Lüneburger Heide (Archivversion) Die Farbe Rosa

Was den Franzosen der Lavendel, ist den Deutschen die Heide: beides irgendwie rötlich, und irgendwie Kult. Der Nordlicht-Tipp in Sachen kurvenfreies Relaxen.

Hinter einer lang gezogenen Kurve begegnen wir uns zum ersten Mal. Dabei wollte ich der Bimota gerade richtig die Sporen geben, doch dann muss ich voll in die Hebel langen, um nicht in sie hineinzufahren: Heidschnucken, hunderte, und alle glotzen mich an. Auch der Schäfer blickt unter der Hutkrempe vorwurfsvoll zu mir rüber, ruft irgendwas, woraufhin seine beiden Hunde die Schafherde über die Straße treiben. Schwarz, braun oder schmutzig-weiß sind sie, zottelig dazu, und sie trotten so gemächlich weiter, als wüssten sie, dass ihnen hier keiner was kann. Denn die Schnucken haben das Monopol in der Heide. Seit Jahrhunderten. Weil niemand außer ihnen so genügsam ist, um mit diesen dürren Sträuchern auszukommen. Der Schäfer dreht sich abrupt weg, so dass ihm der Mantel um die Schultern fliegt, und schreitet in der kargen Landschaft davon wie ein Magier aus »Der Herr der Ringe«. Weiter geht‘s auf Entdeckungstour in Deutschlands ältestem Naturschutzgebiet, das allerdings nur von wenigen Straßen durchzogen wird. In die eigentliche Heide kommt man am besten zu Fuß, per Rad oder Kutsche. Nur dann erschließt sich einem diese eigentümliche, Tundra-artige Weite mit ihren Wacholderbüschen, knorrigen Kiefern, die auf den Sandböden gedeihen, und all den lilafarbenen Gewächsen. Und dann nimmt sie einen gefangen, zumindest bis die nächste Kutsche heranrollt, voll beladen mit Touristen auf Kaffeefahrt, die fröhlich winkend grüßen. Ist der Spuk vorbei, kehrt wieder meditative Ruhe ein. Theodor Storm hat die Lüneburger Heide seinerzeit als »Abseits«beschrieben, also eigentlich nichts für einen Stürmer wie die Bimota. Doch die SB 6 R mit ihrem 155 PS starken 1100er-Suzuki-Motor passt vielleicht deswegen so gut hierher, weil sie die Zeit auf der langen Geraden bis zur nächsten Biegung extrem unterhaltsam gestaltet – beziehungsweise verkürzt. Kurven sind Mangelware, und die wenigen müssten im Grunde in jedem Motorradatlas grün markiert sein. Dennoch treffe ich deutlich mehr Motorradler als erwartet. Viele mit Kennzeichen aus Hamburg – mal kurz raus aus der Stadt und ab ins Grüne. Und dann auf einen Kaffee zu Ex-Bimota-Köhnemann, dem bekannten freien Importeur im kleinen Örtchen Schneverdingen. Motorräder schauen und Benzin reden. Da ist es nicht mehr so wichtig, ob die Heide viele Kurven hat oder nicht.Gerhard und ich satteln die Rösser und peilen zunächst die Stadt an, die dem ganzen Gebiet ihren Namen gab: Lüneburg. Bei Heber an der B 3 geht‘s über Bispingen quer durchs Naturschutzgebiet und jenseits der A 7 per Volkwardingen über eine wunderschöne Strecke gen Osten. Hier zeigt sich Niedersachsen von seiner attraktivsten Seite: kleine Ortschaften mit den typischen Fachwerkhäusern aus rotem Backstein. Viele der alten Bauernhäuser sind herrlich restauriert. Und riesengroß. Immerhin teilten sich früher Mensch und Vieh einträchtig die Fläche unter den breiten Reetdächern – vorne Stall, hinten Wohntrakt. In Raven treffen wir bei einer kurzen Pause einen kleinen Jungen, der seinem Opa beim Sensen hilft. Selbstbewusst erklärt er, dass er auch Motorrad fahren könne. Dabei grinst er uns aus seinem breiten Sommersprossengesicht an. Ob er es uns mal auf der Bimota demonstrieren solle? Vielleicht ein anderes Mal. Aber für eine Sitzprobe reicht unsere Zeit.Wieder kommen wir an kleineren Heideflächen vorbei, lassen die »Oldendorfer Totenstadt« mit ihren Großsteingräbern allerdings rechts liegen. Sie ist Beweis dafür, dass die Gegend schon in der Bronzezeit besiedelt war. Lüneburgs Aufstieg begann später. Und den hatte die Hansestadt dem »weißen Gold« zu verdanken: Salz, das über die Flüsse Ilmenau und Elbe sowie über den Landweg bis nach Skandinavien verhökert wurde. Als wir auf den großen Platz »Am Sande« einbiegen, wird uns der einstige Reichtum der Stadt deutlich vor Augen geführt. Rund um den über 200 Meter langen Platz reihen sich jahrhundertealte Häuser mit herrlichen Fachwerkfassaden, Renaissance-Giebeln und Backsteinverzierungen. Da der »Sande« mittlerweile verkehrsberuhigt ist, muss die Bimota schmollend auf den Seitenständer, während wir in den Gassen der Altstadt verschwinden und schließlich das Salzmuseum entdecken. Wo wir erfahren, dass gigantische Mengen Holz verfeuert wurden, um das salzhaltige Wasser, die Sole, verdampfen zu lassen. Übrig blieben das kostbare Salz – und die kahl geschlagenen Heideflächen. Heute bevölkern Studenten die 70000-Einwohner-Stadt, und nirgendwo in der Heide ist abends so viel los wie am Stintmarkt am Ufer der Ilmenau. Gerhard kann sich gar nicht mehr einkriegen wegen all der Ziegelfassaden in der idyllischen Metropole. Lüneburg ist übrigens nicht die einzige Stadt, die auf einem Salzstock steht. Etwa 70 Kilometer weiter östlich, nahe der einstigen Zonengrenze, sorgt bereits seit Jahrzehnten der kleine Ort Gorleben für Schlagzeilen, dessen Salzstock immer wieder als Atommüll-Endlager in der Diskussion steht. Der damalige Ministerpräsident Albrecht habe nur deshalb dort ein Lager gewollt, um die nahe liegende DDR zu ärgern, erzählen sich die Einheimischen. Wahrscheinlicher ist, dass im verschlafenen Wendland, wie die Gegend heißt, in dem sommers die Störche auf den Dächern nisten und das die geringste Bevölkerungsdichte der alten BRD aufwies, nicht viel Widerstand erwartet wurde. Denkste! Fast jeder Ort der Region macht seit Jahrzehnten eisern geschlossen mobil gegen atomare Anliegen jedweder Art. Entlang der Elbe lassen wir uns stromaufwärts auf der Uferstraße treiben. Es ist drückend heiß, gemächlich fließt der Strom dahin, im Hamburger Hafen wird’s für ihn noch hektisch genug. Jetzt die Lederpelle abstreifen und rein ins Wasser! Neidvoll gucken wir den Paddlern zu, die mit Faltbooten vereinzelt in der Strömung vorbeiziehen und sich immer wieder im Wasser abkühlen. Leider vereitelt sumpfiges Uferland unsere Bademöglichkeiten. Bei Neu Darchau setzen wir über den Fluss und fahren zum Bezirk mit dem seltsamen Namen »Amt Neuhaus« – und entdecken ein weiteres kurioses Kapitel deutsch-deutscher Geschichte. Die Gemeinde, bestehend aus einer Hand voll Dörfer mit etwa 6000 Einwohnern, gehörte vor dem Mauerbau – obwohl nördlich der Elbe liegend – zum Bezirk Lüneburg. Die DDR-Grenzziehung ordnete es dann Mecklenburg-Vorpommern zu, und seit 1989 fährt man in Amt Neuhaus wieder mit niedersächischen Autokennzeichen. Seine Vergangenheit sieht man dem Flecken an – die Bimota rüttelt und klappert erbarmungslos über Kopfsteinpflaster durch Orte mit dem klassischen 50er-Jahre-Abbruchflair.Nach so viel Beschaulichkeit ist Action angesagt, also heizen wir über die Elbbrücke bei Dönitz und weiter Richtung Dannenberg und Uelzen. Unterm Helm singe ich Herman Löns’ berühmtes Heidelied, aber mit der Strophe, die Jugendliche gern lauthals grölen, wenn sie wandern müssen: »Herman Löns, die Heide brennt!« Nur ist es in diesem Fall die Bimota, die brennt und beim Beschleunigen für Kitzeln in der Magenkuhle sorgt. Bei Munster stehen wir plötzlich vor einem Schlagbaum: »Achtung Manöver!« Schon zu Zeiten der Wehrmacht und der späteren britischen Befreier spielte man hier Krieg. Als die Engländer vor ein paar Jahren ihre Standorte räumten, wurden weite Teile der riesigen Truppenübungsplätze renaturiert. Nur Munster wird weiter genutzt, inzwischen von der Bundeswehr. Was sie nicht mehr brauchen konnten, ließen die Tommys einfach zurück – wie beispielsweise eine alte Panzerwaschanlage. Erinnerungen an erste Offroad-Erfahrungen auf den sandigen Pfaden der Heide werden wach. Ein paar Mal haben wir uns in diese überdimensionale Militär-Sandkiste getraut. Allerdings voller Angst, plötzlich von einem Panzer verfolgt zu werden. Wild schlingernd eierten wir mit unseren Dominator durch die knietiefen Panzerspuren, bis der Helm nass geschwitzt war.Für solche Einlagen ist die Italienerin freilich nicht zu haben, also lassen wir den Enduro-Abenteuerspielplatz links liegen und gehen uns amüsieren. Denn in der ach so lieblichen Lüneburger Heide haben sich gleich eine ganze Reihe von Freizeitparks angesiedelt: Schmetterlings-Park, Serengeti-Park, Vogel-Park und Centerpark. Und im Heidepark Soltau bei Bispingen an der A 7 findet jährlich ein Wettbewerb statt, der selbst die größte Holzachterbahn der Welt noch in den Schatten stellt – das Pfahlsitzen. Bei unserer Ankunft arbeiten gerade drei Kandidaten an ihrem Rekord. In 2,50 Metern Höhe harren sie seit nunmehr 83 Tagen auf einer bierkastengroßen Fläche ohne Lehne aus. Sitzen, Essen, Schlafen – bei jedem Wetter. Während nur ein paar Meter entfernt eine Vergnügungsbahn ihre endlosen Runden dreht, müssen sie inmitten dieses Amüsierbetriebes rein gar nichts tun – nur durchhalten. Alle zwei Stunden dürfen sie zehn Minuten absteigen, wer lediglich ein paar Sekunden überzieht, wird disqualifiziert. Für den Kontakt zur Umwelt sorgen Telefon und Laptop. Ab und zu ruft ein Besucher etwas wie »Du schaffst es eh nicht, steig runter!«, oder sie versuchen gegenseitig, sich zu demotivieren. Kürzlich wurde gerade Bergfest gefeiert: Auf dem Weg zum Weltrekord haben sie bereits die Hälfte geschafft – rosige Aussichten, nur noch zweieinhalb Monate auf einem Brett festzusitzen. Da verbringen wir unsere freie Zeit doch lieber auf der in etwa ebenso großen Sitzbank der Bimota.Am Abend gehen wir auf die Walz. Schneverdingen hat zum geselligen Abend geladen. Und es gibt – ziemlich makaber eigentlich – Schnuckenbratwürste! Brutzelnd liegen sie auf dem Grill. Nein, das bringe ich jetzt wirklich nicht runter. Neben einer dichten Urlauberschar ist auch das derzeit populärste Mädel im Land gekommen: Heidekönigin Daniela. Eifrig verteilt sie Autogrammkarten, wohl wissend, dass ihre Zeit bald abgelaufen ist. Denn – anders als die Heide – blüht die Heidekönigin nur einen Sommer. Beim Heideblütenfest am letzten Augustwochenende wird sie ihre lilafarbene Krone an ihre Nachfolgerin übergeben und wieder ein ganz normales Leben führen. Es sei denn, sie hat es faustdick wie Partygirl Jenny Elvers hinter den Ohren, die ihre Karriere ebenfalls als Heidekönigin begann. Morgens früh um sieben schwingen wir zum letzten Mal das Bein über das wunderschön gezeichnete Bimota-Heck und lassen den Vierzylinder aus vollen Rohren trompeten. Und genießen noch einmal diese eigentümliche Landschaft, die sich scheinbar endlos bis zum Horizont erstreckt wie ein dunkelrosafarbener, sanft gewellter Teppich. Und können plötzlich verstehen, warum sich ausgerechnet hier, mitten in der Heide, vor zwei Jahren 10000 Besucher aus aller Welt trafen, um sich eine Woche lang vom Dalai Lama unterrichten zu lassen. Ein Ort der Besinnung, der zu schön ist, um ihn Horden von Touristen zu überlassen, die nicht die Zeit haben, der Stille auf den Grund zu gehen. Auf dem Heimweg reißt uns die Wirklichkeit plötzlich lautstark aus unseren Träumen. Als wir vor einem alten Bauernhof ein paar letzte Bilder schießen, hält der Besitzer mit einem Gülletank neben uns und brüllt herüber, was wir da treiben würden. Im Orginalton etwa: »Und was wedadas hiä, wenns fedadich is?« Fotos für MOTORRAD. »Nee, nä?«

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