Mainfranken (Archivversion) Mainstream

Der Main: einen Schlenker nach Süden, einen nach Norden und dann wieder nach Westen. Ewig bummelt der Fluss durch Mainfranken, ohne wirklich Strecke zu machen. Wie ein Biker.

Eiskalt wabert der Frühnebel unters Visier, und die Heizgriffe laufen auf vollen Touren. 1. November, Allerheiligen. Langsam rollt die BMW aus, und ich gönne mir eine kurze Pause auf der Brücke. Unter mir der Main, der in majestätischer Breite von Ost nach West strömt. In Zeil leuten die Kirchtumglocken. Es riecht bereits nach Weihnachtsgebäck und Lebkuchen, als ich über das Kopfsteinpflaster des Zeiler Marktplatzes hoppele. Aus den umliegenden Fachwerkhäusern hasten die Leute im Sonntagsstaat hinüber zur Kirche St. Michael. Dem Main ist solche Eile fremd. Statt den kürzesten Weg von Ost nach West zu nehmen, beschreibt er eine Schleife nach Norden, macht eine Kapriole nach Süden, schlägt einen Haken und gluckert weiter Richtung Westen. Der Main mag zwar nicht der wasserreichste, breiteste, schnellste oder gar längste Fluss Deutschlands sein, aber der entspannteste: Der Weg ist das Ziel. Für Motorradfahrer nicht unbekannt. Und so unternehme ich auch gleich einen Abstecher in die Haßberge, die der Main zwischen Bamberg und Schweinfurt vom Steigerwald trennt. Es geht an Weinreben und Obstbäumen vorbei, dann rückt dichter Mischwald eng an den Fahrbahnrand. Der Frühnebel lichtet sich zusehends, blauer Himmel kommt zum Vorschein, und eine kräftige Herbstsonne brät mich schon bald in meiner Thermokombi. Kurve um Kurve lockt tiefer in den Laubwald, dessen Blätter in kräftigen Gelb- und Rottönen leuchten. Vermutlich die letzte Demonstration herbstlicher Farbenpracht, denn beim nächsten Wind ist mit Sicherheit alles unten. Genau der richtige Zeitpunkt, diese einsamen Waldsträßchen noch mal in vollen Zügen zu genießen. Zwischen sanft gewellten Hügeln, die bis knapp an die 500-Meter-Marke reichen, kurve ich über Pettstadt wieder hinab ans Mainufer. Ein Waldsee fliegt vorbei und ein Gutsgasthof, aus dessen Küchenfenster der verlockende Duft von Festtagsbraten strömt.Bei Hassfurt geht’s über den Main und weiter nach Süden in den Steigerwald, eine Mittelgebirgslandschaft mit knapp 500 Meter hohen Kuppen, die spiegelbildlich an der von Ost nach West verlaufenden Mainachse den Haßbergen gegenüber zu stehen scheint. Es geht durch Falkenstein, am Zabelstein vorbei und dann noch in weitem Bogen über Fabrikschleichach, Untersteinbach und Michelau nach Gerolzhofen. Schmal, übersichtlich, wenig befahren: Waldstraßen, die süchig machen.Bei Castell, gut zwanzig Kilometer weiter südlich, wird eine viel zitierte Gleichung plötzlich augenfällig: »Mainfranken ist Weinfranken«. Weinreben verdrängen die Wälder. Das 500 Einwohner zählende Castell ist zwischen den üppigen Rebhängen kaum auszumachen. Und dieses Nest soll einmal die Hauptstadt eines bis 1806 selbständigen Zwergstaates gewesen sein! Am Barockschloss der Fürsten von Castell vorbei tuckere ich durch die mittelalterlichen Gassen zur recht unscheinbar wirkenden Dorfkirche, werfe einen Blick hinein und werde von der unerwarteten Pracht fast erschlagen: fürstliche Herrschaftslogen, Stuckdecken und ein Alabaster-Altar mit vergoldetem Zierwerk. So winzig der Ort, so reich offenbar das fürstliche Weingut. Castell gehört zu den renommiertesten Frankens.Nach Südwesten hin reiht sich Weingut an Weingut. Um den Überblick zu behalten, fahre ich auf einem winzigen Waldsträßchen zur Aussichtsterrasse des 472 Meter hohen Schwanbergs. Die Sicht ist phänomenal – und sogar der gute Main taucht plötzlich wieder auf, den ich seit geraumer Zeit völlig aus den Augen verloren hatte.Ein letzter Schlenker durch den Steigerwald ist noch drin. Auf dem Weg zum Fluss hinab rolle ich durch die sonnigen Südlagen von »Iphofen«, »Kronsberg« und »Julius-Echter-Berg«, wo die besten Riesling-Trauben Frankens gedeihen sollen. Zumindest lieferte der »Julius-Echter-Berg« den Krönungswein für Elizabeth II. Ist zwar schon etwas her, aber egal. Leider ist die Lese bereits vorbei und wieder Stille in den Hängen eingekehrt. Zeit, auf dem weitverzweigten Wegenetz auf Entdeckungstour zu gehen. Unten im Tal liegt Iphofen, ein Bilderbuchstädtchen mit Stadtmauer, Türmchen, Toren und Fachwerkensembles vom Feinsten.Was man aus der Vogelperspektive nicht erkennen kann, sind die steinalten Gewölbekeller, in denen die erlesensten Tropfen der Region lagern. Als ich wenig später durch die mittelalterlichen Gassen zum eher vegetarisch klingenden Weingut Wirsching brumme, kommen mir Zweifel, ob man mich in diesem Aufzug überhaupt reinlassen wird. Am Eingang prangt dann auch noch eine Hinweistafel auf den erlesenen Kundenkreis: Papst Johannes Paul II, Ex-Bundespräsident Roman Herzog... . Von der prompten Kehrtwende hält mich eigentlich nur die schwarze BMW RS 1100 K ab, die - wie sich später herausstellt - Wirschings Weinbauingenieur Armin gehört. Und dann ist es ganz einfach, Benzingespräche machen den Anfang, eine kleine Gutsführung bildet die Fortsetzung. In jeder Ecke lagern bauchige Weinbuddeln, die so typisch für Franken sind: Bocksbeutel. Kein Mensch wisse, woher der Ausdruck stammt, erläutert Armin. »Manche glauben, die männlichen Insignien des Ziegenbocks hätten Modell gestanden, andere meinen, der Booksbüdel - ein alter hanseatischer Gebetsbuchbeutel - sei Vorbild gewesen.« Wie auch immer, die Flaschenform, die schon die Kelten kannten, ist zum Symbol für fränkischen Wein geworden. Dessen edelste Vertreter lagern im hintersten Winkel des mittelalterlichen Kellergewölbes - in der »Schatzkammer«, bedeckt mit dem Staub der Jahrhunderte. Obwohl Armin einwendet, die ältesten Raritäten stammten allenfalls aus den 30er Jahren. 1945 wäre das Haus von Amerikanern besetzt gewesen, und die hätten einiges weggezecht.Nach der gärigen Kellerluft lasse ich mir den Kopf im Fahrtwind freiwehen und fege nonstop nach Marktbreit, wo sich endlich wieder der Main an die Straße schmiegt. Auch dieser scheint sich dem Bocksbeuteldiktat zu unterwerfen und beschreibt prombt einen bauchigen, flaschenförmigen Kringel in der Landschaft. Hier, an der abgerundeten Spitze des Maindreiecks, reiht sich ein Fachwerkstädtchen an das nächste. Schiefe Wände, Türmchen, Giebel, Balken – so muss es sein.Träge fließt der Fluss an den kleinen Städtchen vorbei. Ochsenfurt - Sommerhausen - Eibelstadt. Gemächlich tuckere ich nach Norden, wechsle immer mal die Uferseite, bis mich erneut die Lust überfällt, wieder am Gasgriff zu drehen und fast vergessene Schräglagengefühle zu erleben. Ich brause auf der N 22 nach Dettelbach und suche dort die schmale Verbindung nach Neuses am Berg. Schlagartig ändert sich Landschaft. Auf der Hochebene hat die Flurbereinigung ganze Arbeit geleistet. Keine Alleen und Solitärbäume mehr – nun übernehmen langweilige Felder das Regiment. Nicht mal Hasen finden hier mehr Deckung, es sei denn hinter einem Wall aufgestapelter Zuckerrüben.Zwischen Köhler und Escherndorf lockert sich der Gasgriff. Es wird wieder beschaulich, von Weiden gesäumte Altwasser, in Talmulden geschmiegte Dörfer und die grafischen Linien der Weinberge breiten sich wieder aus, Kanufahrer tauchen auf, und ein Fischreiher stelzt am Altwasserarm entlang. Bis auf einen Traktor, der durch die Weinreben-Spaliere rattert, herrscht tiefe Stille. Die jäh durch sporadische Böllerschüsse aus den Weinbergen zerrissen wird. Schreckschussanlagen, die die Stare vertreiben sollen, die auf ihren Anteil an den letzten Weintrauben pochen, statt längst auf dem Weg nach Süden zu sein.Auf der Hauptstraße von Escherndorf stoße ich auf ein Hinweisschild zur Mainfähre nach Nordheim. »Nur noch elf Fähren gibt es auf dem Main, darunter gerade mal zwei Seilfähren wie diese«, erklärt Fährmann Erich Maiberger stolz und kurbelt energisch an der Seilwinde. Zusätzlich schmeißt er noch den Dieselmotor an, und wir brummeln rüber zum anderen Ufer. »Bei uns geht’s laufend, aach im Herbst - da sin mer immer voll im Eisatz«. Der pensionierte Schiffsführer betreibt die Mainfähre seit zwölf Jahren als Hobby. Triumphierend blickt er zum nahenden Ufer wie einst Vasco da Gama auf die indische Küste.Über Nordheim gelange ich nach Volkach und von dort hinauf zur Vogelsburg. Unter mir breitet sich die Mainschleife, Nordheim und der Mainkanal aus. Erst aus dieser Vogelperspektive wird ersichtlich, dass durch den Bau des Kanals zwischen Volkach und Gerlachshausen in Verbindung mit der Mainschleife eine Insel entstanden ist. Eine Weininsel, auf deren Boden seit 1100 Jahren die unterschiedlichsten Trauben reifen, und die heute die größte Weinbaugemeinde Frankens ist. Auf den Lagen »Vögelein« und »Kreuzberg« gedeihen Silvaner, Müller-Thurgau, Bacchus, Kerner, Riesling, Rieslaner und Traminer.Wein über Wein. Selbst in Würzburg wachsen die Weinreben bis in den Stadtkern und hangeln sich hinauf zu den Mauern der Festung Marienberg. Begleitet vom Geschrei der Möwen rolle ich zur Alten Mainbrücke, unter der gurgelnd der Fluss dahinrauscht, während oben bereits Weihnachtsstände aufgebaut werden. Rechts und links steinerne Missionare, Bischöfe und die beiden Frankenkönige Karl der Große und sein Vater Pippin. Würden sie die Köpfe ein wenig zur Seite drehen, könnten sie auf die Skyline der City schauen, wo nicht weniger als 39 Kirchtürme in den Himmel ragen.Ich folge dem Main nach Norden. Der Hofgarten von Veithöchstheim, einer der prächtigsten Lustgärten des Rokoko, bleibt rechts liegen - das profanere Vergnügen dominiert – endlich wieder sattes Drehmoment ans Hinterrad bringen. Schade, dass die hübschen roten und gelben Blätter nicht nur die üppigen Mischwälder rundum zieren, sondern auch den Fahrbahnbelag in den Kurven. Aber was soll’s, die Strecke ist eh viel zu schön, um sie ungesehen dem Geschwindigkeitsrausch zu opfern. Karlstadt und Gemünden taucht auf, wo die hoch über der Stadt gelegene Scherenburg bereits zum Spessart gehört.Die dunklen Spessartwälder. Während die Würzburger Fürstbischöfe wie Sonnenkönige durch ihre Lustgärten wandelten, hatten die kleinen Leute im rauen Spessart ernsthafte Schwierigkeiten, ihre Familien zu ernähren und sich der marodierenden Räuberbanden zu erwehren. Das malerische Mainstädtchen Lohr jedoch scheint mit seinem buckligen Kopfsteinpflaster und den geraniengeschmückten Fachwerkhäusern nicht recht in das düstere Spessart-Klischee zu passen. Während ich gemächlich durch die engen Gassen rolle, stoße ich stattdessen auf Spuren von Schneewittchen, das hier als Tochter eines Lohrer Spiegelproduzenten gelebt haben soll, bevor es zu den sieben Zwergen in die Wälder flüchtete. Ein 33 Kilometer langer Schneewittchenwanderweg markiert den vermeintlichen Fluchtweg über die Spessartberge.Hinter Lohr wird der Wald immer dichter, die Straße zusehends schmaler. Meist verläuft die Fahrbahn in sattem, ungestutztem Grün. Dazu passen die romantischen Forsthäuser im Hafenlohr-Tal, die idyllischen Weiler und Waldseen und die geheimnisvollen Hohlwege, die Wanderern vorbehalten sind. Zurück im Maintal, fällt der Blick auf die trutzige Burg Rothenfels. Märchenhaft. Nur von den sieben Zwergen fehlt jede Spur.Bei Marktheidenfeld überquere ich abermals den Main und folge der Uferstraße über Homburg nach Süden. Bevor der Fluss bei Wertheim auf die Mündung der Tauber trifft, windet er sich wie eine Schlange. Eine urzeitliche Schlange, die Haut schuppig vom eisigen Novemberwind geraut. Ich schalte wieder die Heizgriffe ein, kuschle mich in die Thermokombi und rolle zur Autobahn. Unterwegs halte ich an einem Laden und kaufe noch einen Bocksbeutel. Einen mit dem seltenen Roten, der auch auf dem Buntsandstein der Spessarthänge wächst. Kreuzwertheimer Kaffelstein Spätburgunder, Jahrgang 97. So trocken wie teuer. Ob man mit dem denn einen anständigen Glühwein machen könne, frage ich scherzhaft den Verkäufer, der sich einen entsetzten Aufschrei gerade noch verkneifen kann.

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