Mit dem Münch-Gespann durch Tunesien (Archivversion) Operation Sahara

Wahnsinn oder Wagemut? Während andere Münch-Motorräder als Zweirad-Kulturgüter in Museen glänzen, scheuchte Albert Stehle seine 30 Jahre alte TTS samt Beiwagen durch Sandstürme und üble Schlaglöcher.

Es ist wie der Eintritt in eine andere Welt: Afrika mit seinen Gerüchen, Farben, den korrupten Beamten, gerissenen Händlern und bunten Märkten. Afrika mit seiner grandiosen Gastfreundschaft. Die vor allem Motorradreisenden wie uns zugute kommt. Mit einem alten, aber exklusiven Münch-Mammut-Gespann und einem mutigen BMW-Umbau sind Horst, Kiko und ich auf Achse angereist und wollen jetzt durch die Wüste. Eine harte Prüfung für Mensch und Material. Der Hafen von Tunis spukt uns erst aus, als wir 35 Euro Schmiergeld an die Zöllner gezahlt haben. Endlich beschleunigen wir auf die heiße Asphaltpiste nach Hammamet und beruhigen unsere Nerven mit kühlendem Fahrtwind.

Nach einer Nacht unter dem unendlichen Sternenhimmel lockt die alte Römerstadt Sousse zu einem Besuch. Im Souk, dem zentralen Markt der Stadt, versuchen die Besitzer, uns in jedes Geschäft hineinzuziehen und jede nur denkbare Ware aufzudrängen. Die Tunesier zeigen sich sprachbegabt und feilschen in perfektem Deutsch. Irgendwann flüchten wir auf den Campingplatz in Gabes.

Dort spricht uns am anderen Morgen ein Verkäufer von Schaf-Fellen an und bietet seine Ware feil. "Das sind keine Heidschnucken aus der Lüneburger Heide ", erklärt er und hat damit schon seinen ersten Umsatz gemacht. Ein dickes Fell schmückt ab sofort meine Sitzbank und sorgt für echten Komfort. Bereits auf der Etappe nach Matmata zahlt sich die Investition aus. Matmata, ein Ort am Rande des Dahar-Gebirges, diente mit seinen Höhlenwohnungen als Kulisse für die "Star Wars "- Filme. Das Zusammenspiel von Felsen, Sand und Sonne, die Menschen mit ihren Tieren, An-blicke, die sich unauslöschlich ins Gedächtnis prägen. Djerba ist dagegen touristisches Kontrastprogramm. Mit der für Motorräder kostenlosen Fähre gelangen wir auf die Insel und erreichen über eine Schotterpiste den Campingplatz.

Eigentlich wollen wir auf Djerba einen Tag Kraft tanken, aber Horst treibt uns weiter Richtung Medenine. An einer "freie Tankstelle ", die Sprit aus Kanistern anbietet, sind die Vorräte bereits ausverkauft. Vielleicht auch ausgelaufen, der Sandboden ist tief durchtränkt, und starker Benzingeruch liegt in der Luft. Erst nach weiteren Kilometern folgt eine moderne Tankstelle mit integriertem Lebensmittelhändler, an der Mensch und Maschine auftanken können. Und das müssen wir, denn jetzt wird es ernst: Wir sind in Chenini, dem südlichsten Punkt unserer Reise, mitten im Dahar-Gebirge. Schotterstrecken der übelsten Art folgen nun, Bodenwellen und Schlaglöcher, wie sie die Münch noch nie zuvor gesehen hat. Ein einheimischer Mofafahrer, den wir unterwegs nach dem Pistenzustand fragen, meint: "Keine Chance mit dem Ding da. " Er zeigt auf mein Gespann. 80 Kilometer Schotter und Sand gilt es zu bewältigen. Ein Umfahren hieße 300 Kilometer Umweg. Also probieren wir es.

Die ersten zehn Kilometer der ungeteerten Straße sind gut zu fahren. Dann werden die Steine immer größer, die Geschwindigkeit sinkt, die Öltemperatur steigt schnell an. Ständig setzt der Seitenwagen auf, und der Ölwannenschutz kratzt am Boden. Jeder Meter ist für Mensch und Maschine die reinste Hölle. Irgendwann taucht eine kleine Hütte am Pistenrand auf, Teepause. Danach die erste Sandverwehung. Vollgas im zweiten Gang und rein in den bodenlosen Sand. Der Motor quält sich, ich muss runter in den ersten Gang, schließlich abspringen, neben der Münch herlaufen, schieben, weiter und weiter, Schritt für Schritt – bis gar nichts mehr geht, – das Hinterrad tief im Sand festgefressen ist. Alle Mann heben die Fuhre an, wuchten und schieben. Irgendwann geht es dann mit viel Gas raus aus dem Dreck.

Bei jeder Sanddurchfahrt scheint die Münch um 3000 Kilometer gealtert. Wie viele es insgesamt waren, habe ich nicht gezählt. Während ich den auf der Piste verlorenen Seitenwagenkotflügel wieder montiere, fahren die anderen schon voraus. Kurz nach meinem Start dann der nächste Schreck: Ein großer Brocken kracht von unten gegen das Motorgehäuse. Sofort gestoppt und unters Motorrad geschaut. Alles dicht, aber die Ölwanne hat einen dicken Kratzer, und die Ölablassschraube ist stark beschädigt. Glück gehabt, der vorsorglich angebrachte Unterfahrschutz hat Schlimmeres verhindert. Vorsichtig fahre ich weiter, Horst und Kiko sind nicht zu sehen. Die Sonne steht schon tief, und nach fünf Stunden ist immer noch kein Ziel in Sicht. Wann hat das endlich ein Ende? An einem Obelisken, der als Pisten-Wegmarke dient, treffen wir uns wieder. Horst nimmt mich in den Arm: "Du alter Beduine, wir haben es geschafft, wir sind am Ziel! " Meine Erleichterung ist groß. Jetzt nur noch die wenigen Meter in die bilderbuchhafte Oase Ksar Ghilane und im gemütlich aus-gestatteten Berberzelt die Anstrengungen der Pistenfahrt vergessen.

Nach einem ausgiebigen Bad am anderen Morgen in der warmen Oasen-Quelle fahren wir Richtung Norden nach Douz. Die Straße ist in gutem Zustand, doch ein Sandsturm setzt uns zu. Dumm, dass gestern mein Visier auf der Strecke geblieben ist, jetzt muss die Sonnenbrille herhalten. Douz ist eine klassische Wüstenstadt. Am südlichen Ortsrand steht ein riesiger Torbogen, dahinter dehnt sich endlos die Sahara. Auf dem örtlichen Campingplatz widmen wir uns den Maschinen. Die Luftfilter sind völlig versandet und benötigen eine Reinigung. Das freundliche Cross-Team von nebenan spendiert passendes Öl dafür.

Am Morgen die nächste Hürde: Als wir grade mit dem Einpacken unserer Zelte fertig sind, kehren die ersten Endurofahrer bereits von ihrem Ausflug zurück – Sandsturm. Man könne die Hand vor Augen nicht sehen, unmöglich zu fahren. Dennoch wagen wir uns auf die Strecke, die Endurofahrer ungläubig zurücklassend. Der Sturm bläst über die Trasse des Salzsees Chott el Djerid, dagegen ist kaum anzukommen. Eine Kamera gibt knirschend ihren Geist auf, und wir sind nach enormen Strapazen froh, endlich Tozeur zu erreichen. Zwei Rohre ragen dort in einem Palmenhain aus dem Sand, herrliches Wasser schießt in ein Naturbecken. Es ist einfach unglaublich: Man kommt aus der Wüste, und dann gibt es da frisches Wasser in Hülle und Fülle, das zum Baden einlädt.

Mittlerweile ist der Sturm zu einem lauen Lüftchen abgeflaut. Wir fahren weiter nordwärts Richtung Gafsa, besuchen noch die Bergoase Tamerza und verlassen schließlich die Wüste. Sandstürme sind somit kein Thema mehr, dafür beginnt es heftig zu regnen. In Kairouan, einem der großen Pilgerzentren des Islam, lasse ich mich beim Barbier stadtfein machen. Beim anschließenden Bummel werden wir abgezockt wie Anfänger. Ein Führer will uns eine Moschee zeigen, die geschlossen ist... Wir enden im Teppichladen seines Vetters. Mit Tee und Gebäck macht uns er uns gefügig, führt einen Teppich nach dem anderen vor. Flucht ist ausgeschlossen. Erst als ich einen Teppich erstehe, werden wir entlassen.

Weil die Kette an Horsts Gespann (die BMW ist auf diesen Antrieb umgerüstet) in einem erbärmlichen Zustand ist, kürzen wir unsere Route in den Norden und fahren direkt nach Hammamet. Dort erhalten die Maschinen einen letzten Check für die Heimreise. Die Münch bekommt frisches Öl spendiert und ein paar Streicheleinheiten. Mehr brauchte sie auf den gesamten 7000 Kilometern nicht. Was kommt als nächstes? Ich habe da einen Traum: Südamerika! Mit der Münch! Aber vorher kriegt sie noch einen Ölwechsel, natürlich mit Filter.

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