Marokko (Archivversion) Nordafrikas letzte Lücke

Es ist eng geworden in der Nordsahara. Die Angst vor Terror und Polizeiüberwachung vergrault zunehmend die Reisenden. Marokko scheint zwischen Atlas und Erg Chebbi die letzte Bastion für Wüstenfans zu bieten.

Der Kahn braucht ganz schön lange. Eigentlich sollte die Fähre die Strecke zwischen Sète in Südfrank­reich und Tanger am Nordzipfel Afrikas längst geschafft haben, doch noch ist kein Land in Sicht. »Starker Gegenwind«, argumentiert der Kapitän per Bord­-lautsprecher. Bei einem Bier verrät uns ein Matrose, dass die alterschwachen Motoren statt 19 nur noch 15 Knoten schaffen – Verspätungen sind einkal­kuliert. Egal, bei der Aussicht auf vier Wochen Motorradurlaub spielen ein paar Stunden hin oder her keine Rolle.
Milde Temperaturen empfangen die Ankommenden in Tanger. Auf der grü¼n bewachsenen Küstenstraße geht es gen Südosten, im azurblauen Meer reiht sich eine Bucht an die nächste. Doch die Idylle trügt, denn über fast jeder Bucht befindet sich ein Militär- oder Polizeiposten. Früher galt die Wachsamkeit hauptsächlich Drogenhändlern, heute dagegen Menschenschmugglern, die versuchen, afrikanische Flüchtlinge nach Spanien zu bringen – bevorzugt hier entlang der Straße von Gibraltar, wo an der engsten Stelle gerade mal 14 Kilometer Wasser zwischen Afrika und Europa liegen.
Auch wir bekommen es bald mit der Ordnungsmacht zu tun. Im Hotel in El-Jebha nimmt der örtliche Gendarm nicht nur unsere, sondern auch die Personalien unserer Eltern und Großeltern auf. Zudem will er all unsere Übernachtungsplätze in den nächsten vier Wochen wissen. Erst die schwer mit Zelt, Schlafsäcken und weiterer Camping-Ausrüstung beladene GS überzeugt ihn, dass wir selbst noch nicht wissen, wo wir schlafen werden.
Die Küste bleibt zurück, als Richtung Süden der Anstieg ins Rif-Gebirge beginnt. Blühende Kirschbäume weichen bald Kiefern­wäldern, am Wegrand noch, ver­-einzelte Schneereste. Das Städtchen Ketama lässt sich nur in Schrittgeschwindigkeit passieren, denn dort brodelt ge­rade der Wochenmark. Alle Gewürze Nordafrikas scheinen vereint, Paprika, Ingwer, Kreuzkümmel, Zimt, Rosmarin, Thymian, Koriander, Safran reihen sich in bunten Haufen aneinander. Wobei die Einwohner auch mit ganz anderem handeln: Rund um Ketama wird so viel Hanf angebaut wie sonst nirgends auf der Welt. Die Händler in den Cafés und die Schäfer auf den Weiden rauchen ganz selbstverständlich ihre Shit-Pfeifchen.
Die parkähnliche Landschaft wandelt sich in ein schroffes Hochgebirge, als wir uns hinauf in den Mittleren Atlas schrauben. Der Tizi-bou-Zabel markiert mit seinen 2400 Meter Passhöhe nicht nur die Baum-, sondern auch die Klimagrenze, auf seiner Südseite herrscht trockenes Wüstenklima mit wenig Vegetation. Hinter dem Pass gönnen wir uns in Missour das im Reiseführer gelobte Hotel Baroudi. Nun ja. Die drei Sterne sind wahrscheinlich selbst gemalt, der Laden ist verstaubt und muffig, das Waschbecken hängt schief, und der Garten gleicht einer Müllkippe. Schleunigst machen wir uns am nächsten Morgen auf zum Dünengebiet Erg Chebbi.
Auf dessen Ostseite locken am Dünen­-rand die ersten Pisten. Da es im Herbst stark geregnet hat, gibt sich die Wüste erstaunlich grün mit großen, blühenden Wiesen, gesprenkelt mit Nomadenzelten und Stein­männchen, den alten Weg­weisern der Karawanen. Im Norden des Erg entdecken wir einen Steinbruch mit Fossilienfunden, aus denen wunder­schöne Tischplatten gefertigt werden – eine der wenigen Gelegenheiten, in denen man sich ein Auto wünscht. So reicht es nur für einen Ammoniten als Souvenir.
Auf der folgenden 260 Kilometer langen Etappe zwischen Taouz und Zagora zeigt die Wüste all ihre faszinierenden Spielarten an Offroad-Strecken. Sogenannte Queds, trockene Flussbetten, wollen durchquert und Fech-Fechs mit ihrem tückischen, puderfeinen Tiefsand gemeistert werden. Mal führt die Piste über weite Ebenen, dann zwischen bewachsenen Sanddünen hindurch, schließlich über schwarz glänzende Gebirgszüge. Auch hier herrscht eine für Wüstenverhältnisse üppige Vegetation, wegen des guten Weidelands sind viele Nomaden unterwegs. Höhepunkt der Begegnungen ist eine Sippe mit mindestens 200 Kamelen. Am Ende der Kara­wane marschieren die mit Zelten und Hausstand beladenen Maultiere.
Das Qued bei Hassi Remlia sieht schwierig aus, verspurter Tiefsand und Spurrillen ziehen sich durch das Flussbett. Aber Bange machen gilt nicht. Mit einem beherzten Dreh am Gas schaffen wir es ruck, zuck auf die andere Seite und hol­-pern weiter über steinige Pisten. In regel-mäßigen Abständen tauchen Cafés und Herbergen auf. So abgeschieden die Ge­-gend wirken mag – wirklich allein ist man nie. Da ist meilenweit kein Mensch zu sehen, aber kaum hält man zum Pinkeln an, steht sofort jemand da. Manchmal drängt sich der Gedanke auf, Marokkaner werden nicht auf normalen Weg gezeugt, sondern wachsen wie Pilze aus dem Boden.
Wegen der zahlreichen Verzweigun­gen ist die Orientierung nicht immer ganz einfach, auf dem letzten Stück bis Zagora schüttelt einen das Wellblech ganz schön durch. Dann ist der Asphalt wieder erreicht – jedoch nicht für lange. Hinter Mhamid geht es, vorbei an Palmhainen und Dünen, durch ein breites Wadi erneut hinaus auf eine Piste. Wir queren die Wüstenebene Richtung Lac Iriki, der mit dem eindrucksvollen Gebirgszug des Jbel Bani im Hinter­-grund ein starkes Panorama bietet. Zudem ist der harte Lehmgrund des Sees eine gute Unterlage für die Stollenreifen der GS; wie es nach Regenfällen hier aus­-sieht, mag man sich allerdings lieber nicht vorstellen.
Im Anti-Atlas schlagen wir hinter Tata eine weitere Offroad-Route ein, die bald in eine Schlucht mündet. Der Weg verengt sich beständig, führt über glatte Steinplatten und durch tiefen Kies. Und schlängelt sich durch Palmengärten, umgeben von nahezu senkrechten, kahlen Felsen, deren Gestein farbenfroh schimmert. Am Ende der Schlucht hangelt sich die Strecke in steilen Kurven auf eine fast 2000 Meter hohe Ebene, auf der gerade die Mandelbäume blühen. Die kleinen Dörfer wirken verlassen, offenbar werden sie nur im Sommer bewohnt. Einige Kilometer weiter stürzt sich die Piste in schwindelerregen-den Serpentinen hinab in ein weiteres Wadi. Wir folgen dem kiesigen, palmen­gesäumten Flussbett Richtung Westen, erst 20 Kilometer vor Tafraoute stoßen wir wieder auf die Straße.
Hier im Südwesten Marokkos wachsen Arganien, seltene Bäume, die breiter als hoch sind und deren Kronen einen Durch­-messer von bis zu 14 Metern erreichen. Aus den Samen ihrer Früchte wird das Argan-Öl gewonnen, für dessen feinen Nussgeschmack Europas Feinschmecker 80 Euro und mehr pro Liter bezahlen. Geschmack an den Früchten finden aber auch die Ziegen der Nomaden, die sich in den Baumkronen vergnügen. Angeblich pulen manche Berberinnen die Samen aus dem Ziegenkot heraus, um sie dann weiterzuver­arbeiten.
Bei einem Zwischenstopp in Marrakech feiern wir meinen 50. Geburtstag inmitten von Schlangenbeschwören, Gauklern und Märchenerzählern; Höhepunkt der Party ist ein Musiker mit einem schwarzen Hahn auf dem Kopf. Doch bald zieht es uns aus dem Trubel der Stadt wieder Richtung Hoher Atlas. Zwischen den Pässen Tizi-n-Test und Tizi-n-Tichka existiert eine spektakuläre Piste, die sich durch tiefe Täler und entlang wilder Flüsse immer höher in die Berge windet. Bis die Szenerie hochalpin wird. Vor Âït-Ben­haddou, der größten Kasbah Marokkos, geht es über Absätze mit Geröll steil bergab – mit der schweren BMW kein leichtes Unterfangen, aber dank jahrelanger Offroad-Erfahrung zu bewältigen.
Im Norden des Atlas-Gebirges liegt ein weiterer Höhepunkt, die Todra-Schlucht. An ihrer engsten Stelle misst sie nur zehn Meter, lässt eindrucksvoll ihre roten Fels­-wände bis zu 300 Meter in den Himmel ragen. Hinter dieser Engstelle hat zwar ein Unwetter den Asphalt mitgerissen, doch besondere Schwierigkeiten stellen sich nicht. Anders in der anschließenden Dadès-Schlucht. Die schräg gestaffelten Steinplatten zu Beginn lassen sich noch gut bewältigen. Dann verläuft die Strecke in einem fast trockenen Flussbett, das wir regelmäßig über eine steile Böschung verlassen müssen, weil große Felsen den Weg versperren. Und da passiert es: Auf dem losen Geröll der Böschung rutscht das Hinterrad weg, wir stürzen ein paar Meter ab. Ausgerechnet hier lagern Nomadenfrauen, und sie fangen schon an zu betteln, als wir noch unter dem Motorrad liegen – möglicherweise denken sie, Europäer steigen immer so ab. Zum Glück ist der Sturz glimpflich abgegangen.
Auf 2800 Metern entschädigt schließlich ein grandioser Blick über die schroffen Berge in das grüne Flusstal. Auf dem Weg abwärts in die eigentliche Schlucht wird es stetig wärmer und grüner, die Felsen weichen Äckern und Feldern, am Ufer des Dadès wachsen Pappeln, Feigen-, Walnuss- und Apfelbäume, dann führt der Weg durch wild wuchernde Oasengärten; der Kontrast zwischen karger Wüste und üppig grünenden Oasen begeistert komplett. Nach diesem anstrengenden Tag gönnen wir uns eine Nacht in einer liebevoll restaurierten Kasbah in Bou-Thrarar – mit gutem Essen und wunderschöner Aussicht auf das Tal der Rosen.
Ein letztes Mal heißt es, den Hohen Atlas zu queren, um zu den Wasserfällen von Ouzoud zu gelangen. Es wird kalt und kälter, und irgendwann fängt es an zu schneien. Wir geben Gas, um das Gebirge so schell wie möglich hinter uns zu bringen. Und siehe da, auf der Nord­seite des Atlas schmilzt der Schnee unter strahlender Sonne. Die Wasserfälle stürzen sich in mehreren Etagen über rote Sinterterrassen rund 100 Meter tief in ein fruchtbares Tal. In den Kronen der Feigen- und Olivenbäume toben Affen herum.
Auf Nebenstrecken schlagen wir uns nach Fès durch, in die älteste und schönste der vier Königsstädte Marokkos. Hier lohnt es sich, einen Führer anzu­heuern. Etwa, um eine Koranschule zu besuchen, in der Kinder die Suren auswendig lernen, oder Handwerker zu beobachten, die es bei uns längst nicht mehr gibt – Kesselflicker, Färber, Kupferschmiede, Drechsler, Weber. Im Gerber-Viertel stinkt es zwar erbärmlich, dafür ist die Szenerie absolut farbenfroh. Das fertige Leder wird an Ort und Stelle zu Sitzkissen, Sandalen und Geldbörsen weiterverarbeitet. Am nächsten Tag lassen wir uns im Gewühl der Suks treiben, sitzen auf der Place Nejjarine bei einem Minztee und schauen einfach nur. Würdevolle alte Männer kommen auf ihrem Weg zur Moschee vorbei, Kinder holen Wasser aus einem über 300 Jahre alten Brunnen, Frauen bleiben auf einen Schwatz stehen. Den Tag beschließen wir in einem Restaurant am Bab Boujeloud, einem mit Fayencen verzierten Tor zur Altstadt.
Unsere vier Wochen neigen sich dem Ende zu, wir nähern uns Tanger. Doch vor dem Abschied wird noch mal groß gefeiert: In einer Gaststätte im Hafen begehen wir mit einer grandiosen Fischplatte den 18. Geburtstag unserer BMW.

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