Marokko (Archivversion) Café-Racer

Marokko ist groß, landschaftlich überaus vielseitig und liegt rund 2500 Kilometer von Deutschland entfernt. Bei nur zwei Wochen Urlaub muss man zwangsläufig etwas flotter reisen, soll noch Zeit für Pausen in den Wüsten-Cafés bleiben.

Dreißig Meter vor mir verschwinden Frank und seine Honda in einer roten Staubwolke. Als sie sich lichtet, sehe ich ihn völlig erschöpft neben seiner kleinen Enduro auf der Piste hocken. Sieben Stunden beinharter Geländeritt über Felsen, loses Gestein und Sand haben an unseren Kräften gezehrt. Zum Glück sind es nur ein paar blaue Flecken, denn es wird noch eine Weile dauern bis in die nächste größere Ortschaft und somit bis ins nächste Hotel.Aber wir haben es nicht anders gewollt. Endurofahren bis zum Abwinken – davon hatten wir monatelang geträumt. Zwei Wochen lang abseits jeglicher Teerstraßen durch die Wildnis räubern. »52 Tage bis Timbuktu« steht auf einem Schild in der südmarokkanischen Stadt Zagora, dem Tor zur Sahara, geschrieben. Timbuktu – was für ein Name! Der Inbegriff von Abenteuer, Wüste, geheimnisvollem Orient. Seit mein Kollege Frank mir ein Foto von diesem Schild gezeigt hatte, ließ uns der Gedanke nicht mehr los, dorthin zu fahren. Es musste sein. Auch wenn wir nur zwei Wochen Zeit hatten. Inklusive Hin- und Rückreise.Etliche Abende brüteten wir über Karte und Reiseführer und bastelten an der Tour. In Frage kamen natürlich nur Strecken, die ausschließlich für Allradfahrzeuge ausgewiesen sind. Die Strecke stand. Wir zurrten die Mopeds auf einem geliehenen Pick-up fest, schmissen die nötigsten Klamotten dazu und bretterten nach Südspanien. Alle vier Stunden tanken, Fahrerwechsel, weiter. 30 Stunden insgesamt. Kurz vor Gibraltar stellten wir das Auto bei Freunden ab und setzten noch am gleichen Tag mit der Fähre nach Ceuta über. Völlig erschöpft fielen wir im Hotel in eine Art Koma, aus dem uns erst am nächsten Morgen das ohrenbetäubende Geläut von Kirchenglocken herausriss. Es war Sonntag, und in der streng katholischen spanischen Enklave Ceuta beginnt um acht Uhr die Messe. Nur wenige Tage später wären wir für Kirchenglocken um acht dankbar gewesen. Denn dann holt uns der Ruf des Muezzin aus den Federn – und zwar früh um fünf.Die Zollformalitäten dauerten zwar ihre Zeit, doch viel wollten die Beamten von uns nicht wissen. Mit dem Minigepäck hielten sie uns wohl für Tagesausflügler. Ein Schlafsack, ein Satz Klamotten zum wechseln, Zahnbürste, Kreditkarte, das muss reichen. Für die Strecken, die wir uns vorgenommen haben, wäre jedes zusätzliche Gramm zu viel. 130 Kilogramm bringt jede der beiden XL 350 R samt Gepäck auf die Waage – ein prima Kampfgewicht. Auf den gut ausgebauten Straßen bis Meknés kämen wir auch mit schwereren Kalibern gut zurecht, doch schon als wir uns auf der Suche nach einem Hotel in den engen Gassen des Marktes der Königsstadt verirrten, waren wir froh um unsere Leichtgewichte. Ein Dünenfeld zu durchqueren erschien mir in diesem Moment einfacher, als die Honda ohne Schaden zwischen dem auf dem Boden ausgebreiteten Gemüse und den umherschlurfenden Gestalten in ihren Dschelabbas durchzumanövrieren.Keine drei Tage nach unserer Abreise in Deutschland sind wir in einer völlig anderen Welt. Im Orient. Keine Supermärkte, keine Blechlawinen auf den Straßen, der Wasserhahn im Hotel lässt sich weder auf- noch zudrehen. Wir tanken in Tounfite, dem einzigen größeren Ort vor der unbefestigten Piste nach Imilchil, und geben Gas. Wenige Kilometer später lernen wir die Qualitäten der kleinen Enduros richtig zu schätzen. Die Piste, anfänglich noch einem viel befahrenen Feldweg vergleichbar, verliert sich urplötzlich in einem Flussbett. Das Frühjahrs-Hochwasser hat sämtliche erkennbaren Wege im Tal einfach weggespült, und so kämpfen wir uns über kopfgroße Wackersteine durch das Bachbett bergauf. An Sitzen ist nicht mehr zu denken. Anfangs sind ie knietiefen Wasserdurchfahrten noch ganz lustig. Bei der zwanzigsten höre ich auf zu zählen, danach ist es nur noch lästig.Alle paar Kilometer umringt uns eine kleine Gruppe neugieriger Kinder. Sie bieten an, uns an besonders schwierigen Stellen den richtigen Weg zu zeigen – nicht ohne uns mit ihrem »Dirham, Dirham« auf die Gegenleistung für ihre Dienste aufmerksam zu machen. Wir verzichten auf das Angebot und verlassen uns weiterhin auf das GPS-Gerät, das wir jeden Morgen mit den Geodaten aus dem Reiseführer füttern.Das steinige Flussbett ist inzwischen einem schlammigen Pfad gewichen – der erste und letzte auf dieser Tour. Den Hauptkamm des Atlas-Gebirges überquert, erwartet uns nur noch endlose Dürre. Die bizarren Felsformationen in den Tiefen der Todra-Schlucht, die tausend Facetten von Rot und Gelb beim Sonnenuntergang in den Plateau-Bergen rund um den 2200 Meter hohen Tazazert-Pass und das erfrischende Grün der Oasen im Dades-Tal entschädigen jedoch mehr als genug für den Staub, der sich, vermischt mit Schweiß, in meinem Gesicht zu einer fast schon betonartigen Masse verkrustet. Und für die fünf Kilo Extragewicht, die ich in Form von Trinkwasser vorsichtshalber im Rucksack gebunkert habe.Doch auch ohne diese Reserven müssten wir nicht verdursten. Die Etappen sind zwar sehr stramm gewählt, aber für eine Tee-Pause in einem der typisch marokkanischen Straßencafes, die es auch im kleinsten Dorf noch gibt, bleibt immer Zeit. Und auch für unvorhergesehene Einladungen. In einem steinigen Tal im Jebel Rhart, westlich von Zagora, steht plötzlich ein Schafhirte mitten auf dem Weg und winkt uns. Nach kurzem hallo, woher und wohin bietet er uns einen Skarabäus, einen versteinerten Käfer, an. Um die Verkaufsverhandlungen in geeigneter Atmosphäre zu führen, bittet uns der Nomade zum Tee in sein Lager. Im Schatten einer aufgeschichteten Steinwand bereitet Atnan, wie sich uns der Hirte vorgestellt hat, in einer aufwendigen Zeremonie das typische nordafrikanische Getränk zu. Er gießt aus einem halben Meter Höhe ein wenig in ein Glas, betrachtet die Farbe, probiert und schüttet das Ganze wieder zurück in die Kanne. Drei-, viermal wiederholt er diesen Vorgang, bevor das Gebräu seinen Vorstellungen entspricht. Nebenbei erzählt er uns von seinem Bruder, der in Frankreich lebt, erregt sich über die Unruhen in Algerien und holt schließlich seinen kleinen Schatz hervor: ein batteriebetriebens Radio, aus dem in diesem Moment schnarrend die Aktienkurse aus Paris zu vernehmen sind. Wir sitzen, trinken und reden eine ganze Weile und verlassen schließlich seinen Lagerplatz, allerdings erst, nachdem zwei Käfer und umgerechnet vier Mark den Besitzer gewechselt haben.Zagora. Die Stadt im südlichen Drâa-Tal ist Ausgangspunkt für Fahrten in die Sandwüste, die sich ab hier über tausende Quadratkilometer nach Süden, Osten und Westen erstreckt. Wir sind quasi an unserem Ziel, entdecken das Hinweisschild nach Timbuktu. Und es hat bis jetzt nicht zu viel an Abenteuer, Wüste und geheimnisvollem Orient versprochen. Unser Weg führt weiter in Richtung Iriki-See, einem meist ausgetrockeneten Salzsee nahe der algerischen Grenze. Nach den Tagen auf steinigen, knochenschüttelnden Pisten wirkt der Sand ungewohnt weich und seltsam zäh. Zum Glück verfestigt sich die Piste hinter Mhamid bald wieder, und wir rauschen auf dem topfebenen Untergrund nur so dahin, kilometerlange Staubfahnen hinter uns herziehend. Ab und zu begegnen wir Kamelen, einmal einem Nomaden zu Fuß, doch ansonsten präsentiert sich die Wüste wahrlich als Einöde.In den Sandbergen des Erg Mhazil ist die Reise beinahe zu Ende. Genau hinter jener Stelle, die ich für die Überquerung einer Düne gewählt habe, ragt einer der wenigen, dafür aber umso größeren Grasbüschel aus dem Sand. Aus gut zwei Meter Höhe lande ich nicht wie geplant weich auf dem Hinterrad, sondern bleibe mit dem Vorderrad in dem Busch hängen. Während der Lenker unter meinem Gewicht nachgibt, lande ich Kopf voraus im Sand. Die Prellungen tun zwar weh, aber viel wichtiger ist: Läuft die Maschine noch? Abwechselnd versuchen Frank und ich unser Glück mit dem Kickstarter. Kein Mucks. Erst eine Viertelstunde und drei Liter Schweiß später tuckert der Eintopf wieder. In der Nähe campierende Teilnehmer einer Reisegruppe helfen mir, den Lenker wieder in Form zu bringen. Dann geht’s weiter. Ein Pausentag ist in unserem Zeitplan nicht vorgesehen.Auf dem Rückweg nach Zagora kommen wir an Mel’Alg vorbei, einer wunderschönen Oase. Vor einem Zelt treffen wir Rasul, der uns kurzerhand Abdul und Ismail nennt und uns einlädt, in seinem Camp, dass eigentlich für Reisegruppen bereitsteht, zu übernachten. Wenig später zaubert er aus spärlichen Zutaten ein köstliches Abendessen, und bei Einbruch der Dunkelheit stimmt er zu den Rhythmen eines Plastikkanisters traditionelle Lieder der Tuareg an. Kaum zu fassen, dass das regnerische Deutschland gerade mal acht Tage hinter uns liegt. Und wir in nur sechs Tagen wieder hinterm Schreibtisch sitzen werden.Morgen schon beginnt die elendig lange Rückfahrt via Marrakech und Casablanca zurück nach Ceuta. Und dann mit der Fähre über Meer und über die Bahn zurück nach Deutschland. Aber wir hatten es ja so gewollt. Zwei Wochen Marokko heißt eben Fahren bis zum Abwinken. Heißt aber auch, mit glänzenden Augen zu Hause ankommen.

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