Mazedonien (Archivversion)

Mitten im Balkan

Eine Reise nach Mazedonien - das klingt im ersten Moment nach Abenteuer und Wagnis. Denn seit den Unruhen sind für die meisten sämtliche Balkanländer von der Urlaubslandkarte gestrichen, auch wenn sie nicht von den Auseinandersetzungen betroffen waren - wie Mazedonien, ein ebenso attraktives wie unberührtes Reiseziel nördlich von Griechenland. Insbesondere für Enduro-Fahrer.

Motorradfahrer sind selten in Mazedonien. Während zwei Wochen habe ich drei getroffen. Vlado ist einer von ihnen. Einer, der sich den Luxus leisten kann, eine 15 Jahre alte und wundersam zusammengeflickte Yamaha RD 350 zu fahren. In Shorts und ohne Helm. Vorschriften gibt es in Mazedonien nicht, und es ist sonnig und warm. Die Begegnung mit Vlado ließ mich sämtliche Reisepläne über den Haufen werfen. Aber der Reihe nach.Skopje, die Hauptstadt, liegt bereits viele Kilometer hinter mir, und die Ruhe auf der verkehrsarmen Straße tut gut. Fremd wie selten zuvor kam ich mir in der Hauptstadt vor. Neugierige Blicke trafen mich von allen Seiten, als ich mich durch den Verkehr wühlte. Sobald ich hielt, war ich von unzähligen Kindern umringt, die mich mit ihrer ungestümen Neugier fast vom Motorrad zerrten. Dann traf ich Petjo. Nach den üblichen Fragen woher und wohin gab er mir nur einen Tip: »Hinter Gostivar mußt du rechts in die Radika Dorlina abbiegen.« Seine Augen leuchteten, als er mir von dem möglichen Abstecher zum Mavrovo-See im gleichnamigen Nationalpark erzählte. »Wenn der Stausee wenig Wasser hat, kannst du sogar die Spitze der überschwemmten Kirche sehen.«Bei Tetovo verlasse ich die Hauptstrecke und fahre die kleinere, etwas westlicher gelegene Nebenroute am Fuße des 2748 Meter hohen Tito Vrh in Richtung Gostivar. Albanien ist zum Greifen nahe, der arabische deutlich zu spüren. Frauen sind nicht zu sehen. Cafés und Teeshops, in denen ausschließlich Männer sitzen, säumen die Strecke. Eselkarren und Pferdegespanne scheinen hier die einzigen Transportmittel zu sein.Gut eine Stunde später breitet sich vor mir der See aus, von dem Petjo so schwärmte. Ich folge der Straße, die am östlichen Ufer entlang führt und verstehe, warum er so begeistert davon erzählte. Türkisfarbenes Wasser umschmeichelt helle Kalkfelsen, drumherum dichter Wald, durch den sich die Straße in immer enger werdenden Serpentinen langsam bergauf windet. Schließlich lichtet sich der Wald, und der Weg schlängelt sich einen Steilhang hoch, bis nach drei Kilometern eine Hochebene mit wogendem, in der Abendsonne beinahe golden glänzendem Berggras vor mir liegt. Das schmale Asphaltband führt pfeilgerade Richtung Horizont, und irgendwo dort hinten am Ende der Stichstraße muß der kleine Ort Galicnik sein, von wo aus ein Wanderpfad wieder hinunter ins Radika-Tal führen soll. Eine laut Karte vielversprechende Abkürzung - falls sie mit der BMW überhaupt zu befahren ist.Nach ein paar Kilometern verwandelt sich die Hochebene in eine sanft geschwungene Hügellandschaft, bis sich plötzlich vor mir eine tiefe Schlucht öffnet. Dort unten verläuft die Straße in Richtung Ohrid - und dort hinunter führt nur der Wanderweg, der irgendwo hinter Galicnik beginnt, das nicht weit entfernt auf einem schroffen Felsen liegt. Doch meine Hoffnung, auf dem kürzesten Weg ins Tal zu gelangen, wird enttäuscht: Ganz schmal krallt sich der Klettersteig an den Hang. Schon zu Fuß ein Abenteuer, mit der schweren BMW unmöglich. In Gedanken suche ich mir bereits einen Platz zum Zelten auf dem Weg zurück zum Stausee. Da fällt mein Blick beim Durchqueren des Dorfes auf ein Schild: »Hotel Neda«. Es scheint geschlossen, aber ich klopfe trotzdem an der Tür. Toni, der junge Besitzer, spricht deutsch und ist ziemlich überrascht, heute noch einen Gast - seinen einzigen - in seiner gemütlichen Herberge begrüßen zu dürfen. Bis spät in die Nacht sitzen wir mit seiner Frau bei Rotwein und Weißbrot. Auch sie haben einen Tip für mich. Ich müsse unbedingt das mazedonisch-orthodoxe Klosters Sveti Jovan Bigorski im Radika-Tal besuchen.Wieder zurück am Mavrovo-Stausee, biege ich in das enge Tal ein. Neben der schmalen Straße windet sich die tosende Radika durch die Schlucht, und ich lasse die BMW einfach laufen, genieße - gänzlich ohne Gegenverkehr - die Kurven und vor allem die Ruhe, die dieses fast schon weltabgeschiedene Tal ausstrahlt. An einem kleinen Abzweig biege ich nach links in Richtung des Klosters ab. Nach gut einem Kilometer Serpentinenfahrt entdecke ich das uralte Gemäuer unterhalb eines steilen Waldhangs. Mit seinen grandiosen Wandmalereien und zahlreichen Ikonen gilt es als eines der schönsten Kloster Mazedoniens. Noch heute leben Mönche hier, und von Zeit zu Zeit huscht einer von ihnen lautlos mit wehendem Gewand durch die niedrigen Gänge.Vorbei an Debar rausche ich durch das kurvenreiche Drimkolska Klisura-Tal bis direkt nach Ohrid, der Stadt der 365 Kirchen und Kapellen. Schmale Gassen führen durch die Altstadt, steile Wege, die oft den Blick auf den Ohrid-See ermöglichen. Im Vorbeifahren kaum zu sehen, ducken sich unzählige Kapellen in versteckte, schattige Winkel, innen meisten mit kostbaren Ikonen ausgestattet. Im »Aquarius«, einem netten Café, finde ich genau den richtigen Platz, um bei einem kühlen Bier den rotglitzernden See im besten Abendlicht zu beobachten. Dann, so mein Plan, einen Zeltplatz suchen, morgen im See baden und in vielleicht ein, zwei Tagen in Richtung Osten weiterziehen.Plötzlich steht Vlado vor mir. Er sei Bildhauer und Biker, mein Motorrad vor dem Café ist ihm aufgefallen. Spontan lädt er mich zu einem weiteren Bier ein. Genauso spontan ändert er meine Pläne: Er wüßte eine nette Pension, und am Abend würden seine Freunde in einer einsamen Bucht ein kleines Strandfest feiern. Und morgen sollten wir gemeinsam durch die Stadt bummeln, am Abend seine Ausstellung anschauen, dann durch die Kneipen ziehen. Und überhaupt, es gebe hier noch viel mehr zu unternehmen. Ich lasse mich überreden und bleibe bei Vlado und seinen Freunden. Die Freundlichkeit der Mazedonier überrascht mich stets aufs neue. Immer, wenn jemand mit mir spricht, berührt eine Hand meine Schulter oder meinen Arm, immer geben mir die Einheimischen das Gefühl, ein sehr willkommener Gast zu sein. Und zwei Tage später bin ich immer noch in Ohrid.Ich beschließe, nach Bitola zu fahren - allerdings nicht ohne zu versprechen, abends wieder in Ohrid zu sein. Auf dem Weg in die Stadt entdecke ich die Schotterpiste, von der Vlado mir erzählte, daß sie steil auf den 2600 Meter hohen Pelister führt. Stets in den ersten beiden Gängen, treibe ich die BMW bergan, über loses Geröll, durch enge Kehren, dann wieder auf sandigen Grund. Mit seiner alten Yamaha RD hätte Vlado mir hier garantiert nicht folgen können. Aber er wußte, was für ein Ausblick mich auf dem Gipfel erwarten würde: Im Süden erstreckt sich der weitläufige Pelister-Nationalpark, ein hügeliges, nur zu Fuß begehbares Waldgebiet, das von Menschenhand praktisch völlig unberührt ist. Und im Westen schimmert das dunkle Blau des Prespansko-Sees, der fast schon einem Binnenmeer gleicht. Alaska-Feeling - nicht nur wegen der absolute Ruhe und Einsamkeit.Eine Stunde später parke ich die BMW in Bitola, einer lebhaften Studentenstadt, in deren engen Gassen rund um den Altstadtbasar sich Café an Café reiht, allesamt gut besetzt. Das laute Feilschen auf dem Basar, das Gedränge, die exotische Düfte und die bunten Auslagen der Tuch-, Gewürz- und Schmuckhändler erinnern mit ein wenig Phantasie diesmal nicht an Alaska, sondern vielmehr an die Zeiten der Karawanen und fernöstlichen Seidenhändler.Auf dem Rückweg entscheide ich mich für die alte Straße von Bitola nach Ohrid. Das Kopfsteinpflaster weist bereits große Löcher auf, und ohne Enduro wäre das hier sicherlich kein Spaß. Da, wo die neue Straße Täler mit modernen Brücken überspannt, arbeite ich mich auf dem alten serpentinenreichen Weg mal tief unten im Tal, dann wieder hoch oben am Hang nach Ohrid zurück - wo Vlado und seine Freunde eine Grillparty in einer ausgebauten Hirtenhütte über der im Mondschein glitzernden Bucht von Ohrid veranstalten. Mein Plan, weiter in den Osten des Landes zu fahren, rückt in weite Ferne.Knapp eine Stunde dauert am nächsten Morgen mein Ausflug über die kurvenreiche Uferstraße bis zum über 1000 Jahre alten Kloster Sveti Naum am Südende des Ohrid-Sees. Ich fühle mich fast schon an die Mittelmerküste versetzt. Der See ist so riesig, daß die albanische Küste auf der gegenüberliegenden Uferseite fast nicht auszumachen ist. Bei Trpezica lasse ich mich schließlich von meiner BMW in unzähligen Serpentinen hinauf bis an den Rand des Galicica- Nationalparks tragen. Die letzten Meter führen durch eine karge Felsenlandschaft, und die Reifen der Enduro graben sich immer tiefer in den groben Schotter ein, bis kurz unterhalb des Gipfels nichts mehr geht. Nach ein paar Schritten blicke ich von ganz oben gleichzeitig auf den Ohrid-See im Westen und den Prespansko-See im Osten, zwei in der Sonne glitzernde Flächen, die nur von Wald umgeben sind. Wieder keine Menschenseele weit und breit, und außer dem Wind, der pfeift, ist kein anderer Laut zu hören. Daß ich aus Zeitgründen nicht mehr in den Osten des Landes reisen kann, ist mir in diesem Moment vollkommen egal, weil ich mir kaum einen schöneren Ort vorstellen kann.Unausgeschlafen, weil die ganze Nacht gefeiert, mache ich mich am nächsten Tag auf den direkten Rückweg nach Skopje. Der Gedanke, Vlado und seine Freunde nicht nach Deutschland einladen zu können, drückt meine Stimmung: Mazedonier erhalten kein Einreisevisum - in fast keinem Staat der Erde.
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Mazedonien (Archivversion)

Die Republik Mazedonien ist - entgegen der verbreiteten Meinung - keineswegs vom Krieg im ehemaligen Jugoslawien betroffen. Wer die relativ langwierige Anreise auf sich nimmt, entdeckt ein attraktives wie abwechslungsreiches Motorrad-Reiseland, das vom Tourismus praktisch unberührt ist.
Anreise: Von Berlin und weiteren deutschen Städten geht´s einmal pro Woche mit dem Autoreisezug der DB nach Villach. Das Ticket für eine Person mit Motorrad hin und zurück im Liegewagen inklusive Frühstück kostet ab Berlin in der günstigsten Preiststufe 389 Mark. Infos unter DB Autozug 0180/5241224. Von Villach muß man bis nach Skopje die zirka 1100 Kilometer weite Anfahrt über den Autoput durch Slowenien, Kroatien und Serbien in Kauf nehmen. Die Autobahn und Mautgebühren liegen bei zirka 200 Mark hin und zurück.Dokumente: Neben einem mindestens sechs Monate gültigen Reisepaß und der grünen Versicherungskarte benötigt man für den Transit durch die Republik Jugoslawien ein zweifaches Transitvisum. Dieses bekommt man ausschließlich persönlich bei der jugoslawischen Botschaft in Berlin oder Frankfurt. 75 Mark sind dafür zu berappen. Infos bei der Botschaft der Bundesrepublik Jugoslawien, Taubertstraße 18, 14193 Berlin, Telefon 030/8262091. Bei Einreise in die Republik Jugoslawien muß man an der Grenze zusätzlich eine vier Wochen gültige Haftpflichtversicherung abschließen. Die Kosten dafür betragen 80 Mark.Reisezeit: Die beste Reisezeit für Mazedonien liegt zwischen Mai und Oktober. In der Regel herrschen dann moderate Tagestemperaturen um 25 Grad. Nachts kühlt es etwas ab, und ein zusätzliches Sweatshirt im Gepäck kann vor allem in höheren Lagen nicht schaden.Übernachten: Hotels gibt es in allen Kategorien und Preisklassen vor allem in den Städten. Auf dem Land kann es schon einmal vorkommen, daß ein Hotel geschlossen ist. Die Preise für Übernachtung sind sehr moderat. Selbst in den mazedonischen Feriengebieten wie Ohrid oder am Prespansko-See bekommt man saubere und moderne Pensionszimmer für rund zehn Mark pro Nacht und Person. Campingplätze sind eher rar und in der Regel nicht gut gepflegt. Die Kosten für eine Nacht liegen jedoch meist über denen eines Pensionszimmers.Das Motorrad: Wer sich nicht abseits der befestigten Straßen bewegen möchte, ist mit jedem reisefähigen Motorrad gut beraten. Bleifreies Benzin ist überall erhältlich und erheblich günstiger als in Deutschland. Für Off Road-Fans empfiehlt sich eine gelände taugliche Reiseenduro. Fast überall kann man von den befestigten Straßen abweichen und sich auf Geröll- und Schotterwegen ins Enduro-Abenteuer stürzen.Literatur: Leider gibt es derzeit keine aktuellen Reiseführer über Mazedonien. Am besten beraten ist, wer eine alte Ausgabe des »Jugoslawien Reisehandbuches« aus der Reihe Reise-Know-How ergattern kann. Die vom Autoren benutzte Ausgabe aus dem Jahr 1989 erwies sich als erstaunlich aktuell. Eine recht gute Karte über Mazedonien kommt vom Bartholomew-Verlag im Maßstab von 1: 260000 für 17,80 Mark. Die Shell EuroKarte Slovenien, Kroatien, Bosnien-Herzegovina, Jugoslawien und Makedonien im Maßstab 1:750 000 für 14 Mark eignet sich ebenso für eine Tour. In Skopje ist im Büro der Touristinfo eine Touristenkarte Mazedonien im Maßstab von 1:400000 erhältlich. Nicht sehr präzise aber als Zusatzkarte ganz informativ. Hilfreich ist vor allem ein Lexikon mit kyrillischen Schriftzeichen zur Übersetzung der Verkehrsschilder.Zeitaufwand: Zwei WochenGefahrene Strecke: in Macedonien ca. 1500 Kilometer

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