Mosel, Reise entlang der (Archivversion) Ein Date mit Moselle

Frühlingsgefühle. Die ersten warmen Sonnenstrahlen genießen. Und das Mosel-Tal verspricht noch mildere Temperaturen. Zwei Sommerhungrige folgten der Grande Dame der deutschen Flüsse von der Rheinmündung bei Koblenz bis zu ihrer Quelle in den Vogesen.

»Dieses Kribbeln im Bauch, das kennst du doch auch...« tönt es überlaut aus dem offenen Fenster eines vorbeifahrenden Autos, ein Arm hängt lässig draußen. Es ist warm, ein Superwetter. Endlich ist er da, der Frühling. Der Winter liegt hinter uns, die Bäume entfalten ihr erstes Grün, und an den Weinstöcken bilden sich bereits Knospen. Mit blinzelnden Augen vor lauter Helligkeit beobachte ich die Wartenden auf dem Alkener Schiffsanlegesteg. Alle scheinen irgendwie zu lächeln. Augen zu und Sonne drauf. Das wohlige Grinsen kommt von selbst. So auch bei Isabelle und mir. Wir sitzen auf der Terrasse des Restaurants »Burg Thurant« direkt an der Moselpromenade in Alken bei Koblenz und lassen uns von den ersten Strahlen der Frühlingssonne die Gesichter streicheln. Die Sonne selbst scheint noch etwas blaß, wie gerade aufgestanden, aber es reicht für einen strahlend blauen Himmel und angenehme Temperaturen.Und für die erste Motorradtour des Jahres. Flußwandern haben wir uns vorgenommen, dem Lauf der Mosel zu folgen. Gerade richtig für ein langes Wochenende.Bis jetzt allerdings trug die breit ausgebaute B 49 am nördlichen Moselufer wenig zur Fahrfreude bei. Eine Busfahrt für Senioren hat vermutlich kaum geringeren Unterhaltungswert. Aber während wir so dasitzen und Kaffee trinken, zeichnet uns Küchenchef und Harley-Fahrer Peter Kopowski ein paar reizvolle Alternativstrecken in unsere Karte. Wir sollten die Mosel für kurze Zeit verlassen und es statt dessen in den kleinen Nebentälern versuchen, lautet sein Tip. Also gut. Probieren wir es aus. Der Küchenchef scheint sich auszukennen. Jetzt kommt tatsächlich richtig Fahrspaß auf. Trocken und griffig winden sich die Asphaltbänder durch den Laubwald. Es ist angenehm warm, satte 20 Grad bringt die Sonne mit ihren Strahlen zustande. Perfekt. Wo sie allerdings nicht hinkommt, wird es deutlich kühler, krieche ich buchstäblich in die meine dicke Jacke hinein. Die Fahrt von einem Sonnenflecken zum nächsten, immer wieder unterbrochen von schattigen Waldabschnitten, gleicht einem Wechselbad. Wenn das Sonnenlicht dann die Thermokleidung aufheizt und wohlige Wärme auf Arme und Rücken sendet, entspannen sich die Muskeln wieder.Und allmählich finden wir uns wieder zurecht, fallen in den vertrauten Rhythmus von Gas geben, Gas wegnehmen, anbremsen, runterschalten, Kurven einlenken, herausbeschleunigen, hochschalten, Gas weg, anbremsen. Schon ist sie wieder da, diese Sucht. Während wir langsam die ausgehärtete Winterschicht von den Reifenkanten knabbern, saugen wir die frische, unverbrauchte Frühlingsluft wie ausgetrocknete Schwämme auf. Lange, viel zu lange haben wir darauf verzichten müssen, die Augen waren schon träge vom ewigen Grau der Winterlandschaft.Immer wieder fahren wir die Hügel der kleinen Täler hinauf, kreuzen oben auf dem Kamm hinüber zum nächsten Abstieg und fahren wieder hinab ins Moseltal. Von Brodenbach nach Emmelshausen, von Bickenbach runter nach Burgen. Das funktioniert auf beiden Seiten der Mosel und bietet Kurvenspaß abseits von Verkehr und Touristenrummel.Der Flaumbach, bei Treis-Karden noch ein ganz junger Hüpfer, lädt uns ein, mit ihm umherzutoben. Ein herrlich geschwungenes Sträßchen führt an seinem Ufer hinauf zum Rand des Moseltals. Von dort fällt der Blick hinab auf den Fluß, der sich wohlig im sanften Sonnenlicht windet. Von den warmen Sonnenstrahlen beflügelt, steigt über dem Wasser leichter Dunst auf. Noch ein paar Kurven, und dann beginnt es bereits zu dämmern. Aber wir können es noch nicht lassen, ein Tal paßt noch. Nur noch eins. Ein ganz kleines.Der nächste Morgen verspricht abermals einen herrlichen Frühlingstag. Es ist zwar noch bitterkalt, und auf den Motorradsätteln glänzt der Rauhreif, aber die Straßen sind bereits trocken. Von Monreal schwingen wir hinab nach Eller-Erdiger. Dort zeigt sich, daß Madame Mosel schon so manches Mal deutlich über die Stränge geschlagen hat. Einige der Wasserstandsmarkierungen an einem Haus in Eller-Erdiger kann man nicht einmal mit ausgestrecktem Arm erreichen, so weit ging der Mosel hier das Wasser durch. Wir bleiben an der Promenade von Eller hängen, genießen die wunderschöne Aussicht auf Steilhänge und Hügelketten, das rhythmische Stampfen der vorbeiziehenden Lastschiffe als Hintergrundmusik im Ohr. Schließlich machen wir uns wieder auf, bummeln geruhsam an der Uferstraße entlang. Der Motor brummt sonor vor sich hin, die Triumph schiebt gemächlich über den Asphalt, fällt leicht von einer Kurve in die andere, wechselt spielerisch die Seiten. Schräglage folgt auf Schräglage. Wie in Watte gepackt, fließen wir mit den Windungen des Flußes dahin. Abrupt steigen die Hochebenen von Eifel und Hunsrück von den Ufern der Mosel empor. Hier trotzen die Winzer der Natur einen Wein ab, der weit mehr durch seine Lage als durch seinen Geschmack berühmt geworden ist: der Bremmer Calmont. Er wächst am steilsten Weinberg Europas.Hinter Alf fahren wir hinauf auf den Petersberg zum ehemaligen Kloster Marienburg, wo ein Kaffeekränzchen mit der Fluß-Diva angesagt ist. Hier schlingt sich die Mosel so eng um den Berg, daß sie fast einen Kreis bildet und auf der Terrasse links und rechts der Mauern sichtbar wird. An der engsten Stelle beträgt der Abstand zwischen Mosel und Mosel kaum 400 Meter. Eine echte Herausforderung für Binnenschiffer, die hier geradezu im Drift ums Eck geschoben kommen. Der Weg hinunter zur Fähre nach Briedel ist sicher nicht der offizielle und weniger für motorisierte Zweiräder gedacht. Doch uns lockt der Ruf der Wildnis auf dem kleinen Asphaltweg zwischen den Weinreben hindurch. Unten müssen wir nach dem Fährmann rufen, wie in alten Zeiten.Die Mosel wird nun immer jünger, schmaler und somit interessanter. Hinter Traben-Trarbach zieht uns mehr als alles andere ihr Nacktarsch in Kröv an. Ein klangvoller und berühmter Weinberg, dem jedoch ein ganz normaler Moselwein entspringt. Der Name macht’s, der Geschmack ist eher nebensächlich. Wir nutzen den Tag und orientieren uns wieder an den Tips des harleyfahrenden Küchenchefs. Heraus aus dem Moseltal bis aufs Plateau und wieder hinab ins nächste Tal. Es könnte endlos so weitergehen, Isabelle und ich bekommen nicht genug von diesem »swinging the curves«. Bis sich schließlich die Unterarme melden und mit Sehnenscheiden-Entzündung drohen. Wenn die Kupplung schon mit dem ganzen Arm gezogen werden muß, ist es Zeit aufzuhören.In Trier-Schweich folgen wir deshalb der Ausschilderung zum Hotel »Zum Stern«. Eine gute Wahl, wie sich herausstellt. Auf den Parkplatz steht ein Bierstand, Überbleibsel des gestrigen Volksfests. Spontan werden wir zum Faßleermachen eingeladen und verschieben Dusche und Abendessen bis auf weiteres. Das hiesige Regionalgetränk - Bitburg ist keine 25 Kilometer entfernt - mundet vorzüglich. Und von wegen Übrigbleibsel, das Faß scheint frisch angestochen, es wird einfach nicht leer. Mittlerweile haben sich die Chefin des Hauses, eine Freundin und die Küchenhilfe dazugesellt, und aus dem Restetrinken wird eine heiter-beschwingte Party. Spät, sehr spät finden wir mit Mühe ins Bett.Und morgens spät, sehr spät und mit großer Mühe wieder heraus. Entsprechend zäh beginnt der Tag. Wir kommen nicht so recht voran, und ab Trier bietet die Strecke auch keine besonderen Reize mehr. Kaum Kurven, stur geht es der nun immer gerader dahinfließenden Mosel entlang. Cruisen statt Kurvenschwingungen ist angesagt - mit schwerem Kopf gar nicht das schlechteste Programm. Ein kurzes Stück bildet die Mosel die Grenze zu Luxemburg, und dann sind wir in Frankreich. Zwischen Metz und Thionville beginnt der Ernst des Lebens für Moselle, wie sie jetzt genannt wird. Turmhohe Ladekräne und Raffinerien mit unzähligen, kolossalen Tanks bestimmen das Bild, ewig lange verrostete Förderbänder, die zu zu rußschwarzen Hochhöfen führen. Abraumhalden von Kohle und Schutt und Schrott, so weit das Auge reicht. Moselaufwärts versuchen wir dem industriellen Treiben zu entfliehen und richten uns immer nur nach den Ortsschildern mit dem Zusatz sur-Moselle, der bedeutet, daß die betreffende Ortschaft in Flußnähe liegt. Dennoch verlieren wir unsere Begleiterin zunehmend aus den Augen, die Straßen entfernen sich von ihr, Häuser und Industrieanlagen versperren die Sicht. Irgendwann ist sie weg. Doch kurz vor Nancy, bei Pompey, macht la Moselle laut Karte einen Bogen nach Westen und umfließt die Stadt weitläufig. Hier kommen wir wieder auf Tuchfühlung mit ihr. Und vor Toul zeigt sie uns wie als Entschädigung ihr Allerheiligstes:die moselanische Riviera bei Liverdun - ihren einzigen kleinen Sandstrand. Wir schätzen ihn auf sieben Meter Länge. Zwei kleine Ruderboote dümpeln unter einer Linde, deren Zweige bis ins Wasser reichen. Leichter Regen setzt ein. Wir bleiben unter dem dichten Blätterdach im Trockenen und genießen Moselromantik in Vollendung. Direkt vor uns stehen Graureiher wie Statuen im Wasser, kapitale Fische springen zum Fliegenfang aus dem Wasser.Toul selbst ist eine einzige Festung aus dem 17. Jahrhundert, umgeben von meterdicken Wehrmauern und tiefen Gräben. In den alten Gassen des Städtchens wird der letzte Südfrankreich-Urlaub wieder gegenwärtig. Überall blüht es, die Wäsche hängt auf den Balkonen, und es riecht förmlich nach dem herannahenden Sommer.Entgegen aller Lebensgewohnheiten stehe ich am nächsten Morgen früh auf. Die Sucht treibt mich aus dem Bett. Der erste Blick gilt dem Himmel hinter dem Vorhang. Grau. Schade. Aber egal. Hauptsache es ist trocken, denn wir sind heiß aufs Fahren. In Richtung Epinal müssen wir zunächst mit dem langweiligen Moselkanal vorlieb nehmen. Er liegt höher als die Straße, die Schiffe ziehen unwirklich in Kopfhöhe vorbei. Die Streckenführung ist wenig spektakulär, doch beschauliches Gleiten durch grüne Auen hatten wir dieses Jahr auch noch nicht. Mit 80 Sachen geht es über die französischen Regionalstraßen durch die von einem kurzen Regenguß wie reingewaschene Luft. In Charmes sprengen wir auf der Suche nach einem Lokal die private Geburtstagsparty in einer Kneipe. Die Wirtin will uns gerade unmißverständlich klarmachen, daß wir unerwünscht sind, als sich von der Tanzfläche eine Dame mit wehendem Rock nähert. Das Geburtstagskind, das uns unbefangen zu Baguettes mit Fleischpastete und frischem Tomatensalat einlädt. Colette feiert ihren 50sten. Sie sei ein Kind des Glücks, erklärt sie uns, geboren am 8. Mai - dem Tag der deutschen Kapitulation. Du liebe Zeit, daran hat natürlich keiner von uns gedacht. Ausgerechnet an diesem Nationalfeiertag platzen wir hier rein. Aber die Erinnerungen sind offenbar nicht mehr prekär, wir werden freundlich zum Mitfeiern aufgefordert.Ab Epinal gibt sie sich nun geradezu teenyhaft. Neckisch zeigt sie uns bei Eloyes ein weiteres Geheimnis: ihr völlig unberührtes Naturstromtal. Hier hat noch kein Mensch in ihren Lauf der Dinge eingegriffen. Dies ist ihr Kinderzimmer, hier kann sie tun und lassen, was sie will. Einfach wunderschön, diese Landschaft. Es fühlt sich an wie früher in den großen Sommerferien. Die Blumenwiese duftet einladend, wir breiten unsere Jacken aus und lassen uns nieder. Irgendwo wird gemäht, es riecht nach frischem Heu.In dieser Wiesenlandschaft ist unser Fluß gar nicht mehr so leicht zu orten. Einige Male müssen wir Bauern fragen, welches der vielen Gewässer nun Moselle ist. So lockt sie uns allmählich in die ersten Berge der Vogesen. Doch ihrem unsteten Verlauf kann nun keine Straße mehr folgen. Wir kreuzen hin und her, werfen von Brücken ab und an einen Blick auf ihr Bettchen, um zu sehen, ob sie noch da ist. Bald ist die Moselle nur noch ein Vogesenbach, so wie ihre Schwester Moselotte, die bei Remiremont aus den Bergen zu ihr stößt.Weniger als einen Meter Breite mißt unsere Kleine in Le Thillot, und hinter Bussang bleibt vom Wiesenbach gerade noch ein Rinnsal übrig. Bis zu den Quellen sind es noch zwei Kilometer, Moselchen verkriecht sich schier im Graben neben der Straße.Wir sind am Ziel. In Beton und Bronze gegossen, plätschert aus einer gemauerten Wand ein Wässerchen, so lieblich, als könne es selbst keines trüben. Hier beginnt sie ihren 545 Kilometern langen, teils beschwerlichen Weg durch Frankreich, Luxemburg und Deutschland bis nach Koblenz. Wo sie zu guter Letzt noch etwas Klarheit in die Fluten von Vater Rhein bringt.

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