Langstreckenfahren (Archivversion) Meilen und mehr

Irgendwann erwischt es jeden: Die Zeit drängt, die Strecke von A nach B ist lang, es wächst der Frust, weil es für das stumpfe Kilometerfressen geeignetere Fahrzeuge gibt als ein Motorrad. Irgendwie schaft man´s doch.

Kurz nach Sonnenaufgang startete ich den Motor und fuhr los. Spät am abend dann die Suche nach einem Motel. Drei Tage lang die gleiche Prozedur. Und dazwischen? Fast 3000 Kilometer gefahren, von Los Angeles in Kalifornien bis Lower Brule in Süd-Dakota sechs Bundesstaaten durchquert, zwölfmal getankt, mindestens ein halbes Dutzend Hamburger und zwei Steaks, dazu Pommes, diverse Cola und literweise seichten amerikanischen Kaffee. Selten ein Gespräch, meistens »woher kommst du?« oder »wohin fährst du?«Alles verlief wie ein Film. Allerdings habe ich Zweifel, ob sich je ein Mesch diesen Streifen anschauen würde. Die monotone Kameraführung hätte wohl Schuld daran. Der stundenlange Blick aus dem Sattel bietet nur eine stark eingeschränkte Perspektive: Highways wie mit einem Lineal gezogen, zerplatzte Fliegen an der Scheibe, selten eine Kurve mit der wünschenswerten Eigenschaft, das simple Drehbuch mit schräger Dynamik anzureichern. Dafür viel Zeit für neue Gedanken. Weil der Kopf arbeiten muß, um nicht irgendwo samt Fahrer vom Motorrad zu fallen. Und warum das Ganze? Weil ich meine Ressortleiterin davon überzeugt hatte, wie wichtig eine Geschichte über das größte Motorradtreffen der Welt in Sturgis (Heft 23) sei. Und wenn ich schon einmal in Süd-Dakota wäre, nun ja, dann ist der Yellowstone-Park im benachbarten Wyoming auch nicht mehr weit. Gemessen an amerikansichen Verhälnissen sind die zusätzlichen 1800 Kilometer eine längere Spazierfahrt. Und bieten genügend Stoff für einen weiteren Reisebreicht. Das macht inklusive der Anfahrt von Los Angeles und wieder zurück gut und gerne 7800 Kilometer. Ohne Abstecher. Das größte Problem war die Zeit. Denn Zeit ist Geld und darüber haben Chefs eine andere Meinung. Drei Wochen inklusive der letzten Urlaubstage, mehr war nicht drin. Ich begann zu rechnen. Jeweils drei Tage gab ich mir für Hin-und Rückfahrt, jeweils 1000 Kilometer pro Tag, daß sollte trotz radartüchtiger Cops, rigoroser Geschwindigkeitsbegrenzung oder plötzlicher Unwetter irgendwie zu schaffen sein.Glücklicher Robert M. Pirsig. Gänzlich unbekannt müssen ihm solche Zwänge gewesen sein. In seinem Bestseller »Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten« schrieb er, die besten Straßen »verbinden Nirgendwo mit Nirgendwo, und es gibt eine Alternativstrecke, die einen schneller dorthin bringt.« Es wird keinem Motoradfahrer gelingen, ihm je das Gegenteil zu beweisen. Aber es gibt auch wunderbare Augenblicke während der Bewältigung längster Strecken. Man muß nur vergeßen können, daß rechts oder links die Strecke ein wenig kurviger und die Berge ein bißchen höher sind. Überrascht war ich von einer großen Zufriedenheit, nach zwölf Stunden im Sattel das gesteckte Ziel erreicht zu haben. Ein wichtiges Gefühl, weil es ungemein darüber hinwegtröstet, ständig etwas zu verpassen.Dafür lernte ich während stundenlanger Dämmerzustände, Gefallen an Dingen zu finden, an die ich während einer schnellen Kurvenhatz keinen Gedanken verschwendet hätte. Plötzlich mochte ich die sonst so hinderlichen Trucks. Bewußt ließ ich sie im Rückspiegel immer größer werden, zum Überholen ansetzen. Chromglänzend rissen sie mich aus der stumpfen Monotonie langer Etappen. Minutenlag die vielfältigsten Lackierungen, oft so dreimdimensional, daß ich samt der Harley darin hätte verschwinden können. Besser als fernsehen.Überholen verbindet in der Weite amerikanischer Highways sowieso. Kein Triumph über den Langsameren, vielmehr eine Abfolge freundschaftlicher Gesten. Grüßen, lächeln, nicken, nocheinmal grüßen, egal wer an welchem Steuer sitzt. Für einen kurzen Moment verbünden sich Fahrende mit einem Gefühl gegenseitiger Zuneigung und Anerkennung. Oder viel simpler - um aus puren Mangel an Abwechslung nicht einzuschlafen.

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