Lofoten (Archivversion) Zeitlos

Hoch im Norden Europas scheint die Sonne im kurzen Polarsommer rund um die Uhr - bei einem Trip auf die Inselgruppen der Lofoten und Vesteralen gerät das Gefühl für Tag und Nacht dann schon mal durcheinander.

Die Sonne tut gut. Wir liegen auf einem Felsen am Strand von Vikten und lassen uns von den Strahlen die Nase kitzeln. Eine leichte Brise zieht über den weißen Sand, die Wärme der Sonne dringt langsam durch unsere Motorradklamotten. »Es ist schon spät«, sage ich. »Spät?« gähnt Christoph schläfrig und schaut auf seine Uhr - es ist fast Mitternacht, und die Sonne denkt nicht daran unterzugehen.Über 2000 Kilometer sind wir mit der BMW und der Transalp gefahren, haben den kargen und windigen Polarkreis überwunden, sind zweimal über das Meer geschippert, bevor wir hier gelandet sind und die Zeit verloren haben. Aber Zeit spielt hier keine Rolle. Zwei Stunden später ist sie immer noch da, die Sonne. Sie wird auch nicht verschwinden, das wissen wir. Eigentlich. Dennoch starren wir wie gebannt aus dem Fenster unserer Unterkunft: Unter dem warmen rötlichen Licht der Mitternachtssonne wirkt das Grün der Wiesen noch grüner, das Blau des Wassers noch blauer. Zauberhafte Farbspiele legen sich über den kleinen Fjord von Sund i Lofoten.Es ist Anfang Juli, da kennt man etwa 150 Kilometer nördlich des Polarkreises sechs Wochen lang keine Nacht. Schlafen? Nein, das sei wirklich Zeitverschwendung, meint Sissel, unsere Vermieterin. Auch ihre drei Kinder sind ständig auf den Beinen, spielen abends lange vor dem Haus und fahren anschließend mit den Eltern noch zu Freunden oder Verwandten. Schulfrei ist sowieso. »Schlafen können sie später wieder«, sagt Sissel und lacht. Denn viel zu schnell sind sie wieder da, die langen Nächte und trüben, kalte Tage.In der kurzen Sommerzeit holen die Lofoter alles nach, was Leben bedeutet. Dennoch ist es abends still auf dem zerklüfteten Stückchen Land. Fast gespenstisch still, wenn der Wind mal nicht weht. Keine Musik, keine Feste sind zu hören. Wenn wir nach langen Touren über die schmalen Straßen zurück zu unserem Quartier kurven, begegnet uns nur ab und zu ein Auto. Das Leben spielt sich in den Häusern ab. Denn es kann frisch werden abends, auch im Juli. Dicke Nebelbänke ziehen vom offenen Meer auf die steilen Felsen, schieben sich dick und schwer über die schroffen Gebirgskämme, um auf der anderen Seite langsam in die schmalen Täler und Fjorde einzufallen. Wir machen uns ein Spiel daraus, dem Nebel davonzufahren, denn er kriecht naß und ecklig unter die Kluft.Früh morgens schon lichten sich die Schwaden, geben den Blick auf die kleinen roten, gelben und weißen Holzhäuser frei, die den schmalen Landstrich zwischen Gebirge und Meer säumen. Und schon früh sind alle wieder da. Inger, der sein Haus frisch mit Ölfarbe streicht, die Fischverkäuferin, die ihre Verkaufsbude öffnet, die Möven, deren Geschrei durch den Fjord gellt, und der Gestank von den Fischhallen, wo der getrocknete Stockfisch auf Kunden wartet. Zeit zu fahren, Zeit für Kultur. Auf einer sich einsam durch die Berge schlängelnden Straße gelangen wir nach Nusfjord, einem Fischerdörfchen, das sich romantisch um seinen kleinen Hafen schmiegt. Ein paar Touristen bummeln durch den von der Uneso als Kulturdenkmal ausgewiesenen Ort. Doch außer einem Krämerladen von 1907 gibt es nicht viel zu sehen. Für die Fischer ist Alltag, ob mit oder ohne Besucher. Ungerührt pinseln sie an ihren Booten und flicken ihre Netze. Ein paar Touristen haben sich in den hier sündhaft teuren Rorbuer, den typischhen Hütten der Lofotfischer, eingemietet. Begafft und deshalb etwas genervt, sitzen sie vor ihrer historischen Bleibe. Irgendwie habe ich den Eindruck, daß ihnen der Kaffee nicht so recht schmecken will.Tiefe Tunnel oder Hochbrücken verbinden die Lofotinseln Moskenesøy, Flakstadøy, Vestvågøy, Gimsøy und Austvågøy. Bei Hamnøy wurde die Straße sogar direkt durch eine Brutkolonie der seltenen Dreizehenmöven geschlagen. Die gigantischen Bauten sind ein Entgegenkommen an den Tourismus, aber auch an die Inselbewohner, die noch nicht auf das Festland gezogen sind. Auf der Straße 815, die den zackigen Ausläufern in den Vestfjord folgt, fahren wir in die Einöde. Das Land fällt hier nicht abrupt, sondern weich auslaufend in den großen Fjord, doch es ist sumpfig und liegt im Schatten der Berge. Die vereinzelten Häuser entlang der Straße sind fast alle verlassen. So atemberaubend der Blick über das Meer auf die mit Gletschern belegten Bergketten südlich von Narvik ist, scheint er den Fischern keine Entschädigung für die kargen Einnahmen, die weiten Wege und die rauhen Winter gewesen zu sein. Neue Arten von Einkünften boten sich eher auf dem Festland oder in Svolvaer, dem Hauptort und Verkehrsknotenpunkt der Lofoten. Schön ist die Stadt nicht, aber es herrscht lässige Geschäftigkeit. Heute ist es geradezu warm. 25 Grad - schon fast zu warm für die kältegewohnten Lofoter. Stolz kann sein, wer da eine kurze Hose im Schrank hat. Man stellt sonnenentwöhnte weiße Haut zur Schau und versucht, im Supermarkt noch ein Eis zu ergattern. Völlig deplaziert wirken da die teuren Norweger-Pullover, die für Touristen vor den Schaufenstern drapiert sind. Souvenirläden und Ausflugschiffe, liebevoll hergerichtet, warten auf die Gäste. Doch dieses Jahr, so erzählen uns Ev und Kjell, ein Motorrad fahrendes Pärchen aus Oslo, sei in ganz Norwegen der Tourismus um 40 Prozent zurückgegangen. Der nasse, kalte Winter habe die Feriengäste in Europas Süden getrieben.Daß im Norden es selbst im Hochsommer keine Schönwettergarantie gibt, erfahren wir als wir ein paar Tage später die Lofoten in Richtung der noch weiter nördlich gelegenen Vesterålen verlassen. Es windet und nieselt, und uns ist die Fähre in Fiskebøl vor der Nase weggefahren. Anderthalb Stunden Wartezeit. Notdürftig versuchen wir, uns mit viel Kaffee und Pølser, den obligatorischen norwegischen Hot Dogs, warm zu halten. Zwei BMW-Fahrer, Vater und Sohn, verwickeln uns in ein Gespräch. Sie kommen vom total vernebelten Nordkap, nehmen eben mal noch so die Lofoten und Vesterålen mit - morgen müssen sie schon wieder auf dem Festland sein. In Melbu sind sie als erste von der Fähre runter- und fort. Nein, das haben sie nicht verdient, die Vesterålen. Gerade weil hier touristisch nichts los ist, ist diese Halbinsel eine Wohltat. Oder liegt es der unberührten Natur? Oder sind´s die Bäume, die es auf den Lofoten nicht mehr gibt? Das viel weitere, offenere Land? Wir fahren, fahren, fahren, schließlich ist es auch abends um acht noch taghell, und langsam verziehen sich die Wolken. Mitten im Wald sitzt ein netter Kerl in einem Info-Häuschen für Touristen. Mit einer Eselsgeduld zeigt er uns, wo wir eventuell eine Unterkunft finden könnten. Nach drei Irrwegen wagen wir den letzten Versuch: eine unbefestigte Straße. Sechs Kilometer Schlaglöcher, und es scheint kein Ende zu nehmen. Müde und hungrig überlegen wir schon, ob wir umkehren sollen, da sehen wir hinter der Kurve eine Fahne wehen. Einsam liegt das Klaksjord Sjøhus in einem kleinen Fjord. Selbstverständlich könnten wir ein Zimmer haben. »Oder lieber eine Hytter?« fragt die Fischersfrau. Die Hütte natürlich, mit Blick über den Fjord und viel Sonne - bei Tag und bei Nacht.

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