Luxembourg (Archivversion) Route DeLux

Motorradfahren in Luxemburg? Klingt ja spannend. Wer´s trotzdem probiert, weiß es anschließend besser: Das Großherzogtum bietet landschaftliche Reize in Hülle und Fülle - besonders im Herbst.

Jenseits von Bitburg und diesseits von Vianden, also noch auf Eifeler Boden, spüre ich zum erstenmal in diesem Jahr, daß der Winter nicht mehr fern ist. Kühl ist es - und das erste Laub am Rande der kurvigen Straße leuchtet bereits in gelb-roten Farbtönen. Augenscheinlich bäumt sich die Natur noch mal auf, ehe Väterchen Frost das Regime übernimmt. Ich bin gespannt, wie es in Luxemburg aussieht.Vianden empfängt mich mit der imposanten Fassade seines Chateaus. Wie ich erst später erfahre, blickt das Gemäuer auf eine Gesamtbauzeit von 1000 Jahren zurück. Unten im Tal teilt die Our das malerische Städtchen, und von der den Fluß überspannenden Brücke blickt die Büste Victor Hugos mit gesenktem Kopf hinunter auf den Asphalt, auf dem sich im Sommer Heerscharen von Touristen durch den wunderschönen Ort mühen. Erst jetzt, Anfang Oktober, herrscht wieder Ruhe im kleinen Städtchen. Eigentlich. Denn gerade in diesem Moment schiebt sich unüberhörbar ein italienischer Zweizylinder durch die engen Gassen - und wenig später stoppt eine Moto Guzzi California III neben mir. Sofort kommen Winfried, so heißt der Typ auf der Guzzi, und ich ins Plaudern. Und genauso schnell merke ich, daß sich der Guzzi-Pilot hier sehr gut auskennt: Mit leuchtenden Augen beschreibt er Strecken in meinem Reiseland, die mir die Reiseführer vorenthalten hatten. Eigentlich kein Wunder, hat Winfried doch viele Jahre als Zollbeamter seinen Dienst an der deutsch-luxemburgischen Grenze geschoben und ist hier zudem in jeder freien Minute auf zwei Rädern unterwegs.Winfried, wohnhaft gleich hinter der Grenze, hat gerade Urlaub und beim ersten Bit beschließen wir, die kommenden Tage gemeinsam durch das Großherzogtum Luxemburg zu touren.Am nächsten Morgen herrscht Bilderbuchwetter. Na bitte. Sofort geht’s ab über die Grenze und wieder zurück nach Deutschland. Zwar stutze ich ein wenig, schließlich wollte ich Luxemburg erfahren, aber dann siegt mein Vertrauen, und ich folge der Guzzi. Parallel zu Grenze und Our tuckern wir im schönsten Sonnenschein über Bauler nach Waldhof-Falkenstein und schnell begreife ich, warum wir hier und nirgends sonst unterwegs sind. Blinker links und Winfried fährt, quasi quer einen Gemüsegarten durchquerend, zielsicher zu einem Punkt, der auf den Namen Schöne Aussicht hört. Selten hatten Namensgeber ein so glückliches Händchen. Das Tal der Our, tief unter uns, ist angefüllt mit dichtem Nebel und genau in der Mitte unseres Blickfelds ragen die Zinnen der Burg Falkenstein heraus. Hobbygärtner Mirkes, der zwischen Wirsing und anderem Winterkohl emsig harkt und gräbt, nickt, als er uns sieht. »Ja, da kann man einfach nicht dran vorbeifahren«, bestätigt er unsere Anwesenheit und widmet sich wieder der fruchtbaren Erde. Garten mit Aussicht, denke ich und beneide den Gärtner um dieses Geschenk der Natur. Luxemburg ist zum Greifen nah. Wir rollen angesichts glitschiger Laubpassagen vorsichtig die steile Straße zur Our hinunter. Eine schmale Brücke und schon haben wir wieder luxemburger Boden unter den Rädern, folgen schließlich der gewundenen N10 in nördlicher und dann in westlicher Richtung. Via Über- Unter- und Obereisenbach erreichen wir das mittelalterliche Clervaux. Mittagszeit. Trotz der urigen Atmospähre werden wir Opfer eines typischen Touristenmenüs: teuer und fade. Pech gehabt. Wir trollen uns.Beinahe müßig zu erwähnen, daß die CR 325 einem Flußlauf, dem der Clerve, folgt. Es ist fast unerheblich, wo man fährt, denn Flüsse sind hier ständige Wegbegleiter. Entweder unmittelbar neben der Straße, oder als silbernes Band unten im Tal. Der Ösling, so der Name der luxemburger Ardennen, ist reich an Wasser, und die Topographie erweckt den Eindruck, man sei in einem stattlichen Mittelgebirge unterwegs. Dabei ist keiner der Hügel höher als 550 Meter. Trotzdem, dieser Landstrich bietet Fahrspaß pur, und hinter jeder Ecke staunen wir über die weiten Ausblicke in die tiefen Täler und auf die Bergrücken, deren Silhouetten sich dunkel gegen das grelle Gegenlicht der Nachmittagssonne abheben. Nach einer Weile formt das Laub wieder ein herbstliches Dach über unseren Köpfen. Doch immer wieder gelingt es der Sonne, ein Schlupfloch zu finden und skurrile Muster auf den Asphalt vor uns zu malen. Davon werde ich zehren, wenn schon bald atlantische Tiefausläufer ihr alljährliches grausames Spiel beginnen, wenn Totensonntag und Volkstrauertag das Land in Trübsal stürzen.Nach viel Landschaft ohne nennenswerten Verkehr erfordert Wiltz an der Wiltz nun eine gewiße Aufmerksamkeit. Wir überqueren den Fluß und fahren eingeengt zwischen Autos hinauf nach Oberwiltz. Im Schatten der Burg gibt´s dann den im Herbst unvermeidlichen »Quetschentaart«, der Zwetschgenkuchen also, und zwar mit »Klappschmant« wie die Luxemburger ihre Sahne nennen. Ein Genuß, der allein schon eine Herbstreise in das kleine Land rechtfertigt.Noch genüßlich das letzte Stückchen Kuchen verdrückend, liegen wir wieder über der Karte - und stehen vor dem stets wiederkehrenden Problem: Egal, für welche Route wir uns auch immer entscheiden, links und rechts davon locken weitere, ebenso kurvige Sträßchen und Wege. Die Entscheidung fällt uns nach einer Weile überraschend leicht: das eine tun, ohne auf das andere zu verzichten, denn die Entfernungen sind in Luxemburg nicht gerade unüberwindlich. Also geht’s nun zunächst einmal weiter in südwestliche Richtung. Die Guzzi immer vorneweg, stoßen wir nahe der belgischen Grenze auf das Örtchen Harlange. Mit unseren Bikes kommen wir uns auf einmal vor wie in einer anderen Welt, soviel Ruhe und Beschaulichkeit strahlt dieses urige Ardennendorf aus. Lärm und Hektik? Keine Spur davon.Kaum zehn Kilometer weiter im Süden, in Boulaide, ist es dann soweit. Auch wir als eingefleischte Motorradfahrer können uns hier kaum mehr der Verlockung eines Waldspaziergangs entziehen, zumal der Hochfels mit seinem Aussichtspunkt als Belohnung aller Mühen winkt. Was solls, auf geht´s, obwohl wir uns von entgegenkommenden Wanderern in unseren Motorradstiefeln etwas mitleidig belächeln lassen müssen. Zirka 130 Meter oberhalb des Sûre-Stausees genießen wir schließlich die herrliche Fernsicht auf den silbrig glänzenden See und runden den optischen Leckerbissen mit Brot, Ardenner Schinken und einem kleinen Schlückchen Wein ab. Bei aller Begeisterung für die Fortbewegung auf zwei Rädern - wirklich nahe kommt man der Landschaft nur per pedes, und gewiß wird dies nicht unser letzter Spaziergang im Ösling gewesen sein.Kaum, daß wir auf den Motorrädern sitzen, gibt es nahe Bilsdorf die nächste Gelegenheit für einen Stop. Landschaft und mannshohe Steinskulpturen vereinen sich hier zu einem eindrucksvollen Gesamtkunstwerk, das nicht nur zum Betrachten, sondern auch zum Klettern einlädt. Ob letzteres im Sinne des Künstlers ist, wissen wir nicht, können es aber durchaus empfehlen.Parallel zum Stausee führt uns die N 27 hinauf nach Esch-s-Sûre. Malerischer kann es eigentlich nicht mehr werden. Versteckt zwischen den steilen Hängen der Schieferfelsen, gehört Esch zu den attraktivsten Orten an der Sauer - davon zeugen auch die zahlreichen Andenkenläden. Nun, im Oktober aber drängen sich hier allerdings keine Touristenmassen mehr durch die schmalen Gassen, und die vielen Cafés sind längst nicht mehr bis auf den letzten Platz besetzt. Für Unterhaltung ist denoch gesorgt. Zum einen staunen wir über die imposante Burgruine, die 927 zum Schutz gegen die Überfälle der Ungarn errichtet wurde. Zum anderen rollt eine verwegen aussehende Gruppe von Harley-Fahrern erst durch den kleinen Tunnel im Ort, dann zum Marktplatz und bietet eine Klang-Performance der ganz besonderen Art. Indes läßt die desinteressierte Reaktion der umstehenden Kellner darauf schließen, daß dieses Hörstück regelmäßig zur Aufführung gelangt. Wir überlassen Esch den Twins aus Milwaukee und verlassen den Ort beinahe geräuschlos, um endlich wieder ein paar Meter zu machen.Im Dreieck zwischen Esch, Wiltz und Ettelbruck im Süden fahren wir uns geradezu in einen Rausch. Ohne die Karte auch nur eines Blickes zu würdigen, schwingen wir durch die Kurven, wie sie kommen, sausen kilometerweit bergauf und bergab und erreichen unser Nachtlager erst lange nach Einbruch der Dunkelheit. Eines ist uns spätestens jetzt klar. Luxemburg taugt nicht nur zum Sightseeing, sondern auch zum lustvollen Kurvenräubern.Am nächsten Morgen ist Winfried ganz in seinem Element. Über kleine und kleinste Schleichwege führt er uns mal auf deutscher und mal auf luxemburger Seite entlang der Sûre in die »Kleine Schweiz«, ins Mullerthal. Schließlich legen wir noch eine kurze Rast an einer der zahlreichen Grenzbrücken ein, die hier die Sûre überspannen. Das Wasser trennt aber nicht, vielmehr scheint es zu verbinden. Kinder spielen auf der Brücke und am Ufer, eine alte Dame schiebt ihr mit frischem Gemüse beladenes Rad zurück in die heimische Eifel, und die ehemalige Grenzstation auf deutschem Boden dient heute als liebevoll hergerichtetes Wohnhaus in exponierter Lage. Dort, wo man zuvor die Pässe durchs Fenster des Zollhauses reichte, gedeihen heute prächtige Geranien in verzierten Blumenkästen. Zu beiden Seiten des Flusses drängen die Häuser bis an die Grenze heran und selten ist mir die Willkür von Grenzlegungen so deutlich geworden. Allerdings ist sie heute, zu Zeiten der Europäischen Union, quasi bedeutungslos für den Alltag der Menschen.»Zickzackschlüff, Binzeltschlüff« und »Wehrschrummschlüff«. Namen, die mich spontan an Tolkiens Phantasiewelten aus dem »Herrn der Ringe« erinnern. Aber die so getauften, skurrilen Felsenformationen rechts und links der Ernz Noir, die sich ihr Flußbett tief in den Sandstein gegraben hat, werden nicht nur wegen ihrer Namen in bester Erinnerung bleiben - die Fahrt von Grundhof durch das wilde und dunkle Mullerthal begeistert mich mehr als so manche Etappe in den Alpen. Immer wieder überraschen uns fast schon alpine Ausblicke auf abenteuerlich überhängende Felswände und in die Tiefe rauschende Wasserfälle, dazu das herbstlich bunte Farbenspiel der Wälder. Immer wieder führen kleine Wanderwege zu aussichtsreichen Höhepunkten. Allein die klobigen Enduro-Stiefel setzen unserem Bewegungsdrang Grenzen. Beim nächsten Besuch sind garantiert die Wanderschuhe dabei.Mit ebenso glänzenden wie müden Augen rollen wir auf historischen Kopfsteinpflaster die letzten Meter unserer Tour nach Echternach. Mit einer Auswahl süßer Köstlichkeiten luxemburger Pralinenkünstler verschwinden wir nahe dem Echternacher Rathaus, dem Denzelt, in einem gemütlichen Café und überlegen, warum Luxemburg ein motorradtouristisches Schattendasein fristet. Hinter uns liegt ein wahrhaft herrlicher Kurvenrausch, wir haben die Farben des Herbstes gesehen, das Bouquet spritzigen Rieslings geschmeckt, den schweren Duft des Waldes gerochen, dem quirligen Plätschern meterhoher Wasserfälle gelauscht. Doch dann bekommen wir die andere Seite des Herbstes zu spüren. Die nicht mehr bunt und anregend ist, sondern nur noch naß und grau: es regnet. Zuerst mäßig, dann regelmäßig und schließlich unmäßig fällt der Regen auf die altehrwürdigen Häupter der Statuen am Denzelt: auf Temperantia, Prudentia, Justitia und Fortitudo, den vier Kardinaltugenden Luxemburgs. Ein Blick auf die Titelseite der Tageszeitung, die von einem Banküberfall zu berichten weiß, zeigt jedoch, daß Justitia und ihre Freundinnen heute wohl eher als ansehnliche Staffage, denn als Wächterinnen der Tugenden fungieren. Heile Welt? Selbst im reichsten Land Europas wohl nur ein Traum. Und angesichts des nun grau in grau schimmernden Kopfsteinpflasters keimt ein erster Gedanke an frisches, unschuldiges Grün. Frühling - die Saison solte nicht enden, sondern beginnen. Gerne in Luxemburg.

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