Mongolei (Archivversion) Im ersten Gang durch die Steppe

Ein Abenteurer und Fotograf aus der Schweiz bricht auf einem alten Ural-Gespann zu einem Trip durch die Mongolei auf – um einen Freund zu besuchen, der als Nomade mitten in den Weiten der Steppe lebt.

Die ersten Meter in Ulan Bator.
Das alte Ural-Gespann bockt wie ein störrischer Esel, lässt sich kaum auf Kurs halten. Die Gänge springen heraus, dann nimmt der Motor mitten auf einer Kreuzung urplötzlich kein Gas mehr an, zuckelt im Schneckentempo über die Schlaglöcher der Hauptstraße. Ein echter Horrortrip durch den dichten Verkehr der mongolischen Hauptstadt. Ohne ein paar Übungsstunden sollte ich mich mit dieser Fuhre wohl besser nicht
in die Steppe hinauswagen. Mein Ziel
liegt immerhin 1000 Kilometer westlich von Ulan Bator in der Nähe von Uliastaj mitten im Hangay-Gebirge. Dort lebt
mein Freund Monkor mit seiner Familie. Traditionelle Nomaden, die ich von
früheren Reisen durch die Mongolei kenne und seitdem regelmäßig besuche. Inzwischen habe ich zusammengerechnet zwei Jahre in diesem Land verbracht und sogar Mongolisch gelernt.
Das erste Mal war ich vor zwölf Jahren hier. Damals prägten Kühe das Straßenbild von Ulan Bator, Autos gab es nur wenige und für Ausländer empfehlenswerte Restaurants gerade mal zwei. Touristisch gesehen war die Mongolei nahezu unberührt. Ich erstand vier Pferde und ritt zusammen mit meiner Freundin sieben Monate lang durch das Land, um die Lebensweise der Nomaden, die mich extrem faszinierten, kennen zu lernen. Heute gehören Verkehrsstaus zum Alltag in der Hauptstadt, Kneipen, Diskotheken und Restaurants prägen das Zentrum, Touristen rüsten sich für Geländewagentouren in die Wüste Gobi oder das Altai-Gebirge. Statt 400000 wohnen nun 800000 Menschen in Ulan Bator, und bereits am Stadtrand werden die neuen Probleme des Landes offenkundig. In heruntergekommenen Wohnblocks oder notdürftig zusammengezimmerten Hütten leben Hunderttausende von Nomaden, die ihr traditionelles Leben aufgegeben haben, weil sie sich in der Stadt ein besseres erhofften. Meist ein fataler Irrtum, der in Armut, Arbeitslosigkeit, Kriminalität und Prostitution endete.
Außerhalb von Ulan Bator scheint dagegen alles noch unverändert. Es gibt so gut wie keine asphaltierten Straßen, kaum öffentliche Verkehrsmittel oder gar eine
touristische Infrastruktur. Die Mongolei stellt nach wie vor eine echte Herausforderung für alle dar, die auf eigene Faust das riesige Land erkunden wollen. Die
einfachste Methode: einen Geländewagen samt Fahrer mieten. Für mich indiskutabel, weil zum einen viel zu teuer und zum anderen zu abgegrenzt von der Bevölkerung. Wer so reist, wird als reicher Europäer
eingeordnet. Ein Pferd scheidet aus Zeit-
gründen ebenfalls aus. Die unzähligen Ural-Gespanne in der Hauptstadt brachten mich dann auf die Idee: Warum nicht
damit bis in das Hangay-Gebirge fahren? Ich sah mich auf dem Markt der Stadt um
und war schon bald stolzer Besitzer eines blauen Ungetüms mit Seitenwagen.
Kostenpunkt: 700 US-Dollar. Nur – ich
hatte keine Ahnung von Motorrädern,
geschweige denn vom Fahren damit! Der Händler erklärte mir die wesentlichen
Dinge wie starten (sehr wichtig!), Gas
geben, schalten und bremsen. Das reichte fürs Erste. Fehlte nur noch der Führerschein. Dank guter Beziehungen eines
befreundeten Mongolen zur Polizei hielt ich zwei Tage später eine mongolische Fahrerlaubnis in der Hand – und er 100 US-Dollar. Teuer, aber effizient.
Bekannte schenken mir zum Abschied einen zehn Kilo schweren Ziegenfellmantel, da es im Frühjahr auch tagsüber kaum wärmer als null Grad wird, und los geht’s. Die Ural ist zusätzlich mit provisorischen Verkleidungen und Windabweisern ausgerüstet, um vor den unwirtlichen Temperaturen besser zu schützen. Gas- und Kupplungszüge, ein paar Speichen, Schrauben und Zündkerzen sind als einzige Ersatzteile, die ich auftreiben konnte, mit an Bord. Und obwohl man mir stolz versicherte, das Tankstellennetz sei inzwischen auf 200-Kilometer-Abstände verdichtet worden, packte ich sicherheits-
halber noch einen Zehn-Liter-Kanister ins Boot. Für alles Weitere bin ich auf das
Improvisationstalent der Landbevölkerung angewiesen.
Direkt hinter der Stadtgrenze beginnt die Steppe. Weit und unendlich. Mit 40 km/h tuckern wir über eine feste Piste in Richtung Westen, bergab schwingt sich das Gespann sogar zu satten 70 auf. Doch bereits nach 120 Kilometern wird klar, dass eine Ural nicht gebaut wurde, um lange Strecken zurückzulegen, sondern um täglich repariert zu werden. Der Motor verliert plötzlich an Kraft, schafft es lediglich im ersten Gang, die schwere Fuhre
in Bewegung zu halten. Im nächsten Dorf
eilt man mir sofort zu Hilfe – und zerlegt die Ural mitten auf der staubigen Straße in ihre Einzelteile. Nach einer Weile ist offensichtlich, was ich von Anfang an befürchtet hatte: Niemand der Anwesenden hat irgendeinen Schimmer von Motorrädern! Also muss ein »Master« her, einer, der
etwas von dieser Maschine versteht. Zum Glück findet sich schnell ein wirklicher Fachmann, der auch prompt einen undichten Ventilsitz als Übeltäter ausmacht. Neu einschleifen, no problem. Logisch, dass ich die Nacht in diesem Nest verbringe. Ein Gast aus der fernen Schweiz, der zudem noch Mongolisch spricht und von der Welt erzählen kann, den lässt man nicht so
einfach davonziehen. Es wird eine lange Nacht mit viel Wodka. Die Gastfreundschaft der Mongolen ist ebenso grenzenlos wie hartnäckig.
Am nächsten Tag steht am Pistenrand ein Nomade, der eine Mitfahrgelegenheit sucht – Ehrensache in den Weiten der Mongolei, selbst wenn sein Gepäck auf dem Motorrad kaum noch Platz findet und die Pannenanfälligkeit durch das höhere Gewicht nicht geringer wird. Mein neuer Begleiter erweist sich jedoch schon nach wenigen Kilometern als überaus hilfreich – als ein Fluss mit einer völlig desolaten Brücke aus Baumstämmen vor uns auftaucht, die Abstände zwischen den
Stämmen derart groß, dass unsere Reifen ständig darin stecken bleiben. Zu zweit bugsieren wir die schwere Fuhre Zentimeter für Zentimeter ans andere Ufer.
So leicht macht es uns der nächste Fluss nicht: An ihm gibt es nur eine Furt, und wir brodeln tapfer und mit Schwung
in das Halbmeter tiefe Wasser. Was eine
moderne Enduro als Afterworkparty ge-
nießen würde, wird für die Ural zum unpassierbaren Hindernis: Sie verendet genau in der Mitte des Flusses. Nicht einmal zu zweit haben wir eine Chance, sie über den steinigen Grund ans Ufer zu schieben. Doch wie aus dem Nichts taucht plötzlich ein Reiter auf. Ohne viele Worte zu verlieren, befestigt der Nomade ein Seil am Rahmen der Maschine und gibt dem Pferd heftig die Sporen. Wir ziehen und schieben ebenfalls, was das Zeug hält, und bringen die Ural so tatsächlich an Land. Sie springt allerdings ums Verrecken nicht mehr an. Der Motor hat sich vermutlich vor dem Absterben eimerweise Wasser reingezogen. Mein Begleiter erklärt mir, dass er im nächsten Dorf jemand kenne, der das gleiche Fahrzeug habe. Gemeinsam schleppen wir die Ural in die glücklicherweise nahe gelegene Ansiedlung. Und tatsächlich ist der dortige Ural-Eigner bereit, die nötigen Ersatzteile von seinem Motorrad abzuschrauben und mir zu verkaufen.
Nach vier Tagen reise ich noch immer mit Begleitung. Ich hatte meinen Mitfahrer oft gefragt, wo er denn eigentlich hinwolle. Und erhielt stets die gleiche Antwort: »Ja, genau in diese Richtung!« Als wir uns an einer größeren Kreuzung schließlich trennen, gesteht er, dass wir sein eigentliches Ziel bereits am ersten Tag nach rund
zehn Fahrminuten erreicht hätten. Diese seltene Gelegenheit, endlich einmal herumzukommen, wollte er sich aber nicht entgehen lassen. Wir verabschieden uns wie alte Freunde.
Wieder und wieder bleibe ich mit
diversen Defekten liegen. Einmal ramme ich mit dem rechten Zylinder einen Fels-
block, der den Ventildeckel durchschlägt
und dabei auch noch das Auslassventil beschädigt. Ein anderes Mal müssen – wegen ständigem Rein- und Rausschrauben – die Zündkerzengewinde erneuert werden, und fast täglich brechen Speichen. Und immer geht es irgendwie weiter. Inzwischen kann ich den Motor allein aus- und einbauen. Das Improvisationstalent der Mongolen sowie ihre unerschütterliche Fröhlichkeit und Zuversicht sind dabei eine verlässliche Größe.
Nach zweiwöchiger Fahrt gelange ich endlich nach Uliastaj und mache mich sofort auf die Suche nach Monkor, der nichts von meiner Ankunft weiß. Ich finde ihn vor seinem Haus, in dem er und seine Familie die harten Wintermonate verbringen. Im ersten Moment bin ich erschrocken. Er scheint in den letzten Jahren um ein Vielfaches gealtert zu sein. Bald erfahre ich die Ursache. Wie Hunderte anderer Familien der Region wurde auch seine Familie 1999 Opfer eines Schneesturms, bei dem in dieser Provinz über eine Millionen Tiere starben – und somit den Nomaden die
Lebensgrundlage genommen war. Auch
Monkors Familie verlor fast all ihre Pfer-
de, Kühe und Schafe. Damit die Familie
überleben und die beiden Töchter zur Schule schicken kann, arbeitet Monkors Frau Batna nun als Näherin in der Stadt.
Seine beiden Schwestern hatten dagegen mehr Glück. Ihre Lagerplätze lagen rund 150 Kilometer weiter westlich, ihre Herden blieben fast unversehrt. So konnten sie Monkors Familie helfen. Ohne ihren starken Zusammenhalt hätte viele Nomadenfamilien ihre traditionelle Lebensweise aufgeben müssen.
Gemeinsam fahren wir raus zu seinem Lagerplatz nahe der Stadt, auf dem eine Hand voll helle Rundzelte aus Filz, so
genannte Gers, errichtet sind. Die ganze
Familie eilt sofort zur Begrüßung herbei, Airag macht die Runde, gegorene Stutenmilch, die schrecklich schmeckt, aber nahrhaft und vitaminreich ist und die Wiedersehensfreude unterstreicht. Sogar ein Hammel wird mir zu Ehren geschlachtet.
Monkor erzählt, wie sich seine Lage verändert habe und er sich allmählich Sorgen um die Zukunft mache. »Seit Jahren beobachten wir, dass in den Sommer-
monaten immer weniger Regen fällt. Dadurch wächst das Gras nicht mehr schnell genug, und die Tiere finden nicht genügend Futter.« Ohne Fettpolster überstehen sie den beinharten Winter nicht, der viele
Monate lang mit massig Schnee, heftigen Stürmen und Temperaturen von bis zu minus 30 Grad in der mongolischen Steppe für arktische Lebensbedingungen sorgt.
Früh am nächsten Morgen reiten wir
zu den Herden. Ich erfahre, wie hart selbst die erste Hälfte des Frühlings in diesem Jahr gewesen sei. »Nachts herrschten Temperaturen von bis zu minus 15 Grad. Viele Bäche und Flüsse waren zudem komplett ausgetrocknet, so dass wir
riesige Schneebrocken auf Ochsenkarren aus den Bergen holen mussten, damit wir überhaupt Wasser hatten.« Die Geschäfte liefen schlechter, die Preise für Milch-
produkte sowie für Schaf-, Kamel- und Yakwolle seien stark gesunken. Monkors Familie züchtet neben Pferden und Schafen auch Kaschmirziegen. »Nur mit deren Wolle ist noch etwas Geld zu verdienen.« Um zu überleben, seien die Nomaden auf immer größere Viehbestände angewiesen. »Überweidung«, erklärt Monkor, »ist in-
zwischen auch in der riesigen Mongolei ein ernstes Problem.«
Ein weiteres Standbein ist mittlerweile sogar der Gemüseanbau. Monkor erzählt, er habe sich in der Nähe der Stadt einen bewässerten Acker zugelegt, um Kartoffeln, Karotten und Kohl anzubauen. Keine leichte Entscheidung für einen Nomaden, dessen Familie seit Generationen ausschließlich Viehzucht betreibt und keinen sesshaften Lebensstil kennt – Feldarbeit wird in der Mongolei als große Erniedrigung empfunden. Dennoch zieht die
Familie nun fast täglich zum Feld, weil sie dringend auf die zusätzlichen Einkünfte angewiesen ist.
In den nächsten Tagen wird die Ural als Erkundungs- und Transportfahrzeug eingesetzt. Es macht Monkor sichtlich Spaß, neben mir im Fahrtwind zu sitzen und sich stolz den Nachbarn zu präsentieren. Gemeinsam suchen wir einen neuen Lagerplatz und bringen Holz, Wolle und Fleisch zu seiner Verwandtschaft, die verstreut in der näheren Umgebung lebt. Und die mich, so scheint es zumindest, längst als Familienmitglied akzeptiert haben.
Die Strecke von Ulan Bator zu Monkors Lagerplatz habe ich während vier weiteren Reisen noch viele Male unter die Räder der Ural genommen. Mein Rekord liegt bei vier Tagen, die ich von Sonnenaufgang bis spät in die Nacht im Sattel verbracht habe. Der rasante Schnitt von etwa 20 Kilometern pro Stunde ließ sich nur realisieren, weil eisige Temperaturen den Boden tiefgefroren und somit gut
befahrbar gemacht hatten. Unterm Strich
kamen 14000 Kilometer zusammen. Die letzten 3500 davon lief die Ural zu meiner großen Verwunderung nahezu pannenfrei, so dass ich das blaue Ungetüm schließlich mit gutem Gewissen meinen mongolischen Freunden übergeben habe.

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