Montenegro (Archivversion) Phönix aus der Asche

Der südlichste Fjord, der tiefste Canyon und einer der letzten Urwälder Europas – Montenegro hält einige Rekorde. Seit der Unabhängigkeitserklärung 2006 zählt es oben-drein zu den neuesten Ländern der Welt und bietet faszinierende Motorradstrecken.

"Wie finden Sie unser Land?", fragt das Mädchen im Blümchenkleid die beiden Motorradfahrer, die es Mitte August nach Herceg Novi an die türkisblaue Adria gezogen hat. Soeben von Kroatien nach Montenegro eingereist, stehen Frank und ich an der Uferpromenade. Inmitten all der Bikinis und Badeshorts fallen wir auf wie die Hauptdarsteller einer weiteren Folge von “Men in Black“. Der wissbegierigen Lady können wir noch keine fundierte Antwort geben, werten ihre Frage aber als Indiz dafür, dass die Montenegriner über ihren geographischen Tellerrand gerne mal hinaussehen und aktiv am Schicksal ihres Landes teilnehmen.

In einer Volksabstimmung entschieden sich am 21. Mai 2006 die Bürger der ehemaligen jugoslawischen Teilrepublik Montenegro für eine Loslösung von Serbien, mit dem sie seit Anfang 2003 einen Staatenverbund gebildet hatten. Der Unabhängigkeitserklärung des Parlaments folgte die völkerrechtliche Anerkennung durch sämtliche EU-Mitglieder. Inzwischen gehört das kleine Land zahlreichen internationalen Organisationen an – und gilt gar als neueste Entdeckung des Jetsets. Davon ist in Herceg Novi wenig zu spüren. Rußende Busse statt säuselnder Zwölfzylinder, junge Familien statt Richard Gere oder Ralf Schumacher. In den steilen Gassen der zum Meer abfallenden Altstadt, einem Mix aus Orient und Barock, gespickt mit Palmen, Oleander und Agaven, werden unsere Motoren locker übertönt von den Bässen aus der Citadela-Bar.

Jetzt aber raus aus der Stadt, ab auf die Küstenstraße entlang der Boka Kotorska, der Bucht von Kotor. Es ist der gewaltigste Fjord Südeuropas: 30 Kilometer weit ragt der Meeresarm ins Landesinnere, steil wachsen die Felswände bis auf knapp 1900 Meter aus dem Wasser. Vor lauter Staunen verpassen wir in Risan fast den Abzweig Richtung Grahovo.

Im unübersichtlichen Straßengeschlängel wollen wir uns aber erst noch eine Gedenkminute hinter einem ebenfalls bergan strebenden Auto gönnen: “Republika CG“ steht auf der Nummernschild-Verstärkung. “Crna Gora“ ist serbisch und bedeutet Schwarzer Berg, Montenegro. Kaum vorstellbar, dass es in Deutschland, den Freistaat Bayern mal ausgenommen, so offen demonstriertes Nationalbewusstsein gibt. Sie können tatsächlich ein wenig stolz sein, zumindest aber sich glücklich schätzen, die Montenegriner. Zwar waren nach dem blutigen Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien auch ihre Soldaten am Krieg in Kroatien (1991 bis 1995) beteiligt, doch dafür hat man inzwischen mehrfach um Entschuldigung gebeten und sogar Reparationen vereinbart. Im Kosovo-Krieg (1999) kam es zum offenen Konflikt zwischen dem damaligen Präsidenten Montenegros, Milocukanovic, und Serbenführer Slobodan Miloševic. Wohl nicht zuletzt diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Montenegro dann, im Gegensatz zur serbischen Hauptstadt Belgrad, von den NATO-Bombern weitgehend verschont blieb und schließlich als “Musterknabe“ in die Selbständigkeit entlassen wurde, flugs anerkannt sowohl von der EU als auch von Russland. Sogar die Serben gaben ihren Segen. Eine Entwicklung, von der das Kosovo nur träumen kann. Es ist schon eine verzwickte Geschichte mit dem Balkan und multiethnischen Staaten – und die Minute jetzt sicher um. Zweimal runterschalten.

Die Kawasaki Versys ist ganz in ihrem Element, fliegt auf dem schmalen, tausendfach geflickten Asphaltband himmelwärts. Auch wenn sich der Streckenverlauf nicht unbedingt mit dem Kartenbild deckt, die Fahrbahn mal uralt, mal nagelneu erscheint, unserem Vergnügen tut das keinen Abbruch. An der von Einschusslöchern übersäten Fassade einer Ruine erinnert eine Gedenktafel an die Vertreibung der Faschisten 1944, die in Titos Partisanen ihre oft unsichtbaren Meister fanden. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges hat es in Montenegro übrigens keine Kriegstoten mehr gegeben; der Balkankrieg tobte stets woanders.

Wir müssen unseren Plan, “mal eben“ über Grahovo durch die Berge zu fahren, aufgeben. Mit der Sonne zusammen geht’s im Sinkflug zurück nach Risan, von dort auf der Küstenstraße vorbei am schmucken Perast mit seinen beiden Klosterinseln nach Kotor. Das ist die schönste Stadt ganz Montenegros, Weltkulturerbe und prächtig auferstanden aus den Ruinen des Erdbebens von 1979.

19:45 Uhr, summer in the city, ein Feeling fast wie an mondänen Orten der Côte d’Azur. Jachten schaukeln im lichterglitzernden Hafenbecken, auf der Promenade schlendern Flaneure. Die Altstadt, nur auf Schusters Rappen zu erobern, ist umgeben von einer mächtigen Befestigungsanlage, die sich wie die Chinesische Mauer auch bergan zieht – und von müden Kriegern am entspanntesten von der gegenüberliegenden Seite der Bucht aus zu würdigen ist, wo wir schließlich bei Prcanj Quartier finden.

“Eine der spektakulärsten Bergpisten“, macht der Reiseführer beim Frühstück Appetit auf den serpentinengespickten Anstieg zum Lovcen, dem Hausberg von Kotor. 1000 Höhenmeter sind zu knacken, da jubeln die Motoren. Und die Landschaft? Mediterran und alpin zugleich, dazu ein Panoramablick wie auf den Geirangerfjord.

Ganz in Ruhe verdauen lassen sich derartige Eindrücke schließlich in Cetinje, der ehemaligen Hauptstadt des Landes. Tief versunken in den Polstern des Caffe Pariz bestellen wir eine ganze Batterie von Vodavoda-Flaschen. Klingt zwar nach Wodka, schmeckt aber wie Wasser. Wie hingegossen in den Nachbarsesseln die Jugend Montenegros. Trotz chilliger Musik besiegen wir den inneren Schweinehund, nehmen die Weiterfahrt in Angriff. Allerdings nicht ohne Stippvisite beim Amtssitz des Präsidenten, der von zwei stoischen Soldaten und einem stiernackigen Gorilla bewacht wird.

Wer sich für menschliche Physiognomie interessiert, findet an der Adria ein perfektes Forschungsfeld. Wir wollen allerdings weiter. Keine drei Stunden dauert es von Budva über Bar nach Ulcinj, vorbei an der vom Fischerdorf zur Luxusanlage mutierten, nur gegen Eintrittsgebühr erreichbaren Halbinsel Sveti Stefan.

In Ulcinj, bekannt für die mit 13 Kilometern längsten Sandstrände der Ostadria und dem höchsten albanischen Bevölkerungsanteil Montenegros (90 Prozent), links ab Richtung Vladimir – und man taucht in eine andere Welt ein: Zahlreiche Minarette streben in den Abendhimmel. Wir sind jetzt kurz vor der albanischen Grenze, fahren durch die südlichen Ausläufer des Dinarischen Rückens, der hier an die zerklüfteten Ketten der Auvergne erinnert. Auf einer Kuppe eine scharfe Links – und ein stummes Wow! Vor uns liegt der Skadar-See, größter Binnensee des Balkans und extrem artenreich.

Es folgen 60 kurvigste Kilometer durch die Nacht. Schluss mit dem Spuk ist erst in Virpazar, wo das Flutlicht eines Fußballplatzes uns zurück in der Zivilisation begrüßt. Wenig später schwimmt im Hotel-Restaurant Pelikan sogar ein Fisch namens Ukelei in meinem biergefüllten Magen.

“Kommt doch rein“, bittet uns anderntags in Rijeka Crnojevica, einem Nest nordwestlich von Virpazar, ein Typ wie aus der Ringer-Bundesliga in sein kühles, frisch renoviertes Büro. Sascha ist in Mannheim geboren und nach einer Ausbildung zum Konstruktionszeichner zurückgekehrt in die montenegrinische Heimat. Dort betreibt er nun ein Wettbüro, wo die Leute ihre Mäuse auf Fußballclubs wie “Shalke“ setzen können. Als ich an der Pinnwand “Dortmund – Duizburg 1:3“ lese, wird es Zeit, ein paar Kilometer zu machen und das verlorene Spiel zu vergessen.

Ziel ist der gebirgige Norden mit dem Durmitor-Nationalpark und 48 Zweitausendern, am höchsten davon der Bobotov Kuk (2522 Meter). Wir streifen die Hauptstadt Podgorica, grüßen en passant das hochheilig am Berg klebende Kloster Ostrog. Unser Weg führt ziemlich stur geradeaus nach Nikšic, dann nach Šavnik. Milde streichelt die Sonne helles Gras, sorgfältig zielt ein Dreikäsehoch mit seinem Luftgewehr auf eine Pflaume am Baum. Genau zwischen zwei Bergen treffen die letzten Strahlen Tageslicht die Netzhaut.

In Žabljak, höchstgelegene Stadt (1450 Meter) und Wintersportzentrum Montenegros, finden wir nur eine arg heruntergekommene Bleibe. Irgendwie passend, dass zwei Stunden später Laura Brannigans “Self Control“ aus den Boxen des Szenetreffs Cudna Šuma dröhnt.

Geradezu überragend, fast ein Gedicht, anderntags die Straße von Virak nach Trsa. Erst fängt sie ganz schotterig an, klopft hin und wieder am Motorschutz der 650er an, staubt dann die Passhöhe Sedlo (1908 Meter) hinauf – und schlüpft schließlich, Enduristen schreien vergeblich “Halt!“, in frischen grauen Asphalt. Stolz wie Oskar posiert eine Bauarbeiter-Troika fürs Gruppenfoto. Fast schon wie alte Bekannte grüßen sie uns, als wir zum zweiten Mal vor-beikommen, nachdem wir vor Trsa umkehrten. Beim dritten Mal ist sicher alles piekfein, wird Schotter nur noch Erinnerung sein.

Quasi das versteinerte Gedächtnis von Mutter Erde ist die Tara-Schlucht. 1300 Meter tief hat sich der Fluss durchs Durmitor-Gebirge geknabbert. Trockenen Fußes zu bestaunen ist die tolle Tara am besten von der Brücke bei Durðevica. Und wo geht’s durch den Nationalpark Biogradska Gora nach Beranec Einen der letzten drei Urwälder Europas kann man doch nicht ignorieren. Der Tankwart in Mojkovac rät dringend von der Strecke über Kuricuce ab: “very bad.“ Ein Königreich für eine Campingausrüstung nebst einem Sack voll Zeit.

An einer Eisbude kommt neugierig ein Junge auf uns zu, deutet auf die Tachos. So um 200 – das ist ja noch einfach, dann gerät die Konversation ins Stocken. ”Do you speak English?“ Tut er nicht. “Montenegrinisch?“ Entrüstetes Kopfschütteln: Serbisch! Geschichte ist kein Zuckerschlecken, die Welt voller Fettnäpfchen. Sogar Gelehrte streiten, ob Montenegrinisch eine eigenständige Sprache, eher ein serbokroatischer oder serbischer Dialekt ist. Wie auch immer, zumindest sprachlich gibt es zwischen den Bewohnern Ex-Jugoslawiens wenig Probleme, versteht man sich untereinander ähnlich gut wie, sagen wir mal, Schwaben und Badenser. “Good luck“. Wir brechen auf zum Nationalpark.

Etwa fünf Kilometer südlich von Mojkovac zweigt von der Strecke nach Kolašin links ein Sträßchen zum Biogradska Gora ab. Wir versuchen unser Glück. Ein Blockhaus mit Ranger. Doch, doch, bedeutet uns dieser, da hinten zwischen den Bäumen gehe es weiter. Stimmt, aber über Stock und Stein. 45 traumhafte Landstraßenkilometer von Kolašin nach Andrijevica schließen sich an, dann landen wir in Plav, einem Kaff kurz vor dem Kosovo, wo es alles Mögliche zu geben scheint außer einer Unterkunft. Die freundliche Frage “Ei, seid ihr aus Offebach?“, reißt uns aus der wenig verheißungsvollen Reiseführer-Lektüre (“touristische Strukturen sucht man leider vergebens“).

Ein paar Minuten später folgen wir unserem rettenden Engel Smako zurück durch den Ort bis zum Restoran Lovac. Kurze Verhandlung mit Dragana, der temperamentvollen Königin des Ladens, und alles wird gut, ein Zimmer bezogen und sogar der Herd noch mal angeworfen. Smako ist Albaner und Moslem. Ganz westlich orientiert, hält er nichts von Kopftüchern und bemerkt: “Meine Frau kann sogar bauchfrei gehen.“

Um 5 Uhr näselt uns der Muezzin aus dem Schlaf. In der Gaststube sitzt bereits ein älterer Herr. Salih Djombali? ist 75 und im Leben weit gereist. Er wurde in Plav geboren und hat 35 Jahre als Anstreicher in New York City gearbeitet. Jetzt, als Pensionär, pendelt er: zwei Monate Montenegro, dann wieder Amerika. Von George W. Bush hat Salih eine denkbar schlechte Meinung. Die Biographie unseres freimütigen Gesprächspartners ist kein Einzelfall, der Exodus omnipräsent und längst nicht gestoppt. Kein Job, kein Geld – wer jung ist, zieht weg. Wie zum Hohn, vielleicht aber auch als Hoffnungsträger, ist die Landschaft trotzdem mit neuen, oft unbewohnten Eigenheimen gesprenkelt.

Vorzeigeobjekt von Plav ist der Plav-See, ein Juwel, dessen Wert anscheinend noch niemand zu schätzen weiß. Die Uferstraße führt nach Gusinje, mitten hinein in eine Welt, die wir gerne orientalisch nennen. Minarette wie Marschflugkörper, Straßencafés wie überall im Sommer, zwei bettelnde Mädchen wie vorm Kölner Dom. Und überall hilfsbereite Menschen, von denen jeder zweite deutsch spricht.

Auf der Straße zur serbischen Grenze bei Rožaje treffen wir auf einen ausgemusterten Getränke-Lkw aus Sindelfingen mit der Aufschrift “preiswert-leistungsfähig-zuverlässig“. Am Schluss hat Montenegro dann noch einen Paukenschlag in petto: Die in den Fels gesprengte Straße führt durch eine wirklich grandiose Schlucht. Nur apokalyptisch brennende Müllberge trüben den Blick – fast so schön wie in Italien. Und möglicherweise ja der Stoff, ohne den es keinen Phönix gibt.

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