Marokko (Archivversion) So nah - so fremd

Eine Enduro-Tour durch das herbe Atlas-Gebirge entführt in die zauberhafte und fremdartige Welt des Orient - wobei gerade einmal 13 Kilometer Marokko von der Iberischen Halbinsel trennen, Afrika von Europa trennen.

Langsam verschwindet der Felsen von Gibraltar langsam im Dunst der windgepeitschten Meerenge. Ein letzter Blick auf Europa vor Beginn einer Reise in eine ganz andere Welt. In wenigen Minuten werden Gerold und ich im Orient von Bord der Fähre gehen, werden eintauchen in eines der Landschaftlich vielfältigsten Länder Nordafrikas.Dann kommt es Schlag auf Schlag. In der Hafenstadt Ceuta - die letzte spanische Bastion auf marokkanischem Boden - werden wir mit den Ausuferungen einer hemmungslosen Bürokratie konfrontiert. Es dauert lange und kostet viele Nerven, bis die Enduros endlich durch den Zoll geschleust haben. Und während der gesamten Prozedur sind wir unablässig umringt von den Heerscharen halboffizieler oder selbsternannter Helfer, die sich zwar als Komunikations-Genies für alle europäischen Sprachen entpuppen, für ihre lautangepriesenen Dienste aber auch saftige Löhne fordern.Schnell verlassen wir das hektische Ceuta und fahren zügig durch das Riff-Gebirge in Richtung Süden bis nach Chefchaouén, wo wir uns zu einem Besuch der Medina, der Altstadt des Ortes, aufmachen. Für mich Orient-Neuling wird dieser Abendspaziergang zum Schwellenerlebnis. Die Gassen, so verwinkelt wie ein heimtückischer Irrgarten, sind gefüllt mit einem nicht abreißenden Strom von Menschen. Die eng zusammengerückten Hauswände reflektieren die Schritte unzähliger Füße, das Rufen der Händler, die orientalischen Musikklänge. Wir werden von der Menge mitgerissen, hin und her geschoben im Zickzack der Gassen wie in einem Spiegelkabinett. Da sind kleine Torbögen, die in dunkle Seitengassen führen. Da sind offene Türen, die einen kurzen Blick in dunkle Hausgänge und Hinterhöfe freigeben. Da sind alle Arten von Geschäften in winzigen Nischen der Hauswände, vom Boden bis zur Decke mit Waren vollgepfropft. Und über allem liegt eine unnachahmliche Duftmischung aus Gosse und Gewürzen. Aber es sind die Menschen, die mich am meisten faszinieren. Männer mit Kapuzen in bodenlangen, gestreiften Kaftanen bewegen sich wie Geister in Schlafröcken durch die abendlichen Gassen. Manche gehen händchenhaltend wie Liebespaare, andere begrüßen sich mit innigen Küssen. Die Frauen berühren zum Gruß ihre Hände und führen sie dann zum Mund. Gekleidet in orange, grüne oder lila Tüchern, manche von ihnen tief verschleiert. Tausend-und-eine-Nacht offenbart sich in einer Vielfältigkeit, daß wir aus dem Staunen gar nicht mehr herauskommen.»Ihr werdet keine Ruhe finden«, sagt Hassan grinsend. Er hat leider recht. Wir sind 130 Kilometer südlich nach Fes gefahren und erleben orientalischen Touristenalltag im zweiten Aufguß. Die erste Begeisterung über die alte Königsstadt, die heute noch wie eine mittelalterliche Festung aussieht, ist schnell der Ernüchterung gewichen. Wir sind ein gefundenes Fressen für die unzähligen Führer, ohne die ein Spaziergang durch die Altstadt nicht mehr möglich zu sein scheint, wenn man nicht gänzlich den hartnäckigen Geschäftsmethoden der vielen Anbieter ausgeliefert sein möchte. »Was ist schon Geld«, erwidert Hassan bei der Frage nach dem Preis für seinen Dienst. Es ginge ihm nur darum, uns, seinen deutschen Freunden, seine Heimat zu zeigen. Und wieder offenbart sich eine orientalische Medina mit allen ihren Verheißungen, ihren Klängen und Gerüchen. Wir besuchen die Gerber und Färber, die im unerträglichen Verwesungsgeruch ihrer Arbeit nachgehen. Wir sehen den Kesselflickern und Messingschmieden bei ihrer Arbeit zu, beobachten angewidert den Metzger, wie er von Fliegen umschwärmt zwischen abgehängten Fleischstücken mit einer Knochensäge einen Rinderschenkel bearbeitet. Hassan erzählt uns von der Geschichte der Stadt, ihren Gebräuchen und dem Leben ihrer Bürger. Daß es bei unserem Auseinandergehen dann dennoch zu einer größeren Meinungsverschiedenheit über den Wert seiner Führung kommt, scheint uns weit mehr zu stören als ihn. Feilschen und Schauspielern ist Alltag für den Orientalen.Schnitt. Am nächsten Abend bin ich weitere 24 Stunden Orient-Erfahrung und 210 Kilometer Fahrt reicher. Wir sind dem Hohen Atlas nun schon verdammt nahe, sehen seine den Horizont bestimmende Gebirgslinie als Wegweiser vor uns. Durch die Kiefern- und Zedernwälder des Mittleren Atlas haben wir uns emporgeschraubt auf karge Hochebenen, auf denen Straße mitunter kerzengerade bis zum Horizont läuft.Auf der Nordseite des Gebirges fallen noch soviel Niederschläge, daß in den Tälern Ackerbau möglich ist. Die Staatsstraße 21 von Azrou nach Ar-Rachidia ist ein perfekter Nord-Süd-Schnitt durch den Atlas. Am Col du Zad haben wir mit über 2000 Metern den höchsten Paß des Mittleren Atlas passiert. Ab jetzt wird das Land immer trockener und einsamer. Die Wüste übernimmt das Regiment im Hohen Atlas und im südlichen Marokko. Wir folgen dem Tal des Zis, der sein blaugrünes Wasser aus dem Gebirge bis weit in den Süden schickt, fast bis an die Grenze zu Algerien, wo die heiße Sonne es aufzehrt und nur noch einige Salzlachen zurückläßt.Als perfekte Ironie des Lebens präsentiert sich das Wetter tags darauf genau entgegengesetzt zu den normalerweise herrschenden Klimabedingungen. Während wir am feuchten Nordrand des Gebirges in der Sonne badeten, ziehen jetzt im Süden über der Wüste dicke Wolken auf. Nach kurzer Zeit beginnt es derart zu schütten, daß mir das Wasser in die Stiefel läuft. So hatte ich mir die Wüste nicht vorgestellt. Inch« Allah: Allahs Wille geschehe. Wir fahren am Südrand des Hohen Atlas in Richtung Westen bis nach Kelaa, ohne in den dicken Regenwolken etwas von den bis zu 4000 Meter hohen Gipfeln zu sehen.Endlich wieder Sonne. Am Südrand des Hohen Atlas verläuft die »Straße der Kasbahs«, jener mehrstöckigen Wohnburgen aus gestampften Lehm, deren Architektur seit Jahrhunderten unverändert blieb, wo die Lehmhäuser sehr kurzlebige Gebilde sind. Jedes Mal, wenn es regnet, löst das Wasser etwas von dem Gebäude auf. Die älteren, unbewohnten Kasbahs sehen aus wie braune Eisplastiken, die in der Wüste dahinschmelzen. Doch die meisten Kasbahs sind gut in Schuß gehalten und heute der Wohnsitz wie schon vor Jahrhunderten ganzer Familienverbände.Westlich von Ouarzazate ist es dann an der Zeit, die Stollenreifen endlich auf das Terrain zu bringen, wofür sie eigentlich geschaffen sind. Eine »Piste der Kasbahs« führt nach Norden ins Gebirge durch wilde Landschaft zu Füßen der über 3000 Meter hohen Berge. Gleich zu Beginn der Tour geht es durch die Kasbah und Berbersiedlung Äit-Benhaddou. Das verschachtelte Labyrinth der Lehmtürme ist im 12. Jahrhundert entstanden und scheint sich seit damals nicht verändert zu haben. Spontan ernenne ich das der Szenerie gegenüberliegende kleine Panorama-Restaurant zum schönsten Frühstücksplatz Marokkos und genieße aus vollen Zügen die morgendliche Ruhe und die traumhaft schönen Farben kurz nach Sonnenaufgang. Zwei Störche kreisen über uns am Himmel und landen schließlich unten am Fluß, wo gerade Frauen Wasser holen. Dahinter ragen die bis zu acht Stockwerke hohen Türme der Kasbahs in den Himmel - wie ein Manhattan in der Wüste, gebaut nur aus Lehm, der mit Stroh durchmischt ist. Eine ganze Stadt im erdfarbenen Tarn-Look, Bauwerke wie vor vielen Generationen, von der Zeit scheinbar vergessen. Keine Telefondrähte, keine Straße, keine Maschinengeräusche. Die Illusion, einen Blick in das Leben vor Hunderten von Jahren tun zu dürfen.»Stylo, stylo«, schallt es uns aus vielen Kehlen entgegen. Die »Piste der Kasbahs« entpuppt sich im weiteren Verlauf als Spießrutentour durch am Weg wartender und bettelnder Kinder, die uns winken. Stylo - Kugelschreiber ist das Zauberwort für sie. Ein Pfennigartikel für uns - ein vermeintliches Statussymbol aus der reichen Welt der Touristen für sie. Wir halten nicht an, fühlen uns unwohl dabei, wie Majestäten auf unseren Maschinen vorbeizureiten. Aber wir winken allen zurück, den Kleinen wie den Großen, bis uns die linke Hand weh tut. Wir nicken den Alten in den Dörfern respektvoll zu und halten an, um die Maultierkarawanen auf unserem Weg ruhig passieren zu lassen. Wenigstens ein kleines Tröpfchen Öl an der Reibungsfläche zweier so verschiedener Welten. Man sagt von den marokkanischen Kindern, daß sie Touristen Steine nachwerfen, wenn sie nichts geschenkt bekommen. Uns ist es nie passiert. Immer hat man staunend unsere BMW bewundert, fast immer hat man uns zugelacht und gewunken. Wo es nicht der Fall war, haben wir den Kindern zuerst gewunken. Einmal ließ ein Junge einen Stein aus seiner Hand fallen, um uns zurückwinken zu können.100 Kilometer östlich der Kasbah-Piste wollen wir nicht auf einer bequemem Teerstraße wie im Tal des Ziz, sondern auf einer staubigen Piste über einen 2700 Meter hohen Paß quer durch das Gebirge zurück nach Norden zurückfahren. »So kommt ihr nie nach Imilchil«, erklärt uns der alte Mann hinter dem Lenkrad des Bedford-Trucks in fließendem Französisch. Sein zerfurchtes Gesicht spiegelt etwas von den unzähligen Kilometern wieder, die er mit seinem Gefährt in diesen Bergen schon unterwegs war. Auf der Ladefläche liegen große Säcke mit Hirse, und obenauf sitzt eine Schar Passagiere, die neugierig auf uns runter blicken. Imilchil ist seit Stunden unser einziger Gedanke, seit der Tag langsam zur Neige geht und noch immer viele Kilometer Piste vor uns liegen. Das kleine Nest auf dem Scheitelpunkt des Hohen Atlas hatten wir uns als Übernachtungsort ausgewählt. Aber jetzt haben wir uns erstmal tüchtig verfahren, haben ein Seitental des Dades-Flusses erwischt, anstatt über einen Höhenzug zu dem tief eingeschnittenen Haupt-Canyon zu fahren.Die Schlucht des Dades ist eine Landschaft wie aus dem Bilderbuch, gleichsam Marokkos Grand Canyon. Noch einige Kilometer zuvor waren die engen Felswände weit über hundert Meter fast senkrecht emporgewachsen. In einer Serie endloser Serpentinen mußten wir uns aus der hohlen Gasse emporschrauben. Dann weitete sich die Landschaft, gab den Blick frei auf die Sandsteinbastionen, die wie das steinerne Skelett der Erde in den Himmel ragten. Er muß mit allen Wassern gewaschen sein, dieser Canyon. Denn das kleine Rinnsal, das wir heute darin sehen, kann nicht eine derartige Landschaft präpariert haben. Da muß es jahrtausendelang gewaltige Wassermassen gegeben haben, deren Sturzfluten über das Gestein herfielen und es zernagten. Man kann in der Wüste verdursten - oder ertrinken, sagt ein altes Beduinensprichwort.Doch Imilchil will nicht auftauchen. Wir verlassen das Tal des Dades, das sich als grüne Oase durch eine völlig vegetationslose Gebirgslandschaft zieht, und folgen der Piste durch karge Hochebenen mit vereinzelten Steinhäusern und einigen streunenden Schafen. Die Menschen hier sind bettelarm, leben am Existenzminimum. Es gibt kaum Holz, um Essen zu kochen, geschweige denn, um in den kalten Wintern die Häuser ausreichend zu heizen. In der Dunkelheit erreichen wir schließlich Imilchil, nur um herauszufinden, daß die Herbergen entweder geschlossen sind oder kein Zimmer mehr frei haben. Also weiter in der Finsternis bis zum Lac de Tislit, wo wir tatsächlich in dieser trockenen, vegetationslosen Gebirgsöde einen verträumten Bergsee finden, an dessen Ufer eine Herberge liegt. Das Couscous, das uns der Wirt kocht, entschädigt uns für unsere Mühen.Der nächste Morgen beginnt mit kanadischem Ambiente in Marokko. Im See spiegelt sich die aufgehende Sonne, kein Laut ist zu hören, und das ungestörte Gefühl von Weite und Alleinesein wird spürbar. Nach dem Überschreiten der Paßhöhe ändert der Hohe Atlas nun mit jedem Kilometer sein Gesicht. Die schroffen Felsformationen sind auf einmal grasbedeckt, Kiefernwälder säumen die Piste. Von der Wüstenseite des Gebirges sind wir wieder zurück auf der mediterranen Seite. Die Olivenhaine, Ziegenherden und grünen Terrassen an der Strecke, das könnte auch irgendwo in Griechenland sein. In einem Land mit zwei völlig verschiedenen Klimazonen und einem Hochgebirge dazwischen braucht man Kontraste nicht lange zu suchen.

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