Mazedonien (Archivversion) Die Vergessenen

Eingezwängt zwischen Griechenland, Albanien, Serbien und Bulgarien liegt Mazedonien, der südlichste Teil Ex-Jugoslawiens. Das gebirgige Abseits fernab der quirligen Küstenregionen macht das Leben für die Bewohner schwierig. Für Motorradtouristen ist es perfekt.

Dóbar Den – guten Tag. Der freundliche Gruß rutscht einer alten, wie ange-
wurzelt vor mir stehen bleibenden Frau unversehens über die Lippen. Ein Junge rennt herbei, starrt mit offenem Mund
auf das Motorrad, und auf der Baustelle weiter oben drehen die Arbeiter die Köpfe.
Für einen Augenblick scheint der ganze Ort die Luft anzuhalten. Hier am Ende
der Straße zum Pelister Nationalpark, im äußersten Südosten Mazedoniens und knapp vor der griechischen Grenze, kommt offenbar selten ein Fremder vorbei. Außer ein paar Steinhütten, Schafen und meckernden Ziegen gibt es auch nichts zu sehen. Die Schönheiten des Nationalparks können wohl nur auf Schusters
Rappen erkundet werden. Ich lasse ein freundliches Lächeln in der Runde zurück und
fahre weiter zum Prespasee. Grau wie flüssiges Blei liegt Mazedoniens zweitgrößtes Gewässer in die Berge gebettet. Und mit 853 Metern so hoch, dass er unterirdisch
zum westlich benachbarten Ohridsee abfließen kann. Überirdisch bietet sich dagegen das Verbindungssträßchen zwischen den beiden Seen dar. Es lässt die Africa Twin
durch ein Kurvengewimmel zur Passhöhe des über 1500 Meter hohen Galicica-Gebirgszuges fliegen, bevor es auf der Westseite ebenso dramatisch wieder abwärts geht.
Wie in einer Urwelt wird der Ohridsee von den benachbarten Bergen Albaniens eingeschlossen – und von der Polizei bewacht. So scheint es zumindest. Alle paar Kilometer
steht ein Ordnungshüter am Straßenrand.
Als ich meine Kamera rauskrame, stoppt prompt ein Streifenwagen neben mir. Dem Blick des Polizisten nach zu urteilen, will er kein Bier mit mir trinken. Er merkt, dass ich Ausländer bin und guckt noch ernster. Meinen Personalausweis hält er für den Führerschein, und der Reisepass macht ihn erst recht stutzig. Wie ich denn nach Mazedonien gekommen sei? Na über Italien und Griechenland. Und wo dann die Stempel seien?
Im Pass wäre nur der mazedonische drin! Ähm, Stempel? Ich versuche zu erklären,
dass Reisen im restlichen Europa inzwischen mit dem vermeintlichen Führerschein und komplett stempelfrei möglich sei. Keine Ahnung, ob er mir glaubt. Jedenfalls weist er mich darauf hin, dass ich weiterfahren und erst morgen wieder fotografieren solle.
Im nächsten Ort erfahre ich endlich den Grund für das hohe Polizeiaufgebot: Im nahen Städtchen Ohrid habe das Sommerfestival begonnen, und heute Abend sänge kein Geringerer als José Carreras. Sogar der Präsident von Albanien sei unter den Gästen und käme demnächst hier vorbei.
Ohrid – von der UNESCO geschützt – bildet das einzig nennenswerte
Touristengebiet Mazedoniens. Auf einem Hügel inmitten der Stadt sitzen
alte Burgmauern kronenartig auf der
Kuppe, während darunter in der Altstadt die Gegensätze brodeln. Hier stößt Islam auf orthodoxe Christen und Arm auf Reich. Bettelnde Frauen hocken mit ihren Kleinkindern auf dem Boden, während nebenan selbstbewusste junge Damen ins Handy plaudern. Nicht weniger krass sind die Kontraste der Bausubstanz. Zwischen möchtegernmodernen Ladenfassaden bröckeln uralte Mauern aus osmanischer Zeit. So manches Gebäude scheint nur noch auf den nächsten kräftigen Windstoß zu warten, der es umwirft. Aus der offenen Tür eines dieser alten Häuser dringt lautes Hämmern und Schlagen. Drin treibt ein Handwerker mit dem Hammer einen mittelalterlich anmutenden Wasserkessel aus einer Kupfertafel heraus. Vier Stück schaffe er am Tag, erzählt er. Doch das Geschäft ginge immer schlechter, seit jedes Haus Wasserleitungen besitze. Die Kannen dienten einst dazu, Wasser von den Brunnen zu holen.
Ich verlasse Ohrid in nördlicher Richtung, fahre an den Ufern des Sees bis Struga, um dann entlang der albanischen Grenze den mazedonischen Westen zu erkunden. Die Gegend soll eine der schönsten des Landes sein. Tatsächlich verschwindet die Straße bald zwischen dichten, knallgrünen Büschen, die die Hänge überziehen, und schmiegt sich wie eine Schlange an die Windungen des Flusses Crni Drim. Mit jeder Kurve
genieße ich die Einsamkeit mehr. Bis dunkle Wolken über das Bergmassiv drängen und drögen Bindfadenregen mitbringen. Innerhalb weniger Minuten verschwindet alles in einer weißen Suppe. Schemenhaft erheben sich spitze Minarette aus entlegenen Bergdörfern. Debar, der größte Ort auf dem schmalen Streifen zwischen Drim und albanischer Grenze, erscheint in den Regenschleiern wie eine Geisterstadt. Dort angelangt, steckt die Hauptstraße voll kleiner Läden, deren Warenstände kaum mehr Platz für Fußgänger lassen. Schmutz, Plastiktüten und leere Flaschen säumen den Straßenrand und beginnen im
Regenwasser davonzutreiben.
Die Männer tragen die klassischen Mützen der Moslems, die Frauen zwingt der Islam in Kopftuch und Mantel. In den Läden scheint es alles Lebensnotwendige zu geben – nur Unterkunft finde ich keine. Es dämmert bereits, und meine Stimmung sinkt allmählich gen Nullpunkt. Ich probiere, einem Passanten zu erklären, was ich suche. Bald umringt mich eine freundliche, aber komplett verständnislose Menschenmenge. Bis sich ein
junger Mann durchdrängt und mich in prächtigem Süddeutsch begrüßt. Er habe mein
Nummernschild gesehen und zwölf Jahre ganz in der Nähe meines Heimatorts gearbeitet, erklärt er strahlend und weiß sofort, wo ich ein Bett finde. Außerdem empfielt er mir
noch die Thermalquellen im nahe gelegenen Baniste, direkt an der albanischen Grenze.
Am nächsten Morgen mache ich mich
auf den Weg dorthin und bereits auf der Anfahrt sickert schwefelig-dampfendes Wasser am Straßenrand entlang. Kurz vor Ende der Straße, jenseits des kleinen Dorfs, soll die Quelle liegen. Tatsächlich sprudelt unter einem Betonschacht 38 Grad warmes Wasser aus dem Boden, aufgeheizt vom vulkanischen Untergrund.
Von dort geht es hoch über dem
Debarskosee hinüber Richtung Mavrovo-Nationalpark und weiter durch das schluchtartige Tal der Radjca zum Kloster des Sv. Jovan Bigorski, eines der schöns-
ten und ältesten Klöster Mazedoniens.
Der erste Bau stamme aus dem 11. Jahrhundert, erzählt mir Alexander, ein junger Kerl, der im Klosterladen Ikonen verkauft. Er ist es auch, der mich überredet, ihn
zur Messe in die Klosterkirche zu begleiten. Anfangs nur aus Höflichkeit dabei,
bin ich bald darauf zutiefst beeindruckt. Die gesamte Messe wird von choralen, byzantinischen Gesängen einiger Mönche begleitet, deren Stimmen Konzertniveau
bieten. Weihrauchduft und meditativer Gesang entführen mich in eine andere Welt.
Nicht minder eindrucksvoll gestaltet sich die anschließende Fahrt zum Mavrovosee. Die viele Kilometer in extremen Kurven zwischen steil aufragenden Felswänden ver-
laufenden Straße zieht mich völlig in ihren Bann. Am See angekommen, führt sie über die Staumauer in den Nationalpark, pendelt kurz am Wasser entlang, verschwindet dann im Berg. Im weiteren Verlauf übersteigt sie nach einigen wenigen Kilometern die Baumgrenze, und es wird weitläufig und still. Sechzehn Kilometer später endet der Asphalt vor dem Bergdorf Galicnik. Das nur aus verstreut stehenden Häusern bestehende Dorf ist fast während es gesamten Jahres unbewohnt. Einzig im Sommer wird es mit der traditionellen Hochzeit von Galicnik lebendig.
Als ich vor der Kirche ausrolle, ist das Fest in vollem Gange. Die komplette Einwohnerschaft hat die traditionelle Landestracht aus der Kiste gekramt, und Musikanten
trommeln und flöten in einer Lautstärke, dass die Ohren wackeln. Unter entsprechendem Getöse und mit hochprozentigen Umtrünken holen die Musikanten den Bräutigam ab, bringen ihn auf den Kirchplatz, wo er öffentlich eingeseift und rasiert wird. Dann geht es lärmend zum Elternhaus der Braut weiter, die unter Begleitung der versammelten Verwandtschaft und von einem langen, weißen Schleier verborgen auf einem Pferd zur Kirche reiten darf. Voraus trabt ein Maulesel, der in zwei Kisten ihre Aussteuer trägt. Die anschließende orthodoxe Trauungszeremonie in der alten Kirche leidet etwas unter dem Medienspektakel von Fotografen, Kameraleuten und Touristen. Ich komme mir vor wie in einem Theaterstück, das nicht ganz nach Plan läuft. Aber es handelt sich tatsächlich um eine echte Hochzeit. Die beiden haben sich soeben das Jawort gegeben.
Noch einmal genieße ich die karge Landschaft des Nationalparks und die
wilde Strecke hinunter zum Mavrovosee. Dann geht es in den Nordosten, nach Gostivar und Tetovo. In Tetovo zweige ich erneut in Richtung albanische Grenze ab. Während ich den quirligen Ort durchquere, fällt mir der beunruhigende Hinweis auf der Internetseite ein, die ich kurz vor der Abfahrt angeklickt hatte: »Im nordwestlichen Krisengebiet kommt es insbe-
sondere im Raum Tetovo zu vereinzelten Raubüberfällen und Entführungen.« Vermutlich wäre es besser, die Region möglichst schnell hinter sich zu lassen, doch ausgerechnet hier liegen die höchsten Berge Mazedoniens. Und die müssen einfach sein. Schließlich bin ich bereits auf
einer dieser Straßen unterwegs, die ohne Weiteres mit einem Alpenpass konkurrieren könnte. Bis auf 1700 Meter schwingt sie sich hoch, um im beliebtesten Skigebiet des Landes zu enden, der Popova Šapka. Jetzt, im Sommer, ist hier tote Hose und bis auf einen Militärposten niemand zu sehen. Der mustert mich kurz aus den Augenwinkeln, scheint jedoch desinteressiert.
Ich versuche, einen Weg weiter nach oben zu finden. Ein paar Sackgassen zwingen zur Umkehr, dann stoße ich auf eine grob geschotterte Piste, die im Zickzackkurs die Nordflanke des 2562 Meter hohen Berges emporklettert. Auf der Schattenseite des Hangs ist es allerdings sehr feucht, und die Strecke wird zusehends lehmiger. Immer wieder rutscht die Honda seitlich in Wasserlöcher ab. Ohne Stollenreifen, aber dafür mit ordentlich Gepäck eine schweißtreibende Angelegenheit. Zudem scheint es nicht der
gesuchte Weg Richtung Gipfel zu sein, sondern nur ein Stich zu einem einsamen Ziegenstall, der sich unterhalb abzeichnet. Da ich nicht riskieren will, auf dem schmierigen
Boden zu havarieren, drehe ich um, rüttle zurück und genieße noch einmal die 22 Kilometer Kurven hinunter nach Tetovo.
Von oben betrachtet ist Tetovo ein planloses Häusermeer, aus dem die Minarette
wie Raketen emporragen. Eines davon gehört zur Sarena Dzamija, der Bunten Moschee. Nach mehrmaligem Fragen und Stauen durch den chaotischen Verkehr stehe ich vor ihr. Schon die Außenmauern des über 500 Jahre alten Gebäudes sind
ungewöhnlich aufwendig verziert. Das Innere ist ein einziges Kunstwerk, kein Quadratzentimeter ohne Verzierung.
Ein Abstecher zum alten Basar in der Hauptstadt Skopje und dem engen Matko-Canyon muss noch sein, dann
fahre ich zurück nach Gostivar, um von dort das Landesinnere zu erkunden. Anfangs überziehen noch grüne Laubwälder die Berge, aber je weiter ostwärts man
gelangt, desto trockener wird es. Hinter Brod breitet sich das erste Mal in Maze-
donien flaches Land aus. Das Gebiet
zwischen Kicevo und Prilep zählt zu den fruchtbarsten Regionen des jungen Staates. Neben Getreide gedeiht hier vor allem Tabak. Ich zweige zu dem Dörfchen Saran-
dinovo ab, in der Hoffnung, mehr über
den Tabakanbau zu erfahren. In einem der einfachen Bauernhöfe wird offentsichtlich, dass Massenproduktion hier noch kein Thema ist. Die geernteten Tabakblätter werden einzeln von Hand auf eine Art Stricknadel gespießt, auf eine Schnur gereiht und anschließend an hölzernen Gestellen in der Sonne getrocknet. Die Gegend um Prilep war im ehemaligen Jugoslawien das Zentrum für Tabakanbau und dessen Verarbeitung. Mit der Unabhängigkeit Mazedoniens 1991 brach der Markt rapide ein. Wurden von hier einstmals 16 Millionen Sozialisten mit
Nikotin versorgt, so sind es heute nur noch zwei Millionen Mazedonier, wie ich beim Zwischenstopp in Prilep erfahre. Und auch, dass die Arbeitslosenquote im Land bei 36 Prozent liege und es wahrscheinlich noch schlimmer kommen werde. Manchmal frage ich mich, wie die Mazedonier trotz der Probleme ihre Freundlichkeit bewahren können.
Je näher ich der bulgarischen Grenze komme, desto einfacher und ursprünglicher
erscheinen die wenigen Orte. Besonders in Budinarci ist noch viel alte Substanz erhalten, und selten ist das alte Mazedonien so gut zu erkennen wie an diesem Flecken. In einem der Bauernhöfe steht sogar noch der alte Backofen im Hof. Als ich ihn mir neugierig
anschaue, kommt eine rüstige alte Frau und erzählt mir, wie man darin ein Brot zuwege bringt. Es scheint der alten Dame geradezu Spaß zu machen, dem Ausländer mit dem Motorrad ihren Backofen zu erklären, obwohl keiner ein Wort des anderen versteht.
Das östlichste Tal Mazedoniens ist erreicht, und mit ihm ändert sich erneut das Landschaftsbild. Nun tauchen wieder Laubwälder die Hänge in strahlendes Grün. Ich käme mir vor wie zu Hause in Bayern, würden nicht allenthalben Pferdefuhrwerke mit hoch beladenen Heu- und Strohwagen die Straße entlangrollen. Es ist Erntezeit.
Zwischen Berovo und Strumica überquert eine letzte Passstraße das Maleševski Gebirge und den 1394 Meter hohen Ilov Vrv. Kurve um Kurve steigt die Straße an, bis sie sich aus den engen Talflanken hebt und die Sicht auf die weite Ebene um Strumica frei gibt. Wenige Kilometer später stehe ich am Dojransee. Wie klein Mazedonien doch ist – am Südende des Sees liegt bereits der griechische Grenzübergang.

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