Meine abwegigste Tour: Türkei (Archivversion)

Mit Kind und Kebap

Stau im vollgestopften Kombi oder Urlaub auf Balkonien? Weder noch: Zwei Erwachsene und drei Kinder wagen auf zweieinhalb Motorrädern einen Trip durch die Türkei und zeigen eine geglückte Fusion von Biken, Ferien und Familie.

Gähnende Leere – kein Wasser im Pool des Campingplatzes. Drei Daumen zeigen nach unten, meine Kopiloten kennen kein Erbarmen. Der Reiseführer hatte ein Schwimmbecken versprochen, also weiterfahren. Das herrliche Tuffsandsteingebirge, durch das ich das Guzzi-Gespann steuere, lässt mich die Hitze vergessen, die das Göreme-Tal in einen Backofen verwandelt. Petra auf der Enduro hinter mir schmort mit Gleichmut in ihrem Lederdress. Mein Sozius Max hingegen ächzt in seiner Motorradkluft, während die Mädels in luftigen Kleidchen im Beiwagen dösen.

Die Rettung heißt Kaya-Camping: ein Super-Pool mit glasklarem, erfrischendem Nass, beeindruckende Aussicht über die Vulkansteinlandschaft und überaus freundliche Besitzer. Zelt aufstellen bleibt heute den Eltern überlassen, die Kids sind beim Planschen.

Bei Reisen mit Kindern gelten andere Regeln. Die „lieben Kleinen“ sind zwar begeistert von einer Motorradtour, aber Highlights wie Schwimmbad oder Meer müssen sein. Dann sind sie auch bereit, antike Tempel, Theater oder andere Steintrümmer kraxelnd zu erkunden. Streiks sind dennoch nie auszuschließen. Wie auf der ersten großen Gespann-Tour durch Tunesien: Die damals zweijährige Lisa nahm bei einem Halt mitten in der Wüste ihre Puppe aus dem Seitenwagen und beschloss dazubleiben. Nur gutes Zureden brachte sie schließlich von ihrem Vorhaben ab.

Die jetzige Reise ist bereits der zweite Trip in die Türkei. Das Packen für ein solches Unternehmen ist immer wieder ein kleines Abenteuer. Schlafsäcke, Isomatten und Klamotten – alles in fünffacher Ausführung. Das braucht seinen Platz. Ebenso Zelt, Kochkiste, Essen und Trinken für unterwegs. Reiseluxus wie Klappstühle und Tisch passen in den Seitenwagen. Doch trotz sorgfältiger Vorbereitung tauchen zum Schluss immer noch Schuhe, Waschtaschen und Kuscheltiere auf, an die keiner gedacht hat. Dafür leisten die selbst gebauten Alu-Koffer und riesige Ortlieb-Säcke gute Dienste. Oberstes Gebot auf der Anreise: Den ganzen Tag nur fahren geht nicht. Mit Kindern sind weniger Autobahn und weniger Kilometer angesagt.

Bereits die kleine Mittelmeerkreuzfahrt nach Çeþme entspannt: Familienskat an Deck, lesen und relaxen. Zwei Tage bleiben wir am Strand von Çeþme, entdecken mit Schnorchel und Taucherbrille bunt schillernde Fische, tauschen die ersten Türkischen Lira gegen Gemüse, Pide und Ayran ein.Früh um sechs weckt uns Mozart per Handy, wir wollen vor der Hitze an den Palmenstrand von Pamucak. Selçuk liegt nicht weit weg, und die Mädels zieht es auf den Markt – Shoppen ist angesagt. Beim Obst- und Gemüsekauf führt Lisa stolz mit ihren paar Brocken Türkisch die Verhandlungen. Und Charlotte ist hin und weg: Nagellack kostet nur 25 Cent! Außerdem überall Stände mit T-Shirts bekannter Marken sowie Kettchen für Hals und Handgelenk.

Auf dem Weg Richtung Denizli wird eine Tankpause zum Event: Der Besitzer der Tankstelle lässt Tee und Saft servieren und besteht auf Erinnerungsfotos mit den Kindern. Manchmal nervt es die Kleinen, immer und überall aufzufallen. Aber cool finden sie das Reisen per Bike trotzdem.

Pamukkale ist ein Muss, auch wenn es zeitweise zugeht wie auf einem Volksfest. Wir gönnen uns zwei Zimmer mit Pool. Max stellt sich sofort vor den Ventilator, der die Hitze aus dem Zimmer bläst.

Am nächsten Morgen steht ein Besuch der weißen Sinterterrassen an. Tapfer erklimmen wir die wasserumspülten Kalkstufen, noch bevor die ersten Busse ankommen. Oben lockt ein Thermalbad, auf römischen Säulen liegen Petra und ich im Wasser und genießen den Tag. Die Kinder hingegen spielen Verstecken mit den nervigen Fotografen, die den Touris ständig „Hallo“ zurufen, um ihnen ihre Bilder zu verkaufen.

Abends kehrt die dörfliche Ruhe nach Pamukkale zurück, und wir beobachten, wie eine Frau Gözleme zubereitet: ein dünner Pfannkuchen, der auf einem gewölbten Blech gebacken und mit Schafskäse und Petersilie gefüllt wird. Ihr Mann erzählt von seiner Zeit in Deutschland. Schlecht redet hier kaum einer von unserer Heimat.

Kurzer Zwischenstopp am malerisch von Bergen eingerahmten Eðirdir-See und weiter nach Konya, Stadt der Derwische. Doch Großstädte sind nicht unser Ding. Viel idyllischer: die Ihlara-Schlucht. Sie entstand durch einen unterirdischen Wasserlauf, der den Untergrund aushöhlte und den Boden schließlich einbrechen ließ. Wir wandern durch den Canyon, der tatsächlich an den großen Bruder in den USA erinnert. Bäume, Sträucher, Wiesen – alles in sattem Grün. Später tauchen in den Fels gehauene, bemalte Kirchen auf und kündigen das bereits eingangs erwähnte Highlight unserer Tour an: Kappadokien.

Die Christen haben dort nicht nur Gotteshäuser in das weiche Vulkangestein geschlagen, sondern auf der Flucht vor Römern und Arabern auch unterirdische Städte wie Derinkuyu geschaffen. Acht Stockwerke tief gehen wir auf Entdeckungstour. Vor allem Max und Charlotte sind mit den Taschenlampen eifrig unterwegs, erkunden immer neue Gänge und Räume. Die Täler draußen sind gespickt mit den typischen Tuffsteinnadeln, die an des Mannes bestes Stück erinnern.

Eigentlich wollten wir die touristisch voll erschlossene Südägäis meiden. Aber so viele Motorradreisende schwärmen von der kurvenreichen Strecke sowie dem herrlichen Ausblick auf die felsige Küste. Tatsächlich reiht sich westwärts fast wie im Motorentakt Kurve an Kurve, bis sich am Strand von Pamucak der Kreis schließt.

Spannende Pause auf dem Weg dorthin: in der Bucht von Taþucu zwischen den
Meeresschildkröten schnorcheln, die dorthin zum Fressen kommen. Bei Antalya rettet Charlotte eine kleine Meeresechse, die nach dem Schlüpfen nicht zum Wasser findet.

Von Kaþ aus geht’s per Bootstour zur Insel Kekova. Kristallklares Wasser beschert freien Blick auf Ruinen versunkener Städte, durch den Glasboden des Schiffes sind Reste zerbrochener Tonkrüge zu sehen.

Letzter Stopp: Saklikent-Schlucht. Die Kinder freuen sich auf die Miet-Baumhäuser, doch alle sind besetzt. Als Mittel gegen den Frust wandern wir auf Holzstegen und durch eiskalte Fluten entlang der mehr als 300 Meter hohen Felswände.

Zurück in Çeþme: noch einmal Meer, ein letztes Mal Pide essen. Wir müssen den Kindern versprechen wiederzukommen.
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Infos (Archivversion)

Reisedauer: 35 Tage
Gefahrene Strecke: 5048 Kilometer
ater Hans-Georg Henle steuerte das Rückrat der Familien-Spedition: eine 1987er-Guzzi 850-T5 mit zartem Dynotec-Tuning, Schwingengabel und EZS-Boot samt Smart-Rädern und Bilstein-Dämpfern. Die Kinder im Alter von neun bis zwölf Jahren fanden im Beiwagen sowie auf dem Sozius der Guzzi Platz. Im Boot waren Integralhelme ein Muss, Motorradbekleidung nur auf dem Sozius. Dreipunkt-Automatik-Gurte sicherten die Mannschaft im Beiwagen, ein Regen- und ein Sonnendach schützten vor Witterungseinflüssen. Mutter Petra fuhr eine 1995er-Honda XR 650 L in US-Version. Beide Maschinen trugen eigens angefertigte Alu-Koffer und Gepäckträger. Die Ortlieb-Säcke dienten dem Sozius als Rückenlehne. Ein Tunnelzelt verband geringes Gewicht und Packmaß mit viel Wohnraum. Gekocht wurde mit Benzin aus dem Motorradtank. Die Motorräder müssen auf ihre Fahrer zugelassen sein und benötigen eine grüne Versicherungskarte.

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