Madagaskar (Archivversion) Voller Wunder

Madagaskar - vielfältiges, außergewöhnliches, exotisches, aber auch bettelarmes Land. Jahrelang träumte ein französisches Paar von einer Reise über die viertgrößte Insel der Welt. Jetzt waren sie dort.

Madagaskar. Endlich. Endlich wieder schnurrt der Motor unserer Ténéré, endlich wieder Asphalt unter den Reifen. Jean und ich platzen fast vor Neugier auf diese magisch schöne Insel, die vor der Ostküste Afrikas liegt. Drei Tage lang hatten wir am Flughafen auf unser Motorrad gewartet, welches wir von Nairobi hierher fliegen ließen, hatten endlose Stunden mit den Leuten vom Zoll gefeilscht, für die ein Carnet de Passage nur ein wertloses Stück Papier ist. Unser einziges Glück: auf Madagaskar wird unsere Muttersprache Französisch gesprochen. Ansonsten wären wir bei den äußerst zähen Verhandlungen mit dem Sekretär des Verkehrsministeriums sicherlich nicht so beharrlich geblieben, daß sich letztlichdie Schranken vor der Flughafenlagerhalle für das Motorrad doch noch öffneten.Die Dörfer entlang der Straße zur Hauptstadt Antananarivo erinnern überraschender Weise an unsere ländliche Heimat in Frankreich: kleine, urige Bauernhäuser, vor denen große Blechkannen stehen, randvoll mit Milch. Hübsche, reich verzierte Kirchen aus dicken Steinen und überall kleine Stände auf den Märkten, an denen ofenfrisches Baguette angeboten wird. Nur das kräftige Rot der Erde läßt darauf schließen, daß wir in einem Land sind, welches vor vielen Millionen Jahren einmal zum afrikanischen Kontinent gehörte.In einer Bar eines kleinen Hotel in Tana, wie die Einheimischen die Hauptstadt der Einfachheit halber nennen, planen wir die Reiseroute für die kommenden Wochen. Auf einer Insel wie Madagaskar, welche von der Größe schon fast einem Mini-Kontinent gleicht, bestimmen die verschiedenen Klimazonen den Verlauf einer Tour: Im zentralen Hochland herrscht jetzt im Juni Winter, an der Ostküste würde die Regenzeit jeden Motorradausflug sprichwörtlich ertränken. Was im Augenblick bleibt, ist die Westküste, dort soll es zu dieser Jahreszeit warm und trocken sein. Keine Frage, wir werden dorthin fahren, bis Morondava, wo die sagenhaften Baobab-Bäume wachsen. Mit dem vollbepackten Motorrad, drängeln wir uns am nächsten Morgen mühsam durch die zu allen Tageszeiten verstopfte Hauptstraße. Vorbei an bettelnden Kindern, von denen viele ihr trostloses Leben damit fristen, auf Müllhalden nach Eßbarem zu suchen oder in großen Gruppen vor den einschlägigen Hotels auf spendable Touristen zu warten. Weiter geht´s durch ausgedehnte Elendsviertel, in denen der Großteil der Bevölkerung lebt. Wir spüren hautnah, daß wir uns in einem der 20 ärmsten Ländern der Welt bewegen. Der schmutzige Dunst der Haupstadt liegt hinter uns, vor uns zieht sich die überraschend gut asphaltierte Straße durch das Hochland. 600 Kilometer sind es bis zur Westküste, und weder die Kälte noch die ausgeleierten Stoßdämpfer der Ténéré hindern uns heute an einem guten Schnitt. Irgendwo auf der Strecke zwischen Ambatolampy und Antsirabe halten wir und blicken über das kahle Hochland, das mit einer Höhe von 800 bis 1600 Metern fast zwei Drittel der Inselfläche einnimmt. In weiter Ferne schimmern die Spitzen eines Bergmassivs. Fast alle Gipfel auf Madagaskar sind Vulkane, von denen es in einigen gelegentlich noch kräftig brodelt. Ansonsten Reis- und Weizenterrassen, soweit das Auge reicht. Dazwischen rotfarbige, lehmige Hügel. Eine kahle, baumlose Welt. Hier stand einmal ein dichter Wald, doch die Bauern und Viehzüchter führten in ihrem Überlebenskampf einen rigorosen Kahlschlag durch und noch immer überziehen sie Jahr für Jahr riesige Flächen der Insel mit einer gewaltigen Feuersbrunst, um durch schonungslose Brandrodung neue Anbau- und Weideflächen zu gewinnen. Hunderte nur auf Madagaskar heimische Tier- und Pflanzenarten werden dadurch bis zur Jahrtausendwende vom Aussterben bedroht sein wenn niemand diesen Raubbau stoppt. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Antsirabe, laut einer Klimatabelle die »kälteste« Stadt Madagaskars. Manchmal schneit es hier zwischen Juni und Juli sogar, und am Abend zeigt das Thermometer neun Grad. In den engen Straßen herrscht reger Betrieb. Unzählige Rikschas, »pousse pousse« genannt, bevölkern sämtliche Wege in diesem bildhübschen Städtchen. Die meisten Häuser sind aus großen roten Steinen gebaut und haben kleine, oft wunderschön verzierte Balkone. Dazwischen herausgeputzte Hotels im Kolonialstil, Domizile für devisenbringende Touristen, die hierher kommen, angelockt durch die zahlreichen Thermalbäder in dieser Region.Am nächsten Morgen starten wir früh in Richtung Morondava. Weil die Strecke laut Karte bis dorthin durchgänging asphaltiert ist, hoffen wir, die zirka 400 Kilometer lange Etappe an einem Tag bewältigen zu können. Noch einmal zieht sich die Straße über einen kahlen Höhenzug, dann führt sie langsam hinunter in Richtung Westküste. Je tiefer wir kommen, desto wärmer wird es. Bereits mittags fahren wir durch Miandrivazo, in Sachen Klima die »heißeste« Stadt der Insel. 30 Grad hat es im Moment, erfahren wir an der einzigen Tankstelle, die aus einem 200 Liter fassenden Benzinfaß mit Handpumpe besteht. Sich seiner Monopolstellung bewußt, verlangt der lächelnde Tankwart umgerechnet 1,50 Mark pro Liter, das Dreifache des sonst üblichen Preises. Wir feilschen lange, was beiden Parteien nach einer Weile sichtlich Spaß macht. Später einigen uns händeschüttelnd auf fünf Liter Treibstoff für fünf Mark.Der Zustand der Straße verschlechtert sich zunehmend. Riesige Löcher klaffen im Teer, die mit feinem Sand aufgefüllt sind. Bald verschwindet die Straße gänzlich unter dem Sand, und wir schlingern mit der vollbeladenen Fuhre mehr recht als schlecht umher. Einige Male liegen wir auf der Nase - und mitten in der Nacht dann völlig ausgelaugt in einem Bett des erstbesten Hotels in Morondava.Ganz in der Nähe der Stadt wachsen die gewaltigen Affenbrotbäume, die Baobabs. Sieben verschiedene Arten gibt es davon entlang der trockenen Westküste Madagaskars. Staunend fahren wir durch einen dieser wunderbaren Wälder. Ungefähr zwanzig Meter hoch sind deren astlosen Stämme, die zum Teil einen Durchmesser von zehn Metern haben und auf denen erst ganz oben eine kleine Krone sitzt. Die Madagassen nennen diesen Baum die »Mutter des Waldes« und verwenden die Rinde, die sofort wieder nachwächst, als Dachziegel für ihre Häuser. Wenn es regnet, saugen sich die Stämme voll Wasser und dehnen sich noch weiter aus, das funktioniert wie fast so wie bei einem Schwamm, erklärt Mike, der gelegentlich Touristen durch diese Gegend führt. Wir folgen einen Pfad, der, so Mike, zu wunderschönen Felsenformationen führen soll. Einige Kilometer wühlen wir uns bis zu einem Fluß durch tiefen roten Sand. Ein altes, von der feuchten Luft schon fast vermodertes Boot aus Holz bringt uns und die Yamaha an das gegenüberliegende Ufer. Hier zweigen plötzlich viele Wege ab, die alle aber irgendwie in die gleiche Richtung führen. Im Schrittempo zuckeln wir durch fast schon wüstenähnliche Gegend voller mannshoher Dornenbüsche. Wir entdecken plötzlich ein Chamäleon, welches unter einem Busch sitzt. Dieses Tier ist uns aber völlig unbekannt. Kein Wunder, 95 Prozent aller Reptilien auf Madagsakar kommen eben nur hier und sonst nirgends auf der Welt vor. Scheppernd manövriert Jean die Ténéré immer wieder über hohe Stufen aus Stein. Plötzlich sehen wir eine Gruppe Lemuren. Wir kauern uns in den weichen Sand und beobachten ehrfurchtsvoll die grauen Halbaffen mit ihren langen Schwänzen und Hundegesichtern. Einige knabbern an Früchten, andere kümmern sich hingebungsvoll um den Nachwuchs, der Rest rennt mit senkrecht aufgestellten Schwänzen geschickt über ein fantasievoll geformtes Felsenmeer und blickt mit funkelnden Augen ohne Scheu zu uns herüber. Einst lebten Lemuren überall auf der Welt, heute gibt es auch sie nur noch in der Abgeschiedenheit Madagaskars. Sie sind so sonderbar und fremd wie viele Lebewesen, die 400 Kilometer entfernt vom afrikanischen Festland von der Evolution zurückgelassen worden sind. Wir fühlen uns wie auf einem anderen Planeten.Der Zustand der Strecke zwischen Morondava bis zu dem im Süden gelegenen Toliara macht uns schwer zu schaffen. Glücklicherweise haben wir unterwegs Mitreisende kennengelernt, die unser Gepäck in ihrem Geländewagen mitnehmen. Schon bei der ersten Flußdurchquerung bleiben wir im knapp einen Meter tiefen Wasser hoffnungslos stecken. Neben uns in den Fluten steht der Jeep - und kommt auch nicht weiter. Eine riesige Planierraupe, die in der Nähe parkt und deren Fahrer wir jetzt um den Mittagsschlaf bringen, zieht beide Fahrzeuge wieder an Land. Gleich darauf stecken wir erneut hoffnungslos in den tiefen Sandpassagen fest. Mit der Hand am Gas schieben wir das Motorrad oft viele hundert Meter weit - bis zum nächsten Flußlauf. Glück im Unglück: Ein Malagasse wartet hier mit einem Floß auf eventuelle Fahrgäste. Erst spät in der Nacht des nächsten Tages erreichen wir total verstaubt und ausgelaugt den Küstenort Toliara. Palmen, die, wie könnte es auf Madagaskar anders sein, eben nur hier wachsen, säumen die langen Sandstrände, an denen einige kleine Fischerdörfer liegen. Hier lebt der Stamm der Vezo, der in langen Einbäumen aus den Stämmen der Baobab in der Lagune südlich von Toliara hauptsächlich Langusten und andere Schalentiere fängt. Auf dem Weg zur Südspitze von Madagaskar entdecken wir auf einmal hölzerne Pfähle, die mit aufwendigen Schnitzereien verziert sind. Es sind die Gräber der Stämme der Antandroy und Mahafaly. Ein häufiges Motiv auf den Pfählen, den Aloalos, ist der traditionelle Zebu-Raub: Der Diebstahl der buckligen Rinder, die ursprünglich nur aus Prestigegründen gezüchtet wurden, galt lange Zeit als Kavaliersdelikt. Heute mühen sich die Viecher auf den Straßen von Madagaskar ganz profan als Zugtiere vor schwer beladenen Karren ab. Nur selten treffen wir in dieser abgeschiedenen Region Menschen, von denen wir mehr über das Leben der Stämme erfahren könnten. Die wenigen, denen wir begegnen, sind freundlich und zuvorkommend, doch sobald wir mehr über ihre Traditionen und ihren Glauben wissen wollen, hüllen sie sich in tiefes Schweigen - wie zum Schutz vor einem Ausverkauf ihrer Natur.Kurz vor Ambovombe beginnt wieder der Asphalt. Ein milder Wind treibt unglaublich schwüle Luft vom nahen indischen Ozean hierher. Je näher wir an die Ostküste kommen, desto feuchter die salzige Briese, die nicht mehr viel von den einst wunderschönen kolonialen Holzhäusern übriggelassen hat. Mächtige, tiefblaue Wellen klatschen an ein stählerndes Gerippe, welches auf einer Sandbank liegt. Da die Piste entlang der Küste wegen starker Regenfälle zur Zeit unpaßierbar ist, wählen wir für den Rückweg nach Tana die Strecke durch das Ivakoany-Massiv bis Ihosy. Die Straße ist extrem wellig und teilweise voller Furchen. Große Steinbrocken und tiefe Schlaglöcher zwingen uns viele Stunden lang zu Schrittempo bis Ihosy.Dort finden wir einen Führer, der uns auf einen Gipfel im Isalo-Gebirge bringen soll. Zu dritt mühen wir uns auf der Ténéré durch das baumlose Hochland. Kalter Wind pfeift uns um die Ohren. Vier Stunden klettern wir über einen schmalen, zum Teil sehr steilen Pfad nach oben. Irgendwann sitzen wir auf einem kleinen Plateau. Unter uns eine endlos scheinende Savanne, das Horombe-Plateau. Dort stehen vereinzelt feuerresistente Palmen auf dem brandgerodeten Land - wie stumme Mahnmale wiegen sie sich in den Böen.Wir reden kaum. Aber wir wissen, daß wir an Madagaskar immer als an das Land voller Wunder denken werden.

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