Meine abwegiste Tour: Ukraine (Archivversion) Geldtransport

"Nemec?" – Deutscher? – fragt der grimmig dreinschauende Beamte am ukrainischen Grenzübergang Uzhgorod. Ich nicke.

"Nemec?" – Deutscher? – fragt der grimmig dreinschauende Beamte am ukrainischen Grenz- übergang Uzhgorod. Ich nicke. In perfektem Englisch erkundigt er sich nach Drogen. Mein entschiedenes "No!" ist dann der Startschuss für eine Komplettzerlegung von Mensch und Maschine. Nachdem meine gesamten Habseligkeiten auf dem Boden verstreut liegen, drückt man mir meine Papiere wieder in die Hand. Sie haben nicht gefunden, wonach sie suchten. Die Aufforderung, den Platz schnellstens zu räumen, ist unmissverständlich. Während ich betont langsam meine Siebensachen wieder auf die Transalp packe, habe ich Zeit, über mein Hiersein nachzudenken. Seit 1997 besteht Kontakt zwischen unserem "Fitness Verein Prohlis e.V." in Dresden und dem ukrainischen Kinderheim in Schewtschenkove, dem wir schon mit mancher Aktion helfen konnten. Auf meiner Tour will ich Spendengelder überbringen und mich vor Ort über die aktuelle Situation informieren.Geldtransport

In perfektem Englisch erkundigt er sich nach Drogen. Mein entschiedenes "No! " ist dann der Startschuss für eine Komplettzerlegung von Mensch und Maschine. Nachdem meine gesamten Habseligkeiten auf dem Boden verstreut liegen, drückt man mir meine Papiere wieder in die Hand. Sie haben nicht gefunden, wonach sie suchten. Die Aufforderung, den Platz schnellstens zu räumen, ist unmissverständlich. Während ich betont langsam meine Siebensachen wieder auf die Transalp packe, habe ich Zeit, über mein Hiersein nachzudenken. Seit 1997 besteht Kontakt zwischen unserem "Fitness Verein Prohlis e.V. " in Dresden und dem ukrainischen Kinderheim in Schewtschenkove, dem wir schon mit mancher Aktion helfen konnten. Auf meiner Tour will ich Spendengelder überbringen und mich vor Ort über die aktuelle Situation informieren.

Eine grandiose Kulisse mit alten Holzhäusern und Kühe hütenden Mütterchen entschädigt für die Erlebnisse bei der Einreise. Ich fühle mich um 100 Jahre zurückversetzt, abgesehen vom tadellosen Asphalt. Was sich da unter meinen Metzeler Tourance abspielt, ist der Wahnsinn! 70 Kilometer Kurvenparadies durch die ukrainischen Karpaten, bevor die Federwege meiner Transalp auf schlechten Straßen wieder voll gefordert werden.

Schewtschenkove liegt bei der Stadt Uman und wurde nach seinem berühmtesten Einwohner, dem Poeten Taras Schewtschenko (1814–1861), benannt. Seine von Heimatliebe durchdrungenen Gedichte werden noch heute von alt und jung rezitiert. Die Direktorin des Kinderheims traut ihren Augen nicht, als ich mit meiner Honda auf den Hof rolle. Es ist für ukrainische Verhältnisse schwer nachvollziehbar, dass jemand die weite Reise von Deutschland bis hierher auf sich nimmt – und dann auch noch mit dem Motorrad. Entsprechend herzlich ist die Begrüßung, und der Abendbrottisch quillt schier über mit dem Wenigen, was die Bewohner zu bieten haben. Diese Art der Gastfreundschaft macht mich immer sehr verlegen. Es folgen Trinksprüche auf die Freundschaft, die Familie, die Liebe. Erst spät wird mein Umstieg auf alkoholfreie Getränke lächelnd akzeptiert. Der hochprozentige Alkohol und die anstrengende Anreise zeigen ihre Wirkung. Und der Anblick der vorbereiteten Couch gibt mir den Rest.

Anderntags in der nahen Kreisstadt Svenigorodka. Mehrere Bankangestellte sind damit beschäftigt, die überbrachten Spendengelder in die Landeswährung "Hrywnja" zu tauschen. Scheine werden mehrfach gezählt und sortiert, zahllose Formulare ausgefüllt und unterschrieben. Von dem Geld kauft die Direktorin dringend benötigte Zeichenutensilien und Zubehör für die Nähstube. Und endlich kann ein lange gehegter Traum des Heims realisiert werden: eine Stereoanlage für den musischen Unterricht. Das Angebot ist überraschend groß und der Elektroladen schwer bewacht. Für die meisten Ukrainer sind diese Waren völlig unerschwinglich.

Trotz der schwierigen Umstände im Land erzählen die Schüler der neunten Klasse, dass sie bleiben und hier einen Beruf ausüben wollen. Sie erkundigen sich völlig unbefangen über das Leben in Deutschland. Ein Weggang ins Ausland kommt für sie jedoch nicht in Frage. Meine Bemerkung über die wunderbare hiesige Natur kontert der Englischlehrer Jura mit der Feststellung, dass man diese leider nicht essen könne. Er verdient umgerechnet etwa 80 Euro im Monat, doch die Zahlung bleibt manchmal monatelang aus. Sein Gemüsegarten wird damit überlebensnotwendig. Die Erwartungen an die "Orange Revolution" sind längst wieder der Einsicht gewichen, dass sich immer nur die Mächtigen die Taschen vollstopfen. Hoch ist die Arbeitslosigkeit im Land, die Kriminalitätsrate steigt. Aber man beklagt sich nicht, sondern erträgt die Verhältnisse mit bewundernswerter Gelassenheit und Zuversicht.

So stehen seitens der Regierung nur geringe Mittel für den Erhalt des Heimes zur Verfügung. Immerhin wurden seit meinem letzten Besuch im Jahr 1997 am Schulhaus Renovierungsarbeiten durchgeführt. Und auch die damals trostlose Sporthalle ist nicht wiederzuerkennen. Die Menschen hier stehen vor großen Aufgaben. Doch trotz aller vorherrschenden Probleme erscheint mir das Leben hier wohltuend entschleunigt. Ich möchte diese Augenblicke festhalten, wissend, dass auch dieser ländliche Charakter mit der Zeit seine charmante Patina verlieren wird. Der letzte Tag. Die Kinder und Jugendlichen bedanken sich mit traditionellen Tänzen und Liedern für die Unterstützung. Das macht den Abschied nicht leichter. Doswidanja Schewtschenkove - auf Wiedersehen! Bestimmt.

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