Mittelamerika (Archivversion) Im Grenzbereich

Einmal von Mexiko bis Panama fahren, über jene fast lächerlich kleine Landbrücke zwischen den mächtigen Kontinenthälften Amerikas. Eine Reise zwischen den Welten – zwischen Karibik und Pazifik, Grenzen, Kriegen und Naturschönheiten.

Luis – freundlich, geschäftstüchtig, zerschraddelter Toyota – wittert sofort einen guten Deal: zwei übermüdete Neuankömmlinge, da geht was. »LTU-Cargo? Si, claro.« Für zehn US-Dollar führe er uns gerne hin. Ob es weit sei, wollen wir wissen. »Mehr oder weniger«, sagt er, wir steigen ein. Der restschwarze Wagen gerät bedenklich aus der Balance, die Rosenkranzkette am Rückspiegel beginnt zu pendeln, wir sitzen hinten, die heilige Muttergottes vorn – direkt über der Lüftung. Mit einem Ruck kommt die Fuhre in Gang. »Bienvenidos a Mexico.«Die Fahrt dauert keine fünf Minuten. Zu kurz für einen Zehner, claro. Doch lang genug, um alle verdrängten Bedenken und Zweifel an unserer bevorstehenden Tour aufleben zu lassen: Ob wir rüber nach Chiapas wollten, erkundigt sich Luis höflich. »Nein, runter nach Panama.« Durch die halb geöffneten Fenster weht der süßliche Duft feuchtwarmer Tropenluft, der Mann am Steuer sagt nichts. »Was ist mit Panama, Senor?« »Nada«, nichts – nur würde er weiß Gott nie durch ganz Mittelamerika reisen. Belize, okay. Guatemala, vielleicht. Aber Honduras und Nicaragua – never. Bingo, schon läuft der Horrorstreifen wieder ab: Mord, Raubüberfälle, Guerilla, Malaria, Cholera, Typhus, Dengue-Fieber. Kein Schreckenszenario, das man uns während der letzten Wochen nicht untergejubelt hätte. Die unsägliche Homepage des Auswärtigen Amts: »...täglich eine Vielzahl bewaffneter Übergriffe...« Reiseführer, die Berge unerlässlicher Dokumente auflisteten, Spediteure und Versicherungen, die übelste Grenz- und Einreiseprobleme prophezeiten. Es gab Momente, da überlegten wir, dass 14 Tage Gran Canaria auch schön sein könnten.17.30 Uhr. Im letzten Licht der rotglühenden Abendsonne binden wir die beiden DR 650 von den Paletten. Es hat geklappt. Problemlos rückten die feierabendlich gestimmten Zollbeamten unsere luftverfrachteten Motorräder raus. Wir brechen auf, verlassen die letzte große Touristenbastion Cancún in Richtung belizianische Grenze. Wenn es zu heikel wird, drehen wir einfach um.Filmreife Karibikstrände begleiten die Carretera 307 in den Süden. Strahlend weißer Sand, türkisfarbenes Wasser, bodenlange Palmenblätter. Wäsche und Hängematten wiegen im Wind. Drum herum ein immer bunter werdendes Mexiko. Kneipen, Läden, Werkstätten – alles schrill bemalt. Rot, Gelb, Blau, Grün – leuchten muss es. Und leben. Annanas- und Bananenserverkäufer auf den Straßen. Kinder, Hunde, Ziegen, Hühner. Und über allem das Dröhnen der Busse. Kurz hinter Chetumal der Grenzübergang. Wir rechnen mit dem Schlimmsten, doch dann ist alles ganz leicht: Einer stempelt die Touristenkarten ab, der Zweite fragt nach »woher und wohin«, ein Dritter winkt uns durch. Drüben in Belize werden Route und Aufenthaltsdauer festgehalten, die Maschinen in die Pässe eingetragen, xx Dollar verlangt, und hoch geht der Schlagbaum.Kompletter Szenenwechsel: Die Menschen sind schwarz statt braun, sprechen englisch statt spanisch, leben in hölzernen Pfahlbauten statt in niedrigen Hütten – mit Vorgärten, Rasen, maroden Gartenzäunen und Veranden. Ausrangierte Wohnzimmermöbel und Fahrzeuggebeine weiträumig ums Haus verteilt. Nett uniformierte Schulkinder säumen den Weg, haufenweise chinesische Restaurants, und von den Dollarscheinen grüßt die Queen. Belize, eine lässige Combo aus Eurasien und karibischem Reggae-Rhythmus, gehört zum britischen Commonwealth. Zwischen endlosen Schlangen vollgepackter Zuckerrohrlaster bahnen wir uns einen Weg durch den topfebenen Norden des Landes nach Belize City, dem quirligen, dope- und musikbeschwingten Zentrum von ehemals Britisch Honduras. Vor 40 Jahren war BC noch Hauptstadt, doch immer wieder von Hurrikanen zerstört, verlegte die Regierung ihre Geschäfte nach Belmopan. Ein gottverlassenes Retortennest auf einer abgerodeten Urwaldlichtung. San Ignacio, 30 Kilometer südwestlich, am Fuss der Mountain Pine Ridge platzt dagegen vor lauter Leben schier aus den Nähten. Wir checken im Venus-Hotel ein. Mitten in der Stadt. Bekiffte Rasta-Jungs eisern an unseren Hacken. Abgeklärte US-Amerikaner und Rucksack-Reisende belagern das Backpackers samt Eva’s Internet-Restaurant nebenan.Um vier Uhr morgens reißt uns der Ort aus dem Bett. Lautstark gackernde Hühner machen den Anfang. Bei Sonnenaufgang um halb sechs stimmen die übrigen Vögel ein, fast synchron mit den Dieselmotoren und den Marktfrauen am Busbahnhof direkt hinterm »Venus«. Gegen sechs hebt dort der erste »Union-Shuttle« zum Crescendo an und röchelt, eine tiefschwarze Rauchfahne hinter sich her ziehend, Richtung Belize City. Spätestens um sieben ist es so laut, als stünde man am Ruhrschnellweg. Um acht biegen wir auf den Hummingbird Highway ab. Unser Plan: über die Urwaldpiste des Southern Highway runter bis Punta Gorda und von dort mit dem Fährboot nach Guatemala. Das Problem: niemand weiß, ob der Kahn Motorräder transportiert. Menschen ja, Autos nein, Bikes vielleicht. Egal, wir probieren’s. Tauchen ins tropische Grün der Wälder ein, die ganze Bergrücken und Flussläufe mit schimmernden Palmen, riesigen Ceiba-Bäumen und Lianen überspannen. Affen, Kolibris, traumhaft schön, und nach 80 Kilometern – Bulldozer! Der Urwald kilometerbreit gerodet, die Strecke eine einzige Staubwolke: der Southern Highway befindet sich gerade im Ausbaustadium zur Autobahn. Eine Stunde lang segeln wir quasi im Blindflug über die Piste und drehen schließlich nach Placencia ab. Ein kleiner behaglicher Küstenort auf der Spitze einer Landzunge. Hier erfahren wir definitiv, dass das Fährboot zwar Motorräder mitnimmt, allerdings nur »one by one« – also jeden Tag eins. Für 175 Mark. Ein Charterboot könne dagegen für 650 Mark alles auf einmal machen. Oder das Postschiff, aber erst in vier Tagen.18 Stunden später sieht uns Belmopan zum dritten Mal, kurz darauf Benque Viejo, dann die guatemaltekische Grenze. Aus- und Einreiseprocedere kosten diesmal zwei Stunden und xx Dollar inklusive Motorräder desinfizieren. Wir verstecken Geld und Papiere so gut es geht, fahren mit gemischten Gefühlen Richtung Tikal. »Das Auswärtige Amt weist darauf hin, dass auf der Strecke bewaffnete Raubüberfälle stattgefunden haben.« Der Letzte ist allerdings schon eine Zeit her, und mit jedem Kilometer fühlen wir uns wohler. Die Lehmpiste schwingt durch sanft hügeliges Gebiet, am Fluss machen Frauen große Wäsche, Merenguemusik plätschert aus einer Bar. Hinter der nächsten Kurve ein klitzekleiner Kapuzineraffe, turnt an einem winzigen, windschiefen Anhänger herum, darauf ein Löwenkäfig – bewohnt. Während der König der Tiere in der Sonne döst, wird der Reifen geflickt. Ein Wanderzirkus mit Autopanne. Dann: Tikal. Die wohl atemberaubendste archäologische Stätte der Mayas. Mitten aus dem Urwalddickicht schieben die mächtigen, Jahrtausende alten Tempel empor. Bis zu 64 Meter hoch. Wir quartieren uns in der Jungle Lodge ein, um den mystischen Zauber dieser surrealen Welt noch eine Weile festzuhalten. Gegen 23 Uhr wird das Stromaggregat abgeschaltet, danach ist es völlig still. Plötzlich markerschütterndes Gebrüll. Jaguare. Direkt hinter der Lodge. Wie gut, dass wir nicht gezeltet haben.Mit dem Tageslicht kommt der Abenteuermut zurück. Über die CA 13 geht’s runter zum Lago de Izabal. Im Reiseführer als vielversprechende Urwaldpiste verzeichnet, in »echt« eine unmenschliche Asphaltschneise, der Dschungel auch hier in weitem Abstand niedergeholzt. Wie ein Damm zerteilt der hoch aufgeschüttete Highway die kleinen Dörfer, Kinder spielen unverdrossen am Rand. Nach rund 200 Kilometern landen wir in dem unglaublichen Ort Rio Dulce. Auf den Straßen das totale Chaos, ein Gedränge aus Obstverkäufern, Schuhputzern, Ladenauslagen, Baustellen und Fahrzeugen aller Art. Selbst mit den Motorrädern gibt es kaum noch ein Durchkommen. Doch dann schwingt sich die CA 13 unvermittelt zu einem hohen Bogen über den Rio Dulce auf und entlässt uns in die Freiheit. Mit unvergesslicher Aussicht auf den palmengesäumten Tropenfluss. Nachts, in einem Hotelzimmer am Lago, macht sich jemand an unserer Tür zu schaffen. Gespenstisch dreht der silberne Knauf hin und her. Herzklopfen. Angst. Was tun? Schreien! Eine Deklamation süddeutscher Kraftausdrücke hilft. Der Täter haut ab. Wir auch. Kurs: Guatemala City. Erst jetzt nehmen wir die Vielzahl bewaffneter Zivilisten richtig wahr. Jede Tankstelle wird minimum per Schrotflinte bewacht.In Rio Hondo sieht die Welt wieder freundlicher aus, am Straßenrand laden ein paar bunte »Comedores« zum Essen ein. Mit Tagesgerichten für drei, vier Mark, sichern diese kleinen Restaurants die Existenz ganzer Familien sowie das Überleben der essfreudigen Mittelamerikaner. Wir halten bei »Milena«. Drinnen an den Wänden Bacardi- und Alkaselzerwerbung, daneben Jesus beim Abendmahl. Drei der sechs Tische sind besetzt, einer von Milenas halbwüchsigen Töchtern beim Rastazöpfe flechten. Turmhohe CD-Stapel um sich herum, brüllend laute Disco-Musik aus dem Ghettoblaster hinter ihnen. Es ist Samstag Nachmittag, die Mädels stimmen sich aufs Wochenende ein. Zum Essen gibt es Hühnchen mit Reis und eingelegtes Gemüse. Herrlich – wie immer.Hinter »Milena« beginnt das Hochland. Auf der Carretera 17 fahren wir zunächst durch wüstenartiges Gebiet und zwirbeln uns dann durch duftende Kiefernwälder hinauf nach Salamá. Die Bezirkshauptstadt ist eine »Plaza« mit unzähligen Läden drum herum. Dreh- und Angelpunkt: die mächtige Kolonialkirche. Drinnen ist gerade Gottesdienst. Es dauert einen Moment, bis wir die Abläufe identifizieren. Unter rhythmischen Rumba-Takten empfängt die locker plaudernde, einkaufstaschenbehängte Gemeinde gerade die Hostie. Ach so. Bei besonders intensiven Ritualen werden eingewickelte Schnapsflaschen geopfert und Kracher gezündet. Nach der traditionell christlich-abendländischen Lehre eher unwürdig, genauso das belcherene Bimm-Bimm-Bimm- vom Glockenturm. Nicht weit von hier soll eine Piste zum Lago de Atitlán abzweigen. Ebenfalls Warnstufe zehn beim Auswärtigen Amt. Doch wir schaffen es eh nicht. Der unglaublich steile, mitunter tief zerfurchte Pass zum Nachbarort ist nicht das Problem, sondern die Wegweisung. Es gibt nämlich keine. Dafür 17 freundliche Ratschläge, die in 22 verschiedene Richtungen führen. Nach dem fünften Anlauf ins Nichts streichen wir den See und fahren nach Honduras.Der Grenzübergang kostet Nerven. Geschlagene drei Stunden werden wir hin und her geschickt, bis endlich die Stempel in die Pässe knallen. Aus El Salvador, nur 20 Kilometer entfernt, blitzt ein Sonnenstrahl über die Berge. Vor wenigen Tagen riss dort unten ein schlimmes Erdbeben rund 1000 Menschen in den Tod. Honduras blieb weitgehend verschont. In fast vergessenen Schräglagen rauschen wir hoch in den Nebelwald. Die Straßen und Kurven sind perfekt, die Gründe dafür eher zweifelhaft. Denn es waren die US-Amerikaner, die hier Hand und Geld angelegt haben, um den Militärs während des Contra-Kriegs die Wege zu ebnen. Es geht immer höher hinauf, Kälte und Nässe ziehen in die Jackenkrägen, Nebelschleier hüllen moosbewachsene Bäume in geheimnisvolles Licht. Fröstelnd stochern wir übers Kopfsteinpflaster der hübschen Kolonialstadt Santa Rosa de Copán. Irgendwo ein Zimmer mit heißer Dusche. Genial.Bewaffnete Zivilisten sind in Honduras seltener unterwegs, dafür stehen an jeder großen Kreuzung Polizisten. Auf der Weiterfahrt durchs Hochland wird die Navigation wieder schwierig. Wegweiser sind Mangelware. Wir orientieren uns an Bussen oder fragen uns durch. Asphalt und Schotter wechseln ab, lichte Wälder, arme, zunehmend verwaisende Dörfer – ein paar Bananenstauden und Hühner zur Selbstversorgung. Menschen, die schwere Brennholzbündel auf dem Rücken tragen oder in zusammengeflickten Seifenkisten nach Hause zerren. Und immer wieder diese Laster. Mächtige Vierzigtonner, die mit Höllentempo die Gefällstrecken hinab tosen, sich dröhnend den Weg frei hupen, zwischen Fußgängern, Eseln und mit Trampern überladenen Uralt-Pick-ups. »No fear«, steht auf ihren Windschutzscheiben.Hinter der Hauptstadt Tegucigalpa stoßen wir auf eine vom Erdbeben zerstörte Brücke und gelangen über Umwege zum schwierigsten Grenzübergang der Reise: Nicaragua. Das vom Bürgerkrieg und US-Embargo völlig zerrüttete Land gilt nicht gerade als besonders Touristik-Interessiert. Tapfere Annäherung an den Schlagbaum. Vier Stunden später sind wir um 30 Schmier-Dollars und etliche Illusionen ärmer. Die Korruption war unverhohlen. Und schlagartig verändert sich alles. Müll und Werbetafeln internationaler Hilfsprojekte säumen den Weg: Die Straßen baut Dänemark, die Brücken Japan, »Wasser für Matagalpa« organisieren die Deutschen, den Häuserbau die Bundesanstalt für Wiederaufbau. Auch Pro Famlia ist vor Ort. An den Tankstellen die ersten bettelnden Kinder der Reise. »Sie haben gelernt, dass es reicht, die Hand aufzuhalten«, erklärt uns später in Managua ein deutsches Paar resigniert – Altlinke, wie sie bekennen, und langjährige Unterstützer des kleinen sozialistischen Staats. Nach Scheitern des Sozialismus sei das umkämpfte Brückenkopfland völlig orientierungslos. Im Hochland keuchen alte IFA-Laster durch endlose Kaffee-Plantagen, in den traditionellen Sandinisten-Hochburgen Estelí, Matagalpa und Jinotega weht eisern die schwarzrote Fahne, und die Bewohner zeigen unverhohlen, dass Reisende hier nicht erwünscht sind. Auf der Pan-Amerikana, die von Alaska bis Feuerland ganz Amerika verbindende Straße, rauschen wir am riesigen Lago de Nicaragua vorbei. Es gibt nichts, was uns hier halten könnte, mag der Anblick des mitten aus dem See aufsteigenden Vulkan-Ensembles Conceptión und Madera auch noch so überwältigend sein.Am Samstag, den 27. Januar überqueren wir die Grenze zu Costa Rica: wohlbehütete, seit ewigen Zeiten demokratisch regierte »Schweiz Mittelamerikas«. Es ist wie nach Hause kommen. Der ewige Müll am Straßenrand verschwindet, stattdessen huschen riesige Leguane ins Unterholz, schimpfen Brüllaffen in den Baumwipfeln und da – tatsächlich ein Tukan. Wahrhaft ein kleines Paradies, das wir förmlich in uns aufsaugen. Panama muss warten. Denn wir haben das sichere Gefühl, angekommen zu sein, die Verbindung des amerikanischen Kontinents, die Nahtstelle zwischen oben und unten, zwischen Schlagzeilen, Desillusionierung und neuer Hoffnung hinter uns. Ohne Dengue-Fieber und ohne Notruf beim Auswärtigen Amt.

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