicher, noch unfruchtbarer. Nach einer Weile steigt die Straße langsam an und führt zu den Ausläufern des Cucarija-Gebirges. Je höher ich komme, desto klarer wird die Luft, desto weiter kann ich schauen. Vom Kap Masniak sind bereits deutlich die Hochhäuser Rijekas zu erkennen - und der Smog, der die Stadt wie eine Glocke umhüllt. Ich entscheide mich gegen diesen Moloch und für die kleine Fähre, die vom Ableger in Brestova zur Insel Cres tuckert.Es dauert nicht lange, bis das Eiland vor mir aus dem Wasser ragt - ein grauer, karger Felsen, der schutzlos dem rauhen Seewind ausgeliefert ist. Selbst Gestrüpp findet auf dem Gestein kaum halt. An einigen Stellen wurden zum Schutz von Pflanzen lange Mauern aus groben Steinen errichtet, doch auch diese Schutzwälle haben den Kampf gegen die Stürme längst verloren. Nur kleine, knorrige Steineichen, die ab und zu aus dem nackten Fels zu wachsen scheinen, krallen sich trotzig fest.Wieder Asphalt unter den Rädern, fahre ich quer über die schmale Insel und entdecke einen kleinen Weg, der sich im Nordosten hinunter nach Beli windet. Das kleine Dorf liegt idyllisch auf den Felsen über dem Meer, doch der Schein trügt: Hier wohnt kaum noch ein Mensch, weil es längst nichts mehr zu verdienen gibt. In der kleinen Kneipe am Ortseingang bin ich der einzige Gast, und so gut mir die Ruhe tut, so unheimlich ist sie bei einem Spaziergang durch die engen Gassen. Auch Cres, der größte Ort der Insel, wirkt verlassen. Nicht einmal an der Uferpromenade ist etwas los. Nur ein paar Fischerboote dümpeln im Hafen vor sich hin. Von den einst zahlreichen Segelyachten keine Spur mehr. Sogar die einzige Tankstelle ist geschlossen. Mich zieht´s weiter, per Fähre geht´s auf die Insel mit dem schier unaussprechlichen Namen Krk. Zwischen Steinen und Sträuchern hindurch wedelt ein herrlich kurviges Sträßchen über die Hügel hinunter bis ans Südende der Insel. Rechts und links immer wieder Ausblicke auf das tiefblaue Meer, darüber ein nicht minder blauer Himmel, dazwischen nur das graue, felsige Eiland. Der heiße Fahrtwind treibt den salzigen Geruch der See durch mein Visier, läßt den ersten Anflug von Urlaubsstimmung aufkommen.Kurz vor Sonnenuntergang erreiche ich am Südende der Insel die Ortschaft Baska, die wunderschön in einer geschützten Bucht liegt. Enge Gassen führen durch das alte Fischerdorf, vorbei an Häusern, von denen kaum eines dem anderen gleicht, bei denen kaum ein rechter Winkel zu entdecken ist. Aber gerade dieses scheinbare Chaos haucht den steinernen Wänden Leben ein. Hier spiegelt jedes Haus die Individualität seines Bauherrn wieder, und trotzdem fügt sich alles zu einem harmonischen Gesamtkunstwerk.Um wieder auf das Festland zu kommen, muß ich zurück zum Nordende der Insel, die streng genommen keine solche mehr ist. Seit 1980 spannt sich dort eine gewaltige Bogenbrücke, nur von einem Felsblock im Meer gestützt, zum Festland hinüber. Bis Senj halte ich mich an die Küste, dann geht es rauf zum knapp 700 Meter hohen Vratnik-Paß. Ein Genuß auf zwei Rädern. Kurve um Kurve klettert die Straße auf den Berg und läßt den Küstenstreifen weit unter sich. Schnell wird deutlich, wie die Klimazonen schon nach wenigen Höhenmetern wechseln. Gegenüber der üppigen und grünen Küstenvegetation wirkt das Land rund um die Paßhöhe so karg und grau, als wäre erst vor wenigen Tagen der letzte Schnee geschmolzen.Plötzlich und unerwartet zerstörte Häuser, von Granaten zerbomt und oft ausgebrannt. Mir schlägt das Herz bis zum Hals in dieser grauenhaften Szenerie. Auch in der nächsten kleinen Ortschaft das gleiche Bild, Häuser ohne Fenster, ohne Dächer, rauchgeschwärzte Wände, verkohlte Balken, von Einschüssen übersäte Außenwände. Längst haben die Anwohner Haus und Hof aufgegeben. Die tödliche Stille, die hier herrscht, schnürrt mir die Kehle zu. Beklommen betrete ich eines der Gebäude. Auf dem Boden liegen ein paar angerostete Kochtöpfe, von den Wänden ist der Putz gebrochen, und in einer Ecke verrosten die metallenen Reste eines verbrannten Kinderbetts - gleich einem Mahnmal gegen dieses unmenschliche Handeln einer mitleidlosen Soldateska.Nur wenige Kilometer weiter entdecke ich mitten in einem Feld eine Kirche. Das Innere ist nahezu komplett ausgeplündert. Nur noch ein paar Bänke stehen verloren im Raum. Jeder Schritt hallt unheimlich von den kahlen Wänden wider, unablässig schlägt der Wind die riegellose Tür gegen den Anschlag. Endzeitstimmung kriecht unter die Haut. Mit einem beklemmenden Gefühl in der Magengegend fahre ich weiter. Es war mir klar, daß ich auf Spuren des Krieges stoßen würde, aber es ist viel schlimmer als erwartet. Bloß weg hier. Aber wohin?Ich folge einer schmalen Teerstraße, die schließlich in einen geschotterten Weg übergeht. Mir fallen die Warnungen aus Zeitungsberichten ein, daß in einigen Regionen noch zahlreiche Minen liegen sollen. Aber nach einer Weile entdecke ich auf der Piste Reifenspuren eines Autos. Trotzdem, ich bin nervös und versuche, haargenau der Spur zu folgen. Weitaus schlimmer ist jedoch das Gefühl, daß ich in dieser abgelegenen Gegend seit langem keinen Menschen mehr getroffen habe. Eine fast schon apokalyptische Stimmung liegt über dem Land. Erst sehr viel später erfahre ich, daß in den zerstörten Häusern früher viele serbische Familien gelebt haben. Damit niemand von den verhaßten Nachbarn zurückkehrt, wurden die Häuser vom Militär systematisch zerstört. Einheimische erzählen mir von Familientragödien. D0avon, daß sich Ehepaare trennen mußten, nur weil Mann und Frau unterschiedlichen - und damit verfeindeten - Nationen angehörten. Und ich erfahre, daß zur Zeit in der weiteren Umgebung fast jede Woche ein Kind durch eine Mine ums Leben kommt. Frust, Trauer und Wut machen sich bei mir breit. Und Hilfslosigkeit.Hinter Skare stoße ich wieder auf die Hauptstraße. Sie führt hinauf zu den Plitwitzer Seen - nach der Adriaküste die größte Sehenswürdigkeit des Landes. Auch hier fanden heftige Kämpfe statt, und erst seit letztem Sommer ist das Areal wieder für Touristen geöffnet. Aber die Besucherzahlen sind noch recht dürftig, nur eine japanische Reisegruppe marschiert über die verschlungenen Wege. Durch Kalkablagerungen haben sich hier in einer kilometerlangen Schlucht 16 Seen gebildet, zahlreiche Wasserfälle schaffen malerische Übergänge. Der höchste, der Plitvicafall, stürzt mehr als siebzig Meter von einer Felskante. Schmale Holzstege führen über die Teiche zu den einzelnen Kaskaden. Wenn dann die Sonne kurz zwischen den Wolken durchbricht, schimmern die Seen wie grüne Edelsteine zwischen den Felsen, bilden sich für einen kurzen Moment farbenprächtige Regenbogen in den feinen Dunstwolken, die die Wasserfälle umgeben. Ein tolles Schauspiel, trotzdem, die Eindrücke während der letzten Kilometer lassen keinen Raum, um es in vollen Zügen zu genießen. Zu beklemmend waren die Bilder von blindwütiger Zerstörung, die ich immer noch vor Augen habe.Ich fahre über Knin durchs Hinterland, entlang der neuen kroatisch-bosnischen Grenze. Der Weg führt durch weite Täler, dahinter erstrecken sich unwirtliche Bergkuppen. Seit den letzten Kämpfen vor fast zwei Jahren, als kroatische Truppen die »Serbische Republick Krajina« zurückeroberten, ein nahezu menschenleeres Gebiet. Mich zieht es wieder an die Küste.Eine kurze Pause in Split, dann lasse ich die Honda gen Süden laufen. Mit jedem Kilometer wird es wärmer, und mit jedem Kilometer wird die Strecke spektakulärer. Hoch über dem Meer windet sich das graue Asphaltband am steilen Küstengebirge entlang und liefert ein traumhaftes Panorama. Wieder und wieder ragen die grauen Felsenwände in den stallblauen Himmel. Tief unten, zwischen schroffen Kanten und dem schäumenden Meer, bieten geschützte Buchten Platz für eine Handvoll Häuser oder kleine Dörfer. Bis Makarska, ehemals eine der touristischen Hochburgen an der dalmatinischen Küste. Doch statt zahlender Gäste warten in den Bars und Restaurants nur französische Hilfstruppen auf einen eventuellen Einsatz.Langsam mache ich mich wieder auf dem Rückweg. Trotz allem, die Strecken im küstennahen Hinterland sind ein Traum für Motorradfahrer, kurvig, abwechslungsreich - und nahezu menschenleer. Genauso verlassen das Naturschutzgebiet rund um die Wasserfälle der Krka, die sich hier tief in das Karstgestein gefressen und zahlreiche Seen und Kaskaden geformt hat. Am spektakulärsten rauscht das Wasser über die 17 Stufen des Skradinski buk. Ein über 45 Meter hohes und schäumendes Naturkunstwerk, das mich auf meinem Weg in Richtung Norden die Spuren des Krieges fast vergessen läßt. Allerdings nur für kurze Zeit: Zwischen Sibenik und Zadar führt die Straße wieder durch Dörfer, die nahezu völlig zerstört sind. Noch schlimmer: Laut einer Minenkarte, die mir ein deutscher Geschäftsmann vor wenigen Tagen oben in Plitwitz in die Hand drückte, ist eine Tour über viele der Nebenstrecken in diesem Gebiet noch immer ausgeschlossen.Ich verlasse die Küstenstraße erst wieder in Karlobag. Kurvenreich geht es hinauf in die Berge. Von den letzten Kehren schaue ich noch einmal auf die vorgelagerte Inselwelt, bevor ich hinter den Bergkuppen verschwinde. Auf einmal ist es empfindlich kühl. Die Bora, ein kalter Landwind, macht ihrem Ruf alle Ehre, völlig unerwartet sind die Nordhänge des Gebirges sogar mit Schnee überzogen. Erst in Plitwitz wird es wieder etwas wärmer. Von dort wage ich einen Abstecher Richtung Bosnien. Fünfzehn Kilometer vor Bihac stoße ich jedoch auf eine provisorische Grenzanlage. Mitten in einer weiten Ebene wurden eilig einige Baracken aufgestellt, vor denen lange LKW-Schlangen auf ihre Abfertigung warten. Für mich ist hier Schluß. Ich kehre um, mache mich auf den Weg nach Karlovac. Immer wieder wacklige Tische rechts und links der Straße, auf denen alte Frauen Honig und frischer Ziegenkäse anbieten. Geld, das seit dem Wegbleiben der Touristen dringend benötigt wird. Mit Honig und Käse im Gepäck - und mit zwiespältigen Gefühlen im Hinterkopf - verschwinde ich bei Bosanci über die Grenze nach Slowenien. Urlaubsland oder Kriesengebiet - die Antwort fällt mir schwer.

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