Lebenshilfe für Motorrad-Treffen (Archivversion) Treffen-ABC

Kein Sommer ohne Treffen, kein Treffen ohne A wie Alkohol, B wie Benzingespräch, C wie Camping. Obwohl kein Treffen ohne dieses ABC möglich wäre, ist doch kein Treffen wie das andere. Vielleicht weil jedes L wie Lagerfeuer anders knistert.

Alabama, Sweet Home: Hymne auf den amerikanischen Süden, muss zum Repertoire einer Biker-Band gehören, riff-betont mit hohem Mitgrölfaktor.
Alkohol: kommt vom arabischen al-kuhl. Erklärt, warum sich nach dem Genuss von A. alle (al) cool (kuhl) fühlen. Zumindest eine Zeit lang. Günstige Preise für A. dürfen als zentrales Qualitätskriterium eines jeden Treffens gelten. A. wird dort hauptsächlich in Form von Bier oder Hochprozentigem vernichtet. Nachwirkungen exzessiven Konsums von A. wie torkeln, lallen, umfallen, erbrechen, öffentliches Rauschausschlafen, die in der
bürgerlichen Gesellschaft gegen die Konventionen verstoßen, gehören beim Bikertreffen zur Konvention. Wer zum Frühstück schon Bier trinkt, muss sich nicht rechtfertigen. Wer des Abends keines mehr
herunterbringt, schon.
Anfahrt: ursprünglich das einspurige Zurücklegen der Strecke zwischen Wohnort und Treffen; wobei insbesondere bei Harley-Treffen die so genannte Kombi-A. – zu erkennen an Anhängern und Transportern im näheren Umkreis – immer beliebter wird.
Anfahrt, weiteste: zurücklegen der größten Distanz, wird auf vielen Treffen prämiert (Õ Preise). Kombi-A., sind von der Prämierung ausgeschlossen.
Anrainer: nicht kurzfristig umzusiedelnde Bewohner umliegender Behausungen. A. gelten gemeinhin als lärmempfindliche
(Õ Burn-out, Õ Polizei) und als generell leicht reizbare Wesen.
Bands: sorgen für Livemucke. Die Mitglieder der B. sollten nicht wesentlich jünger sein als die Zuhörer und sich vor Experimenten – also Songs, die nicht jeder auf Anhieb erkennt – hüten (Õ Alabama, Sweet Home).
Benzingespräche: charakteristische Kommunikationsform mit leicht irreführender Bezeichnung, denn gesprochen wird nicht mit Benzin und nicht über Benzin. Außerdem darf bei B. geraucht werden. B.
handeln meist davon, schwer nachzuvollziehende Standpunkte zu verdeutlichen. Oft rückwärtsgewandt eingesetzt (»weißt du noch...«), oft auch bekenntnisartig
sowie von missionarischer Natur (»die Japaner können doch keinen V2 bauen...«). Gerade hierin liegt mithin der besondere Reiz von B.
Bikerbraut: Freundin des Motorradfahrers
oder Freundin des Motorrads, oft auch beides; auf Bikertreffen immer fehl am Platz, falls nicht solo, gutaussehend,
tolerant.
Bikerspiele: Betätigungsform mit nicht ganz ernst zu nehmendem Wettkampfcharakter, definitiv Imponiergehabe unterstützend wie etwa Tauziehen, Nageln, Armdrücken, Pfahlklettern. Eigentliche Gewinner der B. sind letztlich aber immer die Zuschauer.
Bikeshow: Präsentation von Maschinen in besonderer bis abartiger Konfiguration, jedoch ausnahmslos in handwerklich perfekter Machart.
Burn-out: mutwillige Vernichtung von Reifengummi unter infernalischem Lärm
(Õ Anwohner). Profunde Profilierung infolge von profunder Profillosigkeit.
Camping: Form des Unterwegsseins, bei dem Unterkunft und Hausstand mitgeführt werden, die einem Biker-Treffen adäquate Lebens- und Unterbringungsform also;
bevorzugt werden einfache, leichte Zelte, die am Rande des Platzes (Õ Klo) und – so denn geplant ist zu schlafen – möglichst weit von Lagerfeuer (Õ Benzingespräch), Hauptweg (Õ Burn-out) und Veranstaltungszelt (Õ Alabama, Sweet Home) aufgeschlagen werden sollten.
Durchhänger: stellt sich meist am frühen Nachmittag ein, resultierend aus den Anstrengungen der vergangenen Nacht, auch Mittagsloch genannt.
Eintritt: wird insbesondere auf großen Treffen mit umfangreichem Programm
(Õ Stripshow, Verlosung einer Reise nach Daytona) auf speziellen Plätzen (Nürburgring) erhoben. Wird nicht verlangt
bei kleinen, feinen Partys auf der grünen Wiese.
Freiheit: was F. ist, weiß keiner besser
als der Motorradfahrer, denn um F. dreht sich das Motorradfahren, und gerade
Treffen könnten als besondere Oasen der
F. gelten, wenn F. nicht immer auch die F. der Õ Anwohner wäre.
Frühstück: macht in der Regel seinem Namen keine Ehre. Zu einem echten Spätstück gehören Eier mit Speck, eine Currywurst und immer ein Pils.
Gottesdienst, Motorrad-: spirituelles Zusammensein, gelebte Ökumene, da noch kein Gottesdienst nur für Harley-Fahrer oder Ducatisti im kirchlichen
Angebot. Mal sehen, was Benelli XVI. noch drauf hat.
Grillen: Zubereitung von Fleisch- und Wurstwaren sowie von Kartoffeln über
offenem Feuer, wobei ein eiserner Rost das Grillmaterial vorm Herabfallen in die Flammen und dem sofortigen Verkohlen bewahrt.
Grölen: Melange aus verbalen und nonverbalen Kommunikationsformen, meist sehr emotional (Õ Stripshow), immer sehr laut (Õ Anwohner).
Harley-Davidson: weil Motorräder von HD als etwas Besonderes gelten –
zunächst ihren Besitzern, dann den anderen –, gibt es auch besondere Treffen für diese Motorräder, die bei dieser Gelegenheit ihre Fahrer gern mitbringen dürfen.
Helfer: ohne geht nicht. Nicht ohne
die Frauen der MCler, die ihren selbst
gebackenen Marmorkuchen beisteuern; nicht ohne die Mitglieder oder jene, die es einmal werden wollen, hinter Bier-Theke oder Whisky-Bar; nicht ohne die Freunde mit Verbindungen zur Brauerei, zur Metzgerei, zum Ordnungsamt...
Hygiene: ist bei Treffen nicht so wichtig, Ausnahme: die Protagonistinnen der
Õ Stripshow; H. sollte nicht von den wesentlichen Gründen der Zusammenkunft
ablenken (Õ Alkohol, Õ Benzingespräche). Duschen kann man auch zu Hause.
Initiation: in bekutteten Biker-Kreisen gleich bedeutend mit der Aufnahme in den Kreis der Erlauchten, der Erwachsenen, der Echten. Zu den beliebtesten Initiationsriten gehören das Bad im Schlamm und das Bepissen der Kutten.
Jacky: Kosename für einen Bourbon-Whiskey namens Jack Daniels, das Zeug schmeckt so eigenartig, dass viele es nur im Verbund mit Cola vernichten können, gilt als Kultgetränk in Treffenskreisen.
Kater: tritt auf nach dem übermäßigen Genuss von Õ Alkohol und/oder anderen Rauschmitteln, wird am besten mit einem Konterbier zum Õ Frühstück verjagt, um keinen üblen Õ Durchhänger zu haben.
Klo: oft nur vorübergehend aufgestellte Bedürfnisanstalten (Dixi) oder zum Zweck des sich Erleichterns entfremdeter baulicher oder natürlicher Sichtschutz (Wand, Busch, Wald).
Lagerfeuer: der Ort, wo man merkt, dass man eigentlich keinen Fernsehapparat braucht. Optisches, akustisches, sinnliches und kommunikatives Happening. Ort des Õ Benzingesprächs, Ort der
Meditation, Ort archaischer Gruppenbildung. L. erwärmt Bikerherz und rote Wurst gleichermaßen.
MC: Abkürzung für Motorradclub, bei internationalen Organisationen für Motorcycle Club. MC tragen meist Fantasienamen, die bevorzugt mit Tod, Einsamkeit, Reiten oder Tieren zu tun haben, etwa »Lonely Dead Wolf’s Rider’s Bölkhausen«. Charakteristisch für MCs ist neben dem gelegentlichen Stellen von Gebietsansprüchen das Tragen einer Kutte, sowie darauf eine falsche Verwendung des
englischen Genitiv-S, wie etwa in »Cool Bone’s Rider’s Bölkingen«.
Miezen, Strip-: müssen heißer sein als das Riff von Õ Alabama, Sweet Home. Sind es meist nicht, merkt aber kaum noch einer (Õ Alkohol). M. treten nach
Informationen aus ihren Kreisen lieber auf Biker- als auf Ballermannpartys auf, weil die Herren dort sich eher zu benehmen wüssten.
Motorrad: Gegenstand, ohne den ein Motorradtreffen keinen Sinn macht. Dient bei Markentreffen zuweilen als Form der Zugangsberechtigung und als Katalysator eines Zusammengehörigkeitsgefühls. Damit das M. nicht vor seinem Besitzer umkippt und eventuell eine Kettenreaktion auslöst, muss es sicher auf dem Ständer stehen.
Natur: bevorzugte Location für Bikerpartys. N. steht, ähnlich wie das Õ Motorrad, für das Unverfälschte, das Wahre, das Echte, das indes durchaus auch Zweckdienlichem (Õ Lagerfeuer, Õ Klo) zugeführt wird. Ansonsten steht N. traditionsgemäß im Gegensatz zu Kultur und Zivilisation.
So betrachtet sind Bikerpartys eine einzigartige Symbiose aus N. und Kultur.
Ofen, heißer: zur Zubereitung von Flammkuchen oder Pizza unerlässlich. Auch als Bezeichnung für eine bestimmte Sorte Motorräder oder Frauen ( Õ Miezen, Strip) gebräuchlich.
Philosophie, Biker-: Lehre und Wissenschaft davon, was das Besondere am Motorradfahren sei, hat es bislang noch nicht zu akademischen Weihen gebracht. Als verbrieft und gesichert kann lediglich
gelten, dass P. etwas mit Õ Freiheit zu tun haben müsse (Õ Alabama, Sweet Home).
Philosophieren: praktisch Philosophie, die Lehre von der Weisheit, betreiben,
auf Treffen und im Rahmen von Õ Benzingesprächen insbesondere sich mit dem beschäftigend, was die Motorradwelt in ihrem Innersten zusammenhält oder damit, dass so manche Maschine nun wirklich nicht der Weisheit letzter Schluss sei.
Polizei: Ordnungsmacht, Teil der Exekutive, tritt auf Bikertreffen meist als Störenfried und Spaßkiller auf, spezialisiert auf Alkohol- und Auspuffkontrollen. Neu im Programm der Polizei ist die Wahrung der Kleiderordnung. Welche Kutte darf getragen werden, und welche steht auf dem Colour-Index der Modepolizei.
Preise, spezielle: werden verliehen für besondere Leistungen wie längste Õ Anfahrt,
ältester Teilnehmer, am zahlreichsten
erschienener Club, bester Umbau etc. P. werden in einem festlichen Rahmen im Festzelt überreicht, Preisverleihung gilt als fester Bestandteil der Abendunterhaltung.
Querelen: sehr oft Folge von Imponiergehabe und dem übermäßigen Genuss von Õ Alkohol. Händische Regelung von Differenzen, die sich beim Õ Benzingespräch und dem Õ Philosophieren manifestiert haben.
Rock ’n’ Roll: bevorzugte Form musikalischer Untermalung der Geselligkeit bei Treffen. Beliebt ist in weiten Kreisen vor allem der Südstaaten-R. (Õ Alabama, Sweet Home). R. der neueren Machart (New, Progressive) darf auf einem Treffen nicht erwartet werden.
Schlägerei: Auseinandersetzung jenseits von Argumenten, darin den Õ Querelen ähnlich, jedoch heftiger. Stets ist S. mit Folgen verbunden, an die die Beteiligten sich in der Regel länger erinnern als an die Gründe für Sch.
Schlamm: vom Regen verweichlichtes Erdreich. Manchmal wird Sch. Auch als besonderes Stilelement bei Õ Stripshows und Õ Bikerspielen verwendet.
Stripshow: Bestandteil und für viele der Höhepunkt des abendlichen Unterhaltungsprogramms. Die freizügige Performance der Õ Miezen (Strip-) dient der künstlerischen Zurschaustellung des nach dem Motorrad zweitschönsten Reizes der Welt. Zudem suggeriert S. die potenzielle Verfügbarkeit der wohlproportionierten Darstellerinnen, die nach dem übermäßigen Genuss von Õ Alkohol als symbolische Vertreterinnen ihrer Geschlechtsgenossinnen missverstanden werden.
Tabus: existieren allein als club- und/oder markenspezifische T. Als klassisches T. gilt, mit japanischer Maschine beim Harley-Treffen vorzufahren oder als Bandido sein Zelt bei den Hell’s Angels aufzuschlagen.
Urinieren: Wasser abschlagen. U. findet bei Treffen in einer weit weniger reglementierten und von Konventionen bestimmten Form statt. Also fast überall. Wobei
der Grad der Õ Freiheit beim U. auch von
der Tageszeit und damit vom Grad der
Alkoholisierung des Urinierenden sowie der Umstehenden abhängt, hat auch
kultische Dimension Õ MC.
V-Zeichen: Abkürzung für Victory-Zeichen (englisch: Sieg), in Kombination mit Õ Grölen oft gesehen nach Triumphen
bei Õ Bikerspielen oder Preisverleihungen. Ursprünglich stammt V. von siegreichen englischen Bogenschützen und wurde von einem amerikanischen Hersteller als dermaßen attraktiv empfunden, dass er seine Motoren so konfigurierte.
WC: siehe Klo.
Xenophobie: Fremdenfeindlichkeit, bezieht sich bei manchen Bikertreffen auf die Feindlichkeit bestimmten Motorradmarken oder -Clubs gegenüber, spielt heutzutage allerdings keine wesentliche Rolle mehr.
Yggdrasil: Weltesche und Weltmittelpunkt in der nordischen Mythologie, und das Wort, mit dem man am Õ Lagerfeuer garantiert Aufmerksamkeit gewinnt. »Mein Bike ist mein Y.«
Yuppie: junger, karrierebewusster, geschäftstüchtiger, großstädtischer Mensch, tritt auf Motorradtreffen meist als dreitagebärtig verkleideter Outlaw mit Designer-Harley auf. Trinkt zum Frühstück Kaffee, Sekt, Martini (gerührt, nie geschüttelt) niemals jedoch Bier.
Zombie: Untoter, sieht aus wie ein
Motorradfahrer nach drei Tagen Treffen.

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