Meine abwegigste Tour (Archivversion) Sabbat an der Ostsee

Nach sechs Jahren in der Mobilfunkbranche, die ich überwiegend am Schreibtisch, im Auto und in zu kleinen Besprechungsräumen verbracht hatte, war ich reif – kündigte meinen Job und begann mein Sabbatjahr.

Theo Schmitz, Rechtsanwalt aus Hamburg, startete im April 2007 auf seiner BMW F 650 GS Dakar eine Ostseeumrundung. In vier Monaten und auf 16000 Kilometern erlebte er neun Länder und mindestens zwei Welten


Inspiriert durch eine frühere Reise nach Litauen, Lettland und Estland entstand die Idee einer Tour entlang der Ostsee, um die baltischen EU-Staaten noch einmal zu sehen, bevor sie zu westlich werden. Ein Plan, der bereits in Polen zu scheitern droht. Mitten in Danzig redet ein Polizist auf mich ein, er wolle meine BMW haben. Wie bitte? Beschlagnahmen? Nur weil ich auf dem Bürgersteig parke? Man hatte mich zwar gewarnt, dies könne Ärger geben, aber ... „Nein“, beruhigt mich der junge Pole auf Deutsch, er wolle die Maschine kaufen. Genauer sein Kollege, dessen Versuche, übers Internet eine F 650 zu erwerben, stets an der Frage nach seiner Herkunft scheiterten. Es scheint noch einiges an Vertrauensbildung zu unseren Nachbarn nötig. Ich hinterlasse meine Adresse, gespannt, ob er sich nach meiner Reise meldet, und froh, dieselbe fortsetzen zu können.

Kaliningrad. Was hatte ich über die russische Exklave für Horrorgeschichten im Netz gelesen. Schikanen von Zöllnern, Bürokratie ohne Ende und überall fehlende Gullydeckel. Einen Vorgeschmack hatte ich schon beim Antrag für mein Visum bekommen. Das Touristenvisum berechtigt nur zur einmaligen Ein- und Ausreise nach Russland. Da meine Tour ja noch durch St. Petersburg führen sollte, erklärte man mir, das ließe sich über ein Visum für Geschäftsreisende regeln. Kostete mit schlappen 200 Euro nur mehr. Von wegen Sicherheitspolitik – eher scheint es sich um eine schöne Einnahmequelle für den Staat zu handeln.

Leicht angespannt fülle ich jetzt die Einreiseformulare aus. Drogen, Waffen, Pornografie dabei? Nein. Aber ein Fahrzeug, und das muss verzollt werden. Ferner ist eine russische Haftpflichtversicherung notwendig, obwohl meine bis zum Ural gilt. Doch das interessiert hier keinen. „Nicht gut“, meint ein Zöllner mit überdimensionaler Tellermütze, weil ich die Zeilen Geburtsdatum und -ort verwechselt habe. Ich zucke hilflos mit den Schultern. Er schmunzelt, stempelt und winkt mich durch. Alles auch nur Menschen unter ihren großen Mützen.

Die Gegend ist schlicht, aber sehr idyllisch, und in Kaliningrad selbst gibt es vom Bankautomaten bis zum Vollsortiment-Supermarkt alles, was man von zu Hause kennt. Auch Gullydeckel! Und zwar überall, davon will ich nichts mehr hören! Irgendwie ist es trotzdem eine andere Welt. Von zahlreichen Sockeln blickt Lenin auf den blühenden Kapitalismus herab, der sich zwischen klapprigen Straßenbahnen und alten Autos der Marke Moskwitsch durch eine ungeheure Dichte an Porsche Cayenne und anderen Luxusschlitten auszeichnet. Mit gewaltigen Atemzügen haben die Russen den Kapitalismus inhaliert. Außerhalb der Stadt ist davon wenig zu spüren, wird mir auf Abstechern ins ehemalige Tilsit und nach Trakehnen bewusst. Das von einfachen Bauernhäusern umstandene Trakehner-Gestüt – bis 1944 Ostpreußens Stolz – ist übrigens noch gut zu erkennen.

Über die Kurische Nehrung verlasse ich das russische Gebiet, was angesichts der kyrillischen Beschilderung nicht ganz leicht ist. Auch spricht hier kaum jemand deutsch oder englisch, aber irgendwann ist die litauische Grenze dennoch erreicht. „Wer die Nehrung nicht kennt, dem fehlt ein Stück in der Seele“, soll Thomas Mann einmal gesagt haben und spricht mir aus derselben. Was für eine bezaubernde Landschaft. Schon vor Jahren hatte ich mich in die gewaltigen Dünen zwischen Haff und Ostsee verliebt. Eine Liebe, die inzwischen teuer bezahlt werden muss. Das Preisniveau entspricht dem an der deutschen Ostsee.

Wie in Polen weisen auch in Litauen an vielen Baustellen Schilder auf EU-Projekte hin. Auf den Zeltplätzen ist nachts der Teufel los. Saufereien und illegale Autorennen, weil die Zufahrtstraßen so schön frisch geteert sind. Wobei die Litauer grundsätzlich sportlich unterwegs sind und angeblich die Welt-Unfall-Statistik anführen.

Lettland gräbt sich durch die Treibgutkünstlerin Biruta Kerve mit ihrer beachtlichen Flaschenpostsammlung in meine Erinnerung. Außerdem durch den zweiten Ausfall der BMW-Benzinpumpe. Estlands Reize sind unberührte Natur, klatschmohngesäumte Schotterpisten und die exzellent erhaltene Altstadt von Tallinn. Mehrfach werde ich gefragt, warum Schröder und Merkel so freundschaftlich mit Putin umgehen. Ein Vertrauen, das man hier nicht teilt, zumal Russland die estnische Grenze noch immer nicht offiziell anerkannt und kürzlich die gesamte IT-Infrastruktur Estlands mit Attacken und Viren lahmgelegt habe. Man rät mir, gar nicht nach St. Petersburg zu fahren, sondern direkt nach Helsinki überzusetzen.Doch was hätte ich da verpasst! Eine Metropole aus Kunst und Kultur mit so vielen Brücken und Kanälen, dass die Reiseführer vom „Venedig des Nordens“ künden. Tagelang lasse ich mich durch die Fünf-Millionen-Stadt treiben. Sehe Museen und Markthallen, die vor Überfluss bersten. Das andere Russland begegnet mir in den Seitenstraßen, in Gestalt bewaffneter Mitglieder der berüchtigten Spezialeinheit OMON.

Pläne sind bekanntlich dazu da, geändert zu werden. Meiner ändert sich hinter Helsinki gewaltig. Nach den breiten, weißen Sandstränden des Baltikums wirkt die finnische Ostseeküste so einschläfernd, dass ich dem Rat einer einheimischen Motorradmechanikerin folgend Kurs auf Lappland und das Nordkap nehme. Wo mich andere Reisende vor der langweiligen schwedischen Küste warnen. Also reise ich durchs spektakuläre Norwegen zurück. Erster Gedanke, als ich wieder in meiner Wohnung bin: Wem gehören diese ganzen Klamotten hier? Bin ich doch die letzten 17 Wochen mit zwei Hosen und vier T-Shirts ausgekommen.

Der Polizist aus Danzig hat sich übrigens bis heute nicht gemeldet.

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