Kuba (Archivversion) Castros Insel

Kaum ein Land, das so viele Assoziationen auslöst. Die einen denken an Politik, andere an Hemingway, wieder welche an Zigarren. Daß es auch eine herrliche Karibikinsel ist, tritt dabei fast in den Hintergrund dabei.

Santiago ist die schwärzeste Stadt Kubas, die lebendigste und die revolutionärste. Der Park vor dem Rathaus, von dessen Balkon aus Fidel Castro 1959 den Sieg der Revolution verkündet hat, ist das Zentrum der Stadt, hier pulsiert das Leben. Hier sitzen die Liebespärchen genauso wie die Alten, hier kommen die Schüler auf dem Weg zur Schule vorbei und die Arbeiter auf dem Weg zur Arbeit. Und hier hat mein Begleiter Paolo einen companero gefunden, dessen Kumpel uns vielleicht sein Motorrad vermietet. Wir sollen warten, während er ihn holen geht. Und er kommt wieder. Mit Freund und einer etwa zehn Jahre alten 600er Kawasaki. Schnell sind wir uns einig. Gegen eine Kopie meines Passes und für 15 US-Dollar am Tag bekomme ich sie. Das Geschäft wird per Handschlag besiegelt. Pedro, der Besitzer des Prachtstücks, ist zufrieden. Von dem Geld kann er die nächsten Monate das Benzin bezahlen. Und noch viel mehr. Obwohl die USA Kuba wirtschaftlich noch immer boykottieren, ist der Dollar die eigentliche Währung. Für Dollars bekommt man fast alles, was man braucht. Mit Pesos kann man im sozialistischen Kuba nur per Bezugsschein einkaufen. Und auch nur, wenn gerade Waren da sind.Paolo und ich fahren die zwölf Kilometer raus zur Festung El Morro und genießen den sagenhaften Blick über die Bucht von Santiago de Cuba bis zur Insel Granma. Sie ist nach der Motoryacht benannt, mit der Fidel Castro und seine Mitstreiter 1956 vom mexikanischen Exil aus auf Kuba gelandet sind, um die herrschende Militärregierung zu stürzen. Über eine bucklige Piste gelangen wir nach El Cobre, wo schon weithin sichtbar eine Kathedrale vor den Bergen der Sierra Maestre prangt. Drinnen steht die Holzstatue einer dunkelhäutigen Madonna. Unter den Gaben für die Jungfrau befindet sich ein Foto von Fidel Castro und die Nobelpreismedaille, die Ernest Hemingway 1954 für »Der alte Mann und das Meer« bekommen hat. Eine abenteuerliche Straße führt uns weit in die Wälder der Sierra Maestra, wo sich einst Castros Rebellen versteckt und zum entscheidenden Schlag ausgeholt hatten. Die Straßen scheinen seitdem unverändert geblieben zu sein, Schlagloch reiht sich Schlagloch. Irgendwann ist die Autobahn erreicht, und wir tuckern entlang großer Weideflächen nach Camagüey. Bis auf eine Kuhherde, die hinter einer Kurve auf der Fahrbahn trottet, ist kaum jemand unterwegs.In Camagüey kommen wir gerade richtig, um über den Markt der kleinen Privathändler zu schlendern. Früher war solch private Wirtschafterei nicht erlaubt. Heute wird sie geduldet, weil klar ist, daß sich die Bevölkerung anders nicht versorgen kann. Hier gibt es alles, was man selbst erzeugen oder organisieren und für Dollars verkaufen kann. Zwiebeln, Bananen, Seife, Salz und vieles mehr.Die nächste Etappe ist Trinidad. Unterwegs müssen wir tanken. Kein Problem - für devisenbringende Touristen zumindest. Denn seit dem Zusammenbruch des Bruderlandes Sowjetunion leidet Kuba unter massivem Treibstoffmangel, so daß häufig nicht mal der öffentliche Verkehr ausreichend versorgt werden kann. Trinidad verkörpert die Kolonialzeit par excellence: die Stadt der früheren Zuckerbarone - und wie vom Zuckerbäcker sehen auch die Häuser aus mit ihren großen Innenhöfen und den eleganten Marmorböden. Die Sklaven mußten auf den Zuckerrohrfeldern schwer schuften, um diesen Reichtum zu ermöglichen. Bei der Fahrt ins Hinterland, in die Sierra de Escamray, kommen wir am Torre de Izgnaga vorbei, von dem einst die Aufseher die Leibeigenen auf den Feldern beaufsichtigten. Heute genießen wir die Aussicht. Bei der Weiterfahrt gelangen wir auf die »Topas de Collantes«, die sogenannte Todesstrecke Kubas. Auf dieser abenteuerlich gewundenen Bergstraße tragen die Jugendlichen - sofern sie Geld für Benzin haben - ihre Privatrennen aus. Oft mit fatalem Ausgang. Oben angelangt, bietet sich ein traumhafter Ausblick über Trinidad und das Meer. Am Hanabanilla-Stausee, der die Gegend mit Trinkwasser und Elektrizität versorgt, wechseln wir das Fortbewegungsmittel und schippern per Boot zu einem kleinen Restaurant mitten im tropischen Regenwald. Es gibt »arroz congri«, Reis mit roten Bohnen, und dazu »cerdo asado«, gebratenes Schweinefleisch, Paolos Leibgericht. Und nicht nur seines. Schweinefleisch fehlt auf keiner Speisekarte, und jeder, der irgendwo Platz hat, zieht ein Schwein groß - wenn es im Vorgarten ist. Bislang haben wir die Touristengebiete nur gestreift, bei der Weiterfahrt geraten wir in Varadero mitten hinein. Hier hat die Zukunft schon begonnen: an der Schnellstraße Werbeplakate, Straßenverkäufer und Getränkebuden, weiter im Stadtinneren adrett hergerichtete Häuserfassaden inmitten lauschiger Vorgärtchen. Seit Beginn des Jahrhunderts zieht Varadero die Touristen an. Waren es früher die Amerikaner, lassen sich heute vor allem Kanadier, Italiener, Spanier und Deutsche die Sonne auf die weiße Haut brennen. Am Meer ein quirliger, aber nicht ungemütlicher Strand. Und Platz genug, um ein Badetuch auszubreiten.Abends empfängt uns in der Cabaret Continental-Show im Hotel Internacional der verblichene Charme der 50er, leicht muffig, aber herrlich. Die Show selbst hält farbenfroh und alles andere als muffig dagegen. Hübsche Mädchen mit meterhohem Kopfputz und temperamentvolle Tänzer wirbeln in einer rasanten Mischung aus Cabaret und Copacabana über die Bühne. Drei Cuba Libre später lande ich im LTI-Hotel Tuxpan, der heißesten Disco im Ort, wie mir versichert wird. Verblüfft beobachte ich, wie hier moderne Pop-Rhythmen genauso glänzend adaptiert werden wie traditionelle lateinamerikanische Musik. Das Körpergefühl scheint angeboren. Havanna - eine Stadt, die mir entgegenlächelt wie eine abgetakelte Diva, die dem Glanz der alten Tage nachtrauert. Eine Stadt, die mich packt, fasziniert und abstößt zugleich. Prächtige Monumentalbauten, verwitterte Barockfassaden, uraltes Kopfsteinpflaster und dazwischen zusammengebrochene Häuser wie faulende Zähne. Unter der bröckelnden Tünche ist die alte Schönheit noch erkennbar. Seit die UNESCO den Denkmalschutz verfügte, wird nach und nach die Altstadt restauriert. Vollbepackte Fahrräder drängen in den Straßen, alle vom selben Modell. Eine Gabe vom Bruder China, die es zumindest ermöglicht, überhaupt vorwärts zu kommen, wenn durch die Benzinknappheit ein Bus nach dem andern ausfällt. Der Fahrstil ist allerdings gefährlich. Vor allem nachts, denn keines der Vehikel hat Licht. Dazwischen Autos, die bei uns nur noch im Museum zu sehen sind. Die Sonne hat sie konserviert, und die unendliche Geduld und das Improvisationsgeschick ihrer Besitzer hält sie am Laufen. Felix fährt einen Chevy, Baujahr »56. Die Benzinpumpe ist kaputt. Ersatzteile gibt es nicht. Unter der lautstarken Mithilfe seiner gesamten Nachbarschaft bringt er einen Benzinbehälter außen am Wagen an, aus dem dann der Kraftstoff auf geheimnisvollen Wegen im Inneren des Fahrzeugs verschwindet. Es sieht aus, als hinge der Motor am Tropf. Nach etlichen Versuchen klappt es, und Felix ist glücklich. Sobald er sich wieder etwas Benzin leisten kann, will er seine Verwandtschaft in Mantanzas besuchen.Wer in Havanna lebt, trifft sich am Malecón. Eine lange Mauer am Meer, die genug Platz für Verliebte, Mütter mit Kindern, ganze Familien und Jugendliche bietet. Hey Amigo, willst du echte Havannas kaufen? Zigarren, die angeblich aus den Fabriken rausgeschmuggelt wurden. Bei dem riesigen Angebot dürfte theoretisch gar kein Stengel mehr offiziell das Fabriktor verlassen. Der Preis ist sensationell günstig. Ob es die Zigarren auch sind, weiß ich nicht. Kenner sehen schon von außen, ob die Cohibas mit Tabakbröseln gefüllt sind statt mit gerollten Blättern. Ich sehe nichts.Am Malecón liegt das »1830«, die ehemalige Präsidentenvilla, die heute ein Nobel-Restaurant beherbergt. Die neuen Designer Kubas präsentieren dort gerade ihre jüngsten Modekreationen. Viel spannender sind allerdings die Models. Atemberaubend hübsch. Der Kontakt gestaltet sich überraschend leicht, denn ausländische Touristen sind interessant. Du liebe Zeit, es ist, als stünde man mit Claudia Schiffer an der Bar. Paolo lädt mich ein, in seiner Wohnung zu übernachten. Im Wohnzimmer der obligatorische Schaukelstuhl, ein wackeliger Schwarzweiß-Fernseher und die Reste einer alten Harley, Erbstücke eines Onkels, wie er erzählt. »Vielleicht verkaufe ich sie mal in Einzelteilen«, meint Paolo, »oder ich baue sie mir wieder zusammen.« Ich kann mir zwar nicht vorstellen, wie das gehen soll. Aber jeder hat so seine Träume.Am nächsten Tag machen wir uns auf zur »Hemingway«-Rundfahrt. Zuerst zum Mojito, einem Cocktail aus Zitrone, Rum und Minze, in der Bodeguita del Medio in der Altstadt. Hier hat Hemingway gern gesessen, geschwätzt und getrunken. Als ein japanisches Filmteam auftaucht, suchen wir das Weite und landen im Restaurant Floridita, wo der Daiquiri erfunden worden sein soll, wie ein Plakat großspurig verkündet. Das Innere erinnert an eine alte Palastbar, alles in Rot und Gold. Auch die Barkeeper. Im Fischerdorf Cojimar nehmen wir die Spur in der Kneipe La Teraza wieder auf. Hemingway-Fotos pflastern die Wände. Hemingway und ein Riesenfisch. Hemingway und Castro. Hemingway und Gregorio Fuentes, sein Bootsmann, heute 97 Jahre und größter Anziehungspunkt der Kneipe. Mehrere Interviews täglich absolviert Fuentes mit Bravour. Die Geschichten unterscheiden sich kaum voneinander, werden im Laufe des Tages nur immer etwas bunter, etwas ausgeschmückter. Weiter geht’s zur Finca la Vigia. Die Villa, in der sich Hemingway ab 1940 in einer Art selbsterdachtem Kolonial-Großwildjägerstil eingerichtet hatte. 1961 überließ er sie der kubanischen Regierung. Drinnen scheint es, als käme der Alte jeden Moment zurück. Unser letzter Ausflug führt uns noch weiter in den Westen, in die Provinz Pinar del Rio. Auf der Autobahn erleben wir erneut eine einfallsreiche kubanische Antwort auf das Problem des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs. So sind hinter den Auffahrten große Personen-Sammelplätze eingerichtet und alle leeren Lastwagen werden gestoppt, um auf den Ladeflächen die Reiseaspiranten aufzunehmen. Auch wenn die Fahrt nicht eben gemütlich ist, kommt man auf diese Art zumindest von der Stelle. Unterwegs machen wir einen Abstecher zur Bergregion von Soroa, in das Tal von Viñales, inmitten eines großen Tabakanbaugebiet. Vom Aussichtspunkt beim Hotel Los Jazmines hat man einen traumhaften Blick über das fruchtbare, üppig grüne Tal, mitten darin das rosarot getünchte Hotel. Bizarre Kalksteinkegel ragen ringsum aus dem flachen Boden empor. Nicht weit davon leuchtet eine riesige Felswand, die Mural de la Prehistoria, auf die in den 70er Jahren die Evolutionsgeschichte gemalt worden ist. Ich frage mich, wann Kitsch zu Kunst wird. Hier bestimmt. Die Vielfalt Kubas - Dreh- und Angelpunkt der Faszination dieser Insel. Die Landschaft, die Strände, die Kultur, die Menschen. Ich habe keine Ahnung, wann das Entdecken hier aufhören wird. Hemingway sagte, irgendwann käme er wieder. Ich verstehe, warum.

Artikel teilen

Anzeige

Aktuelle Gebrauchtangebote