Monkey-Tour in Istrien (Archivversion) Vom Affen gebissen

Drei Verrückte, die sich mit winzigen Honda-Monkey-Nachbauten auf die Spuren einer veritablen Rallye begeben. Eine Mischung aus Gullivers Reisen und Joe Bar Junior. Oder: eine Paris-Dakar für Gnome.

Maximale Zuladung: 67 Kilogramm! Das kann doch nur ein Witz sein. Selbst wenn ich mich nackt auf das Ding setzen würde, wäre es laut Hinweisschildchen hoffnungslos überladen. Klar war es eine Schnapsidee, mit diesem Winzling von Jincheng den »Istria Scramble« abzufahren. Aber erst jetzt, da ich vor – oder besser über der klitzekleinen chinesischen Raubkopie der legendären Honda Monkey stehe, wird mir das Ausmaß dieser Verrücktheit richtig bewusst.Klaus und Klaus, meinen beiden Mitstreitern, geht es nicht besser. Während unsere Blicke auf den Zwergenmotorrädern ruhen, denken wir schweigend an Tagesetappen von über 250 Kilometern. An die steilen, steinigen Wege durch den kroatischen Karst. An Schotterpässe, Felspassagen, Tausende von Schlaglöchern – und an unsere Bandscheiben. Doch die Sitzprobe fällt gar nicht so negativ aus. Nur die untere Helmkante scheuert ein bisschen an den Kniescheiben. Also: kein Gejammer jetzt. Ist eh zu spät. Wir sind bereits in Opatija, Start- und Zielort für die vierte und fünfte Etappe der MOTORRAD-ACTION-TEAM-Rallye, eigentlich für reinrassige Einzylinder-Enduros entworfen.Nun, wenigstens die Einzylinder-Forderung können wir erfüllen: Foto-Klaus und ich vertrauen auf 50 Kubik, vier Takte und satte 2,9 PS im so genannten Crossfoot-Fahrwerk. Schrauber-Klaus, Fachmann auf dem Gebiet der Affenkunde, setzt auf eine 70er-Quickfoot mit immerhin 6,8 PS, richtiger Sitzbank und Tuning-Federelementen. War Foto-Klaus und mir freilich zu langweilig. Nachdem die vergleichsweise riesigen Roadbook-Halter montiert sind, geht’s los. Auf dem Programm stehen 132,5 Kilometer und eine Sonderprüfung, die selbstverständlich ausfallen wird. Weil außer uns keiner da ist. Offiziell findet die Rallye heuer nämlich gar nicht statt. Das heißt: Wir haben die Strecke für uns allein. Ohne Konkurrenz, ohne Sonderprüfung – und am Nachmittag frei. Eigentlich.Mit üppigen 5,5 Litern im Tank erklimmen wir die steile Küstenstraße. Schon auf dem ersten Kilometer quälen sich die Motörchen an der Grenze ihrer Drehzahlfestigkeit. Und nach einem weiteren Kilometer wissen wir definitiv: Das hier wird alles andere als ein Kindergeburtstag. Weder für Mensch noch fürs Material. Ersten Gang voll ausdrehen, bis der akustische Drehzahlmesser herzzerreißend jault. Ja, es tut einem in der Seele weh, aber es geht nicht anders. Per gnadenlosem Tritt in den Zweiten. Und wieder drehen, drehen, drehen. Kein Mitleid zeigen. Vollgas! Bis alles zittert, bebt und kreischt. Und dann: kräftig den Fuß hochreißen... Verdammter Mist. Falsch! Oben ist unten und unten ist oben, wegen umgedrehtem Schaltschema und so. Dummerweise ist jetzt wieder der Erste drin. Bei schätzungsweise 14000 Umdrehungen. Der Vortrieb reißt jäh ab, Helm und Oberkörper gehen weit über Lenker und Lampe. Was bleibt, ist ein schwarzer Strich auf dem Asphalt. Arme kleine Dinger: Womit habt ihr uns nur verdient?Über Rukavac führt die Strecke von der Uferpromenade ins 500 Meter hoch gelegene Kuceli hinauf. Insgesamt nur sechs Kilometer. Doch die fordern alles. Unter höchster Konzentration schrauben wir uns auf Reiseflughöhe, Zeit für den gigantischen Ausblick über die kroatische Küste und die Dalmatinischen Inseln bleibt da keine. Immerhin sind wir im Rennen. Irgendwie. Auch mein Großhirn arbeitet mit Höchstdrehzahl. Nein, nicht, weil ich mir das Schaltschema gerade so merken kann, sondern weil das Roadbook nur die Kilometer bis zum jeweils nächsten Punkt angibt und nicht, wie üblich, die Gesamtstrecke zusätzlich. Bei einem Tacho ohne Tripzähler artet so etwas zum mathematischen Horrortrip aus, obwohl man ja schon froh sein muss, dass Jincheng überhaupt einen Kilometerzähler an die Winzlinge geschraubt hat.Ein grässliches Geräusch reißt mich aus dem Reich von Adam Riese & Co. Irgendetwas scheppert da ganz gewaltig. Exitus? Jetzt schon? Im Gegenteil: Meine Kleine fängt an mitzudenken. Angesichts der ihr aufgebürdeten Last entschließt sie sich spontan zur radikalen Gewichtsoptimierung und wirft die untere Kettenführung ab. Die ist auch nicht so wichtig. Ratzfatz steckt das Teil im Rucksack von –natürlich nicht mir, das würde wohl kaum helfen, sondern von Quickfoot-Klaus, der ja immerhin volle 70 Kubik unterm Hintern und gerade mal 70 Kilo auf den Rippen hat. Da geht was!Kurz nach der Abspeckmaßnahme gebietet das Roadbook, links ab in den Schotter zu fahren. Es beginnt eine andere Dimension, die mein gerade wiedergewonnenes Vertrauen in die Cross-Monkey zutiefst erschüttert: Das Teil hat ja gar keine Stoßdämpfer! Es hat Federn, ja. Und die federn auch. Aber in Sachen Dämpfung tut sich null und nichts. Dafür ist die Rückenmuskulatur des Reiters zuständig. Aufstehen? Is nich, weil man dann nicht mehr an den Lenker kommt. Handstand – stimmt, im Handstand fahren wäre eine Lösung. Wenn man’s könnte. Also: aussitzen. Gott sei Dank führt die Route durch ausgedehnte Buchen- und Pinienwälder, deren Pisten mit weichen Teppichen aus Laub und langen Nadeln bedeckt sind. Wenigstens die Natur hat ein Einsehen und sorgt für etwas Komfort.Nach zirka 70 Kilometern wagen wir ein Päuschen einzulegen und den ersten Blick auf die Uhr: »2.00 pm«. Ergo sind wir seit fünf Stunden unterwegs. FÜNF Stunden für 70 Kilometer! Welch niederschmetterndes Ergebnis. Während Foto-Klaus durchs Unterholz pirscht und eisern die Kamera hoch hält, fallen Schrauber-Klaus und ich in tiefe Depression. So witzig uns die Idee mit der Monkey-Rallye zu Hause am Küchentisch erschien, im Moment kann da keiner drüber lachen. Aber: »Hast du vielleicht schon mal einen Fahrer bei der Paris-Dakar lachen sehen?« »Das Ding ziehen wir durch, Leute.« »Klar.« »Nur – es wird bald dunkel.« »Egal.« »Spinner!« »Memme.«Wir nehmen Kurs auf den Vela Pliš, den Hausberg Rijekas, der sich zu stattlichen 1141 Höhenmeter aufschwingt und seinen Gipfel noch Ende April in großzügige Schneedecken hüllt. Genau da müssen wir durch. Es bleiben uns zirka 30 Minuten Dämmerung dafür, danach wird es schlagartig Nacht. Nur die weiße Pracht spendet noch ein wenig Helligkeit. Wir kämpfen uns durch tiefe Wechten, lupfen die Äffchen über herausstehende Äste hinweg, lavieren weite Strecken zwischen Abhängen und Schneefeldern. Und endlich erleben wir, wie groß klein sein kann: Will sich eins der Mopeds gen Abgrund verabschieden, heißt es Füße ankern, flugs Gas geben und das Teilchen zwischen den Beinen hoch ziehen.Später, viel später erreichen wir rettenden Asphalt. Jetzt können wir’s wieder fliegen lassen. Allerdings ist meine Lütte inzwischen stark behindert: Zugunsten einer weiteren freiwilligen Gewichtsoptimierung hat sie ihr Schutzblech samt Rücklicht irgendwo auf der Strecke gelassen – wie eine Eidechse auf der Flucht. Der Scheinwerfer funktioniert schon lange nicht mehr, also kommt die Cross-Monkey in die Mitte. Foto-Klaus, ein Meister in Sachen Belichtung, fährt vorn, Schrauber-Klaus mimt die rote Laterne. Auf kompakte drei Meter zusammengerückt blasen wir in der Verfolgerkette die dalmatinische Küstenstraße entlang. Je nach positiver oder negativer Steigung erreicht unsere Bonsai-Karawane Tempi zwischen 50 und 70 km/h, und es macht einen Heidenspaß, in der Dunkelheit der lauen Sommernacht kaum wahrnehmbar dahin zu schnurren. Nicht auszumalen, wie sich ein angetrunkener Passant fühlen mag, wenn wir ihm wie die Halbwüchsigen aus den Joe Bar-Comics gespenstergleich erscheinen, um beim nächsten Wimpernschlag bereits wieder aus seinem Sichtfeld verschwunden zu sein. Gegen Mitternacht erreichen wir Opatija.Morgens beim Frühstück herrscht Krisenstimmung. Eines ist klar: Wir haben zu knapp kalkuliert. In nur einer Wochen packen wir die gesamte Rallye-Distanz nie. Schon eine halber Roadbook-Tag kostete uns 15 Stunden und unseren gesamten jugendlichen Elan. Völlig desillusioniert pumpen wir Unmengen von Kaffee in uns hinein, diskutieren, wägen ab und entscheiden schließlich: noch eine Etappe. Rallye-Tag vier. 258,6 Kilometer plus 30 Minuten Fährüberfahrt auf die Insel Cres. Müsste in drei Tagen zu schaffen sein. »Klar doch.« »Locker.« Allerdings ist’s mit der Lockerheit schnell vorbei. Verbissen kämpfen wir uns durchs Ucka-Gebirge, das bis zu 1400 Meter hoch unmittelbar hinter der Küste aufsteigt. Die traumhaften Aussichten auf die Bucht von Rijeka nehmen wir nicht wirklich wahr. Alle Sinne konzentrieren sich auf Roadbook, Streckenführung und mechanische Geräusche. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir Brestova und damit die Fähre nach Cres. Drei Stunden später als geplant – und inzwischen ganz schön weich in der Birne...»Cres, du wunderschöner Felsengarten, mit knorrigen Olivenbäumen schmückst du dich, mit ehrwürdigen Steineichen spendest du dem Wanderer Schatten. Du bist ein Juwel inmitten der tiefblauen adriatischen See.« So kann es einem die Festplatte unter der Schädeldecke zerschießen, wenn man den ganzen Tag Monkey fährt und in Distanzen rechnet. Doch tatsächlich bietet Cres von der Fähre aus einen betörend idyllischen Anblick. Kurzfristig beseelen uns echte Urlaubsgefühle, doch dann schlägt das Roadbook ein neues Kapitel auf – schickt uns runter vom Asphalt und mittenrein in ein Trümmerfeld, das auf der Landkarte als Feldweg deklariert ist. Steine, Steine und noch mehr Steine. Manche sind kindskopfgroß. Nur ab und an schafft es Mutter Natur, einen sanften Teppich aus zartem Gras über den nackten, schroffen Fels zu breiten. Ansonsten Zacken und Kanten allerorten.Bis Tempo 20 braucht man Stützräder, darüber äußerste Konzentration. Denn wenn das hin und her tänzelnde Vorderrad plötzlich schräg auf einen Wacker trifft, ändert sich die Richtung oft schlagartig – nicht selten um bis zu 45 Grad. Wer jemals willenlos eine Böschung hochgekachelt ist, weiß, was gemeint ist. Es ist grässlich. Ich möchte die Sache so schnell wie möglich hinter mich bringen. Ohne Rücksicht auf Verluste oder Klaus und Klaus. Raus hier. Jetzt! Sollen die anderen doch sehen, wo sie bleiben. Ciao. Gaaas. Geht doch. Seht mal wie flott der Dani über die Piste hoppelt. Spitzkehre um Spitzkehre und dann... trifft es mich voll. Ein stechender Schmerz fährt mir durchs Bein. Das kleine Luder hat mich abgeworfen. Ohne jegliche Vorwarnung. Und zwar nach links – in einer Rechtskurve! Fiese Zicke! Mit dem Knie genau auf so einen Scheißstein. Sch... Felseninsel. Ich sch... auf deinen Felsengarten. Verfluchter Dreckskarst. Steck dir dein Idyll doch... Und warum liegen meine verdammten Knieschoner eigentlich in dem vermaledeiten Hotelzimmer? Mann, tut das weh!Aber jetzt bloß keine Schwäche zeigen. Schnell handeln: aufstehen, Monkey bergen, draufsetzen, Tränen trocknen, Blut von der zerbissenen Lippe lecken und so tun, als wäre nichts gewesen. Als würde ich hier schon länger warten. Die Landkarte studierend. Einer muss sich ja um die Richtung kümmern. Die beiden Kläuse kommen spät genug, keiner merkt was. Der Ruf bleibt unbefleckt. Cool überprüfe ich die aktuellen Navigationsdaten. Denn hier auf Cres wartet die Rallye mit einer besonderen Fiesheit auf. Im Roadbook werden keine Darstellungen der jeweiligen Kreuzungen mehr aufgeführt, sondern lediglich so genannte Marschzahlen. Das heißt: an jeder Weggabelung anhalten, Kompass raus, Zahl einstellen, Zeiger einnorden, am langen Arm die Richtung ablesen, weiter stochern. Das macht die Orientierung ohne Tripzähler noch mal um einiges komplizierter.Die Abwege auf der bereits verhassten Felseninsel (was soll an Felsen eigentlich schön sein?) zermürben. Knapp über Schritttempo hoppeln wir von einer Markierung zur nächsten. Herrgott, was gäbe ich für einen Satz 19-Zöller. Würde mein Hintern auf kleiner Flamme gegart, ginge er als zartes argentinisches Rinderfilet durch. Und die Bandscheiben klatschen höhnisch Beifall. Sollte ich diese Rallye-Etappe überleben, dann garantiert um zehn Zentimeter geschrumpft. Nach unzähligen Irrungen und Wirrungen gelangen wir endlich wieder auf Asphalt und laufen auf dem Zahnfleisch im malerischen Hafen von Cres ein. Die alten Gemäuer der Insel-Hauptstadt haben etwas Versöhnliches. Es ist Mittagzeit, und wir geben einem kleinen Fischrestaurant eine Chance. Davor parken zwei Aprilia Scarabeo-Roller mit italienischen Kennzeichen. Ihre 16-Zoll-Räder muten wahrhaft riesig an. Selbstbewusst stellen wir unsere fünfzölligen Monkeys daneben und werden von der Terrasse her bereits neugierig beobachtet. Als wir am Tisch neben den Rollerfahrern Platz nehmen, stellen sie die ersehnte Frage: »Wo kommt ihr denn her?« »Aus Deutschland«, antworten wir, uns lässig in die Stühle lehnend. »Wie? Auf den kleinen Dingern? Wow! Und wir dachten schon, wir seien echte Helden«, zollt man uns unverhohlen Respekt. Wir grinsen uns eins und lassen es mal dabei. Das haben wir uns verdient. Es war auch so hart genug – aber trotzdem affengeil.

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