La Gomera (Archivversion) Die Einsame

Zwischen tiefen Schluchten, bizarren Lavafelsen und dichten Lorbeerwäldern hat sich die Insel La Gomera viel kanarische Ursprünglichkeit bewahrt. Für Biker echtes Entdeckergebiet.

In Las Hayas schieben sich gerade die Wolken über die Berge. Flockige, flauschige Passatwolken, die wie Zuckerwatte über das hochgelegene Zentrum La Gomeras quellen. Keine grauen Regenwolken wie zu Hause, sondern leuchtend weiß und wie eine anmutige Krone über der Insel schwebend. In flotter Kurvenfahrt haben wir unsere Motorräder vom Valle Gran Rey im Südwesten tausend Höhenmeter hier herauflaufen lassen. Bei unseren Erkundungen ist es jeden Tag das gleiche Glücksspiel: Wie ist das Wetter auf der Nordhalbkugel der fast kreisrunden Insel? La Gomera gleicht dahingehend einem Januskopf mit zwei Gesichtern. Während im Süden und Südwesten die Sonne fast im Dauerbetrieb scheint, setzt der aus Nordosten kommende Passatwind die andere Inselhälfte ständig wechselnden Wetterbedingungen aus. Von Süden kommend erkennt man die Wetterlage meist erst, wenn man die hohen Berge im Zentrum Gomeras erklommen und quasi über den Rand geschaut hat. Heute zeigt sich also wieder keine Sonne im Norden. Rosi und Claudia kann das weniger erschüttern als mich. Sie wissen längst um die klimatischen Besonderheiten ihrer Wahlheimat, auf der sie seit vielen Jahren leben. Und so haben sie auch gleich das entsprechende Alternativprogramm für sonnenhungrige Winterflüchtlinge wie mich parat. »Wenn dir das Wetter nicht gefällt, dann fahre einfach 20 Kilometer auf der Inselrunde weiter«, rufen sie mir noch zu und brausen mit Materialstart auf ihrer Yamaha in Richtung Südosten weiter. Tatsächlich: Es vergeht keine halbe Stunde, und die Wolken werden wieder lichter. Bald lassen wir uns unter warmem Sonnenschein in die herrlichen Links-Rechts-Kombinationen der Höhenstraße fallen. Wie ein Ring umkreist sie auf etwa 1000 Höhenmetern das Zentrum La Gomeras. In tieferen Lagen stehen riesige Schluchten dem Straßenbau im Weg. Diese Barrancos ziehen sich in großer Zahl von der bis zu 1487 hohen Inselmitte zum Meer hinab, das deshalb immer nur über Stichwege zu erreichen ist. Auf dem Weg Richtung Südosten kommen wir am zweithöchsten Berg der Insel vorbei vorbei, dem Roque de Agando. Wie ein riesiger Zuckerhut ragt der Magmapfropfen eines inzwischen abgetragenen Vulkans senkrecht in den Himmel. Wir verlassen die Teerstraße und nähern uns über eine gut zu fahrende Piste dem 1250 Meter hohen Berg. Benchijigua ist als nächster Ort angekündigt. Ein schier unaussprechlicher Name. »Ben-tschi-chi-gua«, macht Claudia mit mir Sprachübungen aus dem Spanisch-Anfängerkurs, »mit Betonung auf dem letzten I und einem kratzigen ch wie im Schweizerdeutsch.« Na also, nach einigen Versuchen bringe ich es halbwegs heraus. Schade nur, daß Benchijigua seit vielen Jahren so gut wie verlassen ist, wie ich wenig später feststelle, und kein Mensch zum Spanischplaudern anzutreffen ist. Wir stellen die Motorräder zwischen den schon verfallenen Gebäuden einer alten Finca ab und gehen zu Fuß durch einen üppigen Palmenhain in Richtung Roque de Agando. 120 000 der unvermeidbar jede Urlaubspostkarte zierenden Palmen gibt es auf La Gomera, mehr als auf allen anderen Kanareninseln zusammen. Und auch sonst zieht die »Zauberhafte«, wie man das Eiland auch nennt, hier am Agando alle Register ihrer landschaftlichen Reize. Über die zackigen Berge und den steilen Roque de Agando schieben sich gerade wieder diese leuchtenden Passatwolken, darüber der tiefblaue Himmel und um uns herum Felswände in brauner, schwarzer und ockerfarbiger Schattierung. So herrlich La Gomeras Kurvenstraßen und entlegene Pisten auch sind - im Moment genieße ich die Stille, lege Helm und Jacke aus der Hand und sauge den subtropischen Mix aus Farben, Klängen und Düften in mich auf. In Deutschland ist jetzt Winter, ich kann es mir kaum vorstellen.Unser kleiner Exkurs zu Fuß hat uns hungrig gemacht. Zielbewußt steuert Rosi ihre Yamaha wieder hoch nach Las Hayas und vor ein kleines, von mächtigen Eukalyptusbäumen umgebenes Haus. Das Restaurant von Efigenia ist mittlerweile nicht mehr nur unter Einheimischen der Tip für original kanarische Küche. Doch Efigenia läßt sich von ihrer neuen Berühmtheit nicht aus der Ruhe bringen. Wer bei ihr essen will, muß Zeit mitbringen. Da kann es schon mal eine Stunde dauern, bis der Kaninchenbraten, die in Meerwasser gekochten papas arrugadas - ...................... - oder die Paprika-Chili-Soße mojo auf den Tisch kommen. Schließlich ist Efigenias nicht nur Gastronomin. sondern auch noch Inhaberin eines kleinen Krämerladen. Wenn gerade ein Kunde kommt, muß Efigenia ihn bedienen - und das Kochen dauert noch länger. Aber was ist schon Zeit. In diesem winzigen Laden scheint sie jedenfalls langsamer zu laufen als irgendwo sonst in Europa. Da stehen seit Generationen die selben alten Regale an den schiefen Wänden, da gibt es noch die Oma-Waage mit dem langen Zeiger und dem abgesprungenen Lack, da gehört zum Einkaufen das unvermeidliche Schwätzchen. Und die Gäste warten weiter. Wir sind schließlich doch noch satt geworden bei Efigenia. Später als gedacht, kehren wir zurück in das Valle Gran Rey, dem Ausgangspunkt unserer Touren. Dieses »Tal des großen Königs« hat es in sich. Ein mächtiger Canyon weitet sich zum Meer hin, seine Felswände mehrere hundert Meter hoch. Als filigranes Mosaik, darunter ein Mikrokosmos von grünen und ockerfarbigen Terrassen, über denen Palmen im Sonnenlicht flimmern. Weiße Häuser wirken wie winzige Sommersprossen in dieser Landschaft, die verglichen mit dem Rest der Insel eine Dimension zu groß geraten scheint. Ein Hauch von Grand Canyon - mit subtropischem Ambiente. Behutsam manövrieren wir tags darauf unsere Maschinen über die zauberhaft gelegene Piste, die von Epina im Nordwesten La Gomeras hinaus zu den Felsenkaps führt. Nicht, daß dieser ungeteerte Fahrweg besondere technische Schwierigkeiten aufweisen würde. Aber Rosis Chopper ist eben nicht gerade für Off Road-Eskapaden ausgelegt. Also schön langsam fahren und die geniale Aussicht genießen. Denn heute läßt der Passat endlich den Nordteil der Insel wolkenfrei. Der Blick gleitet hinaus aufs Meer, über dem wir hier oben auf gut 500 Meter Höhe geradezu zu schweben scheinen. Der Wind trägt würzige Düfte herüber, und überall ist Farbe. Tief unten an der Küste liegt Arguamul, ein fast verlassenes Dorf, wie es viele auf der Insel gibt. Lediglich ein paar Alte sind geblieben. Einige von ihnen beherrschen noch die nur auf La Gomera exisitierende Pfeifsprache El Silbo, mit der man sich früher auf dieser zerklüfteten Insel über große Entfernungen verständigt hatte. Doch die weltweit einzigartige Sprache ist vom Aussterben bedroht. Die Jungen pfeifen auf die Traditionen und tauschen die Arbeitsplätze und Verlockungen der benachbarten Touristeninsel Teneriffa gegen ein schlichtes Bauernleben in einem abgelegenen Tal, weit weg von der Welt. So verfallen die Terrassen und Gehöfte, und mit ihnen stirbt El Silbo. Es geht nicht mehr weiter. Der Aussichtspunkt Buenavista markiert mit einer Klippe kompromißlos das Ende der Piste. Zum Greifen nah scheint die Nachbarinsel Teneriffa mit ihrem Dachfirst Pico de Teide. 3718 Meter mißt der höchste Berg Spaniens und überragt weit den gesamten kanarischen Archipel. Tief unter uns tobt wild das Meer um die Klippen, die sich in regelmäßigen Abständen kilometerweit entlang der Küste aneinanderreihen. Wir fahren zurück zur Teerstraße, der Carretera del Norte, die sich nun langsam zur Küste hinunterwindet. Jetzt wird das andere Gesicht La Gomeras augenfällig, das grüne. Umgab uns im Süden noch trockene Steppe mit Agaven, Kakteen und Euphorbien, erinnert der Norden La Gomeras eher an eine Tropeninsel mit üppigem Regenwald. Die fruchtbaren vulkanischen Böden und die durch den Passat bedingten hohen Niederschläge machen die Barrancos zu wahren Gartenlandschaften. In den Schluchten von Vallehermoso und Hermigua finden wir tatsächlich eine Steigerung des Valle Gran Rey: Noch mehr Terrassen und weiße Häuser überziehen die grünen Hänge. Hier ist die Heimat der kanarischen Banane, die der Konkurrenz aus Übersee zwar in der Größe, aber ganz sicher nicht im Geschmack nachsteht. In den engen Gassen des Ortes Agulo erinnern prächtige Häuser an eine Bananen-Aristokratie, die sich dort im 19.Jahrhundert herausgebildet hat.Für die normannischen, portugiesischen und spanischen Eroberer war La Gomera zunächst aber keineswegs das fruchtbare Paradies, das sie sich vorgestellt hatten. Anfang des 15. Jahrhunderts bereiteten ihnen die unzugänglichen Schluchten und dichten Wälder sie vor große Schwierigkeiten, die kanarische Urbevölkerung zu unterwerfen. Dennoch gelang es ihnen letztendlich den Großteil der Altkanarier als Sklaven untertan zu machen. Wesentlich friedlicher waren da schon die Besuche von Christoph Kolumbus, der ab 1492 bei drei seiner Überseereisen auf der Insel Station machte. Man munkelt sogar, der berühmte Entdecker fand auf La Gomera bereits eine ganz andere neue Welt in den Armen der schönen Frau des Inselverwalters. Immerhin: Von der Entdeckung Amerikas konnte den ambitionierten Seemann diese Affäre nicht abhalten. Auch wir setzen unbeirrbar unseren Weg fort und durchqueren in Richtung Süden den Nationalpark Garajonay im Zentrum der Insel. Und wieder zeigt die La Gomera ein neues Gesicht. Hier oben gedeiht ein regelrechter Märchenwald aus Zedern und Lorbeerbäumen, die aufgrund der hohen Luftfeuchtigkeit wie im tropischen Nebelwald mit Moosen und Flechten bedeckt sind. Der Nationalpark ist nach dem Berg Garajonay benannt, dem mit knapp 1500 Metern für kanarische Verhältnisse vergleichsweise spärlich bemessenen Dach der Insel. Immerhin hat Teneriffa da über 2000 Höhenmeter mehr zu bieten. Aber die Zauberhafte überzeugt eben mit stillen Reizen. Draußen auf dem Meer geht die Sonne bereits wieder unter, als wir den Süden erreichen. Vor einem Haus an der Straße haben sich im warmen Abendlicht einige alte Bauern zum Schwätzchen zusammengefunden. Die vorbeifahrenden Touristen scheinen sie nicht zu interessieren. Doch Rosi hält einfach an, fragt etwas Belangloses, redet über dies und jenes - und plötzlich sind wir mitten im Gespräch. Von allen Seiten schwatzen die Männer und einige hinzukommende Frauen auf Rosi und Claudia ein, sind neugierig, machen Witze und schäkern. Wie es eben früher war, als man noch in einer überschaubaren Welt lebte und sich über jede Abwechslung freute. Sie erzählen und erzählen, und einer gibt uns sogar noch eine kleine Vorführung von El Silbo. Noch lebt sie also, die alte Sprache, und damit ein Stück des alten La Gomera. In versteckten Barrancos, hoch oben in den Wäldern oder zwischen den steilen Felswänden. Man muß nur danach suchen.

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